In England katholisch zu sein, war über Jahrhunderte eine schwierige Existenz, die sich letztlich erst unter der 70-jährigen Regentschaft von Königin Elizabeth II. entscheidend zum Besseren wandte. Der Grundstein dafür wurde aber vor genau 175 Jahren gelegt: Am 29. September 1850 stellte Papst Pius IX. (1846–1878) wieder eine reguläre katholische Kirchenhierarchie in England her.
Trennung von Rom
Reich und mächtig war die Kirche im englischen Mittelalter gewesen, wovon die imposanten gotischen Kathedralbauten bis heute eindrücklich Zeugnis ablegen. Doch als noch mächtiger erwies sich König Heinrich VIII. Er brach 1533 mit dem Papst in Rom, weil dieser sich weigerte, die Ehe des Königs zu annullieren. Heinrich VIII. sollte ob seiner schamlos ausgelebten «Sukzessivpolygamie» nicht glücklich werden: Mit sechs Frauen war er verheiratet, zwei davon liess er hinrichten, ausgerechnet wegen angeblichem Ehebruch. Mit der «Suprematsakte» von 1534 erklärte sich Heinrich VIII. per Gesetz zum Oberhaupt einer unabhängigen «anglikanischen» Staatskirche. Reiche Klöster wurden geplündert und zerstört, romtreue Bischöfe durch Männer des Königs ersetzt.
1535 liess der König Lordkanzler Thomas Morus und Kardinal John Fisher als Verräter hinrichten, weil sie am katholischen Glauben festhielten und die Suprematsakte nicht anerkennen wollten. Sie gelten in der Katholischen Kirche als Märtyrer und wurden heiliggesprochen.
Ein Jahr später verkündete ein Gesetz die Aufhebung kleinerer Klöster. 1538 wurde ein angebliches Komplott gegen die Krone aufgedeckt («Exeter-Verschwörung») und die vermeintlichen Verschwörer wurden hingerichtet. Im Gegenzug exkommunizierte der Papst den König und verhängte über ganz England das Interdikt, den Ausschluss aus der Kirchengemeinschaft. Bis 1540 waren sämtliche katholische Klöster Englands aufgehoben und deren gesamter Landbesitz und Vermögenswerte der Krone überschrieben.
Bis zu Heinrichs Tod 1547 hielt man mehr oder weniger an der katholischen Lehre fest. Danach vermischte sich mit dem anglikanischen «Book of Common Prayer» die klassische Kirchensprache immer mehr mit protestantischen Glaubensvorstellungen. Am Ende steht ein Mittelweg des Anglikanismus zwischen katholischer und protestantischer Lehre, Liturgie und Kirchendisziplin.
Verfolgt, diskriminiert, geduldet
In den folgenden, von Intrigen, Thronzwisten und Verschwörungen heimgesuchten Jahrzehnten, floss viel Blut im Namen der Religion («Bloody Mary», Guy-Fawkes-Verschwörung 1605). Englands Katholiken, nun «Papisten» genannt, blieben fortan die grösste, teils verfolgte, später teils geduldete, aber verachtete Minderheit, die stets unter dem Verdacht des Landesverrats stand. Beim grossen Stadtbrand von London 1666 beispielsweise wurden die Katholiken kollektiv als Brandstifter beschuldigt.
Ein Gesetz von 1701, der sogenannte Act of Settlement, schloss über drei Jahrhunderte jeden von der Thronfolge aus, der «die päpstliche Religion bekennt oder einen Papisten heiratet». Erst seit dem sogenannten Perth Agreement von 2015 führt die Heirat mit einem Katholiken nicht mehr zu einem Ausschluss. Der Herrscher selbst (als weltliches Kirchenoberhaupt) muss aber weiter der anglikanischen Kirche angehören.
Die Katholiken führten über die Jahrhunderte ein Schattendasein als verachtete Minderheit. Zumeist waren es in mehreren Wellen als arme Hungerleider eingewanderte Iren. Katholiken, das waren Ausländer, Unterprivilegierte aus der Arbeiterklasse. Erst mit dem sogenannten Catholic Relief Act von 1791 durften sie im gesamten Vereinigten Königreich wieder Gottesdienste feiern, Religionsunterricht abhalten und unauffällige Kirchen bauen.
Zögerlicher Neubeginn
1850, vor 175 Jahren, setzte Papst Pius IX. wieder Bischöfe für England ein und schuf damit neue katholische Kirchenstrukturen. Im 19. und 20. Jahrhundert kam es zu Neugründungen von Abteien und Kongregationen auf der Insel. 1903 wurde die katholische Hauptkirche Englands, die Kathedrale von Westminster in London, eingeweiht.
Doch intellektuell spielte der britische Katholizismus bis in die 1950er-Jahre kaum eine Rolle – bis auf einige wenige Ausnahmen wie die anglikanischen Konvertiten John Henry Newman (1801–1890), Kardinal und neuerdings Kirchenlehrer, oder Gilbert Keith Chesterton (1874–1936), Autor der «Father Brown»-Krimis.
Es waren vor allem das grosse karitative und schulische Engagement und eine moralische Glaubwürdigkeit der Katholischen Kirche, die seither eine gewisse Integration begünstigte. Irgendwann gab es in England katholische Ärzte, Rechtsanwälte, Parlamentsabgeordnete. Das Bild des Katholizismus begann sich zu ändern, hin zu einer lebendigen, akzeptierten und integrierten Konfession.
Auch die klischeebeladenen Warnungen vor papistischer Unterwanderung sind Vergangenheit. Indizien für eine wachsende Akzeptanz des Katholizismus gab es in den vergangenen Jahren mehrere: Königin Elizabeth II. besuchte zwischen 1951 und 2014 insgesamt fünf Päpste im Vatikan. Da war der Übertritt von Ex-Premier Tony Blair in die Katholische Kirche 2007. Auch die deutlichen Warnungen der Katholischen Kirche vor einem ungerechtfertigten Krieg im Irak und andere öffentliche Stellungnahmen z. B. zu Abtreibungen und Sterbehilfe sorgten für mehr moralisches Gewicht.
Und schliesslich Charles: Der geschiedene, dann verwitwete, inzwischen wieder verheiratete Thronfolger, seit 2022 weltliches Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche von England, verschob 2005 sogar seine Hochzeit mit Camilla Parker Bowles – aus Rücksicht ausgerechnet auf die Beisetzung von Papst Johannes Paul II., vor dessen Sarg sich im April auch die britischen Spitzen von Kirche und Staat versammelten.
Auch dank italienischer, polnischer und afrikanischer Immigranten gibt es lokale Hochburgen des Katholizismus vor allem im Grossraum London. Experten bescheinigen Englands Katholiken grossen Einsatz im praktischen sozialen Leben. Seit einigen Jahren erlebt die Katholische Kirche in England und Wales einen Aufschwung, der sich besonders in den vielen Erwachsenentaufen und Erwachsenenfirmungen zeigt.
Ökumene, aber keine Aussicht auf Einheit
1966 beschlossen der anglikanische Primas Arthur Michael Ramsey und Papst Paul VI. im Vatikan die Einrichtung einer gemeinsamen internationalen Theologenkommission. Dies gilt als Beginn des offiziellen Dialogs zwischen Katholiken und Anglikanern nach der Trennung 1534. Johannes Paul II. besuchte 1982 als erster Papst überhaupt das Vereinigte Königreich und Papst Benedikt XVI. schafft 2009 – bei aller gut funktionierenden Ökumene zwischen Rom und Canterbury – katholische Strukturen für übertrittswillige Anglikaner, welche den neuen Kurs der anglikanischen Kirchenführung nicht mitmachen wollten.
Die Einführung von Priesterinnen und Bischöfinnen sowie die Anerkennung von Homosexualität machten alle Hoffnungen auf eine Wiedervereinigung zunichte, führten in der Anglikanischen Kirche selbst zu mehreren Abspaltungen.
2016 zelebrierte Kardinal Vincent Nichols von Westminster die erste katholische Messe seit rund 450 Jahren in der königlichen Kapelle von Hampton Court – jenem Schloss, das Heinrich VIII. 1529 seinem Lordkanzler Kardinal Thomas Wolsey weggenommen hatte. Der anglikanische Bischof von London, Richard Chartres, beendete seine Predigt mit den Worten: «Willkommen zu Hause, Herr Kardinal!»
Die einstige Kolonial- und Weltmacht Grossbritannien vereint diverse Weltanschauungen. Von den 68 Millionen Bewohnern gehören rund 25 Millionen dem anglikanischen Glauben an, 10 Millionen anderen protestantischen Kirchen und gerade einmal 6 Millionen sind Katholiken. Jeder Vierte bezeichnet sich als konfessions- und religionslos. Zudem gibt es geschätzt drei Millionen Muslime sowie mehr als 800 000 Hindus, 420 000 Sikhs und je 300 000 Juden und Buddhisten.
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