Edgar Widmer (r.) mit Kardinal Polycarp Pengo und Mutter Eutropia, Oberin der Franciscan Sisters of Charity 2019 in Mbingu, Tansania. (Bild: zVg)

Kirche Schweiz

Edgar Wid­mer: Ein Pio­nier der ganz­heit­li­chen Gesundheitsförderung

Am 7. Juli 2025 ver­starb Edgar Wid­mer in Thal­wil. Als jun­ger Chir­urg absol­vierte er einen Mis­si­ons­ein­satz in Tan­sa­nia. Diese Zeit beein­druckte ihn nach­hal­tig und führte schluss­end­lich zur Grün­dung von «Medi­cus Mundi Schweiz». Aber auch bei «Medi­cus Mundi Inter­na­tio­nal» war Edgar Wid­mer engagiert.

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war eine Zeit des Umbruchs. Dabei suchten Kolonien ihre Unabhängigkeit. Europa und die neuen Weltmächte sahen sich in der Pflicht, für das Wohlergehen der ehemaligen Kolonien Verantwortung zu übernehmen. Doch ohne die Präsenz des kolonialen Verwaltungsapparates war die Arbeit vor Ort schwierig, gerade im Gesundheitswesen: Die meisten Kolonialärzte mussten abreisen. Missionsärzte und Ordensschwestern, die in der Krankenpflege tätig waren, füllten die Lücke.

Eine Lebensaufgabe gefunden
Edgar Widmer (* 1934) wuchs in einem katholischen Elternhaus auf und hörte durch seinen Taufpaten und Onkel, Erzbischof Edgar Maranta, der als Kapuzinermissionar in Tansania lebte, schon früh von der Afrikamission. Er entschied sich für ein Medizinstudium und hatte die Absicht, als Missionsarzt tätig zu werden. So begann er 1962 am «St. Francis Hospital» in Ifakara (Tansania), das von Baldegger-Schwestern geleitet wurde. Das Missionsspital war von einem offenen Geist geprägt; so gab es eine Zusammenarbeit mit Nichtkatholiken, mit dem Staat und privaten Institutionen wie dem «Schweizerischen Tropeninstitut» oder der Basler Universität.
 


Nach seiner Rückkehr wirkte Edgar Widmer von 1969 bis 1999 als Allgemeinarzt und Chirurg in Thalwil und leitete von 1978 bis 1994 das dortige Spital. Die Erfahrungen, die er in Afrika gemacht hatte, konnte er nicht einfach vergessen. Da er wusste, dass es viel zu wenig einheimische Ärzte gab, machte er die Rekrutierung von Missionsärzten zu einer Hauptaufgabe. «Als Vizepräsident des «Schweizerischen Katholischen Missionsärztlichen Verein» (SKMV)[1] lag es mir am Herzen, geeignete Nachfolger für das ‹St Francis Hospital› in Ifakara zu finden und dafür zu sorgen, dass sie für die dortigen Herausforderungen vorbereitet und sozial abgesichert sind.»

An einer Tagung der «International Federation of Catholic Doctors» im Juli 1962 kam das Problem zur Sprache, dass es nicht reiche, in vielen kleinen, oft geografisch zerstreuten Spitälern zu arbeiten. Es brauche auch Prävention und Massnahmen bezüglich Hygiene und Ernährung. Die Teilnehmer beschlossen, die Schaffung einer Organisation vorzubereiten, die sich spezifisch mit medizinischer Entwicklungsarbeit befassen soll. Am 8. Dezember 1962 kam es in Aachen zur Gründung von «Medicus Mundi International» (MMI).

Der SKMV wurde Mitglied von «Medicus Mundi International» und Edgar Widmer 1970 in den Internationalen Vorstand gewählt. Der damalige Präsident, Prof. Heinrich Jentgens, schlug vor, den SKMV als Schweizerzweig von MMI aufzunehmen. Edgar Widmer lehnte diesen Vorschlag ab, da er davon überzeugt war, dass ein Schweizerzweig neben kirchlich gebundenen Organisationen auch wissenschaftliche und standespolitische Gruppierungen umfassen sollte. Er versprach aber, sich für einen Schweizerzweig einzusetzen.

Mit diplomatischem Geschick erreichte er sein Ziel: Am Dreikönigstag 1973 wurde in Basel «Medicus Mundi Schweiz» (MMS) ins Leben gerufen; mit Edgar Widmer als Gründungsmitglied. Von 1978 bis 1986 war er auch Präsident von MMI.

«Die Frage lautete, wie man mit dem wenigen Geld, das zur Verfügung stand, ein Optimum für Gesundheit erreichen konnte. In der westlichen Medizin galt ja immer noch, für Gesundheit das Maximum zu erstreben. Auf dieses Ziel hin wurden wir als Ärzte ja auch ausgebildet. Ein Paradigmenwechsel musste stattfinden», erklärte Edgar Widmer.

Das Konzept von Basisgesundheitsdiensten, «Primary Health Care» (PHC) wurde diskutiert. Daraus entstand der Slogan «Health for all» (Gesundheit für alle).

Die Früchte einer grossen Arbeit
Ein wichtiger Moment war die WHO-Weltkonferenz 1978 in Alma Ata (heute Almaty, Kasachstan), an der Edgar Widmer als frisch gewählter Präsident von MMI zum Thema der Basisgesundheitsdienste und Gesundheitsförderung einen Beitrag leisten konnte.

Die Gesundheit wurde zu einem grundlegenden Menschenrecht und die Primäre Gesundheitsversorgung zu einem Schlüsselkonzept der WHO erklärt. Erstmals wurden auch Sozial- und Wirtschaftssektoren als Mitverantwortliche für die gesundheitliche Entwicklung genannt und eine Zusammenarbeit aller Sektoren sowie die Beteiligung der Bürger als notwendig erachtet.

Hochmotiviert von den Ergebnissen der Konferenz machte sich Edgar Widmer – neben seinem Beruf als Chirurg – an die Arbeit. In den folgenden Jahren setzte sich MMI durch Seminare und Konferenzen stark dafür ein, die Alma-Ata-Deklaration bekannt zu machen. «Zeitweise hatte das Netzwerk von MMI über 1200 Ärzte in über 50 Ländern im Einsatz. Jährlich organisierten wir am Rande der WHO-Generalversammlungen Treffen mit Gesundheitsministern jener Länder, in denen unsere Ärzte tätig waren.»

Das gute Einvernehmen mit den Gesundheitsministern half bei verschiedensten Gelegenheiten, so z. B. als die kirchlichen Spitäler in Tansania verstaatlicht werden sollten. Anlässlich der 1975 stattgefundenen internationalen MMI-Tagung im «Gottlieb Duttweiler Institut» in Rüschlikon war der Gesundheitsminister Tansanias, Ali Hassan Mwiny als Gastreferent eingeladen. Edgar Widmer entwarf zusammen mit ihm, Professor Rudolf Geigy, Dr. Karl Schöpf (Chefarzt des Spitals in Ifakara) und einem Vertreter der Kapuziner ein Konzept: Das Ifakara-Spital übernahm öffentliche Funktionen, ein Vertreter der Regierung nahm Einsitz in der Spitalleitung, aber das Spital blieb im Besitz der Kirche. Minister Mwinyi versprach dafür grössere Subventionen (grants), hoffte aber, dank des internationalen Netzwerkes das Missionsspital weiterhin Mittel beschaffen zu können (outside help). Diese Regelung wurde in der Folge mit der Bezeichnung «Designated District Hospital» für die meisten kirchlichen Spitäler des Landes übernommen. «Dank dieser Formel überlebte das Spital und ist bis heute in der Lage, gute ärztliche Pflege abzudecken, Prävention über das Spital hinaus zu fördern und auf allen Ebenen afrikanische Belegschaft zu integrieren ohne christliche Caritas aufgeben zu müssen», zeigte sich Edgar Widmer erfreut.

Doch «Medicus Mundi» reichte der Dialog mit Gesundheitsministern nicht, sie wollten auch vertragliche Vereinbarungen. Dieses Anliegen brachten sie in der WHO vor und nach drei arbeitsreichen Jahren diplomatischen Handelns wurde 2003 die «WHO Resolution on Contracting (WHA56.25)» einstimmig angenommen.

Und auch der Heilige Stuhl macht mit
Mgr. Giuseppe Bertello, Nuntius und Beobachter des Heiligen Stuhles bei den Vereinten Nationen in Genf, machte den Vatikan auf diese Resolution aufmerksam. In der Folge nahm der damalige Präsident des «Päpstlichen Rates für Gesundheit», Kardinal Lozano Barragán, Kontakt mit Edgar Widmer auf. Im Jahre 2011 fand im Vatikan erstmals eine Versammlung all jener Bischöfe statt, die in den jeweiligen Bischofskonferenzen das Departement für Gesundheit betreuen.

«Medicus Mundi» sensibilisierte besonders die Bischofskonferenzen in Afrika für das Thema – und hatte Erfolg: Die afrikanischen Bischöfe erarbeiteten gemeinsam mit Experten von CORDAID[2] und MMI Richtlinien für den kirchlichen Einsatz im Gesundheitswesen. Ausgehend vom Heilungsamt der Kirche wurde festgehalten, dass der Bischof die Verantwortung für Diakonie (Gesundheit) trägt, einen holistischen (ganzheitlichen) Ansatz anstreben soll und sich als Fürsprecher für Hilfsbedürftige und Schwache einsetzt; Die Vision des Heilungsauftrags sowie die Strategie zu ihrer Umsetzung wollten schriftlich festgelegt werden. Die Bischöfe sollten sich durch Fachpersonal für Gesundheitsfragen beraten lassen und ihre kirchliche Gesundheitspolitik im Dialog mit der jeweiligen Regierung festsetzen.
 

 


Das Gute, das Wahre, aber auch das Schöne sah er stets im grossen Zusammenhang. Das Walten der Natur und der Zauber der Kultur haben ihn lebenslang fasziniert und auch in seinem Wirken markante Spuren hinterlassen. Die Einheit der Gesundheit von Körper und Seele war für ihn ein zentrales Anliegen und so liess er in seiner Zeit als Leiter des Spitals Thalwil eine ökumenische Andachtskapelle erbauen, die an ein lichtdurchflutetes Schiff erinnert und heute noch für die Bewohner des Altersheims Serata und Anwohner des südlichen Thalwils eine Oase der geistigen Erholung ist und wo auch regelmässig beliebte Gottesdienste stattfinden.

Nach einem langen und arbeitsreichen Leben durfte Edgar Widmer zu seinem Schöpfer heimkehren. Sein Leben zeigt eindrücklich, wie viel ein einzelner Mensch erreichen kann, wenn er überzeugt von seiner Mission ist.
 

Das Requiem für Edgar Widmer wird am 16. August um 15 Uhr in der Kirche St. Felix und Regula in Thalwil gefeiert. Gesungen wird die Missa pro defunctis von Palestrina.
Konzelebrierende Priester sind gebeten, Albe und violette Stola mitzunehmen sowie sich vorgängig anzumelden: felix.regula@kath-tharue.ch

 


[1] Heute «SolidarMed»
[2] Holländische Zweig von «Medicus Mundi International».


Redaktion


Kommentare und Antworten

×

Name ist erforderlich!

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gültige E-Mail ist erforderlich!

Gib eine gültige E-Mail Adresse ein

Kommentar ist erforderlich!

Captcha Code Kann das Bild nicht gelesen werden? Klicken Sie hier, um zu aktualisieren

Captcha ist erforderlich!

Code stimmt nicht überein!

You have reached the limit for comments!

* Diese Felder sind erforderlich.

Bemerkungen :

  • user
    Alois Baumberger 25.07.2025 um 18:41
    Medicus Mundi
    und Schöpfungsspiritualität: Heilung und Befreiung für die erste Welt
    Aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen zu Winterthur habe ich im letztjährigen
    Heimaturlaub auch Paul Widmer kennengelernt und höre vom Hinschied und Lebenswerk von Edgar Widmer, seinem Vater. Vor bald 50 Jahren hat es mich als Fidei-Donum Priester der Diözese Basel nach Afrika gezogen. Nach 32 Lernjahren im Tschad wurde ich vor 15 Jahren eingeladen hier in Ngaoundéré (Kamerun), ein nationales „Zentrum von Begegnung, Bildung und Wallfahrt auf den Namen „Notre Dame des Apôtres“ verwirklichen zu helfen. Ein Projekt dessen Wurzeln ins Jahr 1890 zurückreichen. Damals hatte die Administration von Deutsch Kamerun die Ankuft einer katholischen Missionsgemeinschaft gewünscht zum Aufbau und in Betriebsname von Krankenhäusern, Schulen und anderer Handwerksbetriebe, Haushaltschulen nicht zu vergessen.
    Seit einiger Zeit wurde mir auch angeboten die Krankenseelsorge in der hiesigen Diözese zu koordinieren. Wohlverstanden im traditionellen Afrika und je länger je mehr auch im modernen Afrika sagt man: „Eine kranke Seele lässt der Körper leiden.!“ Die vor 30 Jahren aufgekommene Schöpfung Spiritualität ist eine späte Ergänzung der Befreiungs Theologie, und fordert einen neuen Respekt gegenüber der krank gewordenen Erde, „unserm gemeinsamen Haus“ und der krank gewodenen Umwelt die aus den Fugen geraten ist seit vor 3-400 Jahren der Mensch sich an die Stelle Gottes gesetzt hat. Und im gleichen Atemzug hat die Religion, ihre Nabelschau begonnen, alles dreht sich um die Frage: Wie kann ich meine Seele rettten?
    Aber es hat immer Pioniere gegeben, wie Edgar Widmer und Medicus Mundi die kreative Lösungen für die Weltgesundheit aufzeigen. In diesem Sinne werde, ich nicht eine Messe lesen für Edgar Widmer, sondern wir werden eine „Messe des Weltalls“ zelebrieren , um seiem Werk gerecht zu machen.
    Alois Baumberger, recteur du Sanctuaire MARZA
    et aumônier de L’Apostolat de Santé
    • user
      Joseph Laurentin 26.07.2025 um 09:17
      Die „Messe des Weltalls“ zeugt von einer bedenklichen theologischen Verschiebung: weg vom Opfer Christi hin zu einer kosmischen Symbolik, wie sie die Schöpfungsspiritualität als Fortsetzung der Befreiungstheologie pflegt. Doch die Kirche dient nicht in erster Linie der Weltordnung, sondern der Seelenrettung. Widmers Engagement verdient Anerkennung – aber die grösste Wohltat für den Verstorbenen bleibt das hl. Messopfer für sein Seelenheil. Christus ist nicht Heiler eines „kranken Planeten“, sondern Erlöser gefallener Menschen. Der wahre Dienst an der Kirche und der Schöpfung beginnt mit der heiligen Liturgie – nicht mit einer neuen Anthropozentrik.
  • user
    Meier Pirmin 23.07.2025 um 14:02
    Tansania war gemäss den vorliegenden Quellen des einzigartigen wenngleich nicht unumstrittenen Missionspioniers Pater Andreas Amrhein, Beromünster, Abtei Beuron, auch Ottobeuren, bedeutendster Missionstheoretiker der benediktinischen und speziell schweizerischen Missionsgeschichte, mit Quellenmaterial teilweise in Beromünster, das wohl nachhaltigste Missionsland für Schweizer Afrikamissionare überhaupt, siehe auch die bedeutenden Verdienste von Bischof Gallus Steiger aus Büron, wie Amrhein ehemaliger Schüler der Beromünsterer Stifts-bzw. Mittelschule, deren Geschichte ich keineswegs vollständig aufgearbeitet habe, vgl. Schola Beronensis , erschienen 2016. Hielt darüber auch Vorlesung an der LU Seniorenuniversität.