«Wir brauchen Hilfe, um dem Schrecklichen ins Auge zu sehen, ohne daran zu verzweifeln», schrieb der Rektor des katholischen Gymnasiums Liceo Diocesano von Lugano, Alberto Moccetti, seinen Schülerinnen und Schülern nach der Tragödie. Überall sei viel heldenhafte Menschlichkeit hervorgebrochen, heisst es im Brief, was die Dinge zwar nicht besser mache, aber «uns zeigt, aus welchem Holz wir geschnitzt sind: Wir wollen das Leben und nicht den Tod. Wir können erahnen, was das Geheimnis von Weihnachten ist: das Geheimnis Gottes, der Mensch wird, um unsere Freuden und Leiden zu teilen.»
Auch das Tessin hat ein Opfer zu beklagen. Der Teenagerin wurde vergangene Woche in der übervollen Kathedrale von Lugano die letzte Ehre erwiesen.
Kirchen nahmen zentrale Rolle ein
«Die Kirchen nahmen sehr schnell eine zentrale Rolle bei der Trauerbegleitung ein. In dem mehrheitlich katholischen Kanton kam es zu einer sofortigen Mobilisierung», schrieb das Portal «Regards protestants». Die Gedenkmesse von Bischof Jean-Marie Lovey, in Anwesenheit katholischer und reformierter Verantwortlicher, sei ein Zeichen der Einheit angesichts des Schocks gewesen.
In Crans-Montana öffnete auch der reformierte Pfarrer Guy Liagre seine Kirche. «Was im Protestantismus eher selten ist. Es wurde dort ein Ort der Andacht eingerichtet, ganz schlicht: eine aufgeschlagene Bibel mit dem Buch Jeremia und zwei Kerzen.»
Vor Ort begleiteten die Notfallteams der katholischen und reformierten Kirche die Polizei beim Übermitteln der Todesnachrichten. «Man lernt, mit Trostworten nicht zu voreilig zu sein», betont Pastor Pierre Bader, Koordinator des Teams aus dem stark betroffenen Kanton Waadt, der viele Todesopfer zu beklagen hat, so sieben junge Spieler des FC Lutry und sieben aktuelle und ehemalige Schüler des Collège Champittet bei Lausanne (zwei weitere befinden sich im Spital). «Zuerst muss man mit den Familien ausharren und mit den Weinenden weinen.»
In der Brandnacht eilte auch der katholische Pfarrer Pablo Pico herbei und begleitete die Angehörigen im Kongresszentrum La Régent während mehrerer Tage der Ungewissheit und der Trauer: «Sie haben mich sofort angerufen. Es war ein dringendes Bedürfnis: Die Rettungsgruppen und psychologischen Hilfsteams waren bereits aktiv geworden. Aber es war auch klar, dass unsere Präsenz als Kirche notwendig war. Es bestand ein grosser Bedarf an Trost, Nähe, auch spiritueller Nähe und Glauben» (Laura Quadri auf catt.ch). Gemeinsam mit Laien aus der Spitalseelsorge bildete sich ein spirituelles Care Team. Auch der Rabbiner von Crans-Montana schloss sich an, da auch seine Gemeinde von der Tragödie betroffen ist.
Keine Wut auf Gott – im Gegenteil
Pfarrer Pico sagte gegenüber Bernard Hallet von «cath.ch», er habe damit gerechnet, dass die Angehörigen auf Gott wütend seien, aber «im Gegenteil suchten die traumatisierten Menschen Gottes Nähe. Sie sehnten sich nach einem Wort der Hoffnung, nach einem Moment des Gebets. Sie mussten reden, sie mussten verstehen. Die Menschen klammerten sich an ihren Glauben, wandten sich an Gott, selbst diejenigen, die sich nicht als gläubig oder dem Glauben verbunden betrachteten. Es war ihre einzige Hoffnung.»
Spontan bildeten sich viele Initiativen, Schweigemärsche und Mahnwachen, durchgehende Anbetung, wie Pierre-Yves Maillard, Generalvikar für den französischsprachigen Teil der Diözese Sitten, dem Tessiner Portal «catt.ch» erzählte. Es sei auch sofort ein Online-Treffen mit allen Religionslehrern organisiert worden, um sich gemeinsam auf den anstehenden Schulanfang vorzubereiten. «Das Wallis ist wie eine einzige grosse Stadt: Die Jugendlichen kennen sich alle untereinander, und ich glaube, dass es derzeit nur wenige gibt, die nicht vom Tod eines Opfers betroffen sind.»
Das Kreuz an der Kette umklammert
Schon wenige Stunden nach der Katastrophe ging ein Video viral, in dem eine 17-jährige Schweizerin unter Tränen erzählt, wie sie den Flammen entkommen ist: Sie habe Gott angefleht. Laetitia Place war in Crans-Montana in den Ferien und in der Bar, als das Feuer ausbrach. Bei der Flucht sei sie vor der Treppe zum Ausgang unter toten und noch lebenden Körpern stecken geblieben und habe ununterbrochen gebetet, sie wolle nicht sterben. Da ergriff ein junger Mann ihre Hand und zerrte sie hinaus.
Die Jugendliche erzählte in einem Video-Interview mit dem deutschen Magazin «Der Spiegel» noch von einer wundersamen Rettung. Ein Freund von ihr habe sich auf der Flucht einfach hingesetzt und seinen Kreuzanhänger umklammert. «Das Feuer umgab ihn vollständig und bildete einen Kreis um ihn herum, berührte ihn aber nicht direkt», schildert sie. Dann raffte er sich aber auf, schlug ein Fenster ein und konnte fliehen.
Diese Schilderung lässt sich nicht verifizieren, aber entscheidend sind die verzweifelten und zugleich tapferen Worte der weinenden Jugendlichen: «Ich möchte einfach Gott dafür danken, dass er mich gerettet hat, und ich möchte ihn einfach bitten, meine vermissten Freunde zu retten, denn es ist schrecklich. Ich vermisse sie so sehr. Ich möchte nicht noch mehr Menschen verlieren, denn ich habe bereits Menschen verloren, und wir suchen immer noch.»
«Unser christlicher Glaube sagt uns – und daran glauben wir fest –, dass unser Gott in dieser Nacht bei Ihren Kindern war. Genau in diesem Lokal. Machtlos. Niedergeschlagen. Am Kreuz. Um mit ihnen zu leiden und zu sterben. Um sie zu streicheln, wie Sie es in diesem schrecklichen Moment getan hätten, liebe Eltern. Gott war da, um ihre Angst auf sich zu nehmen, ihre Ängste, ihre verzweifelten Schreie aufzufangen. Gott war da, um sie in den seligen Frieden der Ewigkeit zu führen, wo Sie sie eines Tages, da können Sie sicher sein, wiederfinden werden.»
Diese Worte schrieb der italienische Anti-Mafia-Priester Don Maurizio Patriciello in einem offenen Brief an die Eltern in der Zeitung «Avvenire». Der Priester hat von der Mafia eine Todesdrohung erhalten und lebt seither mit Personenschutz. Italien hat sechs Todesopfer und mindestens zehn Schwerverletzte zu beklagen. In den italienischen Medien erschienen für Schweizer Verhältnisse sensationslüstern aufgemachte Berichte, die hierzulande auf Ablehnung und Unverständnis stossen würden. Aber die Betroffenen erklärten, wie wohltuend die Umarmung durch die Gemeinschaft und das ganze Land für sie sei.
Nach der Beerdigung des Schülers Achille Barosi brachte es sein Grossvater am italienischen Fernsehen auf den Punkt: «Es braucht jetzt einfach viel Glauben und viel Liebe. Und Nähe. Das ist die einzige Medizin, und sie ist gratis. Damit wir nicht in der Verzweiflung versinken. Glauben und Liebe, das hält uns am Leben.»
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