Unsereiner ist zunächst einmal irritiert ob dieser Sprachregelung. Denn Dichtestress gehört, ich gestehe es, schon fast zu meiner täglichen Erfahrung.
Wer als vorbildlicher Zeitgenosse für seine berufsbedingt häufigen Ortswechsel vorzugsweise den öffentlichen Verkehr benutzt, kommt um diese Erfahrung nicht herum. Trotz eines ausgeklügelten, effizienten und breit gefächerten Verkehrsnetzes lassen sich zumal auf den Hauptachsen Dichtestress-Erfahrungen kaum vermeiden. Da wird in SBB-Bahnhöfen nicht nur während den Stosszeiten gedrängt, geschubst und gehetzt, was die Ellenbogen hergeben. Wer sich dann mit Ach und Krach einen Sitzplatz in einem Zug von Zürich nach Bern ergattert, wird gleich mit dem nächsten Dichtestress-Erlebnis konfrontiert: Nicht enden wollende Wohnsilos zur Linken und achtlos hingeklotzte Industriekomplexe zur Rechten. Angesichts solcher Asphalt- und Betonwüsten ist der Fahrgast der SBB dankbar, dass sie ihm in Form zahlreicher Tunnel immer wieder eine Verschnaufpause vor solchen Zumutungen der Moderne gönnt.
Viele unglückliche und gestresste Gesichter
Es ist dies eine Erfahrung, die offensichtlich auch anderen Zeitgenossen nicht erspart bleibt. Erst unlängst hat die «NZZ am Sonntag» in ihrer Ausgabe vom 26. April 2026 Heidi Z’graggen, Ständerätin des vom Autoverkehr besonders geplagten Kanton Uri, die Frage gestellt: «Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie mit dem Zug von Altdorf nach Bern fahren und das Mittelland durchqueren?». Ständerätin Z’graggen warnt vor dem sich in die Landschaft fressenden Siedlungsbrei, um dann zu resümieren: «Die Menschen wirken gestresster. Wenn ich in den vollen Zügen schaue, dann sehe ich viele unglückliche und gestresste Gesichter. Man muss kämpfen um seinen Platz, nicht nur im Zug.»
Wie in aller Welt kommt ein Journalist dazu, die ihren Dichtestress artikulierenden Menschen unter den Generalverdacht des Rassismus zu stellen? Die Textanalyse lässt unschwer die Absicht des Autors Felix Schneider erkennen. Ihm zufolge ist der Begriff «Dichtestress» nichts weniger als eine brandgefährliche Allzweckwaffe, hat sie doch das Zeug, wirksame Schützenhilfe für die 10-Millionen-Initiative zu liefern, über die das Schweizer Volk demnächst abstimmen wird. Ein ganzes Arsenal an wissenschaftlichen Publikationen führt Schneider ins Feld: Deren Dichtestress-Experimente mit Ratten dürften auf keinen Fall auf das menschliche Zusammenleben übertragen werden. Schon einmal habe der Begriff «Dichtestress» Hochkonjunktur gehabt. Im Jahr 2014, als über die Masseneinwanderungsinitiative und die ECOPOP-Initiative abgestimmt wurde. Erstere verlangte die Einführung von Ausländer-Kontingenten, Letztere die Begrenzung der Zuwanderung auf 0,2 Prozent der Bevölkerung pro Jahr. Mit keinem Wort erwähnt Schneider, dass die Masseneinwanderungsinitiative zwar mit 50,3 Prozent der Stimmen angenommen, vom Parlament aber aus Schiss vor der EU nicht umgesetzt und die ECOPOP-Initiative mit 74,1 Prozent abgelehnt wurde.
Wer sich Dichte-gestresst fühlt, läuft nach der Logik von Journalist Schneider Gefahr, der 10-Millionen-Initiative auf den Leim zu kriechen. Diese Vokabel sei deshalb tunlichst aus der Vorstellungswelt des Stimmvolkes zu tilgen, sei sie doch mit biologistischem und rassistischem Erbgut vorbelastet.
Ich gestehe: Der zunehmend heftiger geführten Auseinandersetzung rund um die 10-Millionen-Initiative kann unsereiner wenig abgewinnen. Denn «Dichtestress-gefühlt» hat die hiesige Bevölkerung aller amtlichen Statistiken zum Trotz die 10-Millionen-Grenze schon seit einiger Zeit überschritten. Mit welcher Aussage mich Felix Schneider definitiv zu den Rassisten zählen dürfte.
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