Sr. Lorena Jenal mit einer geretteten Frau. (Bild: sr-lorena.ch)

Weltkirche

Eine Bal­deg­ger Schwes­ter bekämpft den Hexenwahn

In 46 Län­dern der Welt wer­den noch heute Men­schen als Hexen ver­folgt und getö­tet. Die Schwei­zer Bal­deg­ger Schwes­ter Lorena Jenal setzt sich in Papua-​Neuguinea erfolg­reich für Opfer des Hexen­wahns ein – in jüngs­ter Zeit wur­den es immer mehr.

Als Männer in einem Dorf im Hochland von Neuguinea eine angebliche Hexe foltern wollten, bot sich Schwester Lorena Jenal als Opfer an. «Ich habe ihnen gesagt: Meinen Körper könnt ihr töten, aber mein Geist wird euch jede Nacht wachhalten.» Eigentlich wollte sie nicht drohen, aber in dieser Situation habe sie sich nicht anders zu helfen gewusst. Die Gemeinschaft gab jene Frau frei, die sie als Hexe verfolgt hatte. «Seit drei Jahren ist in dem Dorf nichts mehr passiert», berichtet die Baldegger Schwester, die aus dem bündnerischen Samnaun stammt.

Überfordert von moderner Welt
Sr. Lorena lebt seit mehr als 40 Jahren in Papua-Neuguinea. Die 75-Jährige kümmert sich seit 2012 vor allem um die, die dort als Hexen verfolgt und gefoltert werden – überwiegend sind es Frauen, «starke Frauen», sagt die Ordensschwester. 352 Leben hat sie seitdem gerettet.

«Wenn jemand unerwartet stirbt oder ein Familienstreit ausbricht, kann das ein Grund sein, eine Frau als Hexe zu beschuldigen», erklärt die Expertin an einer Veranstaltung in Köln. «Sie sind Sündenböcke oder waren zur falschen Zeit am falschen Ort.»

Schwester Lorena zufolge hat es in den vergangenen Monaten eine regelrechte Gewaltwelle im Hochland Papua-Neuguineas gegeben. Allein seit Januar dieses Jahres sind 52 Menschen als Hexen gefoltert worden, erstmals darunter zehn Männer.

«Die Weltlage macht den Leuten Angst», sagt Sr. Lorena. Sie seien überfordert von den Verunsicherungen des modernen Lebens, mit denen auch abgeschieden lebende Gemeinschaften immer mehr konfrontiert werden würden. «Wir haben Alkohol und Drogen, viel zu wenig Bildung, und es gibt eine hohe Arbeitslosigkeit.» Auch der Klimawandel wirke sich aus: «In den letzten sechs Wochen gab es vier Überschwemmungen, die sonst vielleicht nur einmal in zwei Jahren vorkommen.»

Die Ordensschwester ist überzeugt, dass der Hexenwahn in dieser Form eine neue Erscheinung ist. 2012 erlebte sie ihren ersten Fall.

«Vorher gab es das nicht, meine ich. Es hat viel mit den Handys zu tun, mit Gewaltfilmen und Pornografie.» Denn jeder gefolterten Frau werde sexuelle Gewalt vor hunderten Schaulustigen angetan – mit glühenden Buschmessern werde sie an den Brüsten und der Vulva verletzt. «Manche Frauen brauchen Hauttransplantationen.» Sie sind geschunden an Körper und an Seele. «Wir konnten 352 retten. Aber vielleicht sind doppelt so viele gestorben, wir wissen es nicht.»

Unterstützung auch durch Männer
Vor vier Jahren hat Sr. Lorena Jenal in einem Schutzgebiet, das seit jeher von den Gemeinschaften Papua-Neuguineas als solches respektiert wird, ein «house of hope» gegründet. Das Haus soll den Opfern einen Rückzugsort bieten; hier werden die Frauen medizinisch und seelsorgerisch versorgt. «Wir wollen den Frauen ihre Würde, ihre Rechte und ihre Einmaligkeit zurückgeben», sagt die Ordensschwester.

Ärzte und psychologische Betreuer gehören zum Team vom «house of hope», aber auch frühere Betroffene sind inzwischen Mitarbeiterinnen. «Vor sechs Jahren wurde eine von ihnen so schlimm gefoltert, dass wir nicht wussten, ob sie überleben wird. Sie ist jetzt eine unserer Besten», berichtet Sr. Lorena.

Die Schwester hat sich in die Menschen vom südlichen Hochland in Papua-Neuguinea verliebt, wie sie sagt. Nichts kann sie davon abbringen, sich weiter für den Schutz der Verfolgten dort zu engagieren. Dabei setzt sie immer wieder ihr eigenes Leben aufs Spiel. «Mir wurden schon Steine nachgeworfen und Messer an den Hals gehalten», berichtet die 75-Jährige. Sie habe aber auch eine «grosse Auswahl vertrauter Männer», die sie unterstützen, darunter etwa ein Polizist, dem sie einmal geholfen habe.

Die meisten als Hexen verfolgten Frauen seien nicht länger als zwei bis drei Monate im Schutzhaus, bevor sie in ihr Dorf zurückkehrten – manche aber auch bis zu einem Jahr. «Wir müssen sicher sein, dass ihnen nichts mehr passiert», erklärt Sr. Lorena. Dafür sprechen sie und ihre Unterstützer mit dem Dorfgericht und anderen Menschen aus der Gemeinschaft, sie bereiten den Weg für die Rückkehr. Keiner der Täter sei bisher verurteilt worden, berichtet die Baldegger Schwester.

Sr. Lorena hofft, dass nach der Gewaltwelle nun eine Zeit der Entspannung kommen wird. Die vergangenen Monate haben sie erschüttert. Sie setzt ausserdem darauf, dass ihre Aufklärungsarbeit in den Schulen vor Ort hilft. «Ich möchte weitermachen, solange ich kann», sagt sie bestimmt. Ein Leben im Kloster, das kommt für die Ordensfrau von der Gemeinschaft der Baldegger Franziskanerinnen nicht mehr in Frage. Auch wenn sie zwischendurch in der Schweiz neue Kraft für ihre Arbeit tanken muss. Ab Ende September ist sie wieder zurück im Hochland, bei den Menschen, denen sie ihr Leben verschrieben hat.
 

Informationen über die Arbeit von Sr. Lorena Jenal in Papua-Neuguinea und Spendenmöglichkeiten finden sich hier


KNA/Redaktion


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Bemerkungen :

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    Hansjörg 29.09.2025 um 13:06
    Schwester Lorena ist eine sehr mutige Frau und trägt sicher viel zur Aufklärung der Einwohner in ihrer Umgebung bei. Dafür sei ihr von Herzen gedankt.
    Noch nicht klar ist mir der Unterschied von Glauben an Hexen in Afrika, und Glauben an den Satan in unserer Gesellschaft, mit der daraus folgenden Ausbildung von Exorzisten.
    • user
      Athanasius Abplanalp 30.09.2025 um 09:49
      Statt hier rumzujammern, dass Ihnen das nicht klar ist, könnten Sie sich einfach mal informieren.
      Zur ersten Information über den Befreiungsdienst:
      https://www.fatherspeaks.net/exorcism_de.htm
      Und wenn Sie den Unterschied nicht kennen, wenden Sie sich an Ihren Pfarrer, er wird ihn Ihnen gern erklären.
    • user
      Daniel Ric 01.10.2025 um 08:22
      Lieber Hansjörg, im Mittelalter gab es keinen Hexenwahn, da aus der christlichen Theologie heraus das Böse ein Mangel an Gutem war und daher die Vorstellung, dass Menschen Hexen sein könnten, Humbug darstellte. Erst die Neuzeit und vor allem der Einfluss des Protestantismus entfesselten den Hexenwahn und generell das Schwarz-Weiss-Denken, deren Opfer bis heute auch Menschen wie Sie sind, die sich als säkular geben. Wenn wir Katholiken sagen, dass wir an die Existenz des Teufels glauben, so stellen wir ihn nicht auf eine Stufe mit Gott, sondern wissen, dass Gott allmächtig ist und dem Bösen nur begrenzt Macht lässt, da wir als Wesen einen freien Willen haben.
      Was den Exorzismus anbelangt, so wird dieser nur durchgeführt, wenn alle medizinischen und psychologischen Ursachen ausgeschlossen werden.
      • user
        Hansjörg 01.10.2025 um 13:59
        Wenn Gott ja allmächtig ist, könnte er ja das Böse nicht nur einschränken, sondern ganz aus dem Leben der Menschen verbannen.
        Mit Sicht auf all die aktuellen Kriege wäre das noch eine hilfreiche Aktion.
        • user
          Daniel Ric 02.10.2025 um 07:32
          Wenn aber, wie Sie glauben, Gott nicht existiert, dann liegt doch die Alleinmacht beim Menschen. Weshalb schafft der Mensch dann nicht Kriege ab? Der Mensch kann sich ja nicht auf einen gefallen Engel berufen, der ihn zur Sünde verführt.
          Aus katholischer Sicht hat der Mensch einen freien Willen. Die Konsequenz, das Böse vollkommen aus der Welt zu verbannen, wäre die Degradierung des Menschen zu einer reinen Maschine, der jeder Wille fehlt.
      • user
        Meier Pirmin 03.10.2025 um 14:07
        In der Zentralschweiz begannen die Hexenverfolgungen im Kanton Uri nun mal im 15. Jahrhundert, im Zusammenhang mit der Suche nach Schuldigen bei meteorologischen Unglücken, das hat Pater Iso Müller OSB (Disentis) vor Jahrzehnten sehr genau dargetan. Unter Zwingli gab es in Zürich drei hingerichtete Täufer, aber keine Hexenprozesse, in Basel ebenfalls nur minimal, eine Katastrophe war natürlich, als mal ein Hahn ein Ei gelegt gaben soll. Unter Calvin gab es mal Hexenprozesse bei einer Gesundheitspanik, vergleichbar mit der Covid-19-Panik, auch das einigermassen erklärbar. Der am gründlichsten erforschte lutherische Hexenprozess war indes derjenige gegen Keplers Mutter, habe die vielhundertseitigen Akten darüber in Indien nachdrucken lassen. Immerhin hat Kepler in mehr als zweijährigen Bemühungen seine über 70jährige Mutter noch frei verteidigt, zur Wut der Richter, die dies tatsächlich dem Prestige des kaiserlichen Astronomen und Astrologen zuschrieben. Ein von mir recherchierter Hexenprozess in Obwalden betraf zwei Nachkomminnen von Bruder Klaus, Katharina und Margarethe von Flüe, die vergiftetes Speiseöl verkauften, gegen das vorzugehen noch kein Kantonschemiker zur Verfügung stand. Die einzige Möglichkeit war damals der Hexenprozess, erstaunlich, dass selbst der angesehene Name von Flüe die beiden Frauen nicht vor der Hinrichtung bewahren konnte. Zu den schlimmsten Auswüchsen des Hexenwahns in der Schweiz gehören die Massenverfolgungen im Wallis, u.a. erforscht von der heute vielleicht besten lebenden Historikerin der der Schweiz, Kathrin Utz Tremp und in Giswil, wo mein frühverstorbener Kollege Hanspeter Niederberger (1951 - 2000) die Sache sehr genau dargestellt hat. Leider gab es in Obwalden (Alpnach) schon zu Lebzeiten von Bruder Klaus eine Hexenhinrichtung. Über alles gesehen neige ich dazu, seit Covid 19 die Hexenprozesse zwar nicht zu relativieren, aber zumal den geistigen Fortschritt seither nicht länger zu überschätzen. Als bleibende Errungenschaft der Hexenprozesse bleibt wohl die Durchsetzung von Vorstellungen betr. straf- und busswürdige menschliche Verantwortung für meteorologische Ereignisse im Zusammenhang mit Wetter und Klima. Es handelt sich insgesamt um ein oft massenpsychologisches Phänomen. Notabene der bedeutendste Hexenprozess der Weltgeschichte war und bleibt derjenige gegen Jeanne d'Arc, in den nun mal katholische Prälaten und Theologen massgeblich involviert waren. Das Opfer dieses Prozesses käme freilich beim heutigen Mainstream nicht gerade gut weg, wäre mindestens so umstritten wenn nicht umstrittener als Charlie Kirk, dessen Religiosität nachweisbar wohl mehr Anstoss erregt als der zweifelsfrei wie bei Jeanne ebenfalls vorhandene politische Fanatismus. Ich glaube eher nicht, dass der gegenwärtige Papst Jeanne heiligsprechen würde. Noch interessant das Buch des reformierten Theologen und Historikers Oscar Pfister "Calvins Eingreifen in die Hexenprozesse 1545" von 1947 im Rahmen einer polemischen Auseinandersetzung mit der theologischen Rehabilitierung von Calvin durch Theologen aus der Generation von Karl Barth und Emil Brunner. Es bleibt dabei, dass der Genfer Oppositionelle Sebastian Castellio, später im Basler Exil, ausserdem der Jesuit Friedrich von Spe sowie die reformierten Paracelsus-Schüler Johannes Oporinus, ehem. Lehrer in St. Urban, und der Niederländer Johannes Wyerus zu den bedeutendsten frühen Kritikern der Hexenprozesse gehörten. Von Spe leugnete indes weder die Existenz des Teufels noch die Möglichkeit von Teufelsbünden und Hexerei, kritisierte aber radikal die Wahrheitsfindung durch Folter und war von der Unschuld der meisten Fälle überzeugt. Der Prozess gegen Anna Göldi schliesslich war, wie Frau Utz Tremp vor Jahresfrist in einer 80seitigen Dokumentation dargetan hat, streng urkundlich gesehen nie ein Hexenprozess, Das Wort "Hexe" kommt in den Akten gerade dreimal vor, klar am Rande, etwa als (jenseits von Folter) die zweifelsohne unschuldige Anna bei der Selbstverteidigung, als es zumal darum ging, den "Lieferanten" der vom Kind ausgespeiten Metallstücklein aus der Schusslinie der Anklage zu halten, den Schlosser Steinmüller, und sie dummerweise sagte, "es werde wohl eine Hexe im Kamin oben" gewesen sein usw. Der Begriff "Hexenprozess" war vor allem Gegenstand auswärtiger Polemik um einen in der Tat fragwürdigen Prozess um eine Magd mit einem leider nicht ganz unbegründetem miserablen Ruf im Zusammenhang mit ihrem Sexualverhalten. Interessant ist freilich nach dem Nachweis von Frau Utz Tremp, dass beim Prozess gegen Anna Göldi in Glarus Richter aus dem katholischen Kantonsteil ausdrücklich ausgeschlossen waren, die Katholiken also für diesen Skandalprozess nicht mit haftbar gemacht werden können. K. Utz Tremp: Anna Göldi und Rudolf Steinmüller - Die letzte "Hexe" und ihr "Komplize". Europäische Rechts- und Regionalgeschichte Bd. 26, Nomos-Verlag 2023.
        • user
          Redaktion 05.10.2025 um 07:24
          Pirmin Meiers Beitrag ist (wie fast immer) sachkundig und informativ.

          Und (wie fast immer) auch ausschweifend. Eine «Kleinigkeit» ging dabei trotzdem unter: Der letzte Massen-Hexenprozess in der Schweiz fand im Zwinglikanton statt, genauerhin im Zürcher Unterland (Wasterkingen). Für sieben Frauen und einen Mann endete der Prozess mit dem Tod.

          Regierungsrat Markus Noter und der reformierte Kirchenratspräsident Ruedi Reich bezeichneten den Hexenprozess an einer Gedenkveranstaltung im Jahre 2001 als Justizmord. Der ehemalige Kantonsarchivar Otto Sigg kommt aufgrund seiner historischen Forschungen zum Schluss, dass im Zwinglikanton zwischen 1487 und 1701 insgesamt 80 Frauen und vier Männer als Hexen bzw. Hexer hingerichtet wurden.
          Niklaus Herzog, Redaktionsleiter