Fronleichnam in Wädenswil ZH. (Bild: Moni Abellás)

Neuevangelisierung

Eine sicht­bare Demons­tra­tion des Glaubens

Das «Hoch­fest des Lei­bes und Blu­tes Christi» (umgangs­sprach­lich «Fron­leich­nam» oder «Herr­gotts­tag») wurde 1264 durch Papst Urban IV. welt­weit ein­ge­führt. Es ver­deut­licht das Geheim­nis des Grün­don­ners­tags, setzt aber seine eige­nen Akzente.

Das «Hochfest des Leibes und Blutes Christi» wird jeweils am zweiten Donnerstag nach Pfingsten gefeiert. Dieser Wochentag wurde gewählt, da sich das Hochfest auf den «Hohen Donnerstag» (oder «Gründonnerstag») als Tag der Einsetzung der Eucharistie bezieht. Dies wird besonders im umgangssprachlichen Ausdruck «Fronleichnam» deutlich: Das mittelhochdeutsche vrône bedeutet «Herr», lîcham bedeutet «lebendiger Leib», also der lebendige Leib des Herrn.

Gegen die Irrlehren, für die Wahrheit
Das Hochfest kann nicht direkt aus der Bibel abgeleitet werden. Es hat seinen Grund in der anbetenden Verehrung des im Sakrament gegenwärtigen Herrn. Im Mittelalter war es nicht üblich, die Kommunion häufig zu empfangen, umso wichtiger wurde die Anschauung und damit die Verehrung des Leibes Christi. Diese Frömmigkeit wurde besonders von Frauen in Brabant, Flandern und Wallonien (Gebiete des heutigen Belgien) gelebt. Sie war auch eine Antwort auf die eucharistischen Irrlehren dieser Zeit, z. B. der Kartharer.

Durch Visionen der heiligen Juliana von Lüttich angeregt, führte der Bischof von Lüttich 1246 für die Diözese ein eigenes Fest ein. In einer Vision hatte die heilige Juliana eine Mondscheibe gesehen, die am Rand einen dunklen Fleck aufwies. Christus deutete ihr das Bild so, dass der Mond das Kirchenjahr darstelle, der dunkle Fleck auf ein fehlendes Fest zur Verehrung der Eucharistie hinweise.

Der Lütticher Archidiakon Jakob Pantaleon kannte dieses Fest, als er 1261 zum Papst gewählt wurde. Als Urban IV. schrieb er 1264 mit der Bulle «Transiturus de hoc mundo» das Fest – damals noch mit einer entsprechenden Oktav[1] – für die ganze Kirche verbindlich vor. Er legte dafür eine dreifache Begründung vor: Widerlegung der Irrlehrer, Wiedergutmachung mangelnder Ehrfurcht gegenüber dem Altarsakrament und dankbare Erinnerung an die Einsetzung der Eucharistie. Als liturgische Farbe wurde zunächst vorwiegend Rot gewählt, seit dem «Missale Romanum» (1570) gilt Weiss.

Das Fest hatte zuerst vor allem bei den von der Eucharistiefrömmigkeit geprägten Orden wie Prämonstratenser, Zisterzienser oder Dominikaner grosse Bedeutung. Er später – vor allem durch das Aufkommen der Fronleichnamsprozession – erfolgte eine weltweite Rezeption des Festes.

Eine Demonstration, aber nicht «gegen», sondern «für»
Die Fronleichnamsprozession gehörte ursprünglich nicht zum Fest. Vermutlich in Anknüpfung an die Begleitung beim Versehgang und der Übertragung des Leibes Christi in das sogenannte Heilige Grab nach dem Gottesdienst am Gründonnerstag entstand der Brauch, das Allerheiligste Altarsakrament als «segenbringendes Heiltum»[2] herumzutragen – zunächst in einer Pyxis, einer kleinen Dose zur Aufbewahrung der konsekrierten Hostie, später dann für alle sichtbar in einer Monstranz.
 

 


Die Prozessionen wurden immer festlicher gestaltet. Es kamen Sängergruppen oder Instrumentalmusik dazu, Fahnen und der Traghimmel über dem Allerheiligsten, der sogenannte Baldachin. An manchen Orten fuhren Schauwagen oder sogenannte lebende Bilder mit, die oft die ganze Heilsgeschichte darstellten. In der Barockzeit kam die Tradition auf, Blumen auf den Weg zu streuen. Auch heute noch werden an manchen Orten Bilder mit religiösen Motiven aus Blumen gelegt.

War die Prozession zunächst ein Umgang mit einem abschliessenden sakramentalen Segen, übernahmen die Menschen im 15. Jahrhundert die vier Station von den Bittgängen (oder Flurumgängen). An den Stationsaltären wurde der sakramentale Segen in alle vier Himmelsrichtungen gespendet und auf diese Weise Christus in die Welt hinausgetragen.

Die Prozession kann für Aussenstehende wie eine Demonstration wirken. Dies wurde in bestimmten Zeiten der Geschichte auch bewusst so gehandhabt: Während und nach der Reformation wurde die Fronleichnamsprozession als eine bewusste Demonstration des (richtigen) katholischen Glaubens begangen, weshalb Martin Luther den Fronleichnam als das «allerschädlichste Jahresfest» bezeichnete. Während der Zeit des Nationalsozialismus war die Fronleichnamsprozession vielerorts ein Zeichen des passiven politischen Widerstands.

Der eigentliche Sinn der Prozession liegt aber in der Verehrung des Allerheiligsten Altarsakraments. In der Eucharistiefeier, die der Prozession vorausgeht, heisst es im Tagesgebet:

«Herr Jesus Christus, im wunderbaren Sakrament des Altares hast du uns das Gedächtnis deines Leidens und deiner Auferstehung hinterlassen. Gib uns die Gnade, die heiligen Geheimnisse deines Leibes und Blutes so zu verehren, dass uns die Frucht der Erlösung zuteil wird.»

Das Letzte Abendmahl, auf das sich das Fronleichnamsfest bezieht, ist keine Sache der Vergangenheit, sondern wird in jeder Eucharistiefeier gegenwärtig. Durch die Kommunion haben die Gläubigen Anteil an Christi Tod und seiner Auferstehung und werden gleichzeitig auch als Kirche untereinander verbunden. Durch seinen Tod und Auferstehung hat Jesus Christus unsere Erlösung erwirkt und uns das Glück des ewigen Lebens eröffnet.

In der Sequenz «Lauda Sion Salvatorem», die vor dem Evangelium gesungen wird, wird dieses Geheimnis wie folgt ausgedrückt:

«Lobt und preist, singt Freudenlieder;
festlich kehrt der Tag uns wieder,
jener Tag von Brot und Wein,
da der Herr zu Tisch geladen
und dies heilge Mahl der Gnaden
setzte zum Gedächtnis ein.
Was bei jenem Mahl geschehen
sollen heute wir begehen
und verkünden seinen Tod.»

Die Prozession ist auch ein Sinnbild für das pilgernde Gottesvolk, das in ihrer Mitte Jesus Christus, das wahre Brot des Lebens, mit sich trägt. So ist jede eucharistische Prozession auch ein Glaubensbekenntnis: Die Menschen zeigen, was ihnen wichtig ist, woran sie glauben. Sie geben in ihrem Mitgehen Zeugnis für den Glauben an die reale Gegenwart Jesu Christi im Allerheiligsten Sakrament des Altares: Grund, Gnadenmittel und Ziel unserer Hoffnung.

Sequenz
Lobe, Zion, deinen Hirten;
dem Erlöser der Verirrten
stimme Dank und Jubel an.
Lass dein Lob zum Himmel dringen;
ihn zu rühmen, ihm zu singen,
hat kein Mensch genug getan.

Er ist uns im Brot gegeben,
Brot, das lebt und spendet Leben,
Brot, das Ewigkeit verheißt,

Brot, mit dem der Herr im Saale
dort beim österlichen Mahle
die zwölf Jünger hat gespeist.

Lobt und preist, singt Freudenlieder;
festlich kehrt der Tag uns wieder,
jener Tag von Brot und Wein,
da der Herr zu Tisch geladen
und dies heilge Mahl der Gnaden
setzte zum Gedächtnis ein.

Was bei jenem Mahl geschehen
sollen heute wir begehen
und verkünden seinen Tod.
Wie der Herr uns aufgetragen,
weihen wir, Gott Dank zu sagen,
nun zum Opfer Wein und Brot.

Seht das Brot, der Engel Speise,
Brot auf unsrer Pilgerreise,
das den Hunger wahrhaft stillt.
Abrams Opfer hats gedeutet,
war im Manna vorbereitet,
fand im Osterlamm sein Bild.

Guter Hirt, du Brot des Lebens,
wer dir traut, hofft nicht vergebens,
geht getrost durch diese Zeit.

Die du hier zu Tisch geladen,
ruf auch dort zum Mahl der Gnaden
in des Vaters Herrlichkeit.

«Lauda Sion Salvatore» von Thomas von Aquin, übertragen von Maria Luise Thurmair.

 


[1] Die Oktav entfiel 1955.
[2] Andreas Heinz, Art. Fronleichnam. II. Prozession, LTHK3 4 (1995) 173.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

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Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin und arbeitete für die Schweizerische Kirchenzeitung SKZ.


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