Nennen wir ihn Mehdi. Zwar lebt er im Tessin in Sicherheit, aber er will seine Familie im Iran nicht gefährden und möchte anonym bleiben. Der gut 40-Jährige schildert im persönlichen Gespräch, wie es dazu kam, dass er sich an Ostern taufen lässt.
Aufgewachsen ist Mehdi in Teheran als ältestes von drei Kindern. Seine Mutter beschreibt er als liebevolle Frau, die versuchte, ihre Kinder vor dem aggressiven und drogenabhängigen Vater zu schützen und die Familie zusammenzuhalten. «Alkohol ist im Iran verboten, aber an Opium und synthetische Drogen kommt man problemlos heran.» Ausserdem verlor der Vater früh die Arbeit und liess seinen Frust an den Kindern aus. Aber Mehdi sagt heute sichtlich bewegt: «Ich habe beschlossen, meinem Vater zu verzeihen, weil ich Christus kennengelernt habe. Die ständige Wut unseres Vaters hatte vermutlich ihren Ursprung darin, dass er als Waisenkind aufgewachsen ist und selbst nie echte Liebe erfahren hat.»
In Teheran wohnte die Familie nahe einer christlichen Kirche. «Bei uns wird das Christentum gewissermassen vererbt. Christliche Familien dürfen ihre Religion zwar leben, aber wehe, sie missionieren. Und für Muslime ist es streng verboten, sich einer Kirche überhaupt zu nähern.»
Zum Leidwesen seiner Eltern hatte der junge Mehdi aber im Quartier einige christliche Freunde, die seine Neugierde weckten. «Ich sah bei ihnen zu Hause sakrale Kunst und fragte mich, wer der Mann am Kreuz war. Sie erzählten mir von einem himmlischen Vater, der voller Güte ist.» Und irgendwann war das Vertrauen gross genug, dass sie ihm ein Neues Testament auf Persisch schenkten. Das war riskant. Der 15-Jährige versteckte diesen Schatz zu Hause in einer abschliessbaren Kommode («Männer dürfen ihre Privatsphäre haben»). Er bastelte für das verbotene Buch einen Umschlag aus Zeitungspapier und nahm es heimlich in die Bibliothek mit, um darin zu lesen.
Was er im Evangelium entdeckte, öffnete in seinem Herzen eine Tür, die bereits einen Spalt weit offenstand. «In unserer Kultur gibt es grosse Dichter, die – vielleicht ohne es zu wissen – indirekt von biblischen Wahrheiten sprechen. Sie beschreiben eine tiefe innere Sehnsucht und erzählen von einem liebenden, grosszügigen Vater sowie von einem ewigen Leben in Frieden.»
Einer dieser Denker, die Mehdi nachhaltig geprägt haben, ist der persische Sufi (Sufis sind islamische Mystiker) Mohammad Rumi aus dem 13. Jahrhundert. Er gehört bis heute zu den meistgelesenen Dichtern der Welt und ist im Iran Schulstoff. Rumi beschreibt die Liebe als die treibende Kraft des Universums und lehrt, dass der Mensch durch hingebungsvolle Liebe zur Einheit mit dem Göttlichen findet: «Wenn du in der Liebe stirbst, wirst du die unvergängliche Liebe gewinnen.»
Als Mehdi als Schüler in Teheran heimlich hinter Zeitungspapier in seiner Bibel las, fand er eine Antwort auf eine uralte Sehnsucht, die auch in ihm brannte.
Dramatische Wende
Doch dann nahm sein Leben eine dramatische Wende. Mit 16 Jahren wurde seine Neugier auf diesen auferstandenen Christus so stark, dass er eine Kirche betrat. Beim Verlassen wurde er von unbekannten Männern abgefangen, verschleppt und drei Tage lang in Isolationshaft festgehalten und gefoltert. Es fällt Mehdi noch heute schwer, darüber zu sprechen; seine Lippen beginnen zu zittern.
Seine Familie wusste nicht, wo er war. Schliesslich fand ihn sein Vater und konnte ihn freikaufen. Wütend über das Geschehene und aus Angst vor weiterem Kontakt zu Christen zog die Familie in ein anderes Viertel von Teheran.
Von da an verlief sein Leben zunächst scheinbar normal: Abitur, Militärdienst, ein technisch-naturwissenschaftliches Studium, erste berufliche Erfolge, Geld, Stolz – und zugleich schwierige, oft toxische Beziehungen: «Frauen tragen Schleier und erscheinen nach aussen hin angepasst und keusch. Doch die jungen Leute wissen genau, wie sie das Regime umgehen können, um ihre Freiheiten zu leben.»
Er hatte ein Auto und eine eigene Wohnung – äusserlich fehlte es ihm an nichts. «Ich versank in Selbstsucht und Vergnügen. Doch in meinem Innersten brannte ein Feuer, das mich quälte. Ich wollte zurück in die Kirche, die ich einst nur flüchtig betreten hatte. Es war der einzige Ort, der meinem Herzen Trost und Vergebung versprach.»
Doch er durfte keine Kirche betreten. Überall sah er Spitzel und Überwacher, die sichtbar oder im Verborgenen die verbotenen Orte kontrollierten. Für ihn blieb nur ein Ausweg: die Flucht.
Flucht als einziger Ausweg
Vor acht Jahren wagte er diesen Schritt. Teile seiner fünfmonatigen Odyssee durch die Türkei und über den Balkan bis in die Schweiz hat er später als Schreibübung in einem Kurs im Tessin festgehalten. Einige seiner Weggefährten kamen ums Leben. Dennoch berichtet er von «vielen Wundern»: Immer wieder hätten ihm Menschen geholfen – Muslime wie Christen – und ihm Essen und Unterkunft gegeben. «Es war, als ob etwas Mächtiges mich beschützen wollte», sagt er bewegt, «selbst in Momenten, in denen ich keinen Lebenswillen mehr hatte.»
Seit acht Jahren lebt Mehdi nun in der Schweiz. Im Tessin begegnete er einem Priester, der Englisch sprach. Schritt für Schritt lernte er Italienisch, wurde zunächst von den Kapuzinern unterstützt und später von der Laienbewegung «Neokatechumenaler Weg» begleitet.
Inzwischen wurde er auf die Taufe vorbereitet und hat von Weihbischof Alain de Raemy grünes Licht für die Taufe erhalten. «Ich bin ein bisschen nervös», gibt er zu.
Sein Traum? «Ich möchte in den Iran zurückkehren, um das Evangelium zu verkünden. Die Menschen dort leben in Angst, umgeben von Wut, Hass, Gewalt und vielen Problemen. Gerade deshalb sind selbst kleine Gesten der Menschlichkeit dort von grosser Bedeutung – wie das Opfer der armen Witwe aus dem Lukasevangelium (Lk 21,1–4). Ich möchte ihnen von einer Liebe erzählen, die anders ist als alles, was sie bisher kennen.»
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