Sr. Mary of the Sacred Heart mit einem an Lepra erkrankten Patienten, Guntur ca. 1926. (Bild: gemeinfrei)

Weltkirche

Indien: Pio­nier­ar­beit einer Ärz­tin im Dienst benach­tei­lig­ter Frauen

Papst Leo XIV. hat am 21. Novem­ber 2025 die heroi­schen Tugen­den von Mary Glo­w­rey (1887 – 1957) aner­kannt. Die aus­tra­li­sche Ordens­schwes­ter fand ihre Beru­fung in der Betreu­ung der Ärms­ten Indi­ens und leis­tete Pio­nier­ar­beit im Gesundheitswesen.

Mary Glowrey kam 1887 in Birregurra (Victoria, Australien) als Tochter einer irischen Immigrantenfamilie zur Welt. Sie war das dritte von neun Kindern. In der Familie wurde jeden Abend der Rosenkranz gebetet, sowie Gebete um Priester und Ärzte. Bereits mit 13 Jahren verliess Mary ihre Familie, um im 300 Kilometer entfernt gelegenen Melbourne das South Melbourne College (SMC) zu besuchen. Am Ende ihres ersten Jahres am SMC schrieb sie sich an der Universität von Melbourne ein und erhielt ein Stipendium für ein Studium. Da sie noch zu jung war, um die Universität zu besuchen, setzte sie ihr Studium am SMC für die nächsten drei Jahre fort. 1910 schloss sie ihr Studium mit einem Bachelor of Medicine und einem Bachelor of Surgery ab.

Mary Glowrey engagierte sich in der St. Patrick's Cathedral in East Melbourne und wurde 1916 die erste Präsidentin der neu gegründeten Catholic Women's Social Guild (heute Catholic Women's League of Victoria and Wagga Wagga). Besorgt über die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten, denen Frauen ausgesetzt waren, versuchte diese engagierte Gruppe junger Katholikinnen, die Gesellschaft zu verändern und die Schwächsten in ihrer Mitte zu schützen. Gleichzeitig studierte Mary für einen höheren medizinischen Abschluss. 1919 schloss sie mit dem Doktor der Medizin in Geburtshilfe, Gynäkologie und Augenheilkunde ab. Sie arbeitete in zwei Spitälern in Melbourne und hatte daneben eine Privatpraxis als Hals-Nasen-Ohren-Ärztin – und das zu einer Zeit, als es erst wenige Ärztinnen gab. Sie behandelte Arbeitslose und mittellose Menschen oft kostenlos.

Aufbruch in eine neue Heimat
1915 hatte Mary Glowrey die Biografie von Agnes McLaren gelesen, einer wegweisenden schottischen Missionsärztin, die mit 61 Jahren zum Katholizismus konvertiert war. Sie hatte 1910 die erste katholische medizinische Mission in Indien gegründet. Männlichen Ärzten war es damals in Indien verboten, weibliche Patienten zu behandeln – Tausende Frauen starben. Agnes McLaren erkannte das Problem und suchte nach qualifizierten Krankenschwestern. Als sie erfuhr, dass das Kirchenrecht Ordensfrauen untersagte, als Ärztinnen zu arbeiten, appellierte sie fünfmal an den Papst und den Heiligen Stuhl, diese Vorschrift aufzuheben. Mary Lowrey schrieb später, dass sie nach der Lektüre auf die Knie gesunken sei und wusste, dass Gott sie berufen hatte, den Frauen und Kindern Indiens zu helfen. «Das Werk meines Lebens lag nun klar vor mir. Es sollte medizinische Missionsarbeit in Indien sein.»

In den nächsten Jahren fühlte sie sich mithilfe ihres geistlichen Begleiters in dieser Berufung bestärkt. Sie verliess Melbourne am 21. Januar 1920 in Richtung Indien – sie sollte Australien und auch ihre Eltern nie wiedersehen.

Mit 32 Jahren trat sie in Guntur, im heutigen Bundesstaat Andhra Pradesh, der «Kongregation Jesu Maria Joseph» (JMJ) bei, einer 1904 in Guntur gegründeten niederländischen Kongregation, und nahm den Ordensnamen Mary of the Sacred Heart (Maria vom Heiligen Herzen) an. Die JMJ-Schwestern hatten viele Jahre für einen Arzt gebetet.

Um auch als Ordensfrau als Ärztin arbeiten zu können, erhielt Mary Glowrey eine Sondergenehmigung von Papst Benedikt XV.; 1922 wurde ihr von Papst Pius XI. ein persönlicher Segen für diese Arbeit erteilt. Die Beschränkung im Kirchenrecht wurde erst 1936 aufgehoben.
 


Sie begann 1922 als Ärztin zu praktizieren. Die einfache Krankenstation, in der Glowrey ihre medizinische Missionsarbeit in Guntur begann, entwickelte sich zum St. Joseph's Hospital. Sr. Mary of the Sacred Heart kümmerte sich um Hunderttausende von Patienten. Sie konzentrierte sich insbesondere auf die Versorgung von Frauen und Kindern, die aufgrund kultureller und wirtschaftlicher Barrieren nur eingeschränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung hatten. Sie gründete Spitäler und bildete einheimische Frauen zu Apothekerinnen, Hebammen und Krankenschwestern aus. 1943 gründete Sr. Mary of the Sacred Heart die «Catholic Health Association of India»; die heute über 3500 Mitglieder versorgen jährlich mehr als 21 Millionen Menschen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit.

Sr. Mary of the Sacred Heart starb am 5. Mai 1957 im Alter von 69 Jahren in Bangalore an Krebs.

Wichtiger Schritt auf dem Weg zur Seligsprechung
2010 leitete der Bischof von Guntur das Verfahren zur Heiligsprechung von Sr. Mary of the Sacred Heart (Mary Glowrey) ein. 2013 erklärte sie die Kirche zur Dienerin Gottes. Nun hat am 21. November 2025 Papst Leo XIV. ihre heroische Tugendhaftigkeit anerkannt und ihr den Titel «Ehrwürdige» verliehen. Für eine Erhebung zu den Altären fehlt noch die kirchenrechtliche Feststellung eines Wunders, das ihrer Fürsprache zugeschrieben wird.

Die Katholische Kirche in Australien freut sich über diesen wichtigen Schritt im Seligsprechungsprozess. Mit Mary Glowrey ist jetzt nach Sr. Mary MacKillop, die 2010 von Benedikt XVI. heiliggesprochen wurde, eine weitere in diesem Land geborene Frau der Seligsprechung nähergekommen.

Der katholische Erzbischof von Melbourne, Peter A. Comensoli, erklärte erfreut: «Die ehrwürdige Sr. Mary of the Sacred Heart Glowrey, eine stolze Tochter Melbournes, war eine Pionierin – eine unserer ersten Ärztinnen  –, bevor sie dem Ruf folgte, in Indien zu dienen. Ihre heilenden Hände, ihr Mitgefühl und ihr mutiger Geist waren ein lebendiges Zeichen für Gottes Güte. Möge ihr Beispiel und ihre Fürsprache weiterhin Australier und Menschen überall dazu inspirieren, ein Leben im Dienst anderer und in Heiligkeit zu führen.»

Die Anerkennung der heroischen Tugenden von Mary Glowrey durch Papst Leo ist besonders bedeutsam, erfolgt sie doch zu einer Zeit, in welcher der Hindu-Nationalismus immer intolerantere Züge annimmt. Ulrich von Schwerin hat dazu in der NZZ vom 22. November 2025 eine aufschlussreiche Hintergrundanalyse verfasst. Sein Befund: 100 Jahre nach ihrer 1925 erfolgten Gründung hat die Hindu-nationalistische Bewegung sämtliche Bereiche der Gesellschaft durchdrungen. Ihr politischer Arm, die Bharatiya Janata Party (BJP), stellt seit zehn Jahren die Regierung. Nach aussen tarnt sich die Bewegung als riesige Freiwilligenorganisation, die sich das Gemeinwohl und die Charakterbildung ihrer Mitglieder zum Ziel setzt. Doch sie hat, so NZZ-Autor von Schwerin, auch eine dunkle Seite: Für sie gibt es in der indischen Nation für Nicht-Hindus keinen Platz. Kritiker ziehen Parallelen zur Ideologie des Nationalsozialismus. Unter diesem Exklusivitätsanspruch haben vor allem Christen und Muslime zu leiden.

Ziel der Hindu-nationalistischen Bewegung ist die Schaffung einer zukünftigen, kastenlosen und ausschliesslich aus Hindus bestehenden Gesellschaft, die zu einer ethnisch-religiös homogenen Nation verschmelzen soll. Zu deren Legitimation bedarf es eines Feindbildes: der Muslime und eben auch der Christen. Es ist gut, dass gerade jetzt am Beispiel der Ärztin und Ordensfrau Mary Glowrey daran erinnert wird, was Christinnen und Christen zum Wohle dieses Landes beigetragen haben.


Redaktion


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