Für die Redaktionsriege des «Blick» gab es kein Halten mehr: «Blick ist wieder die Nummer 1!», frohlockte sie am 14. April 2026. Um im Lead gleich nachzudoppeln: «Der Blick wächst weiter und begeistert neues Publikum: Mit 300 000 Leserinnen und Lesern pro Ausgabe ist er neu wieder die grösste Tageszeitung der Schweiz.» Grund für die überbordende Euphorie: Die unmittelbar zuvor veröffentlichte Statistik der WEMF AG für Werbemedienforschung. Diese hatte dem «Blick» gegenüber dem Vorjahr (2024) ein Plus von 8,7 attestiert. Zudem, so Cavalli weiter, würden Lesedauer und Lesemenge steigen.
Worauf führt «Blick»-Chefredaktor Rolf Cavalli, der Mann mit der Vollglatze, diesen «nicht signifikanten Zuwachs» (persoenlich.com) der Zeitungsausgabe zurück? Auf Tempo, Klartext und den Mut, auch unbequeme Themen anzupacken. Ladina Heimgartner, CEO Ringier Medien Schweiz, sekundiert: «Der starke Zuwachs ist eine unmittelbare Anerkennung unserer Leserinnen und Leser für unser Inhalte und unser Bestreben, nahe bei den Menschen zu sein.»
Eigenlob mit Haken
Dieses faustdicke Eigenlob hat allerdings gleich mehrere Haken. Da ist aller erstes die Tatsache zu nennen, dass der bisherige Primus, die Gratiszeitung «20 Minuten», per Ende letzten Jahres ihre Printausgabe eingestellt hat. Pikant: Das Medienbranchen-Portal «kleinreport.ch» hatte nur wenige Tage zuvor (30. März 2026) enthüllt, dass Ringier per Ende März des laufenden Jahres den Agenturdienst von Keystone-SDA für den Blick kündigte, und zwar für alle Kanäle: Print, Online, Social und Content. Ein Wetterleuchten am Schweizer Medienhimmel! Denn die 1894 gegründete SDA ist die schweizerische Nachrichten-Agentur schlechthin. Obwohl unentbehrlicher Garant für die Qualität und Vielfalt der Schweizer Presse, kämpft sie seit Jahrzehnten mit finanziellen Problemen. 2018 übernahm sie die Bildagentur Keystone. Sie ist als Aktiengesellschaft organisiert und steht im Eigentum von Schweizer Medien und der Austria Presse Agentur.
Die Kündigung ist ein «herber Schlag» («kleinreport.ch») für Keystone-SDA, verdeutlicht aber auch den enormen Spardruck, dem die kostenintensiven Ringier-Printmedien und nicht nur sie ausgesetzt sind. Aber ohne die von Keystone-SDA gewährleistete publizistische Grundversorgung lässt sich in der Schweiz keine Tageszeitung auf Dauer betreiben, dies gilt selbst für eine Boulevard-Zeitung wie den «Blick». Dessen Reaktion auf die Abo-Kündigung gegenüber dem «kleinreport.ch» ist ein Lehrbeispiel in Sachen Beschönigung und Flucht nach vorn: Man wolle durch die «Erarbeitung neuer Inhalte die Wiedererkennbarkeit und das Profil stärken». Der «kleinreport.ch» verfügt über eine Ringier-interne Mitteilung, der zufolge diese Kündigung «nicht überall friktionsfrei aufzufangen sei». Heisst im Klartext: Ein redaktionsinternes Hauen und Stechen ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Der Haken, der am tiefsten sitzt: «‹Blick› – Game over? Ringier kämpft mit Print-Problem: Auflage nur noch ein Sechstel von früher, täglich 16 Abokündigungen: War’s das mit dem Büezer-Blatt?». So lautet die Schlagzeile eines Artikels auf «insideparadeplatz.ch» vom 9. April 2026. Passt zur Ego-Eloge von «Blick»-Chef Cavalli wie die Faust aufs Auge. Wie konnte es zu dieser völlig konträren Einschätzung kommen?
Klar, die Orientierung an Leserzahlen ist um ein Vielfaches eindrücklicher als jene an den prosaischen Abo-Zahlen, vor allem gegenüber den ökonomisch überlebenswichtigen Werbekunden. Doch da stellt sich sogleich die Frage nach der Belastbarkeit von Leserzahlen. Deren Erhebung mag noch so wissenschaftlich begründet werden, es lässt sich gleichwohl nicht bestreiten, dass dabei Interpretationen und Mutmassungen unweigerlich mit im Spiel sind. Wie lange jemand beispielsweise eine gedruckte Zeitung liest, lässt sich auch durch noch so ausgeklügelte Methoden nicht hieb- und stichfest eruieren. Es bleibt ein nicht exakt definierbares Quantum an Unwägbarkeiten, das von der Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit der in jeweilige Untersuchungen einbezogenen Menschen abhängt. Kann sein, dass der «Unsicherheits-Faktor Mensch» bei allen von einer Statistik jeweils erfassten Medien in etwa gleich hoch gewichtet werden kann und ergo vernachlässigbar erscheinen mag. Gleichwohl lässt sich das dieser Untersuchungsmethode inhärente Ungenauigkeitspotential nicht wegdiskutieren.
Der Blick auf die Abo-Zahlen des «Blick»
Demgegenüber haben wir es bei den Abo-Zahlen mit harten, unzweifelhaft belastbaren Daten zu tun. Und die sehen beim «Blick» düster, ja sehr düster aus. «insideparadeplatz.ch»-Autor Beni Frenkel nennt folgende Zahlen: Im Jahr 2024 musste die firmeneigene Druckerei Swissprinters ihre Pforten schliessen, betroffen waren 500 Mitarbeitende. Vor 40 Jahren betrug die Auflage des «Blick» 380 000 Exemplare, heute sind es inklusive Gratisexemplare nur noch 63 513 Exemplare. Brutal ist der Schwund bei Einzelverkäufen an Kiosken und Tankstellen: 12,7 Prozent allein im vergangenen Jahr. Läutet demnächst der Printzeitung «Blick» die Totenglocke? Vorgespurt hat der «Blick am Abend»: 2018 segnete er das Zeitliche. Die «Blick»-Redaktion schwärmt in ihrer Eloge nicht nur von der Zahl der nunmehr 300 000 Leserinnen und Leser der Printausgabe: «Dazu kommen 1,3 Millionen Userinnen und User, die ‹Blick› täglich online lesen.» Was sie nicht erwähnt: Diese 1,3 Millionen sind grossmehrheitlich nicht bereit, für ihren Online-Konsum etwas zu bezahlen. Bis dato ist der «Blick» mit seiner Bezahlschranken-Strategie trotz mehrfacher Versuche kläglich gescheitert.
Der «SoBli» stürzt ab
Last but not least: Was Ringier coram publico tunlichst verschweigt: Ganz bös unter die Räder geriet der Zwillingsbruder des «Blick», sprich der «SonntagsBlick» («SoBli»). Derweil die Reichweite der «NZZ am Sonntag» nur geringfügig zurückging, verlor der «SoBli» im vergangenen Jahr satte 22 000 Leserinnen und Leser, was einem Minus von 7,6 Prozent entspricht. Der «SoBli» rangiert somit hinter der «NZZ am Sonntag» und der «SonntagsZeitung».
Allein, der Krebsgang des «SoBli» hat nicht erst im vergangenen Jahr eingesetzt. Bis heute unvergesslich geblieben ist der Mega-Fake von Arnold Landtwing, dem ehemaligen Mediensprecher der Zürcher Kantonalkirche. Als Ende November 2022 «kath.ch»-Redaktionsleiter Raphael Rauch zum «SoBli» wechselte, verstieg er sich zur Aussage, es erstaune nicht, dass ein Super-Journalist wie Rauch von der «meistgelesenen Sonntagszeitung abgeworben werde». Tatsächlich war damals der «SoBli» im Jahresvergleich um 10 Prozent abgesackt, fiel auf 325 000 Leserinnen und Leser zurück – 140 000 weniger, als die «Sonntags-Zeitung» als grösstes Sonntagsblatt im gleichen Zeitraum verbuchen konnte.
Hängt diese endlose Negativspirale auch mit dem Übertritt des Raphael Rauch zum «SoBli» zusammen? Der damalige Chefredaktor des «Sobli», Gieri Cavelti und Rauchs Bruder im Geiste, begründete diese kapitale Fehlacquisition wie folgt: «Ein Kollege von diesem Format und diesem Profil ist ein grosser Gewinn für unsere Wirtschaftsberichterstattung.» Tatsächlich verfügte Rauch über keinerlei spezifische Wirtschaftskompetenzen. Besonders fatal in einer so materialistischen Zeit wie der unseren, in der Wirtschaftsthemen einen überproportional grossen Raum in Beschlag nehmen. «Sobli»-Chefredaktor Cavelti musste übrigens nur wenige Monate später seinen Platz räumen. Honi soit qui mal y pense.
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