Die Eidgenössisch-Demokratische Union (EDU) hat unter der Federführung ihres Präsidenten Daniel Frischknecht die Petition «Für eine würdige Erinnerungskultur» gestartet. Konkret geht es um die Aufforderung an die Adresse der politischen Behörden des Kantons Thurgau, insbesondere an den Regierungsrat, sich endlich der Vergangenheit, sprich der «extrem rigiden, ja unmenschlichen Flüchtlingspolitik» zu stellen. Einer Flüchtlingspolitik, die viele Juden mit ihrem Leben bezahlen mussten. Die Petition fordert, der bis dato praktizierten Verdrängungspolitik in Wort und Tat ein unmissverständliches «Nie wieder» entgegenzusetzen – als Zeichen der Demut, der Aufrichtigkeit und der historischen Einsicht.
Tatsächlich erweist sich im Lichte der historischen Quellen die Flüchtlingspolitik des Kantons Thurgau während des Zweiten Weltkrieges als besonders inhuman. Die Flüchtlingspolitik des Bundes unter der Leitung des zuständigen Bundesrates Eduard von Steiger sowie des Chefs der eidgenössischen Fremdenpolizei ist zu Recht oder zu Unrecht heftig kritisiert worden. 1940 zählte die Schweiz 4 265 000 Einwohnerinnen und Einwohner, davon waren 0,23 Prozent Schweizerbürger jüdischen Glaubens. Bundesrat von Steiger rechtfertigte die Haltung der Landesregierung («Das Boot ist voll») in seiner umstrittenen Rede vom August 1942 wie folgt:
«Wer ein schon stark besetztes kleines Rettungsboot mit beschränktem Fassungsvermögen und ebenso beschränkten Vorräten zu kommandieren hat, indessen Tausende von Opfern einer Schiffskatastrophe nach Rettung schreien, muss hart scheinen, wenn er nicht alle aufnehmen kann. Und doch ist er noch menschlich, wenn er beizeiten vor falschen Hoffnungen warnt und wenigstens die schon Aufgenommenen zu retten sucht.»
War das Boot zu diesem Zeitpunkt wirklich voll? Ende August 1942 befanden sich 8860 zivile Flüchtlinge in der Schweiz, Juden und Nichtjuden. Ende 1942 waren es 16 400. Am verhängnisvollsten hatte sich der zwischen dem Gesamtbundesrat und dem Deutschen Reich vereinbarte «Judenstempel» ausgewirkt. Den damit gebrandmarkten Deutschen wurde in der Folge die Einreise in die Schweiz verwehrt – was für viele davon das Todesurteil bedeutete.
Das Boot ist leer
Bezeichnend für den Kanton Thurgau ist nun, dass die für die Umsetzung der Flüchtlingspolitik Verantwortlichen, sprich Regierungsrat Paul Altwegg (FDP) sowie sein ihm unterstellter Polizeikommandant Ernst Haudenschild ohne Not über die ohnehin schon rigiden Vorgaben des Bundes noch hinausgingen. So wurde von Bern anerkannten Flüchtlingen der Aufenthalt im Kanton Thurgau verwehrt; sie wurden in andere Kantone abgeschoben. In der Tat war damals die Arbeitslosigkeit im Kanton Thurgau hoch, insbesondere, weil Saurer als grösstes Industrieunternehmen infolge des Zweiten Weltkrieges die wichtigsten Exportmärkte wegbrachen. So belastend die Arbeitsmarktsituation für die hiesige Bevölkerung war, so wenig liess sich die äusserst rigorose Ausschaffungspolitik der Thurgauer Regierung rechtfertigen. Den Gipfel des Zynismus markierte eine Passage im Rechenschaftsbericht des Thurgauer Regierungsrates 1930–1946 an den Kantonsrat:
«Weil die kantonale Fremdenpolizei schon letztes Jahr der Flüchtlingsfrage die erforderliche Aufmerksamkeit geschenkt hat, wurden wir von den im Berichtsjahr 1939 durch die eidgenössischen Instanzen getroffenen Verfügungen nicht betroffen, weil wir die Flüchtlingsfrage bei uns nicht kennen.»
Zu dieser ungeheuerlichen Aussage verstieg sich ausgerechnet der Grenzkanton Thurgau. Irgendwie scheint sich dann doch noch das schlechte Gewissen geregt zu haben, denn bezeichnenderweise sind die Akten des Fremdenpolizeichefs Haudenschild nach Kriegsende spurlos verschwunden…
Der Jude Cioma Schönhaus beispielsweise flüchtete 1943 vor den Gestapo-Schergen in einer halsbrecherischen Velofahrt von Berlin in die Schweiz. In Stein am Rhein überschritt er die Grenze. Ihm war bewusst, dass er den Schaffhauser und nicht den Thurgauer Grenzabschnitt wählen musste, wenn er eine Chance zum Überleben haben wollte.
Wie reagierte die Thurgauer Bevölkerung auf die «Boot ist voll-Politik» ihrer Regierung? Teils mit Gleichgültigkeit, Wegschauen und heimlicher Sympathie. Teils aber auch mit Protest und tatkräftiger Hilfe für die Flüchtlinge, insbesondere nach dem Ende des Weltkrieges. Die reformierten Pfarrer Fritz Rohrer und Andreas Gantenbein holten mit dem Motorschiff «Thurgau» einige Hundert Kinder aus dem deutschen Grenzgebiet, um sie in der Schweiz trotz immer noch geltender Rationierung mit neuen Kleidern auszurüsten und ihnen mit nahrhaften Mahlzeiten wieder auf die Füsse zu helfen. Sina Saurer-Hegner, Gattin des legendären Patrons Hippolyth Saurer, trug diskret zur Linderung des Flüchtlingselendes bei: «Mit grossen Geldzuwendungen und eigens organisierten Lebensmittellieferungen unterstützt sie nach Kriegsende Hilfswerke wie das ‹Privatmagazin des Papstes›, ein europäisches Hilfswerk sowie den mutigen Nazigegner Kardinal Michael Faulhaber in München. Ein eher originelles Geschenk Sinas ist ein Saurer-Camion für päpstliche Hilfstransporte in Rom und Umgebung.»
Es wäre verfehlt, mit dem moralischen Zeigefinger auf das Verhalten der damaligen Bevölkerung und Regierung in Kriegszeiten hinzuweisen. Dies enthebt allerdings die politisch Verantwortlichen von heute nicht der Pflicht, den vielen Opfern einer oft inhumanen Flüchtlingspolitik den ihnen gebührenden Platz im öffentlichen Bewusstsein einzuräumen. Der Initiant der Petition, Daniel Frischknecht, fordert sichtbare Zeichen der Erinnerung wie beispielsweise Mahnmale an den Grenzorten und öffentliche Gedenkveranstaltungen.
Die Petition der EDU läuft noch bis zum 30. September 2025 Link
Die in diesem Text enthaltenen Zitate sind dem Buch «Schatten über der Stadt am See – Arboner Alltag in Krise und Krieg 1930–1945» von Hans Geisser entnommen.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Der Schweizer Bevölkerung ist es nicht mehr bewusst welche gewaltige Leistung von Volk und Regierung es damals gewesen war bei dem grossen ideologischen Krieg aussen vor zu bleiben! Natürlich mit Gottes Segen.
Dieses Bewusstsein wäre in der heutigen geopolitischen Lage bitter nötig.
Und doch glaube ich, statt Denkmäler aufzustellen wäre es sinnvoller uns zu fragen, ob wir heute in einer ähnlichen Situation wirklich besser reagieren würden. Ob unsere heutige Flüchtlingspolitik besser ist als jene damals unserer vom Volk selbst gewählten politischen Verantwortlichen, das wage ich zu bezweifeln. Liegt nicht auch uns das Hemd näher als der Rock? Wären wir bereit auch Risiken auf uns zu nehmen, um fremde Menschen zu schützen? Und nicht zuletzt, hätten wir noch jenes Gottvertrauen, das viele Christen damals noch besassen, und das meines Erachtens entscheidend dazu beigetragen hat, dass unsere Neutralität schliesslich unangetastet blieb?
«An Gottes Segen ist alles gelegen!» sagten unsere Eltern oft. Ich glaube, das müssten wir unserer Generation wieder beibringen. Das würde helfen, viele Fehler in allen Bereichen unseres Lebens zu vermeiden.