Pfarrkirche Maria vom guten Rat. (Bild: Dietrich Michael Weidmann, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)

Interview Kirche Schweiz

Hoch über dem Urner­see: Ein Pries­ter für 80 Seelen

Die Gemeinde Rie­men­stal­den liegt hoch über dem Vier­wald­stät­ter­see, genauer über dem Urner­see. Obwohl das Dorf nur über eine Strasse von Sisi­kon UR aus erreich­bar ist, gehört es poli­tisch zum Kan­ton Schwyz. «swiss​-cath​.ch» sprach mit Vikar Michael Dahin­den über seine Arbeit.

Vor kurzem machte die bevölkerungsmässig kleinste Gemeinde des Kantons Schwyz Schlagzeilen: Sie ist völlig schuldenfrei, besitzt ein Eigenkapital von 1,6 Millionen Franken und einen Gemeindesteuerfuss von 100 Prozent. Das ist neben Oberiberg der günstigste von ganz Innerschwyz, wie der «Bote der Urschweiz» am 15. April 2026 schrieb.[1]

Nur gerade einmal etwas mehr als 80 Personen wohnen in Riemenstalden, dessen Dorfkern auf 1030 Meter über Meer liegt und das von der Landwirtschaft, insbesondere von der Alpwirtschaft geprägt ist. Es ist über eine schmale Bergstrasse mit Sisikon UR verbunden; im Winter ist die Erreichbarkeit des Dorfes teilweise eingeschränkt. Das Riemenstaldertal wird immer wieder von Naturgewalten (Lawinen, Murgänge usw.) heimgesucht.

Dass Riemenstalden zum Kanton Schwyz gehört, obwohl es nur vom Kanton Uri her erreichbar ist, hat mit der Geschichte zu tun. Im Spätmittelalter hatten die Schwyzer ihren Einfluss in die umliegenden Bergtäler ausgedehnt, so auch ins abgelegene Riemenstaldertal. Da es historisch von Schwyz aus verwaltet wurde, beliess man den Grenzverlauf zwischen den Kantonen Schwyz und Uri auch bei der Entstehung des modernen Bundesstaats 1848.
 


Als Priester arbeiten, wo jeder jeden kennt
Nach dem Zerfall einer Pfarrkirche, welche 1318 noch bestanden haben soll, wurde Riemenstalden in die Pfarrei Morschach einverleibt. Seit 1804 bildet es wieder eine eigene Pfarrei mit der Pfarrkirche Maria vom guten Rat (1792) und der Kapelle St. Johannes der Täufer im Chäppeliberg (1708).

Vikar Michael Dahinden ist seit August 2021 in Riemenstalden. Vorher war der gebürtige Urner in Andeer GR tätig.

Vom bündnerischen Andeer mit seinen überschaubaren etwa 700 Einwohnern ins schwyzerische Riemenstalden mit etwas über 80 Einwohnern – ziehen Sie kleinere Pfarreien vor oder war der Zufall im Spiel?
Ich hatte einen grösseren Ort vorgeschlagen. Da dort bereits ein anderer Priester vorgesehen war, sandte mich der damalige Generalvikar der Urschweiz, Peter Camenzind, nach Riemenstalden. Lustig war, dass mir hier als Erstes jemand aus der ursprünglich gewünschten Pfarrei begegnete, der hierhergezogen war. Es war für mich gewissermassen das Zeichen, dass der Wunsch doch noch erfüllt war.

Kann sich die Kirche angesichts des Priestermangels einen solchen Luxus überhaupt noch leisten?
Der Priestermangel ist etwas Relatives. Man kann nicht immer den Priester anstellen, der einem schon lange am allermeisten imponiert und der sich seinerseits auf nichts anderes als gerade diese Gemeinde eingestellt hat. Ganz auf Genauigkeit versessene Historiker und Geographen würden tatsächlich auf die Idee kommen, so etwas habe es früher und anderswo auch schon gegeben. Der Gläubigenmangel ist im Allgemeinen bedeutsamer. Der hat meiner Ansicht nach vor allem mit den Medien zu tun, und diesbezüglich können wir heute feststellen: Gott sei Dank gibt es «swiss-cath.ch».
 


Riemenstalden liegt abgelegen, viele Einheimische arbeiten in der Landwirtschaft. Sind hier die Menschen noch im Glauben verwurzelt?
Einige sind stark im Glauben verwurzelt, sie müssen sich aber auch aktiv und mit viel eigenem Willen darum kümmern, dass es so bleibt. Eine von einer breiteren Gesellschaft gewährleistete religiöse Erziehung, also eine durch Familie, Pfarrei, Schule und Dorfgemeinschaft gemeinsam bewirkte, mitgetragene, gewohnheitsmässige Integration des Einzelnen in die Kirche, gibt es auch hier nicht, wenigstens nicht ohne besonderen Einsatz der Beteiligten. Das Erfreuliche ist, dass dieser Einsatz dann und wann geleistet wird.

Wie muss man sich das Pfarreileben konkret vorstellen?
Es wird täglich der Rosenkranz gebetet, es gibt täglich Beichtgelegenheit und täglich wird die Heilige Messe gefeiert, die auch wirklich immer von Personen besucht wird. Bei 72 Katholiken ist das ein herrlicher Messbesuch, und die Gläubigen beteiligen sich im besten Sinne aktiv. Im Sommer hört man von einzelnen Berglern den Betruf. Es werden Gehöfte gesegnet, Kranke lassen sich versehen, es werden wöchentlich Schulmessen gehalten und jährlich zwei Bittgänge sowie eine gut besuchte Fronleichnamsprozession durchgeführt. Im Vergleich zu mittleren Pfarreien können wir hier sagen, dass vieles auf althergebrachte Weise stattfinden kann, was sowohl dem Priester als auch den Gläubigen Sicherheit bietet. Betreffend Beichte ist es in den ganz grossen Stadtgemeinden ähnlich. Zum Beispiel gibt es in der Liebfrauenkirche Zürich regelmässige Beichtgelegenheiten. Aber in mittleren Pfarreien, Seelsorgeräumen und Pastoralräumen ist es spätestens seit dem Hin und Her rund um die Generalabsolution (1980 bis 2009) schlecht bestellt: Oft sind keine Gläubige im Beichtstuhl und auch kein niederschwelliges Angebot seitens der Priester vorhanden. Das wird von Kirchgemeinden und von in Führungspositionen befindlichen Seelsorgern mancherorts auch gar nicht gewünscht. Bei uns ist das gottlob anders.

Die Pfarreien Sisikon oder Flüelen sind näher als Schwyzer Pfarreien. Gibt es eine Zusammenarbeit oder hält man sich an die Dekanatsgrenzen?
Riemenstalden war eine Zeit lang einem Seelsorgeraum mit Morschach und Gersau angegliedert. Aus organisatorischen und verkehrstechnischen Gründen war diese Lösung nicht allseits beliebt und wurde wieder fallengelassen. Noch früher war Riemenstalden zusammen mit Sisikon betreut worden. Wenn man wirklich keinen Priester mit Schwerpunkt Riemenstalden anstellen würde, könnte man wohl wieder eine Lösung mit Sisikon UR, Morschach SZ oder Flüelen UR suchen: Zwar nicht unbedingt so, dass die Pfarreien über die Kantonsgrenzen zusammengelegt werden, aber so, dass sie vom selben Priester betreut würden. Die Oberstufe der Schule ist bereits mit Brunnen zusammengelegt

In einem so kleinen Dorf kennt man sich. Hat das für einen Priester mehr Vor- oder Nachteile?
Definitiv mehr Vorteile. Christus sagt: «Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen Mich» (Joh 10,4).

 


[1] Die Berggemeinde ist im Finanz- und Lastenausgleich. Der Kanton unterstützte sie letztes Jahr mit rund 690 000 Franken.

 


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

  • user
    Schwyzerin 25.04.2026 um 08:57
    Das sehr gute Interview zeigt, dass in der Pfarrei Riemenstalden, die weit abgelegen liegt, dass die Sakramente noch empfangen werden, wie eh und jeh. Die Riemenstalder können darüber sehr froh sein. Hingegen sieht es in den anderen Pfarreien ganz anders aus. Die Beichtstühle haben die Führungspositionen befindlichen Seelsorgern in eine Abstellkammer umfunktioniert. Sie sind der Meinung: " Die Gläubigen wollen nicht zur Einzelbeichte kommen. Zudem schadet das Beichten mehr, als es nütze." So ist der Tenor in diesen Ortspfarreien. Was unter Generalabtolution und was man unter Einzelbeichte versteht, das wissen die Gläubige nicht. Was das Geschenk der Sakramente bedeutet, von dem haben die Gläubigen schlicht keine Ahnung. Die Generalabtsolution hat die Einzelbeichte in diesen Ortspfarreien so zu sagen abgeschafft. Der wahre Glaube Jesus Christus der katolischen Kirche wird in diesen Ortspfarrein nicht weiter gegeben. Es gibt keine Missionierung!

    Den Gläubigen bleibt gar nichts anders übrig, als dorthinzugehen, wo Beichte noch abgenommen wird, wo die sieben Sakramente gespendet werden.
    • user
      Michael Dahinden 30.04.2026 um 11:23
      Danke den freundlichen Kommentatoren. Es gilt zu ergänzen, dass wir hier zurzeit mit Claudia Schilliger eine umsichtige Katechetin haben, die die Kinder zur Hl. Beicht und zu den Sakramenten führt. Dank sei dem Himmel für solche engagierten Leute.
  • user
    Viktor Hürlimann 24.04.2026 um 15:48
    Mit einem Augenzwinkern würde ich eher einmal fragen, weshalb Sisikon überhaupt zum Kanton Uri gehört. War es doch über Jahrhunderte quasi nur auf dem Seeweg erreichbar. Liebe Grüsse nach Riemenstalden.
  • user
    Lorenz Bösch 23.04.2026 um 12:28
    Auch die Kirchgemeinde Riemenstalden empfängt aus dem kantonalkirchlichen Finanzausgleich 2026 gut 89'000 CHF.