Graphische Darstellung des Jesusturms und seiner erstaunlichen Analogie zu der Form des Universums nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. (Bild: © Marco Bersanelli)

Weltkirche

Erstaun­li­che Par­al­le­len zwi­schen Jesus-​Turm und Astrophysik

Am 10. Juni weiht Papst Leo XIV. den Jesus-​Turm der «Sagrada Famí­lia» in Bar­ce­lona ein. An der künst­le­ri­schen Aus­ge­stal­tung des höchs­ten Kirch­turms der Welt war auch der ita­lie­ni­sche Astro­phy­si­ker Marco Ber­sa­nelli betei­ligt. Er ent­deckte erstaun­li­che Par­al­le­len zwi­schen Gau­dís Berech­nun­gen und den moderns­ten Erkennt­nis­sen der Kosmologie.

Der sogenannte Jesus-Turm (La Torre de Jesucristo) macht die «Sagrada Família» von Barcelona mit 172,5 Metern zur höchsten Kirche der Welt. Ihr Architekt, der «ehrwürdige Diener Gottes» Antoni Gaudí (1852–1926), wollte jedoch nicht, dass sein Bauwerk Gottes Natur überragte. Deshalb ist seine Kirche einige Meter niedriger als der Hausberg Barcelonas, der Montjuïc. Der Jesusturm sollte lediglich auf symbolische Weise sichtbar machen, dass Christus im Mittelpunkt der Schöpfung steht.

Mit seinen Bauwerken vermittelte Gaudí immer auch Botschaften. Seine Architektur war Abbild einer geistigen Ordnung, und die «Sagrada Família» ist ein steingewordener Katechismus und Kosmos. Sie ist noch nicht fertig. Noch fehlen eine Fassade, ein paar Türme und der Umschwung. Der Jesusturm wurde gerade eben durch ein vierarmiges, begehbares Kreuz gekrönt. Für die künstlerische Gestaltung zog die Bauleitung der «Sagrada Família» auch Fachleute aus der Wissenschaft bei, um Gaudís holistische Überlegungen zu respektieren. Einer davon ist der italienische Astrophysiker Marco Bersanelli, Spezialist für kosmische Strahlung. Bersanelli ist Professor für Astrophysik an der Universität Mailand und gehört zu den bekanntesten Kosmologen Europas, namentlich durch seine zentrale Rolle bei der Europäischen ESA-Weltraummission «Planck», die zwischen 2009 und 2013 die Hintergrundstrahlung des Universums vermass und neue Erkenntnisse über die Entstehung des Universums und seine Ausbreitung ermöglichte.

Wie aber kam der Mailänder Professor überhaupt zur «Sagrada Família»? «Im Juni 2013 erhielt ich den wohl überraschendsten Anruf meines Lebens», bestätigt er entsprechende Medienberichte gegenüber «swiss-cath.ch». «Jordi Faulí, der leitende Architekt der ‹Sagrada Família› und sein Team baten mich um Mitarbeit am Jesusturm. Sie suchten jemanden, der helfen konnte, die moderne Sicht auf das Universum symbolisch in den Turm einzubringen.»

Prophetische Rückschlüsse
Die Begegnung zwischen Kosmologie und Sakralarchitektur faszinierte den Physiker und Katholiken Bersanelli sofort. Während Gaudí im frühen 20. Jahrhundert die Natur als Sprache Gottes deutete, eröffnet die moderne Astrophysik heute einen Blick auf die Ursprünge und Entwicklung des Universums, von denen Gaudí nichts wissen konnte. Und doch wirken manche seiner logischen Überlegungen beinahe prophetisch.
 


Marco Bersanelli berichtet von einem Schlüsselmoment: «Bei den Bauplänen fiel mir plötzlich eine Analogie auf: Die Formen des Turms ähneln auf erstaunliche Weise einer bekannten Kurve der Kosmologie, der sogenannten Friedmann-Lemaître-Kurve, welche die Expansion des Universums beschreibt.» Dieses Modell wurde in den 1920er-Jahren aufgrund von Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie entwickelt und zeigt, wie sich das Weltall mit der Zeit ausdehnt. Und zwar «in unvorstellbaren Dimensionen, als würde es atmen», erklärt der Professor. «Diese Sicht wurde später durch immer präzisere Beobachtungen bestätigt, wie jene der Raumfahrt-Missionen Planck.»

Heute geht die Wissenschaft davon aus, dass sich das Universum seit fast 14 Milliarden Jahren ausdehnt. «Die Expansionskurve entspricht ziemlich genau der Form des Jesusturms, als wäre die Spitze des Turms der Ursprung der Zeit, während sich der Raum nach unten zur Basis hin ausdehnt und schliesslich im Hier und Jetzt der Gegenwart ankommt».

Was das Universum zu sagen hat
Damit wird der Jesusturm allein durch seine Form zu einer Erzählung der Schöpfungsgeschichte, vom ursprünglichen Licht bis zum Auftreten der Sterne, der Galaxien und der komplexeren Strukturen. Lange vor den modernen Messungen hatte Gaudí geschrieben: «Die Form der Türme ist die Vereinigung der Schwerkraft mit dem Licht.» Dieses Verständnis faszinierte Marco Bersanelli.

«Es werde Licht» gehört zum Beginn der biblischen Schöpfungsgeschichte. Licht war für Gaudí das zentrale Element der Architektur. Die grösste Architektin war für ihn die Sonne, weil Licht und Schatten die materiellen Formen zum Leben erwecken. Modernen Erkenntnissen zufolge bestimmte in den ersten Augenblicken des Universums ein Gleichgewicht zwischen Licht und Schwerkraft die schüsselartige Form, mit der sich das Universum ausdehnt.

Der japanische Künstler und ehemalige Chef-Bildhauer der «Sagrada Família», Etsurō Sotoo, nutzte Marco Bersanellis Erklärungen für die farbliche Ausgestaltung der zahlreichen Turm-Fenster. Im oberen Teil des Turms sollte Weiss dominieren als Summe aller Farben, und damit die Vielfalt der Schöpfung darstellen. Alle Farben fliessen zusammen in einen gemeinsamen göttlichen Ursprung und ergeben Weiss. Die Vielfältigkeit der Welt findet ihre Einheit in Gott, in Christus. Gegen unten werden die Fenster farbiger und sollen durch ihre Lichtreflexe tagsüber wie auch nachts eine Bewegung vom Irdischen zum Himmlischen versinnbildlichen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse und spirituelle Symbolik verschmelzen also im Jesusturm auf überraschende Weise. Marco Bersanelli sagt dazu: «Die ‹Sagrada Família› erinnert den Menschen daran, dass das Universum nicht stumm ist. Der Glaube ist auch das Vertrauen darauf, dass das Universum, dessen Teil wir sind, auf ein höchstes Gut ausgerichtet ist.» Der Mensch kann das Universum daher mit Bewunderung und Vertrauen betrachten. Der geniale Architekt Gaudí ist immer wieder für eine Überraschung gut. Wie Jordi Faulí einst gesagt hat: «Nach Gaudí müssen wir immer weiterforschen».


Kathrin Benz

Kathrin Benz, Jahrgang 1963, ist Schweizer Journalistin und Autorin und lebt im Tessin.


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Bemerkungen :

  • user
    Dr. theol. Emil Hobi, kath. Priester 01.06.2026 um 12:26
    Der m. E. gelungene Artikel verweist uns auf das Sinnganze: Das Dasein des Kosmos, der gesamten Schöpfung, ihrer aufwärtsstrebenden Entfaltung über die Genese der über 200 Milliarden Galaxien, der Billionen von Sternensystemen über die Supernovaeexplosionen, der Geogenese unseres Planeten im eigenen solaren System, der Biogenese seit ca. 4 Milliarden Jahren bei uns und schliesslich der dazugehörenden menschlichen Wesen kann grundsätzlich nur als „ziellos-atheistisch“, als ein „wir-wissen-es-nicht-agnostisch“ oder im Sinne des Christentums als gottverursachte und schöpferische Bewegung zu einem absolut-göttlichen Wesen hin gedeutet werden, welches über seine Schöpfung schlussendlich gerade uns fragende, suchende und liebende Wesen hervorbrachte. Wenn einer oder eine sagt, es gebe keinen Gott, der Kosmos habe seine Anfänge im sog. „Urknall“ vor ca. 13,81 Milliarden Jahren und habe sich dann durch blosse „Selbstorganisation“ weiterentwickelt, so fragen wir zurück: „Wer liess es knallen und vor allem warum?“ Ausserdem können wir auf den tiefgläubigen Astrophysiker, Theologen und Priester Georges Edouard Lemaître verweisen, der in den Nachkriegsjahren diese sog. „Urknalltheorie“ aufstellte; alles Seiende habe sich aus einem ganz anfangshaft unvorstellbar winzigen „Uratom“ und vor aller Zeit und Raum aus dem Nichts entfaltet; für Lemaître wirkt so die schöpferische Macht Gottes zielgerichtet als „creatio continua“, welche all unsere begrenzten Vorstellungskräfte übersteigt. Papst Pius XII. meinte seinerzeit darin sogar eine Art „Gottesbeweis“ zu sehen, weil der Atheismus bis dahin an Gottes Stelle die Ewigkeit der Materie propagiert hatte. Erst allmählich freundete sich Einstein mit Lemaîtres These an, die heute in der Astrowissenschaft als gut begründet gilt. Dass zwischen Gaudis atemberaubender Architektur der Sagrada und astrowissenschaftlichen Erkenntnissen eine kosmisch-christliche Beziehung besteht, vermag der Artikel m. E. bestens aufzuzeigen.
    Wenn wir nun bei uns Menschenwesen seit ca. 3 Millionen Jahren angelangt sind, respektieren und achten in neuerer Zeit auch achtsame Teile der historischen Paläo-Wissenschaften und Anthropologie die Bedeutsamkeit der Religion für das Bestehen und Überleben von menschlichen Gemeinschaften, was wir - auch wenn es von Atheisten und Agnostikern käme - gerne aufgreifen. Daraus ergibt sich nämlich die tiefergehende Rückfrage: Was ist denn der tiefste Sinn des Kosmos, von Leben, Überleben und menschlichem Leben überhaupt? Die treffende Antwort gibt uns in unserer christlichen Deutung schlussendlich der Katechismus bei I.1.