Als Männer in einem Dorf im Hochland von Neuguinea eine angebliche Hexe foltern wollten, bot sich Schwester Lorena Jenal als Opfer an. «Ich habe ihnen gesagt: Meinen Körper könnt ihr töten, aber mein Geist wird euch jede Nacht wachhalten.» Eigentlich wollte sie nicht drohen, aber in dieser Situation habe sie sich nicht anders zu helfen gewusst. Die Gemeinschaft gab jene Frau frei, die sie als Hexe verfolgt hatte. «Seit drei Jahren ist in dem Dorf nichts mehr passiert», berichtet die Baldegger Schwester, die aus dem bündnerischen Samnaun stammt.
Überfordert von moderner Welt
Sr. Lorena lebt seit mehr als 40 Jahren in Papua-Neuguinea. Die 75-Jährige kümmert sich seit 2012 vor allem um die, die dort als Hexen verfolgt und gefoltert werden – überwiegend sind es Frauen, «starke Frauen», sagt die Ordensschwester. 352 Leben hat sie seitdem gerettet.
«Wenn jemand unerwartet stirbt oder ein Familienstreit ausbricht, kann das ein Grund sein, eine Frau als Hexe zu beschuldigen», erklärt die Expertin an einer Veranstaltung in Köln. «Sie sind Sündenböcke oder waren zur falschen Zeit am falschen Ort.»
Schwester Lorena zufolge hat es in den vergangenen Monaten eine regelrechte Gewaltwelle im Hochland Papua-Neuguineas gegeben. Allein seit Januar dieses Jahres sind 52 Menschen als Hexen gefoltert worden, erstmals darunter zehn Männer.
«Die Weltlage macht den Leuten Angst», sagt Sr. Lorena. Sie seien überfordert von den Verunsicherungen des modernen Lebens, mit denen auch abgeschieden lebende Gemeinschaften immer mehr konfrontiert werden würden. «Wir haben Alkohol und Drogen, viel zu wenig Bildung, und es gibt eine hohe Arbeitslosigkeit.» Auch der Klimawandel wirke sich aus: «In den letzten sechs Wochen gab es vier Überschwemmungen, die sonst vielleicht nur einmal in zwei Jahren vorkommen.»
Die Ordensschwester ist überzeugt, dass der Hexenwahn in dieser Form eine neue Erscheinung ist. 2012 erlebte sie ihren ersten Fall.
«Vorher gab es das nicht, meine ich. Es hat viel mit den Handys zu tun, mit Gewaltfilmen und Pornografie.» Denn jeder gefolterten Frau werde sexuelle Gewalt vor hunderten Schaulustigen angetan – mit glühenden Buschmessern werde sie an den Brüsten und der Vulva verletzt. «Manche Frauen brauchen Hauttransplantationen.» Sie sind geschunden an Körper und an Seele. «Wir konnten 352 retten. Aber vielleicht sind doppelt so viele gestorben, wir wissen es nicht.»
Unterstützung auch durch Männer
Vor vier Jahren hat Sr. Lorena Jenal in einem Schutzgebiet, das seit jeher von den Gemeinschaften Papua-Neuguineas als solches respektiert wird, ein «house of hope» gegründet. Das Haus soll den Opfern einen Rückzugsort bieten; hier werden die Frauen medizinisch und seelsorgerisch versorgt. «Wir wollen den Frauen ihre Würde, ihre Rechte und ihre Einmaligkeit zurückgeben», sagt die Ordensschwester.
Ärzte und psychologische Betreuer gehören zum Team vom «house of hope», aber auch frühere Betroffene sind inzwischen Mitarbeiterinnen. «Vor sechs Jahren wurde eine von ihnen so schlimm gefoltert, dass wir nicht wussten, ob sie überleben wird. Sie ist jetzt eine unserer Besten», berichtet Sr. Lorena.
Die Schwester hat sich in die Menschen vom südlichen Hochland in Papua-Neuguinea verliebt, wie sie sagt. Nichts kann sie davon abbringen, sich weiter für den Schutz der Verfolgten dort zu engagieren. Dabei setzt sie immer wieder ihr eigenes Leben aufs Spiel. «Mir wurden schon Steine nachgeworfen und Messer an den Hals gehalten», berichtet die 75-Jährige. Sie habe aber auch eine «grosse Auswahl vertrauter Männer», die sie unterstützen, darunter etwa ein Polizist, dem sie einmal geholfen habe.
Die meisten als Hexen verfolgten Frauen seien nicht länger als zwei bis drei Monate im Schutzhaus, bevor sie in ihr Dorf zurückkehrten – manche aber auch bis zu einem Jahr. «Wir müssen sicher sein, dass ihnen nichts mehr passiert», erklärt Sr. Lorena. Dafür sprechen sie und ihre Unterstützer mit dem Dorfgericht und anderen Menschen aus der Gemeinschaft, sie bereiten den Weg für die Rückkehr. Keiner der Täter sei bisher verurteilt worden, berichtet die Baldegger Schwester.
Sr. Lorena hofft, dass nach der Gewaltwelle nun eine Zeit der Entspannung kommen wird. Die vergangenen Monate haben sie erschüttert. Sie setzt ausserdem darauf, dass ihre Aufklärungsarbeit in den Schulen vor Ort hilft. «Ich möchte weitermachen, solange ich kann», sagt sie bestimmt. Ein Leben im Kloster, das kommt für die Ordensfrau von der Gemeinschaft der Baldegger Franziskanerinnen nicht mehr in Frage. Auch wenn sie zwischendurch in der Schweiz neue Kraft für ihre Arbeit tanken muss. Ab Ende September ist sie wieder zurück im Hochland, bei den Menschen, denen sie ihr Leben verschrieben hat.
Informationen über die Arbeit von Sr. Lorena Jenal in Papua-Neuguinea und Spendenmöglichkeiten finden sich hier
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Noch nicht klar ist mir der Unterschied von Glauben an Hexen in Afrika, und Glauben an den Satan in unserer Gesellschaft, mit der daraus folgenden Ausbildung von Exorzisten.
Zur ersten Information über den Befreiungsdienst:
https://www.fatherspeaks.net/exorcism_de.htm
Und wenn Sie den Unterschied nicht kennen, wenden Sie sich an Ihren Pfarrer, er wird ihn Ihnen gern erklären.
Was den Exorzismus anbelangt, so wird dieser nur durchgeführt, wenn alle medizinischen und psychologischen Ursachen ausgeschlossen werden.
Mit Sicht auf all die aktuellen Kriege wäre das noch eine hilfreiche Aktion.
Aus katholischer Sicht hat der Mensch einen freien Willen. Die Konsequenz, das Böse vollkommen aus der Welt zu verbannen, wäre die Degradierung des Menschen zu einer reinen Maschine, der jeder Wille fehlt.
Und (wie fast immer) auch ausschweifend. Eine «Kleinigkeit» ging dabei trotzdem unter: Der letzte Massen-Hexenprozess in der Schweiz fand im Zwinglikanton statt, genauerhin im Zürcher Unterland (Wasterkingen). Für sieben Frauen und einen Mann endete der Prozess mit dem Tod.
Regierungsrat Markus Noter und der reformierte Kirchenratspräsident Ruedi Reich bezeichneten den Hexenprozess an einer Gedenkveranstaltung im Jahre 2001 als Justizmord. Der ehemalige Kantonsarchivar Otto Sigg kommt aufgrund seiner historischen Forschungen zum Schluss, dass im Zwinglikanton zwischen 1487 und 1701 insgesamt 80 Frauen und vier Männer als Hexen bzw. Hexer hingerichtet wurden.
Niklaus Herzog, Redaktionsleiter