Gotthardpass. (Bild: Karlheinz Klingbeil/Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Kirche Schweiz

Got­tes­dienst auf dem Gott­hard zum Geburts­tag der Schweiz

Seit 25 Jah­ren fei­ern Gläu­bige des Bis­tums Lugano am 1. August einen Got­tes­dienst auf dem Gott­hard­pass. Die dies­jäh­rige Jubi­lä­ums­messe, die unter dem Motto des Hei­li­gen Jah­res stand, lei­tete der Apos­to­li­sche Admi­nis­tra­tor der Diö­zese Lugano, Alain de Raemy, als Kon­ze­le­bran­ten wirk­ten der eme­ri­tierte Bischof von Lugano, Msgr. Pier Gia­como Grampa, Bischof Joseph Maria Bon­ne­main und Bischof Jean-​Marie Lovey.

Das Gotthardmassiv verbindet die Kantone Graubünden, Tessin, Uri und Wallis. Wallfahrten haben hier eine lange Tradition. Vor allem während der Sommermonate kamen Pilger aus den umliegenden Gebieten, um hier einen Gottesdienst zu feiern. Nachdem diese Tradition für einige Zeit in Vergessenheit geraten war, nahm die Pfarrei Airolo im Jahr 2000 diesen Brauch wieder auf.

Eröffnet wurde die Heilige Messe, an der auch zahlreiche Priester und Ordensleute teilnahmen, mit der offiziellen Hymne des Heiligen Jahres. Als sichtbares Zeichen des Heilig-Jahr-Jubiläums war ein grünes Jubiläumskreuz im Altarraum aufgerichtet; es ist eines von insgesamt sechs farbigen Jubiläumskreuzen, die in verschiedenen Kirchen im Bistum stehen.

In seinem Grusswort begrüsste Weihbischof Alain de Raemy neben den katholischen Gläubigen vor Ort und jenen, die über das Fernsehen dabei waren, auch die Angehörigen anderer christlicher Kirchen und Gemeinschaften. Er sprach dabei den Wunsch aus, dass die Schweiz als Sitz der humanitären Rechte ihrer Berufung zu Gerechtigkeit und Frieden treu bleibt.

Die Heilige Messe wurde im ambrosianischen Ritus gefeiert, der in ungefähr fünfzig Pfarreien des Bistums Lugano praktiziert wird. Dieser weist einige Unterschiede zum römischen Ritus auf, so erfolgt der Friedensgruss unmittelbar nach dem Wortgottesdienst und die Brotbrechung findet vor dem Vaterunser statt.

In seiner Homilie, die er auf Italienisch, Deutsch und Französisch hielt, ging Alain de Raemy auf die Lesung aus dem Römerbrief (5,1–11) ein. «Paulus hat Recht: Vielleicht ist jemand bereit, für einen Gerechten zu sterben, auch wenn es schwer ist.» Doch niemand würde für einen schlechten Menschen oder gar für seinen Feind sterben. Aber gerade hier liegt der Schatz unseres Glaubens, denn Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren (vgl. Röm 5,8). Die gleiche Liebe gilt auch jenen, die sich selbst als Feind Gottes betrachten oder Gott gegenüber gleichgültig sind oder Agnostiker. «Das gleiche Opfer am Kreuz, für dich! Das ist die überfliessende Kraft der Liebe Gottes! Eine göttliche Übertreibung! Er liebt dich mehr als nötig. Er liebt dich mehr als vernünftig ist. Er liebt dich mehr als normal ist. Er liebt dich bis zum Wahnsinn. Er liebt dich bis zum Tod.»

Das Evangelium (Lk 4,16–21) handelte von der ersten Rede Jesu in der Synagoge von Nazareth: «Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt,  damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe […] Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.»

Hat sich diese gute Nachricht wirklich erfüllt, fragte Alain de Raemy. Wo stehen wir nach 2000 Jahren und 49 Heiligen Jahren? Auf den ersten Blick sehe es nicht gut aus: Missbrauch aller Art, Kriege und Ungerechtigkeiten, unzählige Abtreibungen ...
 


Weihbischof de Raemy lud die Gläubigen ein, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen. «Kennen Sie alle Heiligen aller Zeiten und aller Orte? Nein? Ich auch nicht.» Er verwies wieder auf den heiligen Paulus. «Mehr noch, wir rühmen uns ebenso der Bedrängnisse; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen» (Röm 5,3-5).

«Also frage ich euch erneut: Wisst ihr, wie viele unserer christlichen Brüder und Schwestern heute in Not leben, diese Not aber in Hoffnung verwandeln? Wie viele sind diese unbekannten Brüder und Schwestern, wahre Freunde Jesu, die auf Gewalt mit Geduld reagieren, auf Rache mit Dialog, auf Provokation mit Versöhnungsangeboten, auf Hass mit Vergebung?
Wie viele dieser Heiligen gibt es heute unter den Armen, Gefangenen und Unterdrückten, die gerade in diesem Moment die Frohe Botschaft verwirklichen, in Palästina und Israel, in der Ukraine und in Russland, im Iran und in den Vereinigten Staaten, im Jemen, in Ruanda oder im Kongo und in der Schweiz? Wie viele sind es? Niemand weiss es. Aber es gibt sie. Und sie halten durch. Und sie werden nicht enttäuscht. Die Hoffnung enttäuscht nicht!»

Wenn wir heute als Christinnen und Christen unseren Nationalfeiertag feiern, dann sollen wir es als Freunde Jesu tun, die aus dieser Hoffnung leben. Unsere Fahne zeigt ein lichtweisses Kreuz auf blutrotem Grund, Zeichen für den Auferstandenen. «Unter einer solchen Fahne, unter einem solchen Zeichen, kann man den Feind nicht mehr hassen, man kann nur für alle sorgen und leben.»

Und Weihbischof Alain de Raemy schloss die Homilie mit einem Gebet: «Allmächtiger und ewiger Gott, brennendes Verlangen des menschlichen Herzens, schau gnädig auf dein pilgerndes Volk in diesem Jahr der Gnade, damit es, vereint mit Christus, dem Felsen der Erlösung, freudig zum Ziel der seligen Hoffnung gelangen kann. Amen.»

Dieser Wunsch nach Frieden, Geschwisterlichkeit und Gerechtigkeit kam auch in den Fürbitten zum Ausdruck. Nach der Kommunion erklang zum Dank das Bruder-Klaus-Lied: «Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir …».

Zum Schluss dankte Weihbischof Alain de Raemy allen, die für unser Land beten und drückte seine Verbundenheit mit den von Unglück überschatteten Gemeinden von Blatten und Brienz sowie dem Vallemaggia aus. Als er den Bischöfen der benachbarten Diözesen dankte, wies er darauf hin, dass Bischof Bonnemain vor wenigen Tagen seinen 77. Geburtstag feiern konnte und Bischof Jean-Marie Lovey morgen seinen 75. Geburtstag feiern darf.
Mit den Klängen des Schweizerpsalm endete die Heilige Messe auf dem Gotthardpass.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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