Das Hauptanliegen von «Mater populi fidelis» scheint sich darauf zu konzentrieren, dass bestimmte marianische Titel, wie jener der Miterlöserin und Mittlerin aller Gnaden, die Einzigartigkeit der Heilsvermittlung Christi überschatten würden. Besteht Ihrer Meinung nach tatsächlich diese Gefahr?
Meiner Meinung nach besteht dieses Risiko in einem gesunden katechetischen und theologischen Kontext nicht. Wer könnte beispielsweise Johannes Paul II., der die beiden oben genannten Titel mehrfach verwendet hat, Unausgewogenheit vorwerfen? Die Note selbst erinnert daran, dass er den Titel «Miterlöserin» «mindestens sieben Mal» verwendet hat (Nr. 18). Sollte man vielleicht Kardinal John Henry Newman, der am 1. November von Papst Leo XIV. zum Kirchenlehrer ernannt wurde, den Titel aberkennen, weil der englische Konvertit den Titel «Miterlöserin» gegen den Anglikaner Edward Pusey verteidigt hat? Oder sollte man gegen die Schriften des heiligen Alfons von Liguori, ebenfalls Kirchenlehrer, vorgehen? Sich gegen zahlreiche Heilige stellen, darunter die heilige Edith Stein und die heilige Teresa von Kalkutta? Die marianischen Titel «zweite Eva», «Mutter des Lebens» und «Mutter Gottes» sind laut Newman viel stärker als der kritisierte Titel (Brief an Pusey). Oder sollte man vielleicht Papst Leo XIII. tadeln, den der amtierende Papst mit der Wahl seines Pontifikalnamens lobte und der einem Gebet mit dem marianischen Titel «Corredentrice del Mondo» (Miterlöserin der Welt» (Acta Sanctæ Sedis 18, 93) den Ablass gewährte?
In der protestantischen Welt hingegen, die die Mitwirkung des Menschen an der Erlösung mit dem Prinzip der sola gratia ablehnt, kommt es leichter zu Missverständnissen. Aus diesem Grund hat die Theologische Kommission des Zweiten Vatikanischen Konzils «einige Ausdrücke und Begriffe weggelassen, die von den Päpsten verwendet wurden und die zwar an sich sehr wahr sind, aber für die getrennten Brüder (in diesem Fall die Protestanten) nur schwer verständlich sein könnten. Unter anderem […] «Miterlöserin der Menschheit» (Acta synodalia, I, 99). Ist es richtig, einen an sich «sehr wahren» Ausdruck aus ökumenischen Gründen zu opfern? Für die Protestanten besteht jedoch nicht nur das Problem des Wortes, sondern auch das der vom Zweiten Vatikanischen Konzil gelehrten Lehre über die einzigartige Mitwirkung Mariens an der Erlösung. Eine falsche Ökumene kann der katholischen Lehre schaden, die in ihrem ganzen Reichtum bekundet werden muss. Wenn die Kirche alle Ausdrücke entfernen würde, die den Protestanten nicht gefallen, müsste sie auch den in der Note (Nr. 9, 11, 15) erwähnten Titel «Mutter Gottes» (Theotokos) streichen. Auch hier könnte man mögliche Missverständnisse eines solchen Titels bei denen geltend machen, die nicht gut unterrichtet sind.
Mittlerweile steht in fast allen Zeitungen, einschliesslich der katholischen, in den Schlagzeilen, dass Maria nicht Miterlöserin ist. Es ist ziemlich überraschend zu lesen, dass ein Titel wie jener der Miterlöserin, der tatsächlich in den Wortschatz der Theologie und auch in die Lehre der Päpste Eingang gefunden hat, plötzlich in der Note als «unangemessen» und «unpassend» bezeichnet wird.
Der Titel «Miterlöserin» ist der kürzeste Ausdruck, um Marias einzigartige Mitwirkung an der Erlösung zum Ausdruck zu bringen. Das Missverständnis, Maria würde auf die gleiche Stufe wie Jesus gestellt, wird durch die Präzisierung vermieden, dass Marias Mitwirkung völlig von Christus abhängt und ihm untergeordnet ist. Es wäre ziemlich schwierig, einen kurzen Titel zu verbieten, der eine zentrale Wahrheit zum Ausdruck bringt, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil mit grosser Klarheit gelehrt wurde. Beachten wir jedoch die Präzisierung von Kardinal Fernández in seiner einleitenden Präsentation: «Es geht nicht darum, die Frömmigkeit des gläubigen Volkes Gottes zu korrigieren ...».
Unter den Gläubigen sind die Ausdrücke «Miterlöserin der Menschheit» (zum Beispiel in den Botschaften von Fatima der ehrwürdigen Dienerin Gottes, Schwester Lucia) und noch mehr «Mittlerin aller Gnaden» weit verbreitet. Letztere Anrufung greift den Titel des liturgischen Festes auf, das Papst Benedikt XV. 1921 eingeführt hat, und wurde sogar von Papst Benedikt XVI. (Brief vom 10. Januar 2013 an Erzbischof Sigismund Zimowski) und Papst Franziskus verwendet: «Einer der alten Titel, mit denen die Christen die Jungfrau Maria angerufen haben, ist eben ‹Mittlerin aller Gnaden›. Vertraut ihr eure innersten Wünsche und guten Vorsätze an; möge sie euch mit der Freude anstecken, Christus nachzufolgen und ihm in der Kirche demütig und gehorsam zu dienen ...» (Botschaft an Erzbischof Gian Franco Saba von Sassari, Sardinien, vom 13. Mai 2023).
Wollte die Note Ihrer Meinung nach nur den Titel der Miterlöserin ablehnen oder auch wichtige Aspekte der einzigartigen Mitwirkung Mariens am Erlösungswerk?
Trotz der kritischen Anmerkungen zu den beiden Titeln gibt die Note die Lehre des Konzils und des päpstlichen Lehramtes wieder (Nr. 4 bis 15), insbesondere hinsichtlich der «einzigartigen Mitwirkung Mariens am Heilsplan» (Nr. 3; siehe auch Nr. 36f und 42). Das Dokument zitiert auch den klarsten Text zu diesem Punkt, die marianische Katechese von Johannes Paul II. vom 9. April 1997, die zwischen der Teilnahme Mariens an der objektiven Erlösung durch Christus auf Erden und unserer Mitwirkung am Heilsprozess unterscheidet (Nr. 3, 37b).
Der heilige Pius X. (Ad diem illum) lehrte, dass die Heilige Jungfrau aufgrund ihrer einzigartigen Heiligkeit und ihrer Mitwirkung am Erlösungswerk «uns durch Verdienst der Angemessenheit (de congruo), wie man sagt, das vermittelt, was Christus uns durch Verdienst der Gerechtigkeit (de condigno) vermittelt hat». In der Note scheint es diesbezüglich eine Abschwächung, wenn nicht sogar eine Umkehrung zu geben, wenn es heisst, dass «nur die Verdienste Jesu Christi […] für unsere Rechtfertigung zugewandt werden» (Nr. 47). Was halten Sie davon?
Die wichtige Unterscheidung von Pius X. wird nicht erwähnt, aber es scheint, dass – leider fast versteckt – auf die Unterscheidung zwischen dem Verdienst de condigno Christi und dem Verdienst de congruo Marias (Nr. 47f) hingewiesen wird. Um von einer universellen Ausdehnung der mütterlichen Vermittlung Marias in Christus zu sprechen, ist ein Verweis auf diese Art von Verdienst unerlässlich.
In den abschliessenden Absätzen der Note wird ein viel diskutiertes Thema erneut aufgegriffen, nämlich dass Maria, nach den Worten von Papst Franziskus, «mehr Jüngerin als Mutter» ist (Nr. 73). Was ist an diesem Ausdruck wahr und wo liegen die Gefahren?
Nach Augustinus empfing Maria das Wort Gottes zuerst in ihrem Herzen und dann in ihrem Schoss (Sermone 215, 4). Andererseits ist es nicht möglich, in Maria das Sein als Jüngerin und das Sein als Mutter Gottes sowie als «Mutter des gläubigen Volkes» voneinander zu trennen. Die besondere Würde Marias kommt gerade aus ihrer Sendung als Mutter Gottes, welche die menschliche Natur des Erlösers gezeugt hat. Hier liegt auch die Grundlage für ihre gesamte heilsbringende Mitwirkung.
Interview im Original (Italienisch) in La Nuova Bussola Quotidiana
Mater populi fidelis. Lehrmässige Note zu einigen marianischen Titeln, die sich auf das Mitwirken Marias am Heilswerk beziehen Link
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
«Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.» (Mt 18,3) Kinder kümmern sich nicht um theologische Spitzfindigkeiten. Mit kommt dabei folgende Geschichte in den Sinn:
Ein altes Mütterchen beklagte sich beim Pfarrer, sie sei immer so zerstreut beim Rosenkranzgebet. Immer wieder bringe sie sogar die Geheimnisse durcheinander. Dieser antwortet: «Gute Frau, ich verrate ihnen jetzt ein Geheimnis. Unser Herrgott gar kein Deutsch. Aber er versteht die Sprache unseres Herzens.»
Ich glaube, im persönlichen Gebet dürfen wir uns auch theologisch umstrittene oder gar fragwürdige Formulierungen verwenden, wenn sie aus unserer Liebe entpriessen. In der offiziellen Liturgie dagegen sollten wir uns an die vorgeschriebenen Texte halten.
Heilige Mutter Gottes, Miterlöserin und Mittlerin aller Gnaden, bitte für die Heilige Mutter Kirche. Amen
Und die Moral von der Geschicht? «Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung. Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln und man wird der Wahrheit nicht mehr Gehör schenken, sondern sich Fabeleien zuwenden.»2.Tim 4,2-4