Verkündigung von Guido da Siena, um 1270, Princeton University Art Museum. (Bild: Public domain via Wikimedia Commons)

Neuevangelisierung

Ein Marien– und Her­ren­fest zugleich

Ist es nun ein Marien– oder Her­ren­fest: das heute Abend begin­nende Hoch­fest «Ver­kün­di­gung des Herrn» (Ann­un­tia­tio Domini), bis zur Lit­ur­gie­re­form «In Ann­un­tia­tione bea­tae Mariae vir­gi­nis» genannt? Im Grunde genom­men bei­des. Denn es ist das Ja Mari­ens, das die Mensch­wer­dung Got­tes erst ermöglicht.

Einzig der Evangelist Lukas berichtet über dieses Ereignis, das die Welt veränderte: Der Engel Gabriel verkündet Maria, dass sie durch den Heiligen Geist den Sohn Gottes gebären wird, dem sie den Namen Jesus geben soll. Gott wird ihm den Thron seines Vaters David geben und seine Herrschaft wird kein Ende haben. Maria stimmt dem Plan Gottes ohne Zögern zu: «Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast» (Lk 1,26–38).

Wie diese Empfängnis geschehen soll, erklärt der Engel nicht weiter – es geht nicht um das «Wie», sondern um das «Wozu»: Aus Liebe zu den Menschen wird Gott Mensch: Durch das Wirken des Heiligen Geistes hat Jesus Christus in der Jungfrau Maria Fleisch angenommen. Er ist der verheissene Messias, der der Welt das Heil bringen wird. Maria stellt sich ganz in den Dienst des Heilsplanes Gottes – mit Leib und Seele. Interessant der Gedanke des heiligen Augustinus, wonach der Glaube Marias der Empfängnis Christi vorausging: «Zunächst ereignet sich der Glaube im Herzen der Jungfrau, dann erst folgt die Befruchtung im Schoss der Mutter» (Sermones, 293,1).

«Gegrüsset seist du, Maria»
Bereits 383 bezeugte die spanische Pilgerin Egeria eine Grotte am Ort der Verkündigung in Nazareth; heute befindet sich darüber die Verkündigungsbasilika. Der Grotte vorgebaut war ein kleines Haus. Dieses wurde während der Belagerung von Akkon (1291) abgetragen und nach Loreto (Italien) gebracht, wo es wieder aufgebaut wurde.

Im Westen feierte die Kirche bereits im 5. Jahrhundert am Sonntag vor Weihnachten ein Gedächtnis der Verkündigung respektive der Menschwerdung; der Advent ist bis heute marianisch geprägt (Roratemessen). Erste Hinweise auf eine Feier am 25. März – neun Monate vor der Geburt des Herrn – stammen aus dem 7. Jahrhundert: Sie wird in einem Kanon des Konzils von Toledo (656) erwähnt und als «in der gesamten Kirche gefeiert» beschrieben. Sowohl die Bezeichnung «In Annuntiatione beatae Mariä virginis» als auch «In Annuntiatione Domini» sind überliefert. In der Römisch-katholischen Kirche galt die Verkündigung bis zur Liturgiereform als ein Marienfest. Seit 1970 wird es als Hochfest «Verkündigung des Herrn» gefeiert.

Die grosse Bedeutung der Verkündigung zeigt sich unter anderem darin, dass die Botschaft des Engels, d. h. seine ersten Worte, als Gebete weiterlebt («Gegrüssest seist du, Maria» resp. «Angelus»), aber auch in den zahlreichen Darstellungen.

Ins Bild gesetzter Glaube
Das älteste bekannte Fresko der Verkündigung befindet sich in den Priscilla-Katakomben in Rom. Es zeigt Maria auf einem Stuhl mit hoher Rückenlehne sitzend, der Engel zeigt mit dem Finger auf sie. Die gleiche Haltung nimmt Maria auf dem Mosaik in «Santa Maria Maggiore» ein. Die Basilika wurde nach dem Konzil von Ephesus (431) erbaut, auf dem die doppelte Natur Jesu – menschlich und göttlich – bekräftig worden war und damit auch Maria als Mutter Gottes. Wurde Maria bisher im Zusammenhang mit dem Leben Jesu dargestellt, entwickelten sich mit ihrer Dogmatisierung als Gottesmutter eigenständige Marienbildtypen.
 


Die Darstellung der Verkündigung Mariens verbreitete sich im Westen im Rahmen der Marienverehrung, die sich im 12. und vor allem im 13. Jahrhundert, zur Zeit der grossen gotischen Kathedralen, entwickelte. War in den ersten Jahrhunderten der Typus der sitzenden Maria vorherrschend, bevorzugt die Gotik eine stehende Madonna. Manchmal werden neben der Verkündigungsszene Propheten des Alten Testaments dargestellt, da diese die Menschwerdung Gottes vorhergesagt haben. Die Verkündigung ist im 13. Jahrhundert eine feierliche Szene – nur durch eine leichte Handbewegung wird Marias Ergriffenheit angesichts der Botschaft des Engels angedeutet. Die beiden werden zunehmend räumlich voneinander getrennt: Der Engel gehört in die himmlische Welt, Maria in die menschliche Welt. Eine Säule – vor allem wenn sie keine Stützfunktion hat – kann als Symbol für Christus stehen. Manchmal werden die beiden auch durch eine einzelne Lilie getrennt, Zeichen für die Reinheit Marias.

Durch die Reformation verschwand das Thema der Verkündigung in Nordeuropa vorübergehend. Das Konzil von Trient (1545–1563) förderte die Verehrung von Bildern, legte aber fest, dass nur noch Bilder, die der Lehre entsprechen, erlaubt sind – Darstellungen aus apokryphen Texten werden aufgegeben.

Die Darstellungen der Verkündigung nehmen einen majestätischen Charakter an; der Himmel tritt in den Raum, wo Maria betet. Oft wird nun Gabriel von anderen Engeln begleitet oder schwebt auf einer Wolke getragen hinab. Ab dem Barock werden Bilder der Verkündigung seltener, doch ist sie bis heute eine der in der Kunst am häufigsten dargestellten Szenen der Bibel.

Nüchtern, verklärt, drastisch
Die Darstellungen der Verkündigungsszene variieren. In manchen nimmt Maria gelassen die Botschaft des Engels entgegen, während der Heilige Geist als Taube dezent über dem Geschehen schwebt (so z. B. Dieric Bouts). Anders bei Tizian: Hier stürzt der Heilige Geist fast wie ein Komet vom Himmel herab – Maria ist entsprechend fassungslos.
 


Auf einigen Bildern wird Maria als die Magd des Herrn dargestellt, welche die Botschaft des Engels demütig entgegennimmt, in anderen als Herrscherin, der Huldigung erwiesen wird: Im ersten Fall entspricht die Abbildung der biblischen Erzählung, im zweiten Fall wird durch die Darstellung die Verehrung ausgedrückt, die wir Maria als Mutter Gottes entgegenbringen.

Die Verkündigungsszene ist in erster Linie die Darstellung der vom Engel verkündeten Botschaft und der Antworten Marias, wobei das «Ave Maria» des Engels oft in einem Spruchband steht. Die Antwort Marias hingegen drücken die Künstler normalerweise durch eine entsprechende Geste aus: Sie verschränkt ihre Armen vor der Brust und neigt demütig den Kopf. Die Worte Marias kommen im Einzelfall auch geschrieben vor. Interessant ist, dass sie z. B. bei der «Verkündigung» von Jan van Eyck (15. Jahrhundert) verkehrtherum geschrieben sind – als ob sie vom Himmel her gelesen werden müssten. Die Inkarnation selbst ist verbildlicht durch einen göttlichen Gnadenstrahl, häufig in Verbindung mit dem Heiligen Geist oder einer kleinen Darstellung des Christuskindes.
 


Das Thema der Verkündigung hat im Laufe der Geschichte viele Künstler inspiriert. Die Szene von Maria und dem Erzengel Gabriel wurde um weitere Engel oder Personen ergänzt, in Zusammenhang mit dem Alten Testament gestellt oder um theologische Deutungen ergänzt. So z. B. von Fra Angelico, der Adam und Eva, die aus dem irdischen Paradies vertrieben werden, im Hintergrund mehrerer seiner Verkündigungen darstellt und damit auf die Verbindung von Erbsünde und Erlösung durch Christus hinweist.

Es sind Versuche, dieses Geschehen zu verstehen und zu verkündigen. Wir wissen nicht, ob Maria durch den Engel überrascht oder gar zunächst verängstigt war. Ebenso wenig ist uns bekannt, ob sie dabei gerade in einem Buch las oder an einer Handarbeit sass. Entscheidend und im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegend ist ihre schlichte Antwort: «Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.» Durch ihr Ja ermöglichte sie die Menschwerdung Gottes und damit die Erlösung der Welt und das ewige Leben.

Aus Verehrung für dieses wunderbare Geschehen beugen wir am Hochfest der Verkündigung während des Glaubensbekenntnisses das Knie zu den Worten «hat Fleisch angenommen» resp. «empfangen durch den Heiligen Geist».
 

Papst Johannes Paul II. erklärte den 25. März zum Internationalen Tag des ungeborenen Kindes, um an die Empfängnis Jesu zu erinnern.

Als Dionysius Exiguus 525 einen Kalender einführte, legte er den Beginn des neuen Jahres auf den 25. März, da mit der Menschwerdung Christi die Zeit des Heils begann. In vielen christlichen Ländern wurde dies längere Zeit so gehandhabt; in England war der 25. März bis 1752 der Beginn des neuen Jahres.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

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Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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