Synagoge der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ). (Bild: Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0)

Hintergrundbericht

In Zürich heute Jude sein

Durch die jüngs­ten Ent­wick­lun­gen im Nahen Osten sind Juden auch hier in der Schweiz zuneh­mend Anfein­dun­gen und Bedro­hun­gen aus­ge­setzt. Ronny Siev von der Israe­li­ti­schen Cul­tus­ge­meinde Zürich gab unlängst in einem Vor­trag Aus­kunft dar­über, wie es sich anfühlt, heute in Zürich Jude zu sein.

«Jude sein, heisst auf der Flucht sein»: So brachte Ronny Siev das Schicksal der Juden auf den Punkt. Gemacht hat Ronny Siev diese Aussage im Rahmen der ökumenischen Vortragsreihe «Bildung und Begegnung» vom 27. März 2026, veranstaltet von der Reformierten Kirche Zürich und der Römisch-katholischen Pfarrei Herz Jesu Oerlikon.

Der in Oerlikon aufgewachsene Ronny Siev mit Vorfahren aus der Slowakei (sein Vater ist Holocaust-Überlebender) gehört der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) an. Mit rund 2500 Mitgliedern ist sie die grösste jüdische Gemeinde in der Schweiz. Mit der neuen Zürcher Kantonsverfassung von 2005 erhielt sie den Status einer öffentlich-rechtlich anerkannten Körperschaft und ist damit den Kantonalkirchen gleichgestellt.

Sich selbst bezeichnet Ronny Siev als «säkularen Juden». Er glaubt an Gott, ohne sich aber beispielsweise an koschere Speisevorschriften gebunden zu fühlen. «Ich verschmähe auch einen guten Rohschinken nicht», verrät er über seine Essensgewohnheiten. Kurz vor dem Pascha-Fest erinnert Ronny Siev an die Flucht aus Ägypten. Ein Ereignis, das sozusagen zur DNA des jüdischen Volkes bis in die heutige Zeit werden sollte.

Wendepunkt: Der 7. Oktober 2023
Der erste schriftliche Beleg von Juden in Zürich datiert aus dem Jahre 1273. Ihre Präsenz wurde 1348/49 jäh unterbrochen, als sie in der Rolle der Sündenböcke für die Pestepidemie herhalten mussten und entweder vertrieben oder getötet wurden. Nach einer nur kurz währenden Neuansiedlung wurden die Juden 1423 auf unbestimmte Zeit vertrieben. Erst 1866 erhielten die Juden aufgrund eines mit Frankreich geschlossenen Handelsvertrages in der Schweiz die Niederlassungsfreiheit. Mit der total revidierten Bundesverfassung von 1874 wurden ihnen die Bürgerrechte zuerkannt, allerdings nicht vollständig. Der Zugang zum Offizierscorps blieb ihnen weiterhin verwehrt. Markanten Zuwachs verzeichnete die jüdische Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg infolge der Vernichtungspolitik der Nazis. Seither hat sich ihre Zahl bei rund zwei Prozent der Gesamtbevölkerung eingependelt.

Für Ronny Siev gibt es eine grosse Zäsur. Sie trägt ein genaues Datum: den 7. Oktober 2023, als die Hamas in Israel einfiel, dabei 1182 Menschen tötete und mehrere Israelis in die Gefangenschaft verschleppte. Was Ronny Siev dabei besonders irritierte: Bereits am Tag danach, am 8. Oktober, noch bevor Israel auf den Überfall der Hamas reagiert hatte, gab es im ganzen Westen, so auch in Zürich, öffentliche Proteste, die Israel des Genozids an Palästinensern bezichtigten. Von einer auch nur ansatzweisen Empathie mit den jüdischen Opfern (dem grössten Massenmord an Juden seit dem Holocaust) spürte Ronny Siev nichts. Da realisierte er, dass etwas zutiefst falsch läuft: «Es darf wieder öffentlich gegen die Juden gehetzt werden», so sein beklemmender Befund. Ihm ist angesichts des grassierenden Antisemitismus im Westen erneut bewusst geworden, wie zentral die Existenz des Staates Israel für die Juden ist: «Israel ist für uns Juden die Lebensversicherung» – für den Fall der Fälle, sprich eines neuen Holocaust.
 


Stadtzürcher Regierung geht auf Tauchstation
Ein Fragezeichen setzt er auch hinter das passiv-distanzierte Verhalten der Stadtzürcher Regierung. Sie liess antisemitisch konnotierte, unbewilligte Pro-Palästina-Demonstrationen zu. Als am 2. März 2024 ein Jude von einem aus Tunesien stammenden Muslim, der sich als Soldat der Terrororganisation «Islamischer Staat» verstand, niedergestochen und lebensgefährlich verletzt wurde, war an der anschliessenden Solidaritätskundgebung mit der jüdischen Gemeinschaft kein Mitglied der Stadtregierung anwesend. Auf antisemitische Mobbing-Attacken und Schmierereien wie «Juden raus» an öffentlichen Schulen reagiert die Stadtregierung nicht. Für Ronny Siev ein einziger Hohn auf die von gleicher Seite penetrant beschworene «Multi-Kulti-Gesellschaft». Deutlich kritisierte Ronny Siev auch am Beispiel der Roten Fabrik die Kulturpolitik der Stadt Zürich. Mit Steuergeldern würden hier unverhohlen antisemitische Aktivitäten unterstützt. Auch gegenüber der ehemals reformierten City-Kirche St. Jakob erhob er den Vorwurf, unter anderem diversen Gruppen Gastrecht für die Herstellung militant-antisemitischer Pamphlete zu gewähren. Ihm sind auch mehrere jüdische Studenten bekannt, die es nicht mehr wagen, sich an der Universität Zürich zu ihrem Glauben zu bekennen. Für Ronny Siev drängt sich deshalb immer mehr die bange Frage auf: Wer ist als Nächster dran? Das Schicksal der Juden als eines fortdauernden Lebens auf der Flucht wird, so Ronny Siev, auch für Juden in Zürich wieder zum aktuellen Thema. Dabei ist er sich bewusst, dass es hierzulande weit besser aussieht als in vielen anderen Ländern. Er verweist auf das Negativbeispiel Frankreich, wo der linksextreme Jean-Luc Mélenchon mit seiner Partei «La France insoumise» eine militant antisemitische Politik auf seine Fahnen geschrieben hat. An die Schweiz gerichtet äussert Ronny Siev die Hoffnung und Erwartung, sie möge im Kampf gegen den Antisemitismus nicht nachlassen, ja ihn vielmehr intensivieren.

Schon fast ominös: Ronny Siev hat die Grünliberale Partei im Zürcher Stadtparlament vertreten – bis zum 8. März 2026. Sozusagen ersetzt wurde er durch die türkischstämmige, kopftuchtragende Vera Celik von der SP. Medienberichten zufolge haben ihr die türkische Botschafterin in der Schweiz und der türkische Generalkonsul in Zürich zur Wahl gratuliert.

Weniger ominös als vielmehr anstössig war der Ort des Vortrages, fand dieser doch ausgerechnet in der »Bullingerstube» der Reformierten Kirche Oerlikon statt. Bullingers Name steht für einen Judenhass, der jenem Luthers kaum nachsteht. In einem Schreiben an den Augsburger Patrizier Georg von Stetten liess sich der Nachfolger Zwinglis wie folgt über die Juden aus: Die Juden seien «ohne Zweifel die schlimmsten Verfolger des Herrn Christus und der christlichen Religion». Der Talmud sei eine «aus widerlichen Lügen zusammengesetzte Lehre», die Juden seien selbst in «diesen abstossenden Kot eingetaucht», würden unseren Retter Christus einen «Hurensohn und die göttliche Jungfrau eine Dirne nennen» (zitiert in: Peter Niederhäuser, «Verfolgt, Verdrängt, Vergessen? Schatten der Reformation», Zürich 2018).

Es tut der informativen und authentischen Lagebeurteilung eines direkt betroffenen Juden keinen Abbruch, wenn man darauf hinweist, dass auch die Sicht der Gegenseite bei der Analyse der nun schon seit Jahrzehnten andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten miteinbezogen werden muss. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang insbesondere die völkerrechtswidrigen Vertreibungen der muslimischen und christlichen Bevölkerung aus der Westbank und die Unterbindung der Hilfslieferungen in den Gaza-Streifen.

Für den zuversichtlich stimmenden Abschluss der Veranstaltung war Ernst Danner vom Vorbereitungsteam besorgt. Er überreichte Ronny Siev eine Flasche Milch, einen Honigtopf – und eine Tafel Schweizer Schokolade. Sinnbildlich für den Wunsch, das Wort der Bibel vom «Land, wo Milch und Honig fliesst» möge für den Referenten auch hier in der Schweiz in Erfüllung gehen.


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

E-Mail

Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


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Bemerkungen :

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    Gerardo Raffa 01.04.2026 um 20:48
    Ihr Kommentar ist sowohl historisch als auch theologisch unhaltbar. Der Talmud ist kein „antichristliches Buch“, sondern das zentrale Werk des rabbinischen Judentums – eine vielschichtige Sammlung von Rechts- und Auslegungsdebatten. Dass die Kirche ihn im Mittelalter bekämpfte und verbrennen liess, beweist nicht, dass sie im Recht war, sondern dass sie Macht über Argumente stellte. Buchverbrennungen sind kein Wahrheitsbeweis, sondern ein Verbrechen gegen die Zivilisation. Auch das Zweite Vatikanische Konzil hat nicht „so getan als ob“, sondern bewusst den antijüdischen Irrweg früherer Jahrhunderte korrigiert und die besondere Beziehung zwischen Christentum und Judentum betont. Wer das verächtlich macht, polemisiert gegen die eigene kirchliche Entwicklung. Ebenso falsch ist es, das rabbinische Judentum pauschal als „klar antichristlich“ hinzustellen. Theologische Differenzen sind nicht dasselbe wie Feindschaft. Und wer Hamas und Israels Armee gleichsetzt, ignoriert die Wirklichkeit. Am unerträglichsten ist jedoch Ihr letzter Satz, denn Frieden hängt nicht davon ab, dass Juden und Muslime Christen werden, sondern davon, dass Menschen aufhören, Terror, Hass und religiöse Überheblichkeit zu legitimieren. Nicht der Talmud ist hier das Problem, sondern Ihr Denken in Kollektivschuld, Bekehrungszwang und mittelalterlichen Feindbildern.
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      Redaktion 01.04.2026 um 20:49
      Dieser Kommentar nimmt Bezug auf einen Kommentar, welcher auf Ersuchen des Autors gelöscht wurde
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    Josef Köchle 31.03.2026 um 19:28
    Staat Israel und Juden

    Die Juden sind das alte Volk Gottes, von Gott berufen, und der Staat IsraeI ist Produkt des Zionismus, der Weltpolitik betreiben will.
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    Michael Dahinden 31.03.2026 um 12:20
    Frappant ist die Aussage betreffend den 7. Oktober 23 und die fehlende Solidarität nach diesem Tag. Wäre es etwa nicht Sache der Christen, an der Geschichte wenigstens soviel Interesse zu zeigen, dass sie einen angesichts von konkreten Ereignissen nicht kalt lässt?