«Jude sein, heisst auf der Flucht sein»: So brachte Ronny Siev das Schicksal der Juden auf den Punkt. Gemacht hat Ronny Siev diese Aussage im Rahmen der ökumenischen Vortragsreihe «Bildung und Begegnung» vom 27. März 2026, veranstaltet von der Reformierten Kirche Zürich und der Römisch-katholischen Pfarrei Herz Jesu Oerlikon.
Der in Oerlikon aufgewachsene Ronny Siev mit Vorfahren aus der Slowakei (sein Vater ist Holocaust-Überlebender) gehört der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) an. Mit rund 2500 Mitgliedern ist sie die grösste jüdische Gemeinde in der Schweiz. Mit der neuen Zürcher Kantonsverfassung von 2005 erhielt sie den Status einer öffentlich-rechtlich anerkannten Körperschaft und ist damit den Kantonalkirchen gleichgestellt.
Sich selbst bezeichnet Ronny Siev als «säkularen Juden». Er glaubt an Gott, ohne sich aber beispielsweise an koschere Speisevorschriften gebunden zu fühlen. «Ich verschmähe auch einen guten Rohschinken nicht», verrät er über seine Essensgewohnheiten. Kurz vor dem Pascha-Fest erinnert Ronny Siev an die Flucht aus Ägypten. Ein Ereignis, das sozusagen zur DNA des jüdischen Volkes bis in die heutige Zeit werden sollte.
Wendepunkt: Der 7. Oktober 2023
Der erste schriftliche Beleg von Juden in Zürich datiert aus dem Jahre 1273. Ihre Präsenz wurde 1348/49 jäh unterbrochen, als sie in der Rolle der Sündenböcke für die Pestepidemie herhalten mussten und entweder vertrieben oder getötet wurden. Nach einer nur kurz währenden Neuansiedlung wurden die Juden 1423 auf unbestimmte Zeit vertrieben. Erst 1866 erhielten die Juden aufgrund eines mit Frankreich geschlossenen Handelsvertrages in der Schweiz die Niederlassungsfreiheit. Mit der total revidierten Bundesverfassung von 1874 wurden ihnen die Bürgerrechte zuerkannt, allerdings nicht vollständig. Der Zugang zum Offizierscorps blieb ihnen weiterhin verwehrt. Markanten Zuwachs verzeichnete die jüdische Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg infolge der Vernichtungspolitik der Nazis. Seither hat sich ihre Zahl bei rund zwei Prozent der Gesamtbevölkerung eingependelt.
Für Ronny Siev gibt es eine grosse Zäsur. Sie trägt ein genaues Datum: den 7. Oktober 2023, als die Hamas in Israel einfiel, dabei 1182 Menschen tötete und mehrere Israelis in die Gefangenschaft verschleppte. Was Ronny Siev dabei besonders irritierte: Bereits am Tag danach, am 8. Oktober, noch bevor Israel auf den Überfall der Hamas reagiert hatte, gab es im ganzen Westen, so auch in Zürich, öffentliche Proteste, die Israel des Genozids an Palästinensern bezichtigten. Von einer auch nur ansatzweisen Empathie mit den jüdischen Opfern (dem grössten Massenmord an Juden seit dem Holocaust) spürte Ronny Siev nichts. Da realisierte er, dass etwas zutiefst falsch läuft: «Es darf wieder öffentlich gegen die Juden gehetzt werden», so sein beklemmender Befund. Ihm ist angesichts des grassierenden Antisemitismus im Westen erneut bewusst geworden, wie zentral die Existenz des Staates Israel für die Juden ist: «Israel ist für uns Juden die Lebensversicherung» – für den Fall der Fälle, sprich eines neuen Holocaust.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Die Juden sind das alte Volk Gottes, von Gott berufen, und der Staat IsraeI ist Produkt des Zionismus, der Weltpolitik betreiben will.