«Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.»
Diese Worte des Fuchses an den Kleinen Prinzen gehören zum Bekanntesten, was die Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts hervorgebracht hat. Dass sie so viele Menschen erreicht haben, liegt nicht nur an ihrer poetischen Kraft. Es liegt auch daran, dass sie eine Wahrheit aussprechen, die im Alltag der Moderne immer wieder verschüttet geht: Das Herz sieht mehr als der Verstand.
Antoine de Saint-Exupéry wusste, wovon er sprach. Er war Pilot, ein Mann der harten Fakten, der Höhenmesser und Treibstoffanzeigen. Und er wusste: Das Entscheidende im Leben lässt sich nicht berechnen. Man kann die Liebe nicht in Formeln fassen, die Freundschaft nicht in Diagrammen darstellen, das Glück nicht in Zahlen ausdrücken. Man sieht sie – mit dem Herzen.
Was Saint-Exupéry in eine kleine, fast märchenhafte Geschichte kleidete, ist in Wahrheit eine der ältesten Einsichten der Geistesgeschichte. Der Epheserbrief betet, dass die «Augen eures Herzens erleuchtet werden» (Eph 1,18). In der hebräischen Anthropologie, die hier durchscheint, ist das Herz (leb) nicht nur das Gefühlsorgan, sondern die Mitte der Person: der Ort, wo Entscheidungen fallen, wo der Mensch sich selbst begegnet und wo er sich zu Gott hin öffnet oder verschliesst.
Die Einsicht ist so alt wie die Menschheit und so frisch wie die Erkenntnis, dass unser Alltag von ihr durchdrungen ist. Wer hat nicht schon erfahren, dass er etwas «im Herzen wusste», bevor er es in Gedanken fassen konnte? Wer kennt nicht das Gefühl, dass eine Entscheidung «aus dem Herzen» die richtige war, auch wenn die Vernunft noch Bedenken anmeldete? Wer hat nicht erlebt, dass ein Mensch «von Herzen» überzeugt und dass diese Überzeugung ansteckt – nicht durch Argumente, sondern durch die schiere Lauterkeit seiner Gegenwart?
Das Herz ist kein dumpfes Gefühlsorgan. Es hat seine eigene, höhere Rationalität. Es sieht, was der Verstand nur umständlich und unvollkommen erreicht. Es hat seine Gründe – und diese Gründe sind nicht etwa irrational, sondern folgen einer unmittelbaren Logik, die jeder kennt, der je geliebt hat.
Die Kirchenväter: Das Herz als Auge
Die Kirchenväter haben diese Einsicht entfaltet wie kein anderer. Theophilos von Antiochien spricht im zweiten Jahrhundert von den «Augen der Seele» und den «Ohren des Herzens». Sie sind durch die Sünde getrübt wie durch einen Star. Wer sie nicht reinigt, kann Gott nicht sehen.
Gregor von Nyssa, einer der drei grossen Kappadokier, vergleicht das Herz mit einem Spiegel. Ein rostiges Eisen glänzt nicht; aber wenn man es reinigt und schärft, reflektiert es die Sonne. So ist es auch mit dem Herzen. Wer es von egoistischen Begierden reinigt, sieht in sich selbst das Ebenbild Gottes. Die Gotteserkenntnis ist nicht etwas, das ausserhalb des Menschen gesucht werden müsste. Sie bricht auf, wenn das Herz durchlässig wird für das, was es im Innersten trägt.
Augustinus treibt diese Erkenntnistheorie des Herzens auf die Spitze. Die inneren Augen, sagt er, sind die Richter der äusseren. Sie sehen vieles, was die leiblichen Augen nicht sehen – und die äusseren Augen sehen nichts, worüber nicht die inneren richten würden. Die Liebe zum Beispiel: Sie hat keine Farbe, keine Gestalt, keinen Klang, keine räumliche Ausdehnung. Und dennoch erkennen wir sie mit unmittelbarer Gewissheit. Wer liebt, weiss, dass er liebt. Dieses Wissen ist nicht das Ergebnis eines Beweisverfahrens. Es ist ein Wissen des Herzens.
Gregor der Grosse fügt eine weitere entscheidende Dimension hinzu. Das Auge des Herzens, sagt er, hat eine Doppelbewegung: Es richtet sich aufwärts in der Kontemplation zu den unsichtbaren Dingen, und es neigt sich abwärts im Erbarmen zu den Schwachen. Die Herzenserkenntnis ist keine esoterische Sonderfähigkeit, sondern die Mitte eines Lebens, das sowohl Gott schaut als auch dem Nächsten dient.
Thomas von Aquin: Die Gaben des Geistes
Thomas von Aquin, der grosse Systematiker des Mittelalters, hat diese Tradition aufgegriffen und in seine Tugendlehre eingebaut. Er unterscheidet zwischen den Tugenden, die den Menschen befähigen, nach der Vernunft zu handeln, und den Gaben des Heiligen Geistes, die den Menschen für eine höhere Bewegung bereitmachen – für Handlungen, die «über das Mass der Vernunft hinausgehen», den Menschen in immer innigere Gemeinschaft mit Gott bringen und ihn gleichsam göttlich überformen nach dem Ideal der Vergöttlichung (Theosis) in der Nachfolge Christi.
Zwei Gaben sind für die Herzenserkenntnis besonders wichtig. Die Gabe des Verstandes ist eine unmittelbare Einsicht in die Glaubenswahrheiten. Sie sieht in einem einzigen Blick, was die diskursive Vernunft nur in langen Gedankengängen erreichen könnte. Die Gabe der Weisheit geht noch weiter: Sie ermöglicht ein Urteilen aus der inneren Vereinigung mit Gott, ein Urteil, das nicht durch Argumentation zustande kommt, sondern durch ein «Mitgefühl» mit dem Göttlichen.
Die Liebe, die caritas, ist bei Thomas die Form, die allen Tugenden ihre Gestalt gibt und sie auf ihr Ziel ausrichtet. Aber sie ist mehr: Sie ist auch die Form des Herzens selbst. Sie verwandelt das steinerne Herz in ein fleischernes Herz – ein Herz, das fähig ist zu lieben, zu empfangen, sich hinzugeben. Und sie ist das Ziel, auf das das Herz ausgerichtet ist. Denn die caritas ist die Freundschaft mit Gott. Wer liebt, ist bereits im Ziel angekommen, auch wenn er noch unterwegs ist.
Die sakramentale Verankerung
Thomas von Aquin denkt in Kategorien der Vermittlung. Die eingegossenen Tugenden und Gaben kommen nicht aus dem Nichts. Sie haben eine konkrete, dingliche, ja handgreifliche Vermittlung: die Sakramente. Das ist kein frommes Beiwerk, sondern eine harte systematische Einsicht: Was das Herz formt, muss das Herz auch erreichen. Und es erreicht es nicht durch blosse Ideen, sondern durch Zeichen, die in die Sinne fallen, durch Wasser, Brot, Wein, durch Berührung und Wort.
Die Taufe ist der Ort, wo die theologischen Tugenden ihren ersten Sitz im Menschen finden. Sie werden nicht durch Lernen erworben, nicht durch Gewöhnung, sondern durch ein Geschehen, das dem eigenen Tun vorausliegt. Man kann sich die Liebe nicht selbst geben. Man kann sich den Glauben nicht aneignen wie eine Technik. Man empfängt ihn – oder nicht. Die Sakramente sind die Instrumente dieses Empfangs.
Die Eucharistie ist das Sakrament der caritas. Nicht, weil sie fromme Gefühle weckt, sondern weil sie die Struktur der Liebe selbst abbildet: Hingabe, Austeilung, Verwandlung. Wer am Leib Christi teilnimmt, wird in eine Bewegung hineingenommen, die über das Individuelle hinausweist. Die caritas ist nicht Privatsache. Sie wächst im Vollzug der Gemeinschaft – und die Gemeinschaft hat ihre verdichteten Orte.
Die Firmung, beim heiligen Thomas das Sakrament der Geistesgabe, stärkt die Empfänglichkeit für die unmittelbare Bewegung des Heiligen Geistes. Es ist kein Ritus der Verzückung, sondern der Präzision: Das Herz wird geschärft für das, was es ohne diesen Zuspruch nicht wahrnehmen könnte.
Thomas' Systematik ist radikal nüchtern. Sie sagt: Die höchste Formung des Herzens hat ihren Ort nicht im rein Geistigen, sondern im Leiblichen, nicht in der Innerlichkeit allein, sondern auch im gemeinschaftlichen Zeichen. Die Sakramente sind die Werkzeuge, durch die Gott das Herz bearbeitet. Sie sind so wenig magisch wie ein Hammer magisch ist – aber sie sind der Ort, wo die Bewegung des Geistes dinglich wird.
Diadochus von Photike: Das ruhige Meer des Herzens
In der ostkirchlichen Tradition wird diese Lehre noch einmal gesteigert. Diadochus von Photike, ein Bischof aus dem fünften Jahrhundert, steht am Anfang einer Linie, die über die «Philokalia» bis in die russische Spiritualität hinein reicht. Sein Hauptwerk, die «Hundert Kapitel über geistliche Erkenntnis», ist eine Schule der Herzensreinigung.
Er verwendet ein Bild, das die Dynamik des Herzens auf den Punkt bringt: das ruhige Meer. Wenn das Meer still ist, können die Fischer bis auf den Grund sehen. Wenn es vom Sturm gepeitscht wird, verdeckt das aufgewühlte Wasser den Blick. Die Leidenschaften sind der Sturm, der das Herz trübt. Nur der Heilige Geist kann es reinigen.
Diadochus betont die zentrale Stellung der Liebe. Sie vereint die Seele mit der Vortrefflichkeit Gottes, indem sie das Unsichtbare durch die geistige Wahrnehmung sucht. Das Böse, so lehrt er, hat keine eigene Natur; es entsteht durch die Verderbnis der Natur, durch unausgewogene Bindungen an einzelne Geschöpfe. Die Liebe hingegen ist das, was den Menschen in seine ursprüngliche Bestimmung zurückführt.
Symeon der Neue Theologe: Philadelphia als Frucht der Geistgegenwart
Symeon, der im zehnten und elften Jahrhundert in Konstantinopel lebte, trägt den Beinamen «Neuer Theologe» – eine Auszeichnung, die ihn neben den Apostel Johannes und Gregor von Nazianz stellt. Er ist der Dichter der göttlichen Liebe. Seine «Hymnen» sind nichts weniger als die literarische Gestaltung einer unmittelbaren mystischen Erfahrung.
Symeon besteht darauf, dass die Gegenwart des Heiligen Geistes im Herzen nicht nur einer besonderen Elite vorbehalten ist, sondern allen zugänglich ist, die sich ernsthaft dem Gebet hingeben. Er lehrt, dass der Mensch durch die klassischen Methoden des geistlichen Gebets eine «Schau des Lichts» erfahren kann – eine Erfahrung, die nicht physisch ist, sondern die intuitive Erleuchtung bezeichnet, die den Mystiker in der Begegnung mit dem göttlichen Unbekannten ergreift.
Die Frucht dieser Gegenwart ist die «Philadelphia» – die universelle Bruderliebe. Diese Liebe ist nicht auf einige wenige beschränkt, sondern umfasst alle Menschen. Symeon feiert, dass der Heilige Geist im Herzen «immerfort mehr Liebe» schenkt. Es ist eine unendliche Dynamik, eine Spirale, die sich immer weiter vertieft: Je mehr Liebe da ist, desto mehr Liebe kann sie aufnehmen und desto mehr Liebe strahlt sie aus.
Bei Symeon wird die alte Lehre von den Augen des Herzens zur unmittelbaren Erfahrung. Das Herz sieht nicht nur – es wird erfüllt. Es wird zum Ort einer Gegenwart, die es verwandelt und aus der die Liebe wie ein Feuer strömt, das sich selbst nährt und immer heller brennt.
Pascal: Das Herz hat seine Gründe
Blaise Pascal, der grosse französische Philosoph und Mathematiker des siebzehnten Jahrhunderts, ist derjenige, der diese alte Tradition in die Sprache der Moderne übersetzt hat. Seine Unterscheidung zwischen dem «esprit de géométrie», der diskursiven, schrittweisen Vernunft, und dem «esprit de finesse», der unmittelbaren Intuition, greift die alte Unterscheidung zwischen ratio und intellectus auf.
Sein berühmtes Wort: «Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt» ist kein Ausdruck von Irrationalismus, sondern die Feststellung einer höheren Rationalität. Das Herz erfasst unmittelbar, was die diskursive Vernunft nur umständlich und unvollkommen erreichen kann.
Blaise Pascal spricht von den «Augen des Herzens», dem Organ, mit dem das Herz sieht. Diese Augen sehen das Unsichtbare: die ersten Prinzipien, die Wahrheit Gottes, die Gegenwart des Geliebten. Und er spricht von den «Vernunftgründen des Herzens», den «Gründen der Liebe». Sie entspringen der Liebe und dienen der Liebe. Sie sind nicht beweisbar, aber sie sind gewiss – gewisser als jede Demonstration.
Rousseau: Die Wiederentdeckung der natürlichen Güte
Jean-Jacques Rousseau, der grosse Unruhestifter des achtzehnten Jahrhunderts, hat diese Linie auf eigenwillige Weise fortgesetzt. Sein «Émile» beginnt mit einem Satz, der wie ein Echo auf den Kleinen Prinzen klingt: «Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter den Händen des Menschen.»
Rousseau ist der Philosoph der natürlichen Güte. Der Mensch, so seine These, ist von Natur aus gut – nicht im Sinne einer fertigen Vollkommenheit, sondern im Sinne einer ursprünglichen Lauterkeit, die erst durch die Gesellschaft verdorben wird. Das Herz ist bei Rousseau der Ort dieser ursprünglichen Güte, der Sitz des Mitleids und der unmittelbaren moralischen Einsicht.
In seinem «Discours sur l'inégalité» zeichnet er das Bild des «natürlichen Menschen» – eines Wesens, das noch nicht durch die Verfeinerungen der Zivilisation entstellt ist. Es ist kein idealisierter Wilder, sondern eine philosophische Figur, die den kritischen Massstab liefert, an dem die Verderbtheit der eigenen Gegenwart gemessen werden kann.
Rousseaus Herz-Epistemologie ist säkularisiert, aber sie atmet noch den Geist der alten Tradition. Das Herz sieht, was die Vernunft nicht sieht – und es sieht es mit einer Gewissheit, die stärker ist als jedes Argument.
Florenskij: Das Herz als Organ der Einheit
Pawel Florenskij, der russische Priester, Theologe und Wissenschaftler, der 1937 im stalinistischen Gulag erschossen wurde, gehört zu den grossen Denkern des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Hauptwerk «Die Säule und der Grund der Wahrheit» ist eine einzige Entfaltung der Einsicht, dass das Herz der Ort ist, wo der Mensch die Wahrheit nicht nur denkt, sondern lebt.
Florenskij radikalisiert die patristische Tradition. Das Herz, so lehrt er, ist nicht nur ein Erkenntnisorgan unter anderen – es ist das Organ der Einheit. In ihm fallen die Gegensätze zusammen, die den Verstand in Aporien verstricken: Subjekt und Objekt, Erkennen und Geliebtwerden, Theorie und Praxis.
Er schreibt von der «Wahrheit als schauender Liebe». Das ist eine Formulierung von äusserster Präzision. Die Wahrheit ist nicht ein Satz, den man bejaht, sondern ein Geschehen, in dem der Mensch von der Liebe ergriffen wird und in dieser Ergriffenheit zu sehen beginnt. Die Augen des Herzens öffnen sich erst in dem Masse, wie das Herz liebt.
Florenskij war Wissenschaftler – Mathematiker, Physiker, Kunsthistoriker – und er wusste, wovon er sprach. Er kannte die Strenge der diskursiven Vernunft aus eigener Erfahrung. Und er wusste, dass diese Strenge nicht ausreicht. Das Wesentliche, so Florenskij, erschliesst sich nur dem Herzen. Und das Herz erschliesst sich nur der Liebe.
Die parallele Einsicht im chinesischen Denken
Es ist ein bemerkenswertes Phänomen der Geistesgeschichte, dass dieselbe Einsicht in völlig unabhängigen kulturellen Kontexten formuliert wurde. Das chinesische Denken hat über zweieinhalb Jahrtausende eine Lehre vom Herzen entwickelt, die der abendländischen in vielem entspricht.
Laotse, der Begründer des Taoismus, lehrt, dass das «Dao» – der Urgrund allen Seins – im Herzen gegenwärtig ist. Das «Dao» wirkt «lauter und von selbst», ohne Absicht, ohne Anstrengung. Aus ihm strahlt das «De» aus, die wirkkräftige Tugend, die überzeugt, ohne zu zwingen.
Menzius, der bedeutendste Konfuzianer nach Konfuzius selbst, ist der Philosoph der natürlichen Güte. Der Mensch, sagt er, bringt «Keime» der Tugend mit. Jeder Mensch, der ein Kind in einen Brunnen fallen sieht, wird spontan Mitgefühl empfinden – nicht weil er einen Vorteil sucht, sondern weil dies die natürliche Reaktion des Herzens ist. Diese Keime müssen gepflegt werden, aber sie sind da. Sie sind die Natur des Menschen.
Wang Yangming, der grosse Reformer des sechzehnten Jahrhunderts, radikalisiert diese Lehre. Das «liangzhi» – das Gute Wissen, die Gewissenseinsicht – ist nicht nur eine Anlage, sondern das universale Prinzip selbst, das im Herzen gegenwärtig ist. Es wirkt von selbst und drängt zur Verwirklichung im Handeln. Wissen und Handeln sind eine Einheit. Wer wirklich weiss, was gut ist, wird es auch tun.
Das Herz als Organ der Einheit
Was zeigt dieser lange Bogen? Er zeigt, dass die Rede vom Herzen mehr ist als eine schöne Metapher. Sie ist die Entfaltung einer Grundstruktur des Menschseins.
Das Herz ist das Organ, in dem verschiedene Dimensionen zur Einheit kommen.
Die erkenntnistheoretische Dimension: Das Herz sieht, was die diskursive Vernunft nicht erreicht. Es erfasst die ersten Prinzipien, das moralisch Gute, das Unsichtbare – und zwar unmittelbar, in einem einzigen Blick, ohne mühsame Gedankengänge.
Die ethische Dimension: Das Herz ist der Ort der natürlichen Güte. Es trägt die «Keime» der Tugend in sich, die sich unter günstigen Bedingungen entfalten. Aber diese Keime können auch verkümmern – durch Vernachlässigung, durch egoistische Begierden, durch eine Gesellschaft, die den Menschen von sich selbst entfremdet.
Die mystische Dimension: Das Herz ist der Ort der Gegenwart des Göttlichen. Der Heilige Geist wohnt im Herzen, und aus dieser Gegenwart strömt die Liebe. Diese Liebe ist nicht auf einige wenige beschränkt. Sie ist universal – «Philadelphia», Bruderliebe, die alle Menschen umfasst.
Die pneumatologische Dimension: Das Herz wird durch den Geist geformt und für seine unmittelbare Bewegung bereitgemacht. Es lernt zu sehen, was es ohne diese Formung nicht sehen könnte. Die Gaben des Verstandes und der Weisheit sind keine natürlichen Fähigkeiten, sondern Geschenke.
Die sakramentale Dimension: Diese Formung geschieht nicht im luftleeren Raum. Sie hat ihren Ort in konkreten Zeichen – Wasser, Brot, Wein, Berührung, Wort. Die Sakramente sind die Instrumente, durch die Gott das Herz bearbeitet. Sie sind die Werkzeuge einer Wirklichkeit, die das Individuelle übersteigt und dennoch den Einzelnen in seiner Leiblichkeit erreicht. Die caritas, die das Herz formt, wächst im Vollzug der Gemeinschaft – und die Gemeinschaft hat ihre verdichteten Orte.
Die theologische Dimension: Das Herz ist auf Gott ausgerichtet. Es ist «unruhig, bis es ruht in Gott», wie Augustinus sagt. Und es findet seine Vollendung in der Schau Gottes von Angesicht zu Angesicht.
Die Einheit in der Vielfalt
Die verschiedenen Traditionen – die Kirchenväter, Thomas, Diadochus, Symeon, Pascal, Rousseau, Florenskij, die chinesischen Denker – sprechen in unterschiedlichen Sprachen, mit unterschiedlichen metaphysischen Voraussetzungen, mit unterschiedlichen Akzenten. Aber sie alle zeugen von einer Sache.
Sie zeugen davon, dass das Herz mehr ist als ein Gefühlsorgan. Es ist das Organ der Einheit von Mensch und Göttlichem, der Ort, wo die Tugend wurzelt und sich entfaltet, das Auge, das das Unsichtbare sieht, und die Quelle, aus der die Liebe strömt.
Sie zeugen davon, dass diese Liebe nicht stillsteht. Sie wird «immerfort mehr». Je mehr Liebe da ist, desto mehr Liebe kann sie aufnehmen. Es ist eine Spirale, die sich immer weiter dreht – und die am Ende in die Vollendung mündet, die alle Traditionen auf ihre Weise beschreiben: die Schau Gottes, die Einheit mit dem «Dao», die Verwirklichung der eigenen Natur.
Was folgt daraus?
Diese Einsicht ist nicht nur für Theologen oder Philosophen. Sie ist für jeden, der sich fragt, was es heisst, ein Mensch zu sein.
Sie sagt: Der Mensch ist nicht nur sein Verstand. Die Aufklärung hat den Verstand vergöttert – und damit eine Schieflage geschaffen, die bis heute wirkt. Der Verstand ist ein mächtiges instrumentelles Werkzeug, aber er ist nicht das ganze Haus. Es gibt eine vernünftigere Erkenntnis, die nicht durch Argumente vermittelt wird, sondern durch das gelebte Leben. Es gibt eine Gewissheit, die nicht auf Beweisen beruht, sondern auf der Lauterkeit des Herzens.
Sie sagt: Der gefallene Mensch und Sünder ist von Natur aus auf das Gute ausgerichtet. Nicht im Sinne einer fertigen Güte, die klar vor Augen liegt, sondern eher im Sinne einer oft allzu verborgenen Sehnsucht und im Sinne von Keimen, die sich entfalten wollen. Die Verderbnis, die wir in der Welt sehen, entspricht nicht der Schöpfungsbestimmung der Natur des Menschen, sondern ist Folge von Verhältnissen, die den Menschen von sich selbst entfremden. Die Aufgabe ist es, diese Verhältnisse zu verändern – und das eigene Herz zu reinigen, auch wenn der Mensch einsehen muss, dass er dazu ohne das Geschenk des Mitwirken Gottes kläglich scheitern würde.
Sie sagt: Das Herz kann sehen. Es bedarf keiner besonderen Fähigkeiten, keiner esoterischen Schulung. Es bedarf der Reinigung, der Pflege, der Öffnung. Wer sich öffnet, dem begegnet das Göttliche – nicht als etwas Fremdes, sondern als das, was im Innersten längst da ist. Und aus dieser Begegnung strömt die Liebe. Eine Liebe, die nicht auf einige wenige beschränkt ist, sondern alle Menschen umfasst. Eine Liebe, die überzeugt, ohne zu zwingen. Eine Liebe, die immerfort mehr wird.
Sie sagt schliesslich: Diese Liebe wächst nicht im luftleeren Raum. Sie braucht Orte, an denen sie sich verdichtet – Zeichen, die in die Sinne fallen, Rituale, die den Alltag durchbrechen, Gemeinschaft, die das Individuelle übersteigt. Die Sakramente sind solche Orte. Sie sind keine frommen Zusätze, sondern die harte, handgreifliche Vermittlung einer Wirklichkeit, die sonst unsichtbar bliebe.
Ein letztes Wort
Die Lehre vom Herzen ist keine Ideologie. Sie ist eine Einladung. Eine Einladung, das eigene Herz zu befragen und neu zu sehen. Eine Einladung, sich nicht mit der halben Wahrheit der diskursiven Vernunft zu begnügen, sondern die volle Wahrheit zu suchen, die nur das Herz sieht.
Der Kleine Prinz hatte recht: «Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.»
Die Traditionen, die hier versammelt wurden, sind alte Traditionen. Aber sie sind nicht veraltet. Sie sind so aktuell wie am ersten Tag. Denn die Frage, was es heisst, ein Mensch zu sein, ist so alt wie die Menschheit – und so jung wie jeder Atemzug.
Diesen Text widmete der Autor seiner Tochter zum 20. Geburtstag.
Kommentare und Antworten
Sei der Erste, der kommentiert