Die Organisationslehre begründet oft die Wichtigkeit ihrer Disziplin mit dem Satz des Ökonomen Peter Druckers, der postulierte, dass die Erfindung des Spitals wichtiger als die Erfindung jedes Medikaments war. Im Gesundheitswesen ist es nicht primär das Genie eines einzelnen Arztes oder Pharmazeuten, das über Tod und Leben von Tausenden von Menschen entscheidet, sondern die Disziplin, Ordnung und Zusammenarbeit aller beteiligten Kräfte – die Organisation. Martialischer hat der Politologe Samuel Huntington auf die Wichtigkeit organisatorischen Handelns hingewiesen, als er die geopolitische Dominanz der westlichen Staaten nicht ihren Ideen und Idealen zuschrieb, sondern der Fähigkeit, organisierte Gewalt gegen schwächere Gesellschaften auszuüben. Zielgerichtetes gemeinsames Handeln hilft, Interessen durchzusetzen, die dem einzelnen Individuum verwehrt bleiben.
Wenn die Geschichte der letzten drei Jahrhunderte als eine fortschreitende Lösung des Menschen von den Fesseln der Kirche, der Familie und der tradierten Moral beschrieben wird, muss diesem Narrativ entgegengesetzt werden, dass diese Fesseln nicht durch die Autonomie des Einzelnen ersetzt wurden, sondern durch neue institutionelle Bindungen, die viel stärker in die persönliche Freiheit eingreifen, als es je in der Geschichte der Menschheit der Fall war.
Genauso wie das biologische Geschlecht eines Menschen gehört auch die körperliche Schwäche des Homo sapiens zur conditio humana, die ihn dazu zwingt, mit seinen Mitmenschen zu kooperieren. Wie oft man auch das Wort Freiheit in den Mund nimmt – und dies wurde in den letzten 300 Jahren in Theorien zur Volkswirtschaft, Gesellschaft und Politik inflationär getan – so wenig wird dies etwas an der Tatsache ändern, dass der Mensch seine Individualität stückweise aufgeben musste und weiterhin muss, möchte er Ziele erreichen, die seinen Horizont übersteigen. Die Bildung supra-nationaler Organisationen, politischer Parteien, wirtschaftlicher Konzerne und gesellschaftlicher Pressure Groups ist ein Kennzeichen dieser Vereinheitlichung und Vermassung, die das Antlitz der heutigen Zivilisation entstellen. Der in vielen Lehrerzimmern kursierende Witz, wonach es an den Schulen keine Uniformen benötigt, da die Jugendlichen sich ohnehin alle gleich kleiden und die gleiche Frisur tragen, beinhaltet viel Wahres und offenbart den sich immer stärker zuspitzenden Trend zur öden Gleichförmigkeit.
Glaube und Organisation bedingen sich gegenseitig
Wenn wir uns mit der Frage beschäftigen, wie Glaube und Organisation zueinanderstehen, dürfen wir zuerst einmal konstatieren, dass das Christentum anfänglich sicherlich keine mächtigen Strukturen hatte (wie es 1500 Jahre später bei der Reformation der Fall war, als vor allem auch die staatliche Obrigkeit die Ausbreitung der reformatorischen Ideen pushte), um den Glauben an Jesus Christus in der damaligen Welt mithilfe organisierten Handelns zu verbreiten. Elf Jünger, von denen keiner wirklich gebildet war, waren nach menschlichem Ermessen alles andere als eine ideale Voraussetzung, um an die Stelle des etablierten Judentums sowie des griechischen und römischen Polytheismus zu treten. Auch die ersten drei Jahrhunderte waren nicht gekennzeichnet durch nach aussen hin sichtbare Strukturen, da das Christentum verfolgt war. Trotzdem entwickelte diese verfolgte Untergrundkirche eine Organisationsform, die äusserst effizient und effektiv war, da die frühen Christinnen und Christen trotz der fehlenden Akzeptanz seitens des Staates ihren Glauben praktizierten und verbreiteten. Zu meinen, dass die kirchliche Hierarchie erst mit der Konstantinischen Wende entstanden sei und die Kirche dadurch ihren ursprünglichen Charakter verloren hätte, zeugt von realitätsferner Schwärmerei. Mit der Aufforderung und der Bitte Jesu, eine Gemeinschaft zu bilden, und mit dem klaren Auftrag, das Evangelium zu verkünden und seine Gebote zu halten, war der Grundstein zum Aufbau kirchlicher Strukturen gelegt. Sicherlich haben sich die inneren und äusseren Verhältnisse dieser Organisation immer wieder verändert und den kulturellen Gegebenheiten angepasst. Manchmal eher föderalistisch oder zentralistisch, manchmal eher Bottom-up oder Top-down: Die Kirche hat sich in 2000 Jahren organisatorisch flexibel gezeigt – ohne Organisation kam sie jedoch nie aus. Um noch einmal den Gedanken Peter Druckers aufzugreifen: Auch wenn einige Genies und Heilige für die Kirche prägend waren, so waren und sind die in der kirchlichen Gemeinschaft vorkommenden christlichen Tugenden wie Bescheidenheit, Solidarität und Demut die viel wichtigere Konstante.
Gärtchenmentalität überwinden
Es mutet daher seltsam an, dass sich viele Katholikinnen und Katholiken hierzulande so schwertun mit allen Fragen rund um die kirchlichen Strukturen. Gerade lehramtstreue Katholiken glauben, dass der Heilige Geist die Kirche ohnehin lenke und es die einzige Aufgabe des Christen sei, für die Kirche zu beten. Auch wenn das Gebet wichtig ist und viele Früchte zeitigt, so entbindet dies niemanden davon, seinen gottgegebenen Intellekt und seine Hände zu benutzen, um die Kirche gedeihen zu lassen. Ein Blick in die Geschichte der Klöster genügt, um zu erkennen, dass das kontemplative Leben sich sehr gut mit zweckgerichtetem Handeln verträgt, wie es der Heilige Benedikt von Nursia mit dem Spruch «Ora et labora» zum Ausdruck brachte.
Die Gärtchenmentalität vieler Gläubigen, die teilweise auch von Passivität und Mutlosigkeit geprägt ist, führt in den Deutschschweizer Bistümern dazu, dass die Kirche organisatorisch von Menschen geführt wird, die gar nicht wirklich gläubig sind. Denn im dualen System sind es Laien, welche die wegweisenden Entscheide rund um organisatorische Fragen der Finanzen, des Personals und der Infrastruktur treffen. Da viele Laien durch ihre Erfahrungen in der Berufswelt organisatorisches Wissen mitbringen, welches dasjenige der Priester übersteigt, wäre das duale System in der Theorie hervorragend, wird jedoch in der Realität zum Albtraum, wenn das Feld den Falschen überlassen wird. Wie in der Demokratie führt das duale System nicht zum automatischen Ausgleich der Interessen oder zum repräsentativen Abbild des Volkswillens, wie dies von seinen Apologeten suggeriert wird: Es bestimmen diejenigen Gruppen, die es verstehen, sich am besten zu organisieren, um ihren Willen durchzusetzen. Gutgläubige Katholikinnen und Katholiken, die keinerlei Interesse an organisatorischen Fragen zeigen, sind folglich auch äusserst schlecht darin, sich untereinander zu vernetzen und abzusprechen.
Die Rechnung ohne den Wirt gemacht
Dass es lehramtstreue Katholiken schaffen können, innerhalb des dualen Systems die Mehrheit zu erringen und zum Nutzen der Kirche zu wirken, zeigt hingegen das Beispiel der Kirchgemeinde Menziken-Reinach im Kanton Aargau. Trotz massiver, rechtlich und moralisch höchst fragwürdiger Beeinflussung durch die Aargauer Landeskirche haben sich im Pastoralraum Aargau Süd nicht die priester- und sakramentenfeindlichen Gruppierungen durchsetzen können, sondern diejenigen Katholiken, welche sich eine Kirche nach Vorgaben des authentischen Lehramtes wünschen. Die Aargauer Landeskirche ging sogar so weit, die erste Wahl zu annullieren und einen Sachwalter für die nochmals durchgeführte Wahl aufzuzwingen, nur um die Besetzung der Kirchenpflege durch ihr nicht genehme Kandidatinnen und Kandidaten zu verunmöglichen. Das bis anhin unvorstellbare Szenario, bei dem praktizierende Katholiken und vor allem auch Katholiken mit einem Migrationshintergrund sich kirchenpolitisch organisieren und ihren Willen durchsetzen, musste um jeden Preis verhindert werden. Dies führte jedoch nicht zur gewünschten Resignation, sondern dazu, dass die Vernetzung noch stärker vorangetrieben und auch die zweite Wahl gewonnen wurde. Nun ist die Kirchenpflege fest in den Händen der Lehramtstreuen. Die Wut über die Tatsache, dass – in den Worten Max Frischs – aus den Arbeitern und Steuerzahlern, die man gerufen hat, nun engagierte und partizipierende Kirchgemeindemitglieder wurden, treibt die Landeskirche zu immer abstruseren Vorgehensweisen, die jeder Rechtsgrundlage entbehren. Obwohl die Kirchgemeindemitglieder sich klar für eine authentische und priesterfreundliche Kirche entschieden haben, prüfen nun Exponenten der Landeskirche Sanktionen gegen die Kirchenpflege und deren Präsidenten sowie die Einsetzung eines Sachwalters, der die Autonomie der Kirchgemeinde völlig aufheben würde.
Online-Portal «kath.ch» im Sold der Kantonalkirche
Zudem wird das Online-Portal «kath.ch» instrumentalisiert, um durch Artikel Stimmung gegen die Pfarrei- und Kirchgemeindeverantwortlichen zu machen. Die sonst so inbrünstig der Inklusion verschriebenen Medienschaffenden zeichnen das Bild einer zerstrittenen Pfarrei, in der progressive, jedoch in die Jahre gekommene Alteingesessene einer Horde von archaischen Ausländerinnen und Ausländern gegenüberstehen, die den Katechismus über die ach so hehren Postulate der Synode 72 stellen. Der unrühmliche Höhepunkt dieser orchestrierten Berichterstattung war ein Artikel, in welchem tatsachenwidrig behauptet wurde, die Kandidaten der Kantonalkirche, die eine absolute Minderheit repräsentierten und die Wahlen später auch verloren, wollten die Spaltung in der Pfarrei überwinden. Das von der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (= Zusammenschluss der Kantonalkirchen) finanzierte Portal «kath.ch» agiert hier nach dem bekannten Motto «Wes Brot ich ess, des Lied ich sing». Heisst konkret: Damit man dem Bistum, welches seinerseits der Kantonalkirche hörig ist, weil von ihr finanziell abhängig, einen Vorwand auch für kirchenrechtliches Einschreiten liefern kann, erfindet man «Beweise», da die Behauptung, eine Pfarrei sei gespalten, ein Hauptgrund für den Bischof ist, um eine Intervention zu legitimieren. Bei den vielen Pfarreien im Kanton Aargau und im ganzen Bistum Basel, in denen jedes Jahr Tausende von Menschen austreten, in denen die Kirchen leer sind und die Pfarreiarbeit nur einen absoluten Bruchteil der Pfarreiangehörigen erreicht, spricht «kath.ch» bezeichnenderweise nicht von Spaltung. Perfid wird hier versucht, die klare demokratische Mehrheit von der Macht fernzuhalten, indem alle kirchen- und staatskirchenrechtlichen Hebel in Bewegung gesetzt werden. An der Standhaftigkeit der Katholikinnen und Katholiken aus Menziken-Reinach vermochte dieses verwerfliche Manöver nichts zu ändern – im Gegenteil.
Kirchgemeinde Menziken weist den Weg in die Zukunft
Das Beispiel dieser Kirchgemeinde ist nicht nur bewundernswert, sondern vor allem auch nachahmenswert. Es widerlegt auch einen Mythos, der immer wieder von glaubenstreuen Katholiken ins Feld geführt wird, um die eigene Apathie zu rechtfertigen. Es ist falsch zu behaupten, dass die Mehrheit der Katholiken eine Verflachung des kirchlichen Lebens und Wortgottesdienste der Spendung von Sakramenten und der Feier von würdigen Eucharistiefeiern vorzieht. Auch wenn die meisten Katholiken – wie es wohl übrigens immer in der Geschichte der Kirche war – nicht sehr fromm sind, so sind sie nicht so dumm, um Steuergelder für eine Kirche auszugeben, die ihre ureigenen Angebote auf ein Minimum reduziert, um stattdessen Dinge anzubieten, die man bei jedem anderen Verein auch und erst noch in besserer Qualität erhält. Dieser Mythos, der in der Schweizer Kirche so viel Schaden angerichtet hat, kann nur aus der Welt geschafft werden, wenn sich die hiesigen Katholiken im Klaren darüber werden, dass gemeinsame Interessen organisiert vorgebracht und vertreten werden müssen. Hierzu muss auch kleinkariertes Denken und Verhalten überwunden werden, das gute Katholikinnen und Katholiken oft daran hindert, gemeinsam zu handeln. Man muss nicht in allen kirchlichen Punkten einig sein, um kollektiv zugunsten einer authentischen Kirche tätig zu werden. Die Scheuklappen, mit denen einige Katholiken durch die Welt gehen, stammen sicherlich nicht vom Heiligen Geist.
Eine Kirche braucht eine Organisation, um gedeihen zu können. Weder bauen sich Kirchen von allein noch fällt das Brot vom Himmel, welches die Priester und die kirchlichen Angestellten essen. Und innerhalb dieser kirchlichen Organisation sind die Kräfte dominant, die ihre Interessen am besten bündeln und organisieren können. Angesichts der kommenden Wahlen in vielen Deutschschweizer Kirchgemeinden gilt es, diese Wahrheit zu berücksichtigen, anstatt ständig den Niedergang der Kirche herbeizureden und zu lamentieren.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Wie in andern Artikeln, versucht Daniel Ric auch hier, das "duale System" zu retten. Es mag stimmen, dass dieses System dann einigermassen funktioniert, wenn lehramtstreue Katholiken die entsprechenden Posten innehaben, so wie es in Menziken-Reinach der Fall zu sein scheint. Die Erfahrung lehrt allerdings, dass es sehr schwierig ist, als lehramtstreuer Katholik überhaupt in diese Gremien gewählt zu werden. Zudem macht die Versuchung, als staatskirchenpolitisch engagierter Mensch seine durchaus vorhandene Macht auszuüben, auch vor lehramtstreuen Katholiken nicht Halt. Wie das Beispiel Deutschland zeigt, kann jedoch die Lösung des Problems auch nicht darin bestehen, das Kirchensteuergeld einfach den Bistümern zuzuschanzen. Was wir bräuchten, wäre eine wirklich arme Kirche, die nicht von fetten Pfründen lebt, sondern von der göttlichen Vorsehung und dem Beitrag der wirklich Gläubigen. Dass es zur Verwaltung auch dieser deutlich kleineren Einnahmen eine Organisation braucht, ist unbestritten. Nur sollte diese Organisation schlank und unbürokratisch sein, von ehrenamtlich Tätigen getragen werden und in voller Übereinstimmung mit dem Lehramt der katholischen Kirche stehen - sprich: der Katechismus muss tatsächlich über den Postulaten der Synode 72 stehen!
Liesse sich zur Ergänzung ein entsprechender Artikel veröffentlichen?