Weihbischof Marian Eleganti begann sein Referat über die Zustimmungslehre John Henry Newmans[1] mit dem Agnostiker und Skeptiker schlechthin: mit Pilatus und seiner lapidaren wie resignativen Frage: «Was ist Wahrheit?» (Joh 18,38). In dieser Frage nach der Wahrheit stecken zwei Fragen: Was bedeutet der Begriff? und «Wann habe ich Wahrheit erkannt?» Newman beschäftigte besonders die zweite Frage: die Frage nach dem Gewissheitsgrad der Wahrheitserkenntnis.
In Gott ist die Wahrheit nicht nur gegeben, sondern auch – im Unterschied zum Menschen – vollkommen vollzogen. Wahrheit realisiert sich seinsmässig im Vollzug (Sein) und als vollumfängliche Gewissheit (Erkenntnis). Anders verhält es sich im menschlichen Geist, dessen Ambivalenz und Vielschichtigkeit (falsche und echte Gewissheit) Newman in seiner Zustimmungslehre streng unterscheidet. Zur Gewissheit und Schlüssigkeit eines Satzes schreibt er. «Ein Satz kann wahr sein und doch ein Erschlossen-Werden nicht zulassen; er kann ein Schluss sein und doch keine Wahrheit.»[2] Weihbischof Eleganti resümiert: «Schlüssigkeit und Stimmigkeit eines Verfahrens sind also im Kontext des menschlichen Geistes noch keine unfehlbaren oder sicheren Wahrheitskriterien, höchstens Indikatoren.» Newman ist davon überzeugt, dass man aus Wahrscheinlichkeiten einen die Gewissheit betreffenden, legitimen Beweis bilden kann. Die Gewissheit, dass das Christentum wahr ist, stützt sich auf diese Häufung von verschiedenen Wahrscheinlichkeiten. «Aus ihnen konstruiert Newman den legitimen Beweis, dass das Christentum göttlich und wahr ist, ähnlich der subjektiven Gewissheit, dass er [Newman] in diese Welt hineingeboren wurde.»
Für die wirkliche Erfassung eines Gegenstandes ist bei Newman ein Minimum an Vorstellungskraft (Intensität der Einsicht) vorausgesetzt, damit der Gegenstand zu eigen werden kann. Mit anderen Worten: Wir bilden eine Überzeugung. Die Einsicht bleibt damit nicht ohne Erfahrung. Die Höchstform solcher Wahrheitsverwirklichung im Erkenntnisakt wäre dann die Anschauung Gottes, weil sie vollkommen «realisiert» (gelebt und erkannt) wird. «Ich kann nicht ‹halb› zustimmen», so Weihbischof Marian. «Man stimmt zu oder tut es nicht, obwohl wir im Alltag gerne mal ‹Jein› sagen, für Newman eine logische Unmöglichkeit. Der eigentliche Akt des ‹Für-wahr-Haltens› ist immer unbedingt.»
Herzstück der Zustimmungslehre
Der «Folgerungssinn» (illative sense) ist das Herzstück der Zustimmungslehre und Newmans originellster Beitrag: «Durch den ‹illative sense› erkennen wir durch konvergierende Wahrscheinlichkeiten die Wahrheit. Der ‹illative sense› ist existenziell und individuell, geschult durch Erfahrung, Gewissen, Erziehung, Tugend usw.», erklärte Weihbischof Marian Eleganti. Als Beispiel für den «illative sense» nahm er Grossbritannien. «Dass Grossbritannien eine Insel ist, glauben wir mit voller Gewissheit – obwohl fast niemand alle Beweise selbst geprüft hat. Genauso kann der ‹illative sense› uns zur vollen Gewissheit führen, dass Christus existiert hat und Gott ist.»
Im Bereich der Religion unterscheidet Newman einen religiösen und einen theologischen Akt und entsprechend auch eine religiöse Geisteshaltung von einer theologischen, wobei es keine scharfe Trennungslinie zwischen beiden im gleichen Menschen gibt. «faith» ist für Newman ein existenzieller Akt: Ich glaube, was Gott offenbart hat, und ich glaube es, weil Gott es offenbart hat. «belief» ist im Gegensatz dazu: Ich glaube in meinem Intellekt, dass etwas so ist, oder sich so verhält. Die Frage, die John Henry Newman umtreibt: «Kann ich zu einer lebhafteren Zustimmung zum Sein eines Gottes kommen als zu einer solchen, wie man sie bloss Begriffen des Intellekts gibt? Mit anderen Worten: «Kann ich glauben, als ob ich sähe?» Newman hält hier eine reale Zustimmung für möglich, obwohl Gott unsichtbar ist. Es geht ihm im Grunde genommen darum, Gott nicht nur als einen Begriff zu erfassen, sondern als eine Wirklichkeit. «Diese erfasst den ganzen Menschen, nicht nur seinen Intellekt, und durchdringt seine ganze Lebenswirklichkeit.»
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Bekannt ist auch die Antwort, die der hl. Bruder Klaus dem Weihbischof von Konstanz auf dessen Frage, welches die grösste Tugend sei, gab: "Der Gehorsam." Und er nahm das Stücklein Brot, das ihm der Weihbischof zu essen befahl, zu sich, obwohl er fast daran erstickte. Von blindem oder Kadavergehorsam kann wohl nur dann gesprochen werden, wenn man einen Befehl ausführt, der klar ersichtlich gegen Gottes Gebot verstösst, etwa wenn ein Arzt auf Druck der Spitalleitung eine Abtreibung vornimmt.
Unverständliches und Schwerverständliches aus der Bibel hat in der Privat-Frömmigkeit, Sektengeschichte, Täufer usw. in der Tat Schaden angerichtet, weswegen Wolf für die Heilige Schrift sich durchwegs einer gehorsamsbereiten Führung anvertraute.
Der Ausdruck "Kadavergehorsam" gehört jedoch zu den Grundsätzen des heiligen Ignatius von Loyola, der für einen Jesuiten "oboediens tamqaum cadavere" forderte, eine Metapher, die typische Jesuiten aber dann auf ihre Weise umdeuteten bis hin zum heute typischen, eigentlich umgekehrten "vorauseilenden Gehorsam" derjenigen, die sich als fortschrittlich einschätzen. Das ist heute im Umgang mit der heiligen Messe eine nicht selten anzutreffende "Gehorsamspraxis". Sinngemäss "angepasster Gehorsam" analog einem aktuellen Neutralitätsverständnis "von Fall zu Fall", das zumal in der Aussenwirkung nicht mehr als zuverlässige Orientierung gelten kann.