Madonna del Sasso. (Bild: Kathrin Benz)

Kirche Schweiz

Durch Nacht und Regen zur Madonna del Sasso

Es schüt­tete buch­stäb­lich aus Kübeln, als sich einige Dut­zend Pil­ger in der Nacht von Frei­tag auf Sams­tag um Mit­ter­nacht in Bel­lin­zona ver­sam­mel­ten. Eigent­lich hät­ten sie wie jedes Jahr schwei­gend und betend bis zum Hei­lig­tum Madonna del Sasso bei Locarno wan­dern wol­len, aber die­ses Mal schreck­ten Blitz und Don­ner viele ab. Immer­hin 25 nicht nur junge Uner­schro­ckene und zwei Pries­ter trotz­ten dem Dau­er­re­gen und mach­ten sich tap­fer auf den Weg.

Schon beim Rosenkranz in der historischen Kirche Madonna delle Grazie in Bellinzona um Mitternacht dampften die Regenschirme. Unter den 70 Gläubigen, die ursprünglich vorhatten, die ganze Nacht rund 20 Kilometer zur Wallfahrtskirche Madonna del Sasso oberhalb von Locarno zu wandern, befanden sich auffällig viele junge Menschen. Das Wetter war jedoch so schlecht, dass sich die meisten Pilger auf den mitternächtlichen Rosenkranz beschränkten und die Wallfahrt erst um 6 Uhr in Locarno mit dem steilen Aufstieg nach Orselina zur Klosterkirche Madonna del Sasso fortsetzten. Aber zwei Priester und eine Gruppe von 25 Tapferen aus dem ganzen Tessin machten sich dennoch auf den Weg. Erst um 4 Uhr früh hörte der Regen auf, bei der Frühmesse um 7 Uhr waren alle wieder trocken.

Der Apostolische Administrator Alain de Raemy liess den Teilnehmern eine Grussbotschaft zukommen. Unter normalen Umständen hätten die Pilger auf dem Marsch entlang des Flusses Ticino durch die Magadino-Ebene viermal einen kurzen Halt eingelegt, um auszuruhen, je eines der vier Rosenkranz-Mysterien zu beten und volkstümliche Marienlieder zu singen. Ein mitfahrendes Auto hätte die Erschöpften allenfalls aufnehmen können. So wird es jedes Jahr gemacht.
 


«Wenn man nach vielen Stunden Wandern mit müden Beinen im Morgenrot von weitem den Lago Maggiore glitzern sieht, pocht das Herz stärker», erzählt Nadia Schira aus Bellinzona. Zusammen mit ihrem Mann Flavio und einigen Freunden hat die heutige Pensionärin 2009 diese Nachtwallfahrt ins Leben gerufen. Mittlerweile ist sie zu einem fixen Termin der Tessiner Katholikinnen und Katholiken geworden. Da das liturgische Fest der Tessiner Madonna del Sasso auf den 1. September fällt, wird die Nachtwallfahrt jeweils auf den Freitag vor diesem Datum gesetzt.

Ausschlaggebend für diese Initiative waren besonders zwei Gründe gewesen, erinnert sich Nadia Schira: «Zum einen wollten wir eine bedeutsame Geste für das neue Schuljahr vorschlagen, da viele von uns entweder Lehrpersonen oder im Trägerverein der katholischen Schule La Traccia in Bellinzona sind, und wir wollten unsere Schüler und Familien der Fürsprache der Gottesmutter anvertrauen. Zum anderen war eine gute Freundin von uns schwer erkrankt und wir wollten speziell auch für sie und ihre Familie beten.»

Es gab aber noch einen dritten Grund. 2009 hatte der damalige Bischof Mino Grampa zu einer grossen Bistumswallfahrt nach Locarno aufgerufen, um 60 Jahre «Madonna pellegrina» (Pilgernde Gottesmutter) zu feiern. Diese pilgernde Madonna geht auf das Jahr 1949 zurück, als die berühmte Marienstatue der Madonna del Sasso aus ihrem Heiligtum von Orselina herausgeholt wurde, um eine Pilgerreise durch den gesamten Kanton Tessin zu unternehmen. Die Statue wurde vier Monate lang auf Schultern oder Kleinlastern in alle Pfarreien bis in den hintersten Winkel des Tessins transportiert, was den Tessiner Katholiken in unvergesslicher Erinnerung geblieben ist.
 


Von einer Erscheinung zu einem Kloster
Die Madonna del Sasso ist das wichtigste Heiligtum im Tessin und trägt den päpstlichen Ehrentitel «basilica minor». Heute wird das Kloster von sechs Kapuzinermönchen bewohnt, deren fünf auch Priester sind. Die Wallfahrtskirche wurde im 15. Jahrhundert errichtet. Nach der Überlieferung erschien 1480 die Gottesmutter dem Franziskanerbruder Bartolomeo d’Ivrea auf einem Felsvorsprung (auf Italienisch sasso) bei Locarno, woraufhin an dem Ort zwei kleine Kapellen errichtet wurden. Bald wurden die Gebäude erweitert, und später kam ein Kloster hinzu.

Das Gnadenbild der Madonna auf dem Hauptaltar stammt aus dem Jahre 1480. Die heutige Klosteranlage wurde 1569 fertiggestellt und 1616 geweiht. Es ist nicht klar, warum das liturgische Fest der Madonna del Sasso auf den 1. September gelegt wurde. Vermutlich handelt es sich um den Tag der ursprünglichen Kirchweihe.

Zwischen Zweifeln und Freinacht
Seit der ersten Nachtwallfahrt von 2009 ist die Gruppe jedes Jahr gewachsen. Inzwischen nehmen bis zu 80 Personen teil, darunter viele Schüler und Studenten. Eine junge Frau aus Bellinzona war vor wenigen Jahren gemeinsam mit ihrem Verlobten mitgewandert, obwohl sie gleich anschliessend, noch am selben Samstag, ihren Junggesellinnen-Abschied feierte, und zwar ausgiebig, wie sie lachend berichtet. Eine Woche später heiratete das Paar im Heiligtum der Madonna del Sasso, der sie ihr neues Leben anvertraut hatten.

Andere junge Teilnehmende erklären auf die Frage, warum sie diese Nachtwallfahrt machen, sie wollten Gott das Schul- oder Studienjahr anempfehlen. Es gibt solche, die Zweifel über ihren Berufsweg haben und Entscheidungen treffen müssen, andere stehen kurz vor wichtigen Prüfungen oder beginnen einen neuen Ausbildungsweg. Eine Teenagerin überlegt kurz und meint dann, sie habe noch nie eine Freinacht gemacht, deshalb sei sie gekommen. Ein anderer zuckt die Schultern und meint, es sei eben toll, gemeinsam mit anderen so etwas Bedeutungsvolles zu machen. Allein würde er nicht die ganze Nacht lang wandern und beten. Viele der Pilgerinnen und Pilger haben «eine lange Liste von Anliegen», die sie Gott unterbreiten. Oder man ist einfach dankbar.


Kathrin Benz

Kathrin Benz, Jahrgang 1963, gehört durch ihre Nidwaldner Mutter zu den zahlreichen Nachkommen des Niklaus von Flüe. Aufgewachsen in Basel, studierte sie in Genf und Brüssel und war Korrespondentin der Schweizerischen Depeschenagentur in Lugano. Heute ist sie freischaffende Übersetzerin und Journalistin und lebt mit ihrem Mann und den sechs Kindern im Tessin.


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