Am Abend des 8. Mai 2025 verkündete Kardinal Dominque Mamberti auf der Benediktionsloggia des Petersdoms: «Annuntio vobis gaudium magnum: Habemus Papam! Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum Robertum Franciscum, Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Prevost, qui sibi nomen imposuit Leonem XIV.»
Papst Leo XIV. ist der erste US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri. Am 14. September 1955 in Chicago geboren, promovierte er in Kirchenrecht und trat dem Augustinerorden bei. Er war mehrere Jahre in Peru als Missionar tätig – eine Zeit, die ihn nachhaltig geprägt hat – und stand zeitweilig dem Orden vor. Seit 2023 leitete er das «Dikasterium für die Bischöfe» und ist deshalb nicht nur mit der Kurie bestens vertraut, sondern kennt auch viele Bischöfe weltweit.
«La pace sia con tutti voi» («Der Friede sei mit euch allen»). Mit diesen Worten begrüsste Leo XIV. die jubelnden Menschen auf dem Petersplatz. Kein unverbindlich-banales «Buona sera» wie bei Papst Franziskus, sondern der Gruss des auferstandenen Christus. Er trug auch wieder wie die Päpste vor Franziskus eine Mozzetta, einen roten Schulterumhang. Die Welt war gespannt, ob das neue Oberhaupt der 1,4 Milliarden Katholikinnen und Katholiken weltweit den Schlingerkurs seines unmittelbaren Vorgängers Franziskus weiterführen würde. Schnell wurde klar, dass sich Papst Leo XIV. in «Äusserlichkeiten» von Papst Franziskus unterscheidet. So wohnt er wieder im Apostolischen Palast – übrigens mit einem Ex-Schweizergardisten aus dem Kanton St. Gallen als Kammerdiener. Das von Franziskus verschmähte Castel Gandolfo benutzt der neue Pontifex als Rückzugsort; normalerweise verbringt er dort die Zeit von Montag auf Dienstag.
Im November 2025 überraschte Papst Leo, als er in seiner Diözese, der Diözese Rom, die Strukturreform seines Vorgängers aus dem Jahr 2023 aufhob: Während des Heiligen Jahres sei deutlich geworden, dass das städtische Zentrum Roms eine homogene Einheit sei. Deshalb wurde dieses wieder ein eigener Bezirk.
Ein Aufatmen ging durch die Weltkirche, als der Vatikan bekanntgab, dass Papst Leo den Abendmahlsgottesdienst der Tradition gemäss am Hohen Donnerstag in der Lateranbasilika feiern werde. Franziskus hatte mit Blick auf mediale Aussenwirkung die Messe am Gründonnerstag konsequent in Gefängnissen oder Flüchtlingsheimen usw. gefeiert und dort irgendwelchen Menschen die Füsse gewaschen.
Wichtigstes Ziel: Frieden für die Welt
In (kirchen-)politischen Fragen zeigt sich Papst Leo XIV. bisher ruhiger und diplomatischer als sein direkter Vorgänger. Sprunghafte, wenig reflektierte Schnellschüsse sozusagen aus dem hohlen Bauch heraus sind seine Sache nicht. Gerade einmal ein längeres Interview gab Papst Leo im vergangenen Jahr. Bei seinem ersten Rückzug nach Castel Gandolfo beantwortete er Fragen der anwesenden Journalisten. Daraus hat sich inzwischen eine Tradition gebildet. Auch auf den Flugreisen gibt er den mitreisenden Medienschaffenden Gelegenheit zu Fragen. Obwohl er in seinen Antworten immer sehr diplomatisch ist, sind sie inhaltlich dennoch klar. Nach den vielen missverständlichen Aussagen von Franziskus in Interviews, aber auch in Dokumenten (Stichwort: Fussnote in «Amoris Laetitia»), die von der Kurie umgehend korrigiert oder relativiert werden mussten, ist die ruhige, besonnene Weise, in der Papst Leo XIV. die Kirche führt, wohltuend und hat zu einer merklichen Entspannung in der Kirche geführt.
Das erste Jahr seines Pontifikats ist vor allem durch Aussagen zum Frieden geprägt – seine ersten Worte waren programmatisch. Er lässt keine Gelegenheit aus, um die Gläubigen zum Gebet für den Frieden aufzurufen, und erinnert regelmässig an Kriege und Konflikte, wobei er dabei bewusst auch Krisen nennt, die von den Medien wenig beachtet werden. In den letzten Wochen gebrauchte der Pontifex deutliche Worte, besonders im Zusammenhang mit den Kriegen im Nahen Osten und der Aussenpolitik des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump.
Doch auch in der Auseinandersetzung mit Trump bleibt Papst Leo ruhig und souverän. Auf den Angriff des Präsidenten, er, Leo, sei eine Katastrophe in der Aussenpolitik, er solle aufhören, der radikalen Linken nach dem Mund zu reden, entgegnete der Pontifex, er sei kein Politiker und wolle sich nicht auf eine Debatte mit Trump einlassen. «Ich spreche weiterhin laut gegen den Krieg, indem ich versuche, den Frieden zu fördern, indem ich den Dialog und den Multilateralismus zwischen den Staaten fördere, um Lösungen für die Probleme zu finden […] Ich sage es für alle Führer der Welt, nicht nur für ihn: Versuchen wir, die Kriege zu beenden und Frieden und Versöhnung zu fördern.» Als der Präsident wenig später nachlegte und Papst Leo indirekt vorwarf, dieser halte es für akzeptabel, dass der Iran über Atomwaffen verfüge, entgegnete er: «Die Kirche spricht sich seit Jahren gegen alle Atomwaffen aus, daran besteht also kein Zweifel. Wenn mich jemand dafür kritisieren will, dass ich das Evangelium verkünde, soll er dies mit der Wahrheit tun.»
Wie sein direkter Vorgänger prangert der neue Papst Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Armut und Umweltzerstörung an. Missstände, die er während seiner Zeit in Peru hautnah miterlebte. Während seiner Afrikareise übte er scharfe Kritik an den politischen Eliten und prangerte autoritäre Amtsführung, Korruption und Ausbeutung an – in Anwesenheit der jeweiligen Präsidenten.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Es genügt nicht, dass Papst Leo wieder im Apostolischen Palast wohnt, die Mozzetta trägt oder den Abendmahlsgottesdienst am Gründonnerstag in der Lateranbasilika feiert. Solche äusseren Zeichen mögen erfreulich und würdevoll erscheinen, lösen jedoch nicht die tieferliegenden Probleme der Kirche.
Besonders problematisch ist, dass der Artikel die Friedensrhetorik Papst Leos nahezu unkritisch übernimmt. Der Papst erscheint darin vor allem als moralische Stimme für Dialog, Multilateralismus, soziale Gerechtigkeit und Frieden. Doch die Kirche ist nicht in erster Linie eine internationale Friedensagentur. Ihr eigentlicher Auftrag ist die Verkündigung Jesu Christi als des einzigen Erlösers, die Bekehrung der Völker und die Bewahrung der überlieferten Glaubenslehre.
Ein Friede, der Christus nicht ins Zentrum stellt, bleibt letztlich ein rein menschlicher, politischer und unvollkommener Friede. Christus selbst sagte: „Meint ihr, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Spaltung“ (Lk 12,51). Damit ist nicht Gewalt gemeint, sondern die Tatsache, dass die Wahrheit Christi den Menschen zur Entscheidung ruft und dadurch auch Widerspruch hervorruft. Das gibt zu denken.
Noch schwerer wiegt die Haltung Papst Leos gegenüber den nichtchristlichen Religionen. Dass der Vatikan am 28. Oktober 2025 den 60. Jahrestag von Nostra Aetate mit einer feierlichen Veranstaltung begeht, ist nicht bloss eine harmlose Erinnerung, sondern ein symbolischer Akt. Die nachkonziliare Wende im Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen wurde nicht kritisch geprüft, sondern gefeiert. Der Titel der Veranstaltung – „Gemeinsam in Hoffnung gehen“ – vermittelte den Eindruck, als befänden sich Katholiken und Vertreter anderer Religionen auf einem gemeinsamen religiösen Weg. Doch die Kirche kann nicht einfach gemeinsam mit Religionen gehen, die Christus nicht als wahren Gott und einzigen Erlöser bekennen. Ihr Auftrag besteht nicht darin, religiöse Gemeinsamkeit zu inszenieren, sondern Christus zu verkünden und die Menschen zur katholischen Wahrheit einzuladen. Nicht eine Feier von Nostra Aetate wäre nötig gewesen, sondern eine ehrliche Prüfung seiner Folgen: Hat dieses Dokument die katholische Mission gestärkt – oder vielmehr den Eindruck gefördert, alle Religionen seien letztlich gleichwertige Wege zu Gott? Wenn Papst Leo zwar äusserlich ruhiger, würdiger und geordneter auftritt als Papst Franziskus, inhaltlich jedoch dieselbe konziliare Linie fortsetzt, dann wäre sein Pontifikat keine wirkliche Wende, sondern lediglich eine ruhigere und diplomatischere Verwaltung derselben Krise.
Die Bibel als das Wort Gottes ist also infantil.