Sie haben über Bilder in der Liturgie promoviert und darin den Entwurf einer liturgiewissenschaftlichen Bildtheologie vorgelegt. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?
Weil Bilder ein grosses Potenzial für die Verkündigung und die liturgische Erfahrung besitzen, wollte ich dieses Thema liturgiewissenschaftlich neu erschliessen. Meine Arbeit versteht sich als Vorschlag für eine liturgiewissenschaftliche Bildtheologie. Dabei greife ich bewusst auf Begriffe wie Bild, Gnade, Gnadenmittel, Sakrament und Sakramentalien zurück und bringe sie in einen systematischen Zusammenhang.
Was genau verstehen Sie unter dem Begriff «Bild»?
Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten, weil schon die Bildwissenschaft keine einheitliche Definition von Bildern kennt. Deshalb behandle ich in meiner Dissertation zunächst die wichtigsten Bildtheorien – von der antiken Philosophie bis zu modernen Ansätzen.
Mein Bildbegriff ist bewusst weit gefasst. Er umfasst nicht nur Ikonen, Gemälde und Skulpturen, sondern ebenso liturgische Gewänder, Altargeräte, den sakralen Raum sowie liturgische Texte und biblische Metaphern. All diese Ausdrucksformen können als liturgische Bilder verstanden werden, insofern sie Glaubensinhalte sichtbar, erfahrbar oder sprachlich vergegenwärtigen. Liturgische Bilder vermitteln den Glauben, prägen den Vollzug der Liturgie und eröffnen den Feiernden Räume spiritueller Erfahrung und theologischer Deutung.
Kann auch die Marienstatue im Wohnzimmer ein solches Bild sein?
Die Bildfrömmigkeit, die Pia Exercitia, nimmt in meiner Studie einen wichtigen Platz ein. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Bedeutung heiliger Bilder für die Liturgie neu hervorgehoben («Sacrosanctum Concilium», Nr. 122–130). Daran anknüpfend hat die «Kongregation für den Gottesdienst» im «Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie» (2001) die Rolle der Bilder in der Volksfrömmigkeit und ihr Verhältnis zur Liturgie vertieft. Dabei wird die enge Verbindung von Liturgie und Volksfrömmigkeit anerkannt, auch wenn ihr genaues Verhältnis theologisch nicht abschliessend bestimmt ist.
Viele Formen der Volksfrömmigkeit haben ihre Bildwelt aus der Liturgie übernommen. Das zeigt sich besonders an Gnadenbildern und ihren Repliken, etwa der Marienstatue von Lourdes. Wer eine solche Darstellung mit nach Hause nimmt, nimmt mehr mit als eine Erinnerung: Das Bild bleibt in seinem liturgischen Ursprung verwurzelt und entfaltet seine geistliche Wirkung im Alltag. Deshalb vertrete ich einen weiten Bildbegriff in der Liturgie. Wo ein Bild zum Gebet führt, die Beziehung zu Christus vertieft und auf sein Pascha-Mysterium verweist, besitzt es eine liturgische Dimension. In diesem Sinn kann es als Gnadenmittel und im weiteren Sinn als Sakramentalie verstanden werden. So kann auch eine Marienstatue im Wohnzimmer an der liturgischen Wirklichkeit teilhaben und den Glauben im häuslichen Leben nähren.
Kommen wir zur Bildtheorie. Hier haben Sie in Ihrer Bildstudie drei Hauptrichtungen unterschieden: die philosophische, die patristische und die liturgiewissenschaftliche Bildtheorie. Können Sie diese mit kurzen Worten erklären?
Das Zweite Vatikanische Konzil bestätigt den überlieferten Bildgebrauch der Kirche (vgl. SC 125). Um dieses christliche Bildverständnis zu erfassen, ist der Blick auf die Tradition der Kirche notwendig. Bereits das Konzil von Trient verwies bei der Lehre über die heiligen Bilder auf die Übereinstimmung mit der Überlieferung der Kirchenväter und der früheren Konzilien (vgl. DH 1821).
Die philosophische Bildtheorie fragt danach, was ein Bild ist und wie Bilder wahrgenommen werden – von der Antike bis zur modernen Bildtheorie. Die patristische Bildtheorie untersucht das Verständnis der Kirchenväter: Bilder sind hier nicht nur Darstellungen, sondern können eine geistliche und vermittelnde Funktion besitzen und stehen im Zusammenhang mit Gnade und Glaubensvollzug. Johannes von Damaskus nimmt dabei eine herausragende Stellung in der Entwicklung der christlichen Bildtheologie ein. Auf dieser Grundlage entwickelt sich die Frage nach einer liturgiewissenschaftlichen Bildtheorie. Ausgehend vom Pascha-Mysterium als Zentrum jeder sakramentlichen Feier können liturgische Bilder als Sakramentalien verstanden werden; zugleich zeigt sich eine Bilddimension auch innerhalb der Sakramente selbst.
Die drei Zugänge bilden keine abgeschlossene Grundlage, sondern einen Entwurf für eine liturgiewissenschaftliche Bildtheologie mit dem Ziel, die Bedeutung des Bildes für Liturgie und Theologie neu ins Bewusstsein zu rufen.
Welche dieser Bildtheorien eignet sich am besten für das Verständnis von Bildern in der Liturgie?
Das ist eine anspruchsvolle Frage, denn jede Bildtheorie eröffnet eine eigene Perspektive auf die sakralen Bilder. Gerade die Verbindung verschiedener Zugänge ermöglicht ein umfassenderes Verständnis. Je differenzierter der Blick auf liturgische Bilder ist, desto tiefer kann ihre Bedeutung erschlossen werden. Liturgie arbeitet mit starken Bildern, die den Menschen nicht nur intellektuell, sondern auch emotional und existenziell ansprechen. Ein eindrückliches Beispiel ist die Lichtfeier der Osternacht: Das Licht der Osterkerze steht für Christus, der die Dunkelheit des Todes überwindet. Wenn sich dieses Licht auf die vielen Kerzen in der dunklen Kirche ausbreitet, wird diese Botschaft nicht nur verkündet, sondern auch sinnlich erfahrbar. Hier wird das Wort Jesu aus dem Johannesevangelium gegenwärtig: «Ich bin das Licht der Welt» (Joh 8,12).
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Danke für dieses Buch,
Man korrigiere mich, aber für mich klingt es sehr nach binnentheologischem Diskurs - ob die modernen philosophischen Bildtheorien einfließen oder ob diese einfach nur in der Eingangsübersicht abgehakt werden um zu seinem Steckenpferd zu kommen, wird auch nicht klar - ich könnte mir vorstellen, dass dort (und in der Kunstgeschichte) nämlich ganz anders diskutiert wird. Ein Grundsatzproblem vieler Theologen, dass sie eine Art Glasperlenspiel betreiben, mit Theorien arbeiten, die in anderen Wissenschaftsbereichen schon längst als überholt gelten.