Pater Bernward Deneke während seines Referats. (Bild: Rosmarie Schärer/swiss-cath.ch)

Hintergrundbericht

Ein König in die­ser Welt, aber nicht von die­ser Welt

Am zwei­ten Tag der 35. Inter­na­tio­na­len Theo­lo­gi­schen Som­mer­aka­de­mie stand Chris­tus als unser König im Fokus. Dies in Erin­ne­rung an das vor 100 Jah­ren ein­ge­führte Christ­kö­nigs­fest durch Papst Pius XI.

Der Ursprung der Rede vom Königtum Jesu liegt letztlich in der Verkündigung Jesu selbst, hat er doch die Königsherrschaft Gottes zum zentralen Inhalt derselben gemacht: Er spricht in mehreren Gleichnissen im Bild von Gott als König; seine Krankenheilungen sind Wirkungen der Macht Gottes; wenn Jesus Dämonen austreibt, wird sichtbar, dass Gott stärker ist als die bösen Mächte. «Da Jesus sich selbst eng mit der Königsherrschaft Gottes verbindet, insofern er die Königsherrschaft Gottes unter den Menschen sichtbar und erfahrbar macht, liegt hier sicher der Ursprung für die Vorstellung eines Königtums Christi», so Prof. em. Lothar Wehr.[1]

Jesus Christus verkündet einen Gott, der seine Herrschaft nicht fern von der Welt, sondern in der Welt ausübt. Während das Judentum die Königsherrschaft Gottes erst in der Zukunft erwartet, verkündet Jesus demgegenüber: Gott tritt jetzt schon seine Herrschaft an, auch wenn sie sich in ihrer ganzen Fülle erst in der Zukunft offenbaren wird.

Jesus von Nazaret, König der Juden?
«Im Prozess Jesu spielt die Frage, ob Jesus ein König ist, ob er der König Israels sein will und in welchem Sinne er es womöglich tatsächlich ist, eine zentrale Rolle. Schliesslich wird Jesus gekreuzigt als ‹König der Juden›», führte Lothar Wehr in seinem Referat aus.

Das Markusevangelium ist das älteste Evangelium; die Passionsgeschichte hat der Evangelist jedoch schon vorgefunden. Im Prozess begegnet uns die Bezeichnung Jesu als König mehrfach: Pilatus fragt Jesus, ob er der «König der Juden» sei, von den Soldaten wird Jesus als «König der Juden» verhöhnt. In der Verspottung durch die Hohepriester und Schriftgelehrten wird der Königstitel mit dem Messiastitel verknüpft: «Der Messias (Christus), der König von Israel! Er soll jetzt vom Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben» (Mk 15,32). Beim Verhör Jesu vor dem Hohen Rat fragt der Hohepriester Jesus: «Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?», was Jesus bejaht. «Dem Leser soll deutlich werden: Jesus ist in der Tat ein König, aber kein politischer König. Er ist als König der verheissene Messias, der Nachkomme Davids, der Sohn Gottes», so der Referent.

Jesus: Opfer und doch Sieger
Im Johannesevangelium spielt das Königtum Christi im Verhör Jesu durch Pontius Pilatus eine grosse Rolle. Alle Beteiligten handeln unehrlich, gegen ihre Überzeugungen oder direkt niederträchtig: Pilatus verurteilt Jesus zum Tod, obwohl er drei Mal seine Unschuld feststellt. Die Juden üben grossen Druck auf Pilatus aus und bekennen sich zum verhassten Kaiser, um ihr Ziel zu erreichen. Insgesamt sind die Dialoge von Machtfragen und Machtdemonstrationen bestimmt.

Pilatus fragt Jesus: «Bist du der König der Juden?» Jesus bezeichnet sich als König, aber als ein König anderer Art. Er ist als König in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Pilatus fragt nach: «Was ist Wahrheit?» Jesus gibt keine Antwort, denn er selbst ist die Wahrheit. Doch Pilatus als Nicht-Glaubender kann die Wahrheit nicht sehen, selbst wenn sie vor ihm steht.

Jesus wird gegeisselt, ihm wird ein Dornenkranz aufgesetzt und ein roter Umhang umgelegt – er erscheint als Spottkönig vor den Juden. «Der gläubige Hörer des Evangeliums erkennt natürlich eine tiefere Wahrheit. Jesus erweist sich gerade in der Erniedrigung als der wahre König. Er erkennt in dieser Verspottungsszene die Hoheit Jesu. Und in der Tat ist Jesus in der gesamten Passion der einzig Unschuldige, der Einzige, der seine Würde bewahrt, wenn er auch äusserlich geschlagen wird», führt Prof. Wehr aus. Der Evangelist Johannes schreibt, dass Jesus in der Mitte der beiden Verbrecher gekreuzigt wird. Er steht im Mittelpunkt, eine Inthronisation des Königs am Kreuz wird angedeutet. Ebenso schreibt er davon, dass Jesus am Kreuz erhöht wird.

Christus ist mächtig vom Himmel her. «Wir glauben an die Auferstehung Christi, die eindrucksvoll seine Macht sogar über den Tod sichtbar macht», so Prof. Wehr. «Sein Königtum wird sich am Ende der Zeit machtvoll und allumfassend offenbaren.» Konkret wird der Glaube an Christus als König am Christkönigsfest.

Viele Hirten, aber nur ein König
P. Dr. Johannes Nebel[2] ging in seinem Referat auf die Enzyklika «Quas primas» ein, mit welcher das Christkönigsfest von Papst Pius XI. eingeführt und die am kommenden 11. Dezember vor 100 Jahren promulgiert wurde. Als profunder Kenner der Schriften von Kardinal Leo Scheffczyk begann er seine Ausführungen mit Rückgriff auf dessen Schrift «Die Mission der Kirche»[3]. Kardinal Leo Scheffczyk weist darauf hin, dass der Königstitel nur auf Christus angewandt wird, während «Hirt» auch den Aposteln und ihren Nachfolgern zukommt. Entsprechend wird kirchenrechtlich bischöfliche oder sonstige Vollmacht als Hirtengewalt, nie aber als königliche Gewalt greifbar. Das Hirtenamt Christi betont seine irdische Aufgabe, der Königsname hingegen das überirdische und überzeitliche Geheimnis Christi, führte P. Nebel aus. «Da Christus König ist, sind für die missionarische Arbeit der Kirche Christi Geist und Christi Gesinnung massgebend; Christkönig ist nicht nur erste Wirkursache und letzte Zielursache der Mission, sondern auch die Vorbild- und die Formursache», fasste der Referent die Schlusspointe der Ausführungen Scheffczyks zusammen.
 


Innere Autorität allen Rechtes in Gott begründet
Das eigentliche Anliegen der Enzyklika «Quas primas» liegt darin, das Königtum Christi unter dem Gesichtspunkt Christus als wahrer Mensch zu betrachten. Aufgrund der hypostatischen Union hat Jesus ein «angeborenes» Königsrecht; durch seine Erlösungstat ist sein Königsrecht auch «erworben».

Pius XI. legt Wesen und Bedeutung des Königtums Christi gemäss den drei staatlichen Gewalten dar: gesetzgebende, richterliche und ausführende. Entscheidend dabei ist, dass die innere Autorität allen Rechtes in Gott begründet ist. «Ohne den Gottesbezug zerbricht diese Autorität und somit auch eine entscheidende Grundlage des Staatswesens.» Die Anerkennung der Königswürde Christi ist entsprechend unerlässlich, denn, so P. Nebel: «Das Königtum Christi ist Garant unserer Freiheit im Umgang mit staatlicher Ordnung, da dieses Königtum durch die Erlösungstat alles – die Regierenden wie die Regierten – vor Gott bringt. Deshalb geht von Jesu demütigem Dienst der Versöhnung ein alles umfassender Friede aus.»

Pius XI. führt das neue liturgische Fest als Gegengewicht zum «Laizismus» ein. Darunter wird eine Fülle an Geistesströmungen verstanden, die der Ausbreitung des Evangeliums entgegenstehen, so z. B. die Ablehnung der universalen Autorität Christi, die Gleichsetzung des Christentums mit anderen Religionen oder die Unterwerfung des Christentums unter säkulare Macht. Pius XI. beabsichtigte mit dem Christkönigsfest eine umfassende geistige Konfrontation, die zeitlos gültig bleibt. «Es geht gerade nicht um einen Eingriff in Machtverhältnisse, sondern um einen bekenntnishaften Aufweis der verschütteten wahren Quelle jeder legitimen Macht und jedes Rechtes», hob Pater Nebel hervor. Gleichzeitig bedeutet die Hinwendung zum Glauben und zur Christkönigswahrheit ein sanftes Joch im Gegensatz zur glaubensfernen Lebensweise. «Auf den Punkt gebracht: Die Königsvollmacht Christi zerbricht das harte Joch und befreit zum sanften Joch, und das sanfte Joch befreit seinerseits zu sittlicher und gläubiger Höhe, modern ausgedrückt, zu einem glaubwürdigen und konsequenten christlichen Lebenszeugnis. Und nochmals markanter: das Christkönigsgeheimnis bricht moderne Versklavungen auf und befreit zum wahren Christsein!»

In einem weiteren Teil seines Referats übersetzte der Referent die Enzyklika in die Gegenwart. Es sei hier nur auf einen Punkt hingewiesen: Unsere übermobile und überkommunikative Welt ist zu einem globalen Marktplatz geworden; alles scheint relativ, ist multireligiös und multikulturell. Alles wird zugleich kollektiv und individualistisch. «In uns verkümmert, was wir als ‹Person› bezeichnen.» Viele Menschen haben z. B. Mühe, verbindliche Entscheidungen zu treffen. «Herausforderung zu Verantwortung hat vor nicht allzu langer Zeit noch Glückserfahrungen ausgelöst; heute aber empfinden wir dies als Stress. Denn heutige Globalisierung entwurzelt uns – kulturell, aber auch personal», konstatierte Pater Nebel. Die Erlösungstat Jesu ist unsere neue Identität, ist «eine Identität, die in unserer ganz persönlichen Beziehung zum Erlöser steht, aber die wir dann auch wieder alle gemeinsam haben; sie verbindet uns Christen auch untereinander. Das steht quer zu heutiger Globalisierung, Kollektivierung und Individualisierung.»

Die Enzyklika «Quas primas» könnte man – so Pater Johannes Nebel– etwa auf folgenden Nenner bringen: «Nicht darauf schauen, wie relevant unser Christsein vor der Öffentlichkeit ist, sondern wie unverändert relevant wir für Christus und seine königlichen Rechte auf diese Welt sind.» Und er schloss seine Ausführungen mit den Worten: «Christkönig ist noch öffentlicher als die Öffentlichkeit der Welt, denn sein Recht geht über alles weltliche Recht. Das ist weder Triumphalismus nach aussen noch nach innen, denn Triumphalismus wäre weltfern. Es ist ein Glaubensstandpunkt, der von der Welt nicht anfechtbar ist. Dieser bewirkt Hochgemutheit in unserem Innern – das ist der Mut zum Ganzen, zum Grossen, was uns Christus aufträgt. Das soll durchaus demütig bleiben, aber nie kleinmütig werden.»

In der anschliessenden Diskussion ging es auch um die Frage, wie demokratisch die Kirche Christi sein kann. Es wurde klar festgehalten, dass die Kirche synodal und hierarchisch ist, aber nicht demokratisch. Diese Tatsache werde heute verdunkelt. Besonders gewisse liturgische Formulierungen (z. B. «durch Christus, unseren Bruder») untergraben die Autorität Christi.

Kurze Wirkungsgeschichte
Die Rezeption der Enzyklika begann in Forte, führte bald zu einem Diminuendo und endete in einem Moriendo, fasste P. Dr. Bernward Deneke[4] die Geschichte von «Quas primas» mit leichter Ironie in seinem Referat zusammen. Vertreter der liturgischen Bewegung wandten z. B. gegen das neue Fest ein, dass doch bereits an Epiphanie Christus als Herrscher verehrt werde. Gemäss P. Deneke scheint jedoch das Christkönigsfest als Ergänzung der Herz-Jesu-Frömmigkeit sehr wertvoll.

Grossen Erfolg hatte die Christkönigsidee in der katholischen Jugend während der Ära des Nationalsozialismus in Deutschland. Sie wirkte sich vereinigend gegen die nationalsozialistischen Ansprüche aus – auch mit einer ökumenischen Dimension. Nach dem Krieg verebbte die Bewegung bald.

Die Vorträge am zweiten Tag der Internationalen Theologischen Sommerakademie in Aigen zeigten auf, wie aktuell der Gedanke von Christus, dem König ist und wie gerade dieser Aspekt Jesu Christi in unserer Zeit hilfreich sein kann, um unser Christsein wieder zu verwurzeln.

 


[1] Prof. em. Lothar Wehr war Ordinarius für Neutestamentliche Wissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.
[2] P. Dr. Johannes Nebel FSO ist Leiter des Leo-Scheffczyk-Zentrums in Bregenz.
[3] Leo Scheffczyk, Die Mission der Kirche. Verwirklichung des Königtums Christi im Reich Christie, in: Studia Missionalia 51 (2002), 85–105.
[4] P. Dr. Bernward Deneke FSSP ist Subregens und Leiter des Spiritualitätsjahres im Priesterseminar St. Petrus, Wigratzbad.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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