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Weltkirche

Ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung

Vom frü­he­ren Fest Kathe­dra Petri bis zum Fest der Bekeh­rung des Hei­li­gen Apos­tels Pau­lus, das heisst vom 18. bis 25. Januar, fin­det tra­di­tio­nell die Gebets­wo­che für die Ein­heit der Chris­ten statt. Die­ses Jahr steht die Woche unter dem Bibel­vers «Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch beru­fen seid zu einer Hoff­nung in eurer Beru­fung» (Eph 4,4).

Die Texte der diesjährigen Gebetswoche wurden von den Gläubigen der Armenisch-Apostolischen Orthodoxen Kirche, der Armenisch-Katholischen und der Evangelischen Kirche in Etschmiadsin erarbeitet, dem geistlichen Zentrum der Armenisch-Apostolischen Kirche. Sie entstanden während der Tage der Segnung des Myron (heiliges Öl) und der Wiedereinweihung der Mutterkathedrale am 28./29. September 2024 nach einer zehnjährigen Renovierungsphase.

Die Gebetswoche für die Einheit der Christen 2026 schöpft aus der jahrhundertealten Tradition des Gebets des armenischen Volkes sowie dem Schatz von Hymnen, die ihren Ursprung in den alten Klöstern und Kirchen Armeniens haben und zum Teil bis ins vierte Jahrhundert zurückreichen.

Die Vorbereitungsgruppe wählte einen Satz aus dem Brief an die Epheser aus: «Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung» (Eph 4,4). Dieser Satz bringe die theologische Tiefe der christlichen Einheit auf den Punkt. Die Vorbereitungsgruppe erinnert daran, dass der Ruf Gottes zur Einheit bereits im Alten Testament ertönt: Abram, der seinen Neffen Lot bittet: «Zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben; wir sind doch Brüder» (Gen 13,8). In Lev 19,18 gebietet Gott, sich nicht an den Kindern des Volkes zu rächen und ihnen nichts nachzutragen; stattdessen sollen sie sich lieben. «Solche Gebote erinnern uns daran, dass Vergebung und Liebe unerlässlich sind, um in der Glaubensgemeinschaft Einheit zu wahren.»

Jesus Christus erhöht den Begriff der Einheit zu einer geistlichen Dimension, die der tiefen Verbundenheit zwischen ihm und dem Vater entspricht. «Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast» (Joh 17,21). Die Einheit beruht auf der gegenseitigen Liebe und dem gemeinsamen Zeugnis in der Nachfolge Jesu.

Dieses Anliegen tragen die Apostel weiter. Die Vorbereitungsgruppe der Einheitswoche verweist besonders auf die Briefe des Paulus. Dieser zeichnet in Röm 12,6 das Bild vom Leib Christi mit seinen vielen Gliedern, die durch ihre je eigenen Gaben den Leib aufbauen. Die Gläubigen sollen eines Sinnes sein, «einander in Liebe verbunden, einmütig, einträchtig» (Phil 2,2). Das Christentum überwindet kulturelle, soziale und nationale Grenzen und vereint die Gläubigen weltweit im Glauben und in der Hoffnung. «Diese Gemeinschaft, in der gemäss der Beschreibung in Offb 7,9 jede Kultur, jeder Stamm, jedes Volk und jede Sprache vertreten ist, gibt den Gläubigen Kraft und ermutigt sie, und sie stärkt ihre Verbundenheit mit dem Leib Christi», betont die Vorbereitungsgruppe. Möglich wird diese Einheit im Heiligen Geist, der Quelle des geistlichen Lebens. Paulus erinnert in Eph 4,4 daran, dass alle Christen zu der einen Hoffnung auf Erlösung und ewiges Leben berufen sind. «Dies ist das letzte Ziel und die Motivation für ein christliches Leben, das eine gemeinsame Vision und ein gemeinsames Ziel für alle Gläubigen darstellt und sie auf ihrem Glaubensweg und in ihrem täglichen Leben vereint.»

In der sonntäglichen Liturgie der Armenisch-Apostolischen Kirche umarmen sich die Gläubigen und singen: «Die Kirche ist eins geworden» – ein greifbarer Ausdruck ihres gemeinsamen Glaubens und ihrer gemeinsamen Ziele. «Die reiche, vom Zeugnis vieler Märtyrer geprägte Geschichte der armenischen Kirche und ihrer Vorsteher spricht Bände über ihre unerschütterlichen Bemühungen auch angesichts vieler Widerstände, den christlichen Glauben im Land Armenien und der umliegenden Region aufrechtzuerhalten.» Die Einheit innerhalb der Kirche ist eine lebendige Erfahrung, welche die spirituelle Identität der Gläubigen vertieft und ihr gemeinsames Zeugnis stärkt.

Geistliche Reife bedeutet, unsere Unterschiede anzunehmen und gleichzeitig die Einheit ebenso nachdrücklich anzustreben wie lehrmässige Genauigkeit, ist die Vorbereitungsgruppe überzeugt, und fordert dazu auf, die göttliche Berufung zur Einheit nicht als abstraktes Ideal, sondern als lebendigen Ausdruck unseres Glaubens zu verstehen. Der Aufruf des Apostels Paulus zur Einheit richte sich nicht nur an die getrennten Kirchen, sondern an jeden Gläubigen. «Durch ein Leben in Einheit bezeugen wir nicht nur die Liebe und Macht unseres Herrn Jesus Christus, sondern verkörpern auch das Wesen seiner Lehre. Lassen wir das Herz Christi aufscheinen und fördern wir sein Werk auf Erden, indem wir einander unterstützen und unsere unterschiedlichen Gaben und Talente wertschätzen.»
 


Ökumenische Situation in Armenien
Die Armenisch-Apostolische Kirche, eine der ältesten christlichen Kirchen der Welt, blühte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 wieder auf. Während der Sowjetzeit waren religiöse Aktivitäten stark eingeschränkt; viele Kirchen wurden umfunktioniert oder dem Verfall preisgegeben. Die neu gewonnene Religionsfreiheit ermöglichte es der Kirche, ihre Rolle als Eckpfeiler der armenischen Identität und Spiritualität wieder einzunehmen. Die Kirche konzentrierte sich – neben dem Wiederaufbau der Kirchen – auf die Ausbildung ihres Klerus, die Förderung des Religionsunterrichts und die Wiederherstellung liturgischer Traditionen, die jahrzehntelang unterdrückt worden waren.

Gleichzeitig begannen evangelikale und andere protestantische Kirchen, die zuvor im Untergrund tätig gewesen waren, Gemeinden zu gründen und Gotteshäuser zu errichten. Die Armenisch-Evangelische Kirche, deren Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, begann wieder zu wachsen. Pfingstlerische und charismatische Bewegungen gewannen ebenfalls an Zugkraft, was zu Spannungen führte. Die Zusammenarbeit zwischen der Armenisch-Apostolischen und der Armenisch-Evangelischen Kirche beschränkt sich auf die soziale und diakonische Sendung der Kirche in Armenien.

Die Assyrer, die laut Volkszählung von 2011 etwa 2500 bis 3000 Menschen zählen, stellen nach den Jesiden und Russen die drittgrösste ethnische Minderheit in Armenien dar. Sie gehören in erster Linie der Assyrischen Kirche des Ostens an; eine kleine Gemeinschaft gehört auch zu der chaldäisch-katholischen Kirche. Zwischen dem armenischen und dem assyrischen Volk besteht eine lange Freundschaft, die in ihrer gemeinsamen Geschichte wurzelt, so zum Beispiel in der Tragödie der von der osmanischen Türkei während des Ersten Weltkriegs verübten Völkermorde. So bestehen auch zwischen der Armenisch-Apostolischen Kirche und der Assyrischen Kirche des Ostens gute Beziehungen.

Wie in anderen Ländern auch stellen Säkularismus und Materialismus in der modernen armenischen Gesellschaft eine Herausforderung für die Kirchen dar. Doch die gemeinsame Geschichte der Verfolgung und des Überlebens unter der sowjetischen Herrschaft sowie das wachsende Interesse an der Bewahrung des kulturellen und religiösen Erbes bieten den christlichen Gemeinschaften eine gemeinsame Grundlage für den Aufbau engerer Beziehungen.
 

Seit 1966 wird die Gebetswoche für die Einheit der Christen, deren Ursprünge bereits auf das Jahr 1910 zurückgehen, vom «Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen» und von der «Kommission Glaube und Kirchenverfassung» des «Ökumenischen Rates der Kirchen» vorbereitet. Jedes Jahr werden die Texte von einer anderen Region der Welt verfasst. Aktueller Präsident des «Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen» ist Kurt Kardinal Koch.

Informationen und Materialien zur Gebetwoche für die Einheit der Christen finden sich auf der Webseite der «Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz» Link


Redaktion


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