Screencopy von der Homepage www.chance-kirchenberufe.ch kombiniert mit Foto eines Flyers (Ausschnitt).

Mit spitzer Feder

Infan­ti­lis­mus in Staat, Kir­che und Gesellschaft

Von einer «Infantilisierung der Politik» schreibt Chefredaktor Reza Rafi im Sonntags-Blick vom 17. August 2025. Er nimmt dabei das stets nach gleichem Muster ablaufende Absage-Ritual ins Visier. Gilt es einen Spitzenposten neu zu besetzen, melden regelmässig Politikerinnen und Politiker ihr Interesse an – zwecks Steigerung der kurzfristigen Aufmerksamkeit. Dann, so Reza Rafi, legt der vermeintliche Kandidat eine «mehrwöchige Kunstpause ein, um mit Brimborium das jeweilige Desinteresse zu vermelden, jeweils nach ‹reiflicher Überlegung›».
Als Beispiel nennt der SoBli-Chefredaktor Ständerat Damian Müller und Nationalrat Andri Silberschmidt, die nach besagter Kunstpause auf eine Kandidatur für das nationale FDP-Präsidium publikumswirksam verzichteten.

Die von Reza Rafi gennannten Beispiele eines infantilen Politmarketings sind vergleichsweise harmloser Natur. Gravierender fällt ins Gewicht, dass mit infantilem Gebaren fast zwangsläufig eine Flucht aus der Verantwortung einher geht. Signifikantes Beispiel ist das Verhalten unserer Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter (KKS) im Zusammenhang mit dem Zollstreit zwischen der Schweiz und den USA. Noch im Verlauf der Zollverhandlungen machte KKS der Öffentlichkeit Hoffnungen auf ein positives Ergebnis, denn «ich fand offensichtlich den Zugang zu Trump».

Eine grandiose Selbstüberschätzung mit fatalen Folgen für die Schweizer Wirtschaft! Als dann Trump – ausgerechnet am 1. August – seinen Zollhammer von 39 Prozent auf Schweizer Produkte niedersausen liess, stahl sich KKS flugs aus der Verantwortung: «Ich habe nicht verhandelt, es ist das Seco» gab sie in einem Blick-Interview zu Protokoll. Ausgerechnet sie, die wenige Monate zuvor «das Verhandlungsdossier an sich gezogen hatte» (Thomas Borer in der Neuen Zürcher Zeitung).

Die Politik steht mit ihrem Drang zum Infantilismus beileibe nicht alleine da. Mit von der Partie ist auch die Schweizerische Nationalbank. Im Oktober des vergangenen Jahres hatte sie den Wettbewerb für die neue Banknotenserie gestartet. Das vorgegebene Thema lautete: «Die Schweiz und ihre Höhenlagen.» Nun hat die Nationalbank zwölf Entwürfe publiziert, zu denen die Schweizer Bevölkerung bis zum 7. September ihre Präferenz abgeben darf.

War es früher der heilige Martin, der auf einer Hunderternote seinen Mantel mit Bedürftigen teilte, stehen nun Kühe und Geissen, Häsli und Fledermäuse zur Auswahl. Die Weltwoche nennt diesen Kindergarten-Wettbewerb einen infantilen Firlefanz, eine «verkappte Aufforderung zur Abschaffung des Bargeldes», eine «Entwertung aller Werte.»

Fragen statt Antworten

Auch die katholische Kirche springt – Gott sei’s geklagt – zeitgeistkonform auf diesen Zug auf. In einer breit gestreuten Kampagne wird mit dem Titel «Chance Kirchenberufe» für Nachwuchs geworben. Auf dem Flyer lächelt eine Pfarreiseelsorgerin und lässt sich folgenden Satz entlocken: «Es ist nicht mein Beruf, Antworten zugeben, sondern Fragen zu haben.» Ganz schön gaga. Man stelle sich vor, ein rheumageplagter Patient geht mit der Hoffnung auf Linderung seiner Schmerzen zum Arzt und erhält den Bescheid: «Ich stelle Fragen, gebe aber keine Antworten.» Ein Ding der Unmöglichkeit für Leibärzte, nicht aber für Seelenärzte.

Das Wort der Bibel («Seit allezeit bereit zur Verantwortung gegen jeden, der von Euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in Euch ist» 1. Petrusbrief 3,15) scheint noch nicht bei den Verantwortlichen der Werbekampagne angekommen zu sein.


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

E-Mail

Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


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Bemerkungen :

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    Daniel Walser 20.08.2025 um 23:06
    Ich bin schon viel unterwegs gewesen international, Italien, Frankreich, Deutschland, UK, Österreich, Skandinavien, USA - und bin als Katholik selbstverständlich auch vor Ort sonntags in die heilige Messe gegangen (soweit die möglich war): aber eine "Pfarreiseelsorgerin" habe ich noch nie angetroffen, ist das wieder so eine Nummer Marke Eigenbau? Kann es sein, dass es das erst seit kurzem und nur im Bistum Chur gibt? Das ist doch nicht römisch-katholisch, oder?
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    Walter Berger 20.08.2025 um 20:17
    Warum hat die Pfarreiseelsorgerin keine grüne Bille auf? Das ist doch das Motto beim diesjährigen Bistums-Karneval. Im Ernsts: Ich habe Respekt vor den Menschen, die aus der Landeskirche austreten, weil sie konsequent Stellung beziehen zu diesem Verblödungsprozess.
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    Peter Elisabeth 19.08.2025 um 13:54
    Ich spüre hier eine gefährliche Tendenz: Die Mainstream-Kirche lockt oft jene, die eher zur Anpassung als zu Verantwortung tendieren. Der Weg zum Leben ist bekanntlich schmal und anstrengend, die Tür eng. Jesus ist derjenige, der beruft - doch diese Berufung trifft nicht auf eine einfache bequeme Wahl. Vielmehr handelt es sich um eine tiefe, manchmal schmerzhafte Entscheidung. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine solche Entscheidung nicht selten mit einem starken inneren Ringen einhergeht. Es reicht nicht, aus sozialen Motiven Teil einer Gemeinschaft zu sein. Nachfolge Christi erfordert Mut, Einsicht und eine Bereitschaft zu Verzicht. Nachfolge Christi ist kein Sonntagsspaziergang, sondern ein seelischer Überlebenskampf, der oft allein geführt wird, hinterfragt, betet und letztlich vom Hl. Geist getragen wird. Dagegen wirkt es gefährlich, wenn Kirche vor allem auf äussere Zugehörigkeit oder Gesellschaftliche Akzeptanz abzielt. Die wahre Berufung erfasst die Tiefe des Herzens und fordert eine konsequente Verfolgung des Guten trotz Widerständen. Wir sollten der Versuchung widerstehen, religiöse Lebenswege zu trivialisieren oder zu romantisieren.
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    Stefan Fleischer 19.08.2025 um 10:05
    Die «Chance der kirchlichen Berufe» spricht wohl gerade jene nicht an, welche sich fragen, ob nicht Gott sie in seinen Dienst ruft. Auf ihre Fragen müsste die Kirche Antwort geben, Frage wie: «Woran erkennt man eine Berufung? Worin liegt das Grosse, das Ausserordentliche einer solchen Berufung? Worin unterscheiden sich kirchliche Berufungen von weltlichen Berufen? Bin ich bereit in dieser ganz anderen Welt zu dienen? Welche Arten von solchen Diensten gibt es? Welcher könnte mein Weg sein? Woher nehme ich die Kraft für einen solchen Dienst? etc.» Dann könne man auch wieder die alte Weisheit verkünden: «Willst Du ein Leben, so schwer wie ein Alb, so werde Priester (oder Nonne etc.) und werde es halb. Willst Du ein Leben voll Sonnenglanz, so werde Priester etc. und werde es ganz!»
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    Heinz Meier 19.08.2025 um 08:21
    Zutreffend wird hier das angesprochen, was man als „seelisches Bildungsdefizit“ bezeichnen könnte: der Zutritt zum griechischen Orakel der Weisheit „gnothi se auton!“ - erkenne dich selbst! - gilt im gegenwärtigen Polit- und Kirchen-Marketing nicht viel, darum setzen sich die Leute selbstverliebt im Schaufenster ihrer Eitelkeiten dem Spott und der Lächerlichkeit aus. Recht geschieht ihnen….
  • user
    Michael Dahinden 19.08.2025 um 07:03
    Die "Chance Kirchenberufe" hat noch eine andere Dimension.
    Sie hatte schon im ersten Jahr ihres Bestehens ein Budget von 10 Millionen.
    Soviel zur Bescheidenheit und "Armut" in der Kirche.
    Und für sowas sollten wir obligatorisch das Opfer aufnehmen.