Kurt Kardinal Koch. (Bild: RPP-Institut, CC BY-SA 3.0 AT via Wikimedia Commons)

Weltkirche

«Il est là»: Kar­di­nal Koch über das Wun­der der Eucha­ris­ti­schen Gegen­wart des Herrn

Homi­lie in der Eucha­ris­tie­feier an Fron­leich­nam in der Kir­che des Campo Santo Teu­to­nico im Vati­kan am 30. Mai 2024.

Von Jean Vianney, dem heiligen Pfarrer von Ars, wird überliefert, er soll sich bei seinen in der Kirche stattfindenden Katechesen immer wieder umgedreht und zum Tabernakel hingewendet haben mit den Worten: «Il est là – «Er ist da». Kürzer und zugleich tiefer kann man das eucharistische Geheimnis wohl kaum zum Ausdruck bringen. In diesem Geheimnis ist der Traum der Menschheit in Erfüllung gegangen, mit Gott so nahe verbunden sein zu können, dass er unter uns gegenwärtig ist. Das «Il est là» ist ein sprechendes Zeugnis des christlichen Glaubens an die Gegenwart Jesu Christi in der Feier der Eucharistie und bei der Verehrung seiner bleibenden Gegenwart auch über die liturgische Feier hinaus. Die Gewissheit im Glauben, dass der Herr in der Eucharistie gegenwärtig ist, bildet die innerste Mitte des eucharistischen Geheimnisses.

Das Wunder der eucharistischen Überbietung
Die Zusage «Il est là» ist uns im Abendmahlssaal geschenkt worden, indem Jesus das Brot, das er gebrochen und seinen Jüngern ausgeteilt hat, mit seinem eigenen Leib identifiziert und den Kelch, den er den Jüngern gereicht hat, als sein «Blut des Bundes, das für viele vergossen wird», gedeutet und damit mit den Zeichen von Brot und Wein den Jüngern seine bleibende Gegenwart zugesagt hat. Seine Gegenwart schenkt er uns auch heute, wenn wir zur Eucharistie versammelt sind. Jedes Mal, wenn wir Eucharistie feiern, sind wir als seine Jünger gleichsam wiederum im Abendmahlssaal anwesend.

Um dieses Geheimnis tiefer verstehen zu können, ist es angezeigt, näher zu bedenken, was Jesus getan hat, als er im Abendmahlssaal die Eucharistie gestiftet hat. Bevor er das Brot gebrochen und den Kelch gereicht hat, hat er den Lobpreis und das Dankgebet gesprochen. Dieses Tun Jesu weist zurück auf die wunderbare Brotvermehrung, bei der er, um die Menschen nicht hungrig entlassen zu müssen, seine Jünger befragt, welche Nahrungsmittel sie bei sich haben, und sie ihm antworten, dass sie nur fünf Brote und zwei Fische zur Verfügung haben. Dies ist gewiss sehr wenig für fünftausend Menschen. Wenn dieses Wenige, das Menschen bei sich haben, jedoch mit dem Segen Jesu berührt wird, dann reicht es für alle Menschen, die dabei sind. Wichtig ist für den Evangelisten dabei vor allem der Hinweis, dass Jesus, bevor er an dem abgelegenen Ort, an dem er sich aufhält, das Brot bricht und es den Menschen gibt, er zum Himmel blickt und den Lobpreis spricht: «eulogäsas»; bei Johannes heisst es sogar: «eucharistäsas». Der Evangelist bringt damit zum Ausdruck, dass das Wunder der Brotvermehrung bereits auf die Eucharistie voraus weist und dass Jesus mit der Brotvermehrung den innersten Kern der Eucharistie vorwegnimmt.

Dasselbe wunderbare Geschehen dürfen wir auch heute bei jeder Feier der Eucharistie erfahren. Wie damals die Jünger zwei Fische und fünf Brote besorgt haben, so kommen wir auch heute in der Feier der Eucharistie mit unseren Gaben, die die erneuerte Liturgie als «Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit» deutet. Wir bringen Brot und Wein vor den Herrn; und der Herr verwandelt die Gaben zum Brot des ewigen Lebens und zum Wein des göttlichen Heils. Wiederum ereignet sich die unerhörte Überbietung wie bei der Brotvermehrung: Aus Erdenbrot wird Himmelsbrot. Unser Brot wird zum Leib Christi, damit sein Leib unser Brot, das Brot des Lebens und das Brot des ewigen Lebens wird. Auch heute braucht Christus unseren Beitrag, um das Wunder seiner Gegenwart zu wirken. Das eucharistische Wunder besteht darin: Was in keinem Verhältnis zueinandersteht – unsere Gaben von Brot und Wein und das Wunder der Brotvermehrung in der Eucharistie – dies wird von Jesus Christus in ein gutes Verhältnis gebracht in der Verwandlung, die er an unseren Gaben vollzieht. Darin geschieht die grosse Brotvermehrung der Eucharistie, die bis zum Ende der Zeiten dauern wird.

In der Eucharistie wird somit ein Grundzug der Schöpfung Gottes überhaupt erfahrbar, den Papst Benedikt XVI. das «Prinzip der Überbietung» genannt hat. Führen wir uns nur die Üppigkeit an Blumen und Tieren in der Natur vor Augen. Denken wir an den Überfluss an Keimen, um ein einziges Lebewesen zu erschaffen. Oder bedenken wir, dass ein ganzes Weltall aufgeboten ist, um auf dem Planeten der Erde immer kostspieligere Lebensformen hervorzubringen und dem geistigen Bewusstsein des Menschen einen bewohnbaren Ort zu bereiten. In der Schöpfung Gottes zeigt sich eine ungemein grosse Vielfalt, sodass man von einem enormen Luxus reden muss. Naturwissenschaftler sprechen denn auch davon, dass die Natur «luxuriert». Solchen Luxus zeigt Gott aber nicht nur in seiner Schöpfung, sondern auch und erst recht in seiner Heilsgeschichte mit uns Menschen.

Die Eucharistie als tiefster Anbetungsakt der Kirche
Das Prinzip der Überbietung begegnet uns vor allem im Geheimnis der Eucharistie, das die heilige Theresa von Avila so formuliert hat: «Gott gibt uns schon in diesem Leben hundert für eins.»[1] In der Tat bringen wir Menschen in der Eucharistie «eins», nämlich die Gaben von Brot und Wein; Christus aber gibt uns «hundert»: das Wunder seiner eigenen Gegenwart. In der Eucharistie werden wir von der verschwenderischen Liebe Jesu Christi so tief berührt, dass wir darüber nie genug staunen können.

Zu dieser Grundhaltung des dankbaren Staunens werden wir in besonderer Weise an Fronleichnam eingeladen. Dieses Fest bringt das eucharistische Geheimnis des «Il est là» in einer besonders dichten Weise uns nahe. In diesem «Il est là» ist die katholische Überzeugung von der bleibenden Dauer der eucharistischen Gegenwart Jesu Christi über den Abschluss der liturgischen Feier hinaus enthalten. Das Wunder der eucharistischen Gegenwart ist so gross, dass es nicht einfach nach der liturgischen Feier aufhört. Die sakramentale Gegenwart Jesu Christi ist uns nicht nur um einer liturgischen Feier willen gegeben, sondern um der Kirche selbst willen. In der Eucharistie schenkt sich Christus seiner Kirche dadurch, dass seine Gegenwart in den eucharistischen Gaben von Brot und Wein eine konkret-sinnliche Gestalt annimmt. Die Kirche wird deshalb, solange sie lebt und glaubt, von Christus begleitet in der Leibhaftigkeit, die seine Gegenwart in den eucharistischen Gaben angenommen hat. Auch wenn die Liturgie als Vorgang abgeschlossen ist, lebt die Eucharistie und damit die Gegenwart Jesu Christi in den eucharistischen Gaben weiter.

Diesem Wunder der bleibenden Gegenwart Jesu Christi in den verwandelten eucharistischen Gaben können wir im Glauben nur entsprechen, wenn wir den eucharistischen Herrn anbeten und in seiner Gegenwart verweilen. Die Schönheit dieser Glaubenspraxis wird in eindrücklicher Weise von der heiligen Edith Stein bezeugt, die als Jüdin geboren ist, zum katholischen Glauben konvertiert hat und Karmeliterin geworden ist und die von den Nationalsozialisten umgebracht worden ist. In einem Brief hat sie diese tiefen Worte geschrieben: «Der Herr ist im Tabernakel gegenwärtig mit Gottheit und Menschheit. Er ist da, nicht seinetwegen, sondern unseretwegen: weil es Seine Freude ist, bei den Menschen zu sein. Und weil Er weiss, dass wir, wie wir nun einmal sind, Seine persönliche Nähe brauchen. Die Konsequenz ist für jeden natürlich Denkenden und Fühlenden, dass er sich hingezogen fühlt und dort ist, sooft und solange er darf.»[2]

Wenn wir dieses Zeugnis auf uns wirken lassen, kann es prinzipiell keinen Gegensatz zwischen Eucharistiefeier und Anbetung oder zwischen Kommunion in der Eucharistie und eucharistischer Verehrung geben. Ein solcher Gegensatz ist nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil leider immer wieder behauptet und mit dem oberflächlichen Argument begründet worden, das Brot sei zum Essen und nicht zum Anbeten da. Dass es sich dabei aber um eine schiefe Alternative handelt, hat bereits der heilige Augustinus mit seiner tiefen Aussage erkannt, dass niemand «von diesem Fleisch» essen soll, «wenn er nicht zuvor angebetet hat»: «Nemo autem illam carnem manducat, nisi prius adoravit.»[3]

In der eucharistischen Anbetung wird zeitlich verlängert und intensiviert, was in der liturgischen Feier geschieht. Die eucharistische Anbetung macht uns deshalb bewusst, dass die Eucharistie selbst der tiefste Anbetungsakt der Kirche ist und dass die Feier der Eucharistie nur im Klima der Anbetung ihre Grösse und Kraft erhalten und, wo nötig. wiedergewinnen kann. Denn nur im Anbeten vermag tiefes und wahres Empfangen des eucharistischen Herrn zu reifen.

Eucharistische Verwandlung des christlichen Lebens
Es versteht sich deshalb von selbst, dass die eucharistische Anbetung nicht ohne Folgen sein, sondern im Leben von uns Menschen eine grundlegende Wandlung bewirken kann. Von einer derart radikalen Verwandlung legt André Frossard, ein in Frankreich bekannter Journalist, ein beredtes Zeugnis ab. Er stammte aus einer atheistischen Familie und ist auch so aufgewachsen. Als Student besuchte er die berühmte École normale supérieure in Paris. Eines Tages suchte er einen Freund auf und hörte, dass dieser gegenüber der Schule in die Kapelle eines Klosters gegangen war. Er suchte diesen Freund und ging in die Kapelle hinein, wo die Schwestern ewige Anbetung pflegten. Im Rückblick auf dieses Ereignis bekennt Frossard: «Ich bin hineingegangen und nach zehn Minuten als Christ zurückgekommen.» Was war geschehen? Rückblickend deutete er das Geheimnis seiner Verwandlung und Bekehrung dahingehend, dass ihm aufgegangen ist, dass Derjenige, Der da so plötzlich in sein Leben hineingetreten ist, in der Eucharistie gegenwärtig war und ihn gerufen hat.

Die eucharistische Anbetung hat eine der berühmten Bekehrungsgeschichten des 20. Jahrhunderts ermöglicht. Bei dieser Geschichte besticht dabei die unsensationelle Schlichtheit der Bekehrung aufgrund der Erfahrung der Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie. Von daher lässt sich das Geheimnis der Eucharistie wohl kaum besser ausdrücken als mit den kargen und doch so tiefen Worten des heiligen Pfarrers von Ars, die er zum Tabernakel hin gewendet immer wieder gesprochen haben soll: «Il est là» – «Er ist da».

Uns in dieses Wunder der eucharistischen Gegenwart des Herrn hineinzubeugen, ist die Einladung und der tiefe Ernst von Fronleichnam. Mit diesem Fest bekennen wir in besonderer Weise den Glauben an die reale Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie und bezeugen diesen Glauben in der Öffentlichkeit, indem wir auf den Strassen unseres Lebens vom eucharistischen Herrn begleitet werden und der Welt mit Glaubensüberzeugung zurufen: «Il est là.» Amen.

 

Originalbeitrag auf «CNA Deutsch»

 


[1] Teresa von Avila, Libro de vida 22, 15.
[2] E. Stein, Gesammelte Werke VII, 136-137.
[3] Augustinus, Enarrationes in Psalmos 98, 9.


CNA Deutsch


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    Anna 06.06.2024 um 15:49
    Ganz toll, diese Predigt hier zu finden, war live dabei und es war ein wunderschöner, äusserst würdevoller Fronleichnamsgottesdienst!
  • user
    Meier Pirmin 04.06.2024 um 08:10
    War gegenüber Kurt Koch als theologischen Schriftsteller lange etwas skeptisch, verfolge die Innerschweizer Szene schon gut 45 jahre. Heute sage ich: natürlich hat er bedeutende Substanz gewonnen, dies bezeugen allein schon die drei Anmerkungen in diesem Beitrag. die grosse Theresia von Spanien, Edith Stein, Augustinus sind Orientierungsgrössen, die er aus Originallektüre kennt. "No durmais, no durmais, que no hay paz en la tierra", warnte die heilige Theresia, schlaft nicht, denn wir haben keinen Frieden auf Erden! Die grossen Aussagen über den Glauben stammen leider nun mal nicht von Theologen der Gegenwart. Nicht mal die wirklich radikale Kritik an der Kirche. Siehe Kierkegaard.