Das riesige Dormitorium in der Abbaye de Fontenay. (Bild: Elliott Brown/Flickr, CC BY-SA 2.0)

Weltkirche

Fontenay – Neue Blüte des benediktinischen Erbes

Die Abtei Fontenay in Burgund ist mehr als eines der schönsten Klöster Frankreichs. In der ältesten (fast) komplett erhaltenen Zisterzienserabtei ist der Geist der Ordensgründer auch heute noch greifbar.

«Um den ganzen Sinn und die Macht der Schönheit Fontenays zu erfassen, muss man sich ihm Schritt für Schritt nähern, über die Waldpfade, im Oktoberregen, quer durch das Brombeergestrüpp und die Schlammlöcher – eben mühsam.» So rät es der französische Historiker Georges Duby (1919–1996) – und so entspräche es auch dem Geist der Zisterzienser: bis ans Ende der Welt zu wandern, um durch eine Rückbesinnung die Ideale des heiligen Benedikt in der Zurückgezogenheit der Wildnis auf neue Art zu verwirklichen.

Reform der Reform
Der Zisterzienserorden wurde 1098 in Citeaux bei Dijon (das dem Orden den Namen gab) vom Benediktinerabt Robert von Molesme als Reformorden der Benediktiner gegründet und gehört bis heute zu den strengsten Orden in der katholischen Kirche. Die eigentliche Initialzündung zur Erneuerung des benediktinischen Mönchtums fiel jedoch 1112 mit dem Eintritt eines jungen Adligen zusammen, nach dem später ein ganzes Jahrhundert benannt werden sollte: Bernhard von Clairvaux (1090–1153). Charismatisch, konzeptionell denkend und rhetorisch hochbegabt, verhalf er der «charta caritatis», der strengen Satzung der Zisterzienser, in kürzester Zeit zum Durchbruch in ganz Europa.
 


Die Zisterzienser waren sozusagen die Reform der Reform – eine Gegenbewegung zu den Cluniazensern. Vom Kloster in Cluny, ebenfalls in Burgund gelegen, waren im 10. Jahrhundert die ersten mächtigen Reformimpulse ausgegangen. Doch die Reichen und Mächtigen der Zeit hofften mit ihren durchaus diesseitigen Investitionen in die frommen Mönche von Cluny auf Dividenden im Jenseits und erstickten so deren Armutsideal. Das sollte den Zisterziensern nicht passieren. Scharenweise folgten junge Männer dem neuen Ruf nach völliger Armut und Abgeschiedenheit.

Zurück zu den Wurzeln – das Motto war durchaus wörtlich zu verstehen, denn die Mönche rodeten und beackerten ihr Land selbst. Die früheste dieser Einöd-Gründungen, die sich zumindest äusserlich nahezu schadlos durch die Jahrhunderte gerettet hat, ist Fontenay, gegründet 1118.

Eine durchgeplante Architektur
Ora et labora, bete und arbeite – wohl nirgends ist das oberste Gebot des Benedikt von Nursia so anschaulich erlebbar wie hier. Und zu arbeiten gab es in Fontenay wahrlich genug: Trockenlegen der Sümpfe, Roden, der Aufbau von Landwirtschaft und Fischereibetrieb.

Das Kloster Fontenay entwickelte sich zu einem führenden geistlichen Zentrum der Region: Die Mönche fertigten wertvolle Handschriften an und beschäftigten sich erfolgreich mit Medizin und Heilkunde. König Louis IX. verlieh Fontenay den Titel eines königlichen Klosters und erlaubte ihm, die Lilie im Wappen der Abtei zu führen.

Die Abtei diente aufgrund ihrer frühen Entstehungszeit und ihrer architektonischen Einheitlichkeit als Vorbild für andere Zisterzienserklöster. In Fontenay ist die Regel des heiligen Benedikt Stein gewordene Architektur. Sie spiegelt den Geist in vollendeter Form. Papst Innozenz III. (1198–1216) nannte die Abtei ein «Weltwunder».
 


Kein Stein in Fontenay ist umsonst gesetzt, alles ist Funktion. Die Wärmestube liegt neben dem Skriptorium, der Schreibstube – damit die Finger nicht zu klamm wurden. Vom Kreuzgang führt ein Durchgang direkt zur Feldarbeit; vom Dormitorium, dem Schlafsaal, in den Chor der Kirche sind es nur ein paar Schritte – schliesslich war das erste Chorgebet bereits um ein Uhr nachts. Überhaupt: der Schlafsaal. Ein Meisterwerk an monumentaler Schlichtheit. Hier lagen bis zu 300 Mönche über 56 Meter Seite an Seite auf einfachen Strohmatten. Ihr Schlafanzug: die Kutte des Tages, Arbeitskleidung und Sonntagsgewand in einem. Der Zisterziensermönch entkleidete sich nie.

Die Kirche, karg und schmucklos, kaum aufwendiger als die Schmiede. Ein riesiger Leerbau zur höheren Ehre Gottes – zelebrierter Verzicht. Ornamente, Prachtentfaltung sucht man hier vergebens. Jeglicher figürliche Schmuck ist für Bernhard ein Übel, da er die Fantasie anregt und so den Blick auf Gott verstellt.

In nur acht Jahren mit dem Vermögen eines aus England vertriebenen Bischofs erbaut, wurde die Basilika 1147 von Papst Eugen III., einst selbst Mönch in Clairvaux, geweiht – in Anwesenheit von zehn Kardinälen, acht Bischöfen, von Bernhard von Clairvaux und Hunderten von Mönchen – die grösste Versammlung in der Geschichte der abgeschiedenen Abtei.

Den Alltag aber regierte eine alle Lebensbereiche umfassende Kargheit, oder, wie es ein mittelalterlicher Chronist beschreibt: «Die Zisterzienser treten die Blumen der Welt mit den Füssen des Vergessens, sehen Reichtümer und Ehre als Mist an, schlagen mit der Faust des Gewissens in das Gesicht vergänglicher Dinge.»
 


Vom Kloster zur Papierfabrik
Die Disziplin verfiel, als die französische Krone seit Mitte des 16. Jahrhunderts weltliche Äbte einsetzte, auswärtige Adlige, die das längst reich gewordene Kloster als persönliche Pfründe bewirtschaften liessen. 1745 wurde das Refektorium, der grosse Speisesaal der Mönche, abgerissen, da er zu gross war – der wohl schmerzlichste Verlust, den die karge Harmonie der zisterziensischen Idealabtei in mehr als acht Jahrhunderten hinnehmen musste. Auch die Gründungscharta von Fontenay ging wahrscheinlich in dieser Zeit verloren. Sie wurde erst 1864 wiedergefunden – bei einem Buchhändler am Pariser Seine-Ufer.

Schon 1790, bevor sich der Klostersturm der Französischen Revolution voll austobte, verliess der letzte Mönch Fontenay. Der spirituelle Schatz des 12. Jahrhunderts wurde zur Papierfabrik umfunktioniert – ein Umstand, dem das Gebäude letztlich sein Überleben verdankt. 1820 wurde die Fabrik von Elie de Montgolfier, dem Neffen der Erfinder der Ballons, gekauft und blieb auch nach deren Schliessung im Jahr 1905 in Familienbesitz. 1906 kaufte Edouard Aynard, der Ehemann von Rose de Montgolfier, die Abtei und begann als Mäzen die umfassende Restaurierung. Die Abtei ging dann an seinen Sohn und schliesslich an seinen Enkel über, den Vater des heutigen Besitzers. Die Gebäude werden bis heute aus dem Familienvermögen und aus den Einnahmen des Tourismus unterhalten.

Heute dient das ehemalige Kloster – seit 1981 Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes – nicht selten als Kino-Kulisse; etwa für die berührende Schlusssequenz der Depardieu-Verfilmung des «Cyrano de Bergerac».
 

Webseite der Abbey de Fontentay


KNA/Redaktion


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