Die Teilnehmer an der Podiumsdiskussion am Jubiläum des Sports im Bistum Lugano. (Bild: Kathrin Benz)

Kirche Schweiz

Glaube, Lei­den­schaft und Werte – Jubi­läum des Sports im Bis­tum Lugano

Fünf nam­hafte Sport­ler aus der Schweiz und Ita­lien, dar­un­ter der Chef der Fifa-​Schiedsrichter Mas­simo Busacca, erzähl­ten am ver­gan­ge­nen Mon­tag­abend von ihrem Glau­ben in einem von Leis­tungs­druck gepräg­ten Umfeld, in dem Gott kei­nen Platz zu haben scheint. Mit der inter­es­san­ten Podi­ums­dis­kus­sion zum Thema «Glaube und Sport» fei­erte das Bis­tum Lugano nach einer Messe mit dem Apos­to­li­schen Admi­nis­tra­tor Alain de Raemy das Jubi­läum des Sports.

Zu den Rednern im Kino Lux in Massagno gehörten neben Massimo Busacca die ehemalige Eishockeyspielerin und heute Sportseelsorgerin Sandrine Ray, der frühere Verteidiger des legendären AC Milan Filippo Galli, der in Italien lebende albanische Paralympionike Haki Doku sowie Don Franco Finocchio, Priester der Diözese Novara und langjähriger Olympia-Seelsorger.

Don Franco Finocchio eröffnete die Diskussion mit einer eindringlichen Beobachtung: «Der Sport ist nicht etwas anderes als das Leben – er ist das Leben selbst.» Der italienische Priester, der zuletzt als Kaplan der italienischen Delegation an den Olympischen Spielen in Paris 2024 wirkte, sprach über die wachsende Einsamkeit vieler Athleten. «Vier Jahre Vorbereitung für ein paar Sekunden, in denen eine ganze Welt zusammenbrechen kann. In diesen Momenten brauchen die Menschen jemanden, der ihnen beisteht.»

Don Finocchio warnte vor einer «Kultur der Leistung», die bereits Jugendliche präge: «Viele Kinder sagen heute mit 13: ‹Ich will reich werden› – das ist das höchste aller Gefühle geworden.» Der Sport könne helfen, so Don Finocchio, andere Werte wie Gemeinschaft, Demut oder Respekt zu vermitteln und die Frustrationstoleranz erhöhen. Er appellierte an die Erwachsenen, sie auf diesem Weg zu begleiten.

Für die Walliserin Sandrine Ray, einst Nationalspielerin im Frauenhockey und heute Seelsorgerin bei Athletes in Action (Campus für Christus), erfolgte der entscheidende Moment, als sie mit der Schweizer Mannschaft die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2002 wegen eines einzigen Tors verpasste. Die Enttäuschung war abgrundtief: «In dieser Niederlage habe ich zu Gott gerufen, und er hat mir erstaunlicherweise Frieden geschenkt.» Von da an habe sie Gott überall und in jeder Lebenslage immer an ihrer Seite gewusst. Sport sei nicht wie eine Blase im normalen Leben, sondern Gott habe damit genauso viel zu tun wie mit allem anderen auch.

Heute begleitet sie Spitzensportlerinnen und -sportler, die oft zwischen Erfolg und Sinnsuche schwanken. «Der Glaube erinnert uns daran, dass unser Wert nicht vom Resultat abhängt. Gott liebt dich nicht, weil du gewinnst, sondern weil es dich gibt!» Sandrine Ray forderte dazu auf, Sport als ein «Loblied an Gott» zu leben – mit Freude, Leidenschaft und Dankbarkeit.

Das verflixte Kreuz
Ein Höhepunkt des Abends war der Beitrag von Massimo Busacca, der mit eindrucksvoller Offenheit über seine Karriere und seinen Glauben sprach, der für ihn zentral ist. Er erinnerte sich an ein Spiel in Saudi-Arabien, als er aufgefordert wurde, seine Schiedsrichter-Pfeife auszutauschen, weil er darauf ein winziges Kreuz gezeichnet hatte. Das war verboten. Aber er gab nicht nach: «Ich konnte meinen Glauben nicht verleugnen, nach allem, was Gott für mich ist. Ich sagte ihnen: Wenn ihr wollt, dass das Spiel gut läuft, müsst ihr mir das Kreuz lassen.» Da hätten sie nachgegeben.

Für Schiedsrichter sind die Herausforderungen auf jeder Ebene gross, schon beim Kinderfussball: Beleidigungen, Druck und Versuchungen, aufzugeben. «Ich habe gelernt, dass Respekt, Demut und Vergebung die wirklichen Siege sind. Gott ist immer bei mir, auch wenn ich innerhalb einer Sekunde entscheiden muss und vielleicht einen Fehler mache.» Für ihn bleibe entscheidend, «nicht nur für den Erfolg dankbar zu sein, sondern für die Werte, die bleiben – für das, was ich meinem Sohn mitgebe, zum Beispiel dass eine Entschuldigung manchmal Berge versetzen kann.»

Die Geschichte von Haki Doku bewegte das Publikum tief. Der Albaner, nach einem Unfall querschnittgelähmt, fand in Lourdes zum christlichen Glauben. Er war ganz allein im Zug nach Lourdes gefahren, aus Neugierde. «Ich war kaputt, ohne Hoffnung. In Lourdes habe ich gespürt: Gott ist nicht weit weg im Himmel, er ist hier.» Haki Doku begann wieder Sport zu treiben, wurde der erste albanische Paralympionike und brach mehrere Guinness-Weltrekorde.

«Mit dem Glauben ist alles leichter», sagte er. Der Glaube ermögliche es, nachhaltige Werte wie Kameradschaft zu leben. So hielt er beispielsweise einmal in einem Rollstuhl-Rennen an, um einem gestürzten Konkurrenten zu helfen. Die anderen hätten das nicht verstanden, aber für ihn sei das selbstverständlich gewesen: «Meine Kinder sind stolz auf mich. Es ist wichtiger, Mensch zu bleiben, als zu gewinnen.»

Werte wichtiger als Siege
Obwohl alle Kinder in ihrem Blut das Gewinner-Gen hätten, seien im Sport andere Werte noch viel wichtiger, erklärte Filippo Galli, ehemaliger Verteidiger des legendären AC Milan und heute Leiter der Methodik beim FC Parma. Darauf sollte die Nachwuchsarbeit abzielen: «Wir trimmen Kinder zu früh auf Erfolg als einziges Gut. Die Eltern müssen aber verstehen, dass der Sport mehr lehrt als Resultate – er lehrt Respekt, Zusammenarbeit und Selbstdisziplin.» Sogar der grosse Diego Maradona habe gesagt: «Talent allein genügt nicht – man braucht die anderen.» Filippo Galli sprach sich dafür aus, dass sich besonders christliche Eltern stärker einbringen sollten: «Wenn sie am Fussballrand und zu Hause gute Werte vermitteln, können sie die Clubs von innen verändern.»

Der Abend in Massagno zeigte, dass Sport und Glaube keine getrennten Schienen sind, sondern sich gegenseitig stärken. Bei den persönlichen Zeugnissen wurde deutlich: Der Sport kann ein Ort der Begegnung mit Gott sein, wenn man ihn als Raum der Menschlichkeit und Verantwortung versteht. Don Franco Finocchio wünschte sich sogar: «Die Kirche sollte sportbegeisterte Jugendliche ausbilden und sie als ‹Missionare› in die Vereine schicken – durch ihr Beispiel können sie andere anstecken.»

Massimo Busacca schloss mit einem Gedanken, der den Diskurs des Abends auf den Punkt brachte: «Auch als Sportler sollten wir nie eine Gelegenheit verpassen, das Gute in die Welt zu bringen.»


Kathrin Benz

Kathrin Benz, Jahrgang 1963, gehört durch ihre Nidwaldner Mutter zu den zahlreichen Nachkommen des Niklaus von Flüe. Aufgewachsen in Basel, studierte sie in Genf und Brüssel und war Korrespondentin der Schweizerischen Depeschenagentur in Lugano. Heute ist sie freischaffende Übersetzerin und Journalistin und lebt mit ihrem Mann und den sechs Kindern im Tessin.


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