Wirft man einen Blick auf die neueste Erhebung zur Religionszugehörigkeit des Bundesamtes für Statistik, scheint Nietzsches Kampfansage an das Christentum ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben. Gemäss dem einschlägigen Datenkranz des Bundesamtes für Statistik hat der Anteil der Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz zwischen 2010 und 2024 von 39 auf 30 Prozent abgenommen, jener der protestantischen Bevölkerung im gleichen Zeitraum von 28 auf 19 Prozent. Im Gegenzug stieg der Anteil der konfessionslosen Menschen um 17 Prozent auf insgesamt nun 37 Prozent. Sie stellen damit religionsbezogen prozentual erstmals die grösste Bevölkerungsgruppe.
Andererseits: Passiert irgendwo ein Unglück oder gar eine veritable Katastrophe, ist Gott plötzlich wieder gefragt, wird er gleichsam von den Toten auferweckt. Beredtes Beispiel ist der sogenannte Bergführer-Prozess rund um eine Skitour im Berner Oberland im Jahre 2023, bei welcher eine 18-jährige US-Amerikanerin sowie ein gleichaltriger Brite bei einem Lawinenunglück ums Leben kamen.
Die zentrale Frage im Gerichtsprozess lautete, ob sich der Bergführer und der ihn unterstützende Begleiter, ein sogenannter Tourguide, eine Verletzung ihrer beruflichen Sorgfaltspflichten zuschulden kommen liessen. Das Regionalgericht Oberland mit Sitz in Thun verurteilte am 14. August 2026 den Bergführer wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung, sprach aber den ihn begleitenden Tourguide frei.
«Ich bin sauer auf Gott»
Bemerkenswert ist die Reaktion der im Gerichtssaal anwesenden Mutter der ums Leben gekommenen US-Amerikanerin Emily: «Ich bin nicht sauer auf den Bergführer oder den Tourguide. Ich bin sauer auf Gott. Und dieser Frust wird so schnell auch nicht weggehen» («20Minuten» vom 14. August 2026). Diese Reaktion ist beileibe kein Einzelfall. Ähnliche Schuldzuweisungen an die Adresse des wieder ausgegrabenen Gottes gab es auch nach der Brandkatastrophe in einem Nachtlokal von Crans-Montana vom 1. Januar 2026, die 42 junge Menschen mit ihrem Leben bezahlen mussten.
Fazit: Zumindest als Lückenbüsser ist Gott wieder gefragt – in der durch und durch säkularisierten Gesellschaft offenbar ganz besonders.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Was die Zahlen zur Konfessionszugehörigkeit betrifft, so wird sich der Sinkflug der Mitgliederzahlen in den nächsten Jahren noch beschleunigen. Jahrzehntelang gehörte es einfach dazu, Mitglied einer Konfession zu sein, heute ist dies anders. Frau Ring hat meines Erachtens recht, wenn sie behauptet, dass dies nicht unbedingt etwas über den Glauben an Gott aussagt. Persönlich bin ich sogar der Überzeugung, dass der Mitglieder- und damit auch Geldschwund für die Katholische Kirche einen Segen darstellen wird.
Die Frage ist, ws man konkret unter Glauben an Gott versteht. Es gibt heute sehr viele Menschen, welche sagen , sie würden schon an eine höhere Macht glauben. Ein Christ jedoch glaubt an den dreifaltig einen, in der Geschichte handelnden Glott, den Schöpfer und somit den Herrn aller sichtbaren und unsichbaren Dinge. Zu diesem bemüht er sich, eine persönliche Beziehung aufzubauen, indem er glaubt, was dieser ihm durch den Dienst der Kirche geoffenbart und gelehrt hat.
An was glauben Sie persönlich?
ich habe die Texte nicht in Latein gelesen., sondern in der offiziellen deutschen Fassung des Vatikan. Das Ding nennt sich Katechismus. Dort steht übrigens auch, dass Geschiedene die eine neue Liebe gefunden haben, als schwere Sünder und permanente Ehebrecher zu bezeichnen sind. Und noch diese Bemerkung, wenn Sie nur noch eine lebende Person kennen, die diese mittelalterliche Sexuallehre versteht, ist das nicht sehr grossartig.
Ihren Ausführungen entnehme ich, dass Sie bei unserer Religion die Vermittlung des Einfachen und Elementaren vermissen. Sowieso müsste alles, was in der Kirche wahrnehmbar ist, irgendwie auf das Vaterunser bezogen sein. Schon Kerzen anzünden ohne Gebet ist reine Esoterik, weswegen einige Reformatoren diesen Kult abgelehnt haben, unter diesem Gesichtspunkt zurecht.
Noch Nachtrag zu @Hansjörg oben: Der Katechismus ersetzt die Gesamtlektüre der päpstlichen Enzyklika keineswegs Er bleibt eine "Anweisung", keineswegs eine Analyse. Zu derselben wäre für eine allfällige Revision der Enzyklika das Kleingedruckte der in der Enzyklika nicht berücksichtigen Referate zu referieren. Siehe aus heutiger Sicht die Texte der Verurteilung Luthers oder Meister Eckharts.