Bild von Apollinaris Morel in der Kapelle von Posat. (Bild: Scholasate, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons)

Kirche Schweiz

Ein leuch­ten­des Glau­bens­zeug­nis in den Wir­ren der Fran­zö­si­schen Revolution

Am 2. Sep­tem­ber 1792 wur­den wäh­rend der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion 116 Pries­ter und Semi­na­ris­ten im Kar­me­li­ter­klos­ter in Paris ermor­det. Unter ihnen Apol­li­na­ris Morel, ein Kapu­zi­ner aus dem Kan­ton Frei­burg. Papst Pius XI. sprach ihn vor hun­dert Jah­ren, am 17. Okto­ber 1926, selig.

Liberté, Égalité, Fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), so lautete das Motto der Französischen Revolution. Doch die Realität sah anders aus – das musste auch der Schweizer Kapuziner Apollinaris Morel erfahren.

Jean-Jacques Morel kommt am 12. Juni 1739 in Prez-vers-Noréaz FR zur Welt. Er wird von seinem Onkel, einem Pfarrer, unterstützt und kann so das Jesuitenkolleg St. Michel in Freiburg besuchen. Aufgrund seiner Begabung geht man davon aus, dass er Jesuit wird. Doch Jean-Jacques entscheidet sich für den Kapuzinerorden. Er tritt 1762, im Alter von 23 Jahren, bei den Kapuzinern in Zug ein und nimmt den Namen Bruder Apollinaris von Posat (nach dem Herkunftsort seines Vaters) an. Nach seiner Priesterweihe setzt er seine Studien in Luzern fort und promoviert 1769. Danach wirkt er als Seelsorger in Sitten, Pruntrut, Bulle und Romont. Seine Predigten finden besonders bei den jungen Menschen grossen Anklang. Von 1774 bis 1780 ist er als Philosophie- und Theologieprofessor für den Ordensnachwuchs in Fribourg tätig. Er kehrt in die Seelsorge zurück und kommt so nach Bulle, wo er auf Wunsch des Bürgermeisters neben dem Kloster eine kleine Schule einrichtet. Das kommt aber bei einigen Einwohnern nicht gut an, und auch seine Mitbrüder sehen darin eine Störung der klösterlichen Stille. Als es gar zu Verleumdungen kommt, bittet Bruder Apollinaris um seine Versetzung nach Altdorf.

Fünf Jahre später führt sein Weg nach Stans, wo er als Präfekt und Lehrer am Klostergymnasium tätig ist und im nahe gelegenen Büren Katechese erteilt. Sein pastorales Talent und seine Begabung, den Glauben zu vermitteln, ziehen viele Menschen an – sein Beichtstuhl ist stets gut besucht. Nach dem Mitternachtsgebet im Chor widmet sich Bruder Apollinaris dem Studium und dem persönlichen Gebet.

An der Klosterschule führt er das Schultheater nach jesuitischem Vorbild ein. Doch die gut besuchten Katechesen sowie die erfolgreichen Theateraufführungen bringen ihm Neid und Missgunst ein. Einige Bürger gehen so weit, ihn zu verleumden, gar der Ketzerei anzuklagen. Und dann wird ihm 1788 auch noch ein Sittlichkeitsdelikt an einer Kapuzinerin von St. Klara vorgeworfen. Die Anschuldigung kann mit einem stichfesten Alibi widerlegt werden. Trotz der Unterstützung durch den Bürgermeister sowie durch seine Mitbrüder verlässt Bruder Apollinaris Stans, um seinen Mitbrüdern weitere Schwierigkeiten zu ersparen.

Neuanfang mit 50 Jahren
Im Kapuzinerkloster von Luzern trifft er den Provinzial der Kapuziner der Bretagne. Die Ordensbrüder der Provinz Bretagne waren für verschiedene Niederlassungen im Libanon und in Syrien zuständig. Der Provinzial ermuntert ihn, in die Mission nach Syrien zu gehen. Bruder Apollinaris sieht das als eine Gelegenheit der Vorsehung und beschliesst, mit fast 50 Jahren ein neues Leben in einem fremden Land zu beginnen. Zunächst schickt ihn sein Provinzial nach Paris, um dort Syrisch, Türkisch und Arabisch für seinen Missionseinsatz zu lernen. Doch die Situation in Paris verschlechtert sich zunehmend und nach dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 überzog die Revolution ganz Frankreich. Sein Oberer bittet Bruder Apollinaris, sich als Vikar der Pfarrei Saint-Sulpice um die rund 5000 Deutschsprachigen in Paris zu kümmern. Im Februar 1790 löst die französische Nationalversammlung die Orden auf. In einem weiteren Schritt setzt sie das Konkordat mit dem Heiligen Stuhl ausser Kraft und verlangt von den Priestern, einen Eid auf die Zivilverfassung abzulegen. Im März 1791 verurteilt Pius VI. die Verfassung; jedem Priester, der sie akzeptiert, droht die Exkommunikation.

Wieder wird der Kapuziner Opfer eine Verleumdungskampagne: Er habe den Eid geleistet, wird seinen Oberen hinterbracht. Bruder Apollinaris reagiert sofort: In seiner Gegendarstellung schreibt er unter anderem: «Ich würde lieber tausendmal sterben, als den Anschein zu erwecken, den Eid auf die neue Verfassung geleistet zu haben.» Und in einer kleinen Abhandlung mit dem Titel «Le séducteur démasqué» erklärt er, dass Gehorsam gegenüber der Kirche gleichbedeutend sei mit Gehorsam gegenüber dem Heiligen Geist, der durch die Hierarchie spreche. «Wir müssen auf die Kirche hören und nicht auf das Pariser Rathaus. Es ist die ewige Weisheit, die uns gebietet!» Fortan lebt er im Untergrund und wirkt im Geheimen.

Im November 1791 dekretierte die Regierung, alle Priester, die den Eid nicht abgelegt hatten, als Staatsfeinde zu verhaften. Am 27. April 1792 schreibt der Kapuziner an Valentin Jann, Guardian von Altdorf. «Freut euch mit mir, preist mit mir den Herrn. Wir befinden uns inmitten unüberwindbarer Schwierigkeiten, doch wir geben nicht nach; wir sind erschöpft, doch wir verzweifeln nicht; wir werden verfolgt, doch nicht verlassen; geschlagen, doch nicht verloren. Weint daher nicht um mich. Ich bin der Weizen Christi. Es ist notwendig, dass ich von den Zähnen des wilden Tieres gemahlen werde, um reines Brot zu werden.»

«Als Mensch habe ich Angst, als Christ hoffe ich»
Beim Sturm der Tuilerien im August 1792 kommt es zum Massaker an der Schweizer Garde und danach zur Verhaftung zahlreicher nicht vereidigter Priester. In der Nacht vom 13. auf den 14. August wacht Bruder Apollinaire am Bett eines Sterbenden. Er wird von Revolutionären entdeckt, die ihn jedoch in Ruhe lassen. Nachdem der Mann gestorben ist, feiert er eine Heilige Messe, «um neue Kräfte zu schöpfen, um den Kampf der Märtyrer mutig zu führen», wie er in seinem letzten Brief schreibt.

Er macht sich keine Illusionen. Um die Menschen, die ihn verstecken, nicht zu gefährden, stellt er sich den Behörden. Er wird sofort verhaftet und zu den anderen rund 160 Priestern und Seminaristen in die ehemalige Karmeliterkirche gebracht, die zum Gefängnis umfunktioniert wurde. Gemäss dem Entscheid der Nationalversammlung sollen die Geistlichen ins Exil geschickt werden.

Bruder Apollinaris wird mit seiner Gelassenheit und Freude für viele ein Vorbild. Er bemüht sich, die niedrigsten Arbeiten zu übernehmen und sich für alle nützlich zu machen. Die meisten Gefangenen gehen zu ihm zur Beichte. Er spricht seinen Mitgefangenen Mut zu und betet viel. Am 31. August wird das Deportationsdekret erlassen. Doch von den Grenzen kommen schlechte Nachrichten; man befürchtet den Einmarsch der preussisch-österreichische Truppen in Paris. Es kommt – angeheizt durch Aufrufe des Justizministers und des Publizisten Jean Paul Marat – zu einer Massenhysterie. Ob die Behörden die folgenden Lynchmorde nicht verhindern wollten oder konnten, ist unklar.

Am Sonntag, dem 2. September 1792 begibt sich eine bewaffnete Gruppe ins Karmeliterkloster und beginnt augenblicklich mit einem Gemetzel an den Priestern, die man zuvor in den Garten geschickt hat. Einigen wenigen gelingt die Flucht. Die Ankunft des Kommissars der Sektion Luxemburg (einer Gruppe innerhalb der Revolutionäre) unterbricht das Massaker für einen Moment. Doch die überlebenden Priester und Seminaristen werden in Kurzverfahren zum Tod verurteilt und sofort hingerichtet, darunter Bruder Apollinaris Morel.[1]

Der Märtyrer hat wenige Monate zuvor an einen Mitbruder geschrieben: «Als Mensch habe ich Angst. Als Christ hoffe ich. Als Ordensmann freue ich mich. Als Hirte dieser fünftausend Seelen bin ich voller Jubel, denn ich habe den Eid gar nicht erst geleistet. In ihm, der uns stärkt, können wir alles tun. Alle meine Feinde, meine gegenwärtigen, vergangenen und zukünftigen Verfolger – ich umarme sie und gebe ihnen den Friedensgruss als meinen grössten Wohltätern […] Halleluja, Halleluja, Halleluja! Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Durchtränkt vom Blut so vieler Märtyrer wird Frankreich bald eine Wiederblüte der Religion auf seinem Boden erleben.»

Papst Pius XI. sprach Apollinaris Morel zusammen mit 190 weiteren Märtyrern am 17. Oktober 1926 selig.

Sein Gedenktag ist der 2. September. Im Kanton Freiburg ist es ein gebotener Gedenktag. Im übrigen Bistum Lausanne, Genf und Freiburg sowie in den Bistümern Basel, Chur und St. Gallen ist es ein nichtgebotener Gedenktag.

 

Quellen
https://www.capdox.capuchin.org.au/saints-blesseds/blessed-apollinaire-de-posat/
https://www.kapuzinerkirche.ch/files/Erinnerung-an-den-Stanser-Praefekten-Apollinaris-Morel.pdf

 


[1] Während der «Septembermassaker» werden insgesamt rund 1400 Menschen in Gefängnissen ermordet; Revolutionsgegner und solche, die dafür gehalten wurden.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

  • user
    Walter Müller 03.09.2026 um 14:23
    In der Kapelle "Notre-Dame de la Visitation" (Heimsuchung Mariens) in Posat, am Jakobsweg von Freiburg nach Romont über den Ufern der Glâne gelegen, ist ein 1935 entstandenes Wandbild dem Seligen gewidmet. Ein Abstecher zu dem kleinen Marienheiligtum mit seiner verehrten Marienstatue und dem Brunnen bei der Kapelle, der bei Augenleiden aufgesucht wird, lohnt den Umweg.