Aktuell gehören 39 Mönche zur Benediktinerabtei Einsiedeln. «Manche Mitbrüder werden etwas unruhig, weil wir ‹nur noch› so wenige sind, doch wenn wir in die Geschichte schauen, relativiert sich die Zahl», erklärt Pater Thomas Fässler, einer der beiden Historiker des Klosters. Er zeigt auf eine Grafik, die am Beginn der Ausstellung «1526 konkret erfahrbar» steht. Erst Mitte des 17. Jahrhunderts gab es erstmals 39 Mönche; in den ersten 700 Jahren waren es bedeutend weniger. Einen Tiefpunkt erreichte das Kloster im Jahr 1526, doch eigentlich begann der Niedergang schon viel früher.
Fehlende Weitsicht
Für die Benediktinerabtei Einsiedeln galt im Mittelalter das sogenannte Adelsprivileg, das heisst, nur Adelige durften hier eintreten. Wollte jemand aufgenommen werden, musste ein Notar seine adelige Herkunft bestätigen. «Das macht den Pool von möglichen Kandidaten recht klein», erklärt Pater Thomas. «Die Bedrohung des Weiterbestands des Klosters kam nicht über Nacht.» Während der vorgehenden etwa 100 Jahre bestand die Gemeinschaft lediglich aus drei bis sechs Mönchen. Es war also absehbar, dass die Gemeinschaft kontinuierlich kleiner wird. Doch anstatt das Adelsprivileg abzuschaffen, liessen es sich die Mönche 1463 von Papst Pius II. bestätigen. «Das Kloster St. Gallen hatte auch ein Adelsprivileg, aber die Mönche gaben es genau in dieser Zeit auf und das Kloster blühte auf.»
Die Einsiedler Mönche wollten auch im Kloster einen gewissen Lebensstandard beibehalten. Manuelle Arbeit kam für sie nicht infrage, dafür hatten sie Angestellte. Sie erhielten Pfründe, deren Erträge sie für sich verwenden durften. Das erklärt auch bis zu einem gewissen Grad, warum sie gar keine grössere Mönchsgemeinschaft wollten: Je mehr Mönche, desto weniger Einkommen für den einzelnen.
Im nächsten Schaukasten sind eine Benediktsregel und eine Vita des heiligen Benedikt ausgestellt. «Wir möchten damit auf den Kontrast zwischen dem Leben in Einsiedeln und den Vorgaben des heiligen Benedikt hinweisen», erklärt Pater Thomas. Die Benediktsregel besagt, dass der Abt keinen Unterschied machen darf zwischen einem freien Menschen und einem Sklaven. «Der heilige Benedikt selbst hat Sklaven in die Gemeinschaft aufgenommen, das wissen wir aus seiner Vita. Das Adelsprivileg verstiess klar gegen die Benediktsregel.»
Parallel zur Abnahme der Anzahl Mönche kam es zu einem starken Zuwachs an Pilgern. Einsiedeln war unter anderem deshalb ein beliebter Wallfahrtsort, weil man hier Ablässe erhalten konnte, besonders im Zusammenhang mit der Engelweihe. Die Überlieferung besagt, dass die erste Klosterkirche von Christus selbst geweiht wurde. Das hat sich das Kloster immer wieder offiziell bestätigen lassen. «Im Sinne von: Die Historizität steht auf wackligen Füssen, aber wenn das heute ein Papst glaubt, dann wird es sicher stimmen», erzählt Pater Thomas mit einem Augenzwinkern. So liess man sich von Päpsten immer wieder bestätigen, dass es die Engelweihe gegeben hat und dass damit besondere Privilegien (Ablass) verbunden sind. In der Ausstellung findet sich eine entsprechende Bestätigung durch Julius II., jenen Papst, der die Schweizergarde gegründet hat. Die Urkunde ist noch mit dem Originalsiegel erhalten. Als Besucher staunt man immer wieder, welche Dokumente und andere Schätze das Kloster aufbewahrt hat.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Heute hingegen hört man solche Töne kaum noch. Stattdessen wird oft einseitig die Barmherzigkeit Gottes betont, sodass leicht der Eindruck entsteht, letztlich kämen ohnehin alle in den Himmel. Doch wenn der Anspruch an Umkehr, Opfer und Heiligkeit kaum mehr vorkommt, stellt sich für viele junge Menschen die Frage, warum sie ein anspruchsvolles Ordensleben wählen sollten. Ich schreibe das nicht nur theoretisch. Im Jahr 2003 war ich selbst als 31-jähriger Gast in Einsiedeln und habe ernsthaft darüber nachgedacht, Mönch zu werden. Der Funke – man könnte sagen das feu sacré – ist jedoch nicht übergesprungen. Rückblickend muss ich sagen: Es lag auch daran, dass sich der zuständige Gastpater keinen Deut um mich gekümmert hat. Das bedaure ich heute. Denn eigentlich wäre ich wohl der Typ für ein solches Leben gewesen. Umso mehr erscheint mir die heutige Berufungspastoral als etwas sehr Sinnvolles und Notwendiges – vorausgesetzt, sie wird wirklich persönlich, klar und geistlich geführt.
Ein Blick in die Geschichte mahnt zusätzlich: 1526 war der Niedergang auch Folge von Bequemlichkeit und geistlicher Schwächung. Heute zeigt sich eine ähnliche Gefahr in neuer Gestalt – nicht mehr durch Standesdenken, sondern durch eine zunehmende Anpassung an den Zeitgeist und eine schleichende Verflachung des Übernatürlichen. Ein Kloster wird nicht dadurch attraktiv, dass es sich angleicht, sondern dadurch, dass es sichtbar etwas lebt, was die Welt nicht bieten kann. Dazu gehören mehr geistliche Radikalität im Sinne echter Nachfolge („ora et labora“), eine würdige und heilige Liturgie ohne Experimente – getragen von Stille, Ehrfurcht und bewährten Formen wie Latein – sowie eine klare, verbindliche Lehre. Einsiedeln muss nicht allen gefallen, sondern sollte den Mut haben, als kleinere, aber geistlich überzeugte Gemeinschaft zu wirken. Gerade daraus könnten neue Berufungen entstehen.