Jürgen Habermas (Bild: Wolfram Huke at en.wikipedia, via Wikimedia Commons) und Joseph Ratzinger (Bild: Manfredo Ferrari, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons)

Weltkirche

Glaube und Ver­nunft sind sia­me­si­sche Zwillinge

Ein Streit­ge­spräch zwi­schen dem Phi­lo­so­phen Jür­gen Haber­mas und dem Theo­lo­gen Joseph Ratz­in­ger hatte das Thema «Glaube und Ver­nunft» zum Inhalt. Für den spä­te­ren Papst Bene­dikt XVI. ist die wesens­ge­mässe Ver­schrän­kung von Glaube und Ver­nunft eine Schick­sals­frage für Kir­che und Gesellschaft.

Am 14. März 2026 starb der Philosoph Jürgen Habermas im biblischen Alter von 96 Jahren. Damit wurde er sogar noch ein Jahr älter als der am 31. Dezember 2022 verstorbene Theologe und Papst Benedikt XVI. In Erinnerung geblieben ist vor allem das legendäre Streitgespräch, das die beiden Antipoden am 19. Januar 2004 in München geführt haben. «Gipfeltreffen der Giganten», lautete die Affiche der Medien. Die Einschätzung, ob der Verlauf der Debatte dieser Zuschreibung gerecht wurde, hängt nicht zuletzt auch vom Wertekanon ab, dem sich an solchen philosophisch-theologischen Themen interessierte Zeitgenossen verpflichtet fühlen.

An dieser Stelle stehen die Reflexionen des damaligen Kurienkardinals Joseph Ratzinger im Fokus, sind sie doch für das Verständnis der existentiellen Herausforderungen unserer Zeit und deren Bewältigung von grundlegender Bedeutung. Wie ein roter Faden zieht sich durch die gesamte Theologie von Papst Benedikt das Generalthema der rechten, wesensgemässen Verhältnisbestimmung von Glaube und Vernunft. Für ihn ist sie geradezu zur Schicksalsfrage des modernen Menschen wie der Gesellschaft insgesamt geworden.

Diskreditierte Vernunft
Die Vernunft ist in der Philosophie der Gegenwart weitgehend geradezu in Verruf geraten – durchaus nachvollziehbar. Denn mit der Verabsolutierung in der Zeit der Aufklärung (man denke etwa an den Kult der «göttlichen Vernunft» während der Französischen Revolution – ein Selbstwiderspruch par excellence) ging auch ihre Sinnentleerung einher. Sie wurde verzweckt, auf das Mess- und Machbare reduziert. Degradiert zum blossen Steigbügelhalter von Geld, Einfluss und Macht. Ist sie womöglich gar zur Hure der Macht verkommen? So die bange Frage von Christoph Böhr in seinem «Tagespost»-Essay: «Ratzinger und Habermas. Gipfeltreffen zweier Giganten».

Konsequenterweise taugt ein solch eindimensionaler Vernunftbegriff auch nicht mehr als Massstab für die Frage, ob die von den Wissenschaften und der Politik insgesamt verfolgten Ziele selbst als vernünftig, als vernunftgemäss gelten können. Eben diese Frage wurde schroff zurückgewiesen, gar als Affront taxiert, wollten sich doch die politischen Ersatzreligionen Nationalsozialismus und Kommunismus ihre Heilsversprechen partout nicht auf ihre Vernünftigkeit hin kritisch hinterfragen lassen.

Mit der Konsumgesellschaft unserer Tage verhält es sich ebenso. Ein scheinbar banales und doch so bezeichnendes Beispiel liefert ausgerechnet der «Blick», der in mehreren Artikeln den Wahn der Autoindustrie thematisiert, Jahr für Jahr neue, stets über noch mehr PS unter der Motorhaube verfügende Luxus-Boliden zu produzieren – Klimafolgen hin oder her. Tatsächlich leben wir in einer sogenannten Know-how-Gesellschaft, in der alles möglichst effizient, rationell und profitabel sein muss. Doch wozu und wohin führt das Ganze? Das auf das technisch Machbare reduzierte Vernunftverständnis vermag – man möchte sagen selbstverschuldet – zur Lösung dieser immer drängenderen Frage wenig beizutragen.

Und doch: Sowohl der Philosoph Habermas als auch der Theologe Ratzinger wenden sich vehement gegen jegliche Form der Vernunftverachtung. Kardinal Ratzinger pocht auf eine Öffnung der Vernunft – auf eine Öffnung hin zur Transzendenz. Mit anderen Worten: Eine Vernunft, die sich den essentiellen Fragen des Woher und Wohin der menschlichen Existenz nicht verschliesst, diese Fragen vielmehr als einen unaufgebbaren Teil ihrer selbst versteht.

Beide, Habermas und Ratzinger waren sich einig, dass sich eine ausschliesslich instrumentell verstehende Rationalität in eine Sackgasse führt. Ratzinger geht aber noch einen Schritt weiter: Auch der Glaube ist seiner inneren Natur nach auf die Vernunft verwiesen und angewiesen. Allerdings bedarf es dazu einer weiten, auf die Transzendenz hin offene Vernunft. Denn die immer mehr Lebensbereiche auf ihre technische Verwertbarkeit und Profitmaximierung reduzierende Vernunft hat den Menschen in ein Korsett gezwängt, dem er nur durch eine Flucht ins Irrationale entrinnen zu können meint.

Esoterischer Mummenschanz versus vernünftiger Glaube
In der Tat: Ein mittlerweile nicht mehr überblickbares Angebot überschwemmt den Markt mit esoterischem Mummenschanz und bedient das dem Subjektiven verhaftete Lebensgefühl der modernen Gesellschaft. Mit fatalen Folgen auch für den kirchlichen Binnenraum: Esoterische Rituale verdrängen zunehmend die liturgische Sakramentalität. Gerade vor diesem Hintergrund ist Joseph Ratzingers Postulat einer neuen Balance zwischen Glaube und Vernunft geradezu ein kategorischer Imperativ.

Der Glaube bedarf einer ihrem Wesen gerecht werdenden Vernunft als unabdingbare Voraussetzung zur Verkündigung seiner Botschaft. Sie bewahrt ihn so vor dem Abgleiten in Willkür und Subjektivismus. Es geht dabei nicht um das Ich und dessen je beliebige Befindlichkeit («Fühlt sich gut an»), sondern um den Erweis der Vernünftigkeit des Glaubens als notwendiger Bedingung seiner Universalität.

Ratzinger ist überzeugt: Das Schicksal der Vernunft ist mit dem Schicksal des Glaubens untrennbar verwoben. Eine überhebliche, sich selbst verabsolutierende Vernunft kann diesen Mittlerdienst nicht leisten. Sie muss sich ihrer Grenzen bewusst sein bzw. wieder neu bewusst werden, ohne der Selbstverachtung zu verfallen. Und nur ein die Vernunft ernst nehmender Glaube bewahrt ihn vor dem Absturz in den Aberglauben.

Last but not least: Jürgen Habermas hat mit seiner verschlungen-verschwurbelten Hirnzellenakrobatik das akademische Publikum bezirzt (Exempel: «Als intersubjektive Praxis operiert die nachmetaphysische Vernunft im Raum der Gründe – Gründe, die sich im umfassenden Horizont der Lebenswelt vorfinden und im lebensweltlichen Kontext argumentativ entwickeln lassen.»). Joseph Ratzinger war es demgegenüber wie wenigen vergönnt, anspruchs- und gehaltvoll und dennoch stets allgemeinverständlich die eigenen Gedanken zum Ausdruck zu bringen.


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

E-Mail

Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


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Bemerkungen :

  • user
    Asellus 20.03.2026 um 16:52
    De mortuis nil nisi bene, aber was?

    Vielleicht: 1 + 0 = 1

    oder

    Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. [Lk 11, 23]