Glasfenster: «Rahel stiehlt ihrem Vater die Götzenbilder» (Genesis 31). (Bild: Bild LaurPhil/Flickr, CC BY 2.0)

Weltkirche

Ein Hitler-​Bild in einer loth­rin­gi­schen Kirche

In vie­len der Nach­bar­dör­fer ist der Turm des Getrei­de­si­los die höchste Erhe­bung. So scheint es auch in Vas­per­vil­ler – doch das ver­meint­li­che Silo ent­puppt sich bei nähe­rem Hin­se­hen als eine ganz aus­ser­ge­wöhn­li­che Kir­che. Ein Augen­schein in die­sem Lothringer-​Dorf.

Vasperviller mit seinen rund 320 Einwohnerinnen und Einwohnern liegt an der Roten Saar, in den nordwestlichen Ausläufern der Vogesen, gut zehn Kilometer südlich von Sarrebourg. Hier, ausgerechnet hier, entstand Mitte des 20. Jahrhunderts, nach den schrecklichen Jahren des Zweiten Weltkriegs, ein kleines Wunderwerk des modernen Kirchenbaus. Und dafür kamen gleich mehrere ungewöhnliche Faktoren zusammen, die der Historiker Michael Kuderna intensiv erforscht und beschrieben hat.

Da war zunächst ein Gelübde dreier lothringischer Soldaten inmitten ihrer Schlachten. Da war der Ortspfarrer, der sich für moderne Sakralkunst begeisterte, und seine kleine Gemeinde, die mitzog. Und da war Karl Litzenburger, Jahrgang 1912; ein rheinpfälzischer Architekt und Soldat, der – entsetzt vom nazideutschen Krieg – in diese Region übergesiedelt war.

Sie fassten den Entschluss, im Ort eine Kirche zu errichten – mit äusserst beschränkten finanziellen Mitteln, aber mit grosser Kühnheit und dem besten Sachverstand und Können, die sie zusammentragen konnten. Ein Jahrzehnt verging mit Planung, Selbststudium und allerlei Klinkenputzen. Unter anderem verschaffte Kulturminister André Malraux dem deutschen Diplom-Ingenieur Litzenburger die volle statt der bis dato nur eingeschränkten Berufsfreiheit als Architekt.
 


Modern, ausgefallen, tiefgründig
Als der Kirchenbau 1967 endlich beginnen konnte, hatte das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) schon eine weitere wichtige Komponente beigesteuert: Die Liturgiereform stellte nun die Gemeinde und die Sammlung zum Gebet stark in den Mittelpunkt.

Die Kirchweihe zu Ehren der heiligen Thérèse vom Kinde Jesu fand am 29. September 1968 statt. Die Gemeinde besitzt sogar Reliquien der Thérèse von Lisieux (1873–1897).

Nicht nur durch das geneigte Dach; auch in seiner betonten Schlichtheit im Inneren erinnert das markante Gotteshaus aus Beton und Ziegeln an die berühmte Le-Corbusier-Kirche in Ronchamp in der Region Franche-Comté.

Unter all den Besonderheiten des Kirchbaus von Vasperviller hat es mit den 17 farbenprächtigen Bleiglasfenstern der Nordfassade noch einmal eine ganz besondere Bewandtnis. Ihr Thema ist der Stammbaum Christi; und häufig sind es Frauen, die hier die biblischen Geschichten vermitteln. Geschaffen hat sie ebenfalls eine Frau: die Ärztin Gabriele Kütemeyer, Tochter eines Heidelberger Freundes von Architekt Litzenburger aus gemeinsamen Zeiten des Widerstands im Krieg.

Gabriele Kütemeyer, die heute am Bodensee lebt, erzählte später dem Buchautor Kuderna: «Ich hatte gerade Staatsexamen gemacht und keine Lust, sofort in die Klinik zu gehen.» Da passte es, dass Litzenburger bei einem Besuch der Eltern eine Zeichnung von Gabriele sah und sagte: «Solche Fenster will ich haben.»
 


Im Dialog mit der Bibel – und mit den Gemeindemitgliedern in Lothringen – schuf die Medizinerin/Künstlerin also in ihrem Sabbatjahr den Zyklus alttestamentlicher Erzählungen –  ehrenamtlich, ohne Honorar. Eine der unregelmässig grossen Fenster erregt seit jeher besondere Aufmerksamkeit: das sogenannte Hitler-Fenster.

Der «Führer» als Götze
Die Szene symbolisiert den Sieg des Christentums über das Heidentum und heisst: «Rahel stiehlt ihrem Vater die Götzenbilder» (Genesis 31). Und wen trägt Rahel da als Hausgott unter dem Arm? Adolf Hitler, den «Führer» als Dämon; unverkennbar mit Schnauz und bösem Blick; unschwer zu deuten als Mahnmal gegen die Tyrannei, die auch Lothringen noch wenige Jahrzehnte zuvor heimgesucht hatte. Später berichtete Gabriele Kütemeyer, ihr Vater habe sie auf die Idee gebracht, weil er immer von «Götzenanbetung» in der NS-Zeit gesprochen habe.

Im hinteren Teil der Kirche von Vasperviller eine weitere Besonderheit mit theologischem Tiefgang: ein Mahnmal für drei Märtyrer der Neuzeit, mit ihren Namen und Lebensdaten. Ein katholischer Priester, ein Mennonit und ein Jude aus der Region – sowie Beil, Schlinge und Gaskammer. Beklemmend.

Es ist wohl bezeichnend, dass die Ideengeber, Künstler und Erbauer der Gemeindekirche von Vasperviller danach wieder ihrer «normale» Arbeit nachgingen. Der bescheidene Architekt Litzenburger baute wieder bescheidene Wohnhäuser; die Glaskünstlerin Kütemeyer wurde in der Schweiz zur Psychotherapeutin; und die Bauunternehmer und Handwerker der Region setzten wieder anderes ins Werk. Die Kirche von Vasperviller wurde 2016/17 vom französischen Staat als «bemerkenswertes Zeugnis zeitgenössischer Architektur» anerkannt.


KNA/Redaktion


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  • user
    Br. Paul Zahner OFM 06.05.2026 um 15:36
    Danke für den Verweis auf dieses sehr interessante Detail: Hitler sozusagen als Dämon auf einem Kirchenfenster. Das kennt auch die Stadtpfarrkirche in Graz. Sie stellt Hitler und Stalin auf einem Bild der Verhöhnung und Geisselung Jesu dar: https://verborgene-steiermark.at/hitlerfenster-stadtpfarrkirche-graz/ Das ist eine Aktualisierung des Leidens Jesu in die heutige Zeit hinein. Leider bleibt dieses Leiden der Menschen und das Leiden Jesu bis heute, in die Politik hinein aktuell.