Der Obere der Franziskaner im Heiligen Land, Francesco Ielpo, sieht die Region als ein «gesegnetes, aber auch ein geprüftes und gemartertes Land». Es habe in der jüngsten Geschichte praktisch immer im Krieg gelebt, manchmal auch mit Bomben, so der Franziskaner-Kustos im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Jerusalem. «Man spürt ständig eine Anspannung.» Das mache aber auch die Präsenz seines Ordens vor Ort notwendig: «eine Präsenz des Friedens, die eine Brücke zwischen den Völkern sein will und sein kann».
Die alltäglichen Arbeiten gehen weiter
Seit acht Monaten ist Francesco Ielpo Kustos der Franziskaner und dadurch auch im Auftrag des Papstes «Hüter der Heiligen Stätten». Damit ist er zusammen mit dem Lateinischen Patriarchen, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, der oberste Repräsentant der Katholischen Kirche in der Region. Als Oberer von 290 Franziskanern in Israel, Palästina, Jordanien, Syrien, Libanon und Zypern leitet er 18 Schulen mit mehr als 10 000 Schülern, 24 Pfarreien, drei akademische Zentren, allen voran das Studium Biblicum Franciscanum, sowie Gästehäuser für Pilger und Sozial- und Caritas-Stationen.
Francesco Ielpo berichtet, die Kustodie nehme sich derzeit zusätzlich jener Menschen an, die direkt vom Konflikt betroffen sind. «Wir kümmern uns um Arbeit und Arbeitsplätze – etwa im religiösen Tourismus, um medizinische Versorgung und Pflege.» Zudem biete man Lebensmittelpakete an.
Und noch eine Aufgabe hat die Kustodie: «Wir sind im Auftrag des Papstes Hüter der Heiligen Stätten im Heiligen Land – und im Namen unserer Kirche beten wir an diesen Stätten zu Gott.»
Ostern in der Grabeskirche, aber ohne Pilger und Touristen
Zum diesjährigen Osterfest werden vermutlich keine Pilger und Touristen kommen. «Wir wissen nicht, wie lange der Krieg noch dauert. Aber auch wenn er in diesen Tagen endet, besteht keine Chance, dass die Pilgergruppen bis Ostern zurückkehren», so Francesco Ielpo. «Dennoch wird das Osterfest in Jerusalem mit all seiner Würde begangen und gelebt – mit der lokalen Gemeinde. Und das zeigt erneut, wie wichtig es ist, dass die Christen im Land bleiben und hier leben.»
Auf die Frage von KNA, ob man in solch einer Situation Ostern überhaupt «feiern» könne, antwortet er: «Natürlich kann man es auch in solchen Zeiten liturgisch feiern, auch wenn die Kirchen geschlossen sind. Wir haben in der Grabeskirche unsere Gemeinschaft, die mit Treue und Zuverlässigkeit alle Liturgien begeht – im Namen der ganzen Kirche.»
Die Restaurierungsarbeiten in der Jerusalemer Grabeskirche sind seit Kriegsbeginn vor zwei Wochen gestoppt. Niemand ausser den Mönchen darf derzeit die Kirche betreten. Allerdings seien die archäologische Arbeit und die Infrastruktur unter dem Fussboden praktisch abgeschlossen. Es fehle noch die fachgerechte Verlegung des Fussbodens, so der Kustos. Hinzu kommen die Restaurierungsarbeiten an der Eingangstür. Alle Arbeiten an der Kirche sollten «noch in diesem Jahr abgeschlossen sein, die am Eingangsportal bereits in ein oder zwei Monaten».
Die Grabeskirche in der Jerusalemer Altstadt zählt zu den wichtigsten Stätten der Christenheit. Christen verehren dort den Ort der Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung Jesu. Jährlich ist die Kirche Ziel Hunderttausender Besucher. Nach Erkenntnissen der modernen Archäologie spricht vieles dafür, dass Jesu Grab auf dem Gelände der Kirche gelegen hat.
Geburtsgrotte zu Weihnachten fertig?
In der Geburtskirche in Bethlehem werden seit zehn Jahren Restaurierungsarbeiten durchgeführt – im ständigen Dialog der drei Gemeinschaften, der Griechen, Franziskaner und Armenier. «Es blieb das Herzstück der Basilika, die Geburtsgrotte, über der – und deretwegen – die Kirche erbaut wurde», so der Franziskaner.
Ende Januar haben jetzt Restaurierungsarbeiten an der Geburtsgrotte in Bethlehem begonnen. Gemäss Francesco Ielpos müssen Elektroanlage, Beleuchtung und Brandschutz erneuert werden. Zudem würden der Marmor und die übrigen Steine gereinigt und mit modernen Techniken konsolidiert. Auch sei ein neues Belüftungssystem samt einer Kontrolle der Luftfeuchtigkeit in der Grotte vorgesehen. Ursprünglich sollten die Arbeiten vor Weihnachten 2026 abgeschlossen sein. Durch den Krieg könnte sich das jedoch etwas verzögern, so der Franziskaner.
Die Geburtskirche steht im Zentrum von Bethlehem. An der Stelle, an der Maria der Überlieferung nach in einer Höhle Jesus zur Welt gebracht hat, wurde unter Kaiser Konstantin im Jahr 326 der Vorgängerbau der heutigen Kirche errichtet. Der Hauptaltar der im sechsten Jahrhundert neu erbauten Basilika befindet sich über einer zwölf mal zehn Meter grossen Grotte. Dort wird, markiert durch einen 14-zackigen Stern auf dem Boden, der Geburtsort Jesu verehrt.
1217 kamen die ersten Franziskaner ins Heilige Land. Diese wirkten am Heiligen Grab in Jerusalem, am Berg Sion und in Bethlehem, sie kümmerten sich um christliche Pilger und feierten mit ihnen an den Heiligen Stätten die Liturgie. 1342 wurden sie von Papst Klemens VI. zu «Hütern der Heiligen Stätten» (Custodia Terrae Sanctae) ernannt. Dank ihrer ununterbrochenen Präsenz im Heiligen Land sind viele biblische Stätten auch heute noch den christlichen Pilgern zugänglich. Ihre Aufgabe besteht in der Förderung der Kenntnis und Verehrung der Orte der Bibel, der Durchführung von Pilgerfahrten ins Heilige Land und der Unterstützung der sozial-caritativen Aufgaben der Ordensprovinz im Heiligen Land.
Zur Kustodie des Heiligen Landes gehören die Franziskaner mit ihren Klöstern und Einrichtungen in Israel, Jordanien, Libanon, Palästina und Syrien, aber auch auf Zypern und Rhodos sowie ein Kloster in Kairo. Der Kustos gilt im Heiligen Land als eine der wichtigsten christlichen Autoritäten. Zusammen mit dem griechisch-orthodoxen und dem armenisch-apostolischen Patriarchen ist er auch für den «Status Quo» verantwortlich, der das Leben und die Gottesdienste in der Kirche des Heiligen Grabes in Jerusalem sowie in der Basilika der Geburt in Bethlehem regelt.
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