Als historischer Startpunkt der kommerziellen Leihmutterschaft gilt das Jahr 1979. Die Amerikanerin Elizabeth Kane (Pseudonym) hatte einen Vertrag mit einem unfruchtbaren Paar über $ 11 500 geschlossen. Sie hat ihre persönlichen Erfahrungen 1988 in einem Buch veröffentlicht. Eine Buchrezension enthält den wichtigen Hinweis, wonach die Abgabe «ihres Kindes Justin» an die Auftraggeber eine Qual war. Das sei herzzerreissend beschrieben – «zumindest für jemanden, der die Urkraft kennt, ein Neugeborenes zu lieben, zu umsorgen und zu beschützen». Elisabeth Kane hielt demnach fest, dass sie diese Gefühle unterschätzt habe und naiv davon ausgegangen sei, ihr Altruismus würde ihr dabei helfen, diese Situation zu meistern. Über das Nachwort heisst es in der Rezension, es thematisiere die «dunklen Nachwirkungen» jenes Jahres: Depressionen, selbstmörderische Verzweiflung und ihre Familie in Trümmern.
Leitfaden für Leihmütter gegen dunkle Nachwirkungen
Nun versucht man, solche dunklen Nachwirkungen zu vermeiden, indem psychosoziale Abklärungen sowie eine sorgfältige psychologische Beurteilung mit standardisiertem Persönlichkeitstest einer potenziellen Leihmutter zum Standard gehören. Um eine emotionale Bindung von vornherein zu minimieren, wird heute bei den Leihmutterschaften in der Regel extra eine Eizellspenderin vorgeschaltet. Da in diesem Fall keine genetische Verbindung zwischen dem auszutragenden Embryo und der Leihmutter besteht, wird behauptet, dass auch die psychosoziale Bindung zwischen der Leihmutter und dem geborenen Kind kleiner und daher unproblematischer sei. «Psychosoziale Risiken für Leihmütter und die geborenen Kinder gibt es nach den bisherigen Studien nicht», wird in der Apotheker Umschau vom 17. Juli 2026 behauptet.
Die Tipps, welche eine Agentur, die in den USA direkt von Gynäkologen und Gynäkologinnen geführt wird, in ihrem Leitfaden für Leihmütter bereithält, lassen einen erschaudern. Die Rede ist da von einer sogenannten «gesunden Bindung». Eine Bindung zu einem Leihmutterbaby aufzubauen, sei normal. Es werde während der Schwangerschaft sogar erwartet, dass die Leihmutter aufmerksam und fürsorglich sei. Aber eine emotionale Bindung als Leihmutter – das Gefühl, dass dieses Baby ihr gehöre und bei ihr bleiben müsse – sei etwas anderes. Mit «der richtigen Einstellung» lasse sich das verhindern. Es wird für eine «instrumentelle Bindung» plädiert, die zu folgendem Verhalten motiviere:
- «Die konsequente Einnahme der Medikamente und Vitamine.
- Sich so zu ernähren, dass ein gesundes Wachstum des Fötus gefördert wird.
- Auf genug Schlaf, Flüssigkeitszufuhr und einen angemessenen Stresspegel zu achten.
- Mit dem Baby zu sprechen oder den Bauch zu streicheln, wenn es einem Trost spendet.
- Zu jedem Termin zu erscheinen und die ärztlichen Anweisungen zu befolgen.»
Ausserdem sei die Bindung zu den Wunscheltern wichtig:
- «Meilensteine teilen – Herzschlagvideos, Ultraschallbilder.
- Nach Terminen nachfragen.
- Mehr über ihre Geschichte, ihre Verluste und ihre Hoffnungen erfahren.
- Über Pläne für das Kinderzimmer oder Namen sprechen.
- Gemeinsames Feiern der ersten Male – erste Bewegung, erster deutlicher Ultraschallbefund.»
Abpumpen statt stillen – jede emotionale Bindung ist zu vermeiden
Der oben erwähnte Leitfaden hält fest, dass beim Stillen Oxytocin freigesetzt werde, ein Hormon, das an emotionaler Bindung und Wärme beteiligt sei. Wörtlich heisst es: «Die meisten Leihmutterschaftsvereinbarungen vermeiden das direkte Stillen und bieten zwei Hauptoptionen an. Abpumpen ermöglicht es Ihnen, Muttermilch bereitzustellen, ohne die Haut-zu-Haut-Dynamik des Stillens. […] Die Entscheidung, nicht abzupumpen, ist ebenso berechtigt. Ihr Körper, Ihre Grenze.»
Bei der Geburt soll nichts dem Zufall überlassen werden: «Ein gut durchdachter Geburtsplan regelt, wer anwesend ist, wer die Nabelschnur durchtrennt, wie der Haut-an-Haut-Kontakt abläuft, wer das Baby als Erstes hält und wie mit Fotos umgegangen wird. Meistens wird das Baby direkt zu den Wunscheltern für den Haut-an-Haut-Kontakt gebracht – was deren Bindung von den ersten Augenblicken an fördert.»
Aber auch für den Fall, dass die Auftraggeber nicht rechtzeitig eintreffen, hat der Leitfaden eine Anleitung bereit: «Sie können das Baby trösten, es warm halten und sich um es kümmern. Betrachten Sie dies als eine Art ‹instrumentelle Bindung› in der Leihmutterschaft: Sie sorgen für Geborgenheit, bis die Eltern eintreffen. Manchen Leihmüttern hilft es, den Moment leise zu kommentieren – ‹Deine Eltern kommen so schnell sie können. Sie können es kaum erwarten, dich kennenzulernen.› So bleibt der Fokus auf der Familie des Babys, selbst in einem zärtlichen Moment.»
Am Schluss dieses Leitfadens, der einen erschaudern lässt, folgt eine Feststellung, die ich – mit Verlaub – geradezu diabolisch empfinde. Perfider kann man eine radikale Instrumentalisierung zu grösstmöglichem Altruismus kaum noch verpacken: «Die Leihmutterschaft befindet sich an der Schnittstelle zwischen moderner Medizin und tiefer menschlicher Grosszügigkeit. Sie verlangt eine ganz bestimmte Art von Liebe von Ihnen: Liebe, die beschützt, Liebe, die da ist, Liebe, die ihre Aufgabe erfüllt – und Liebe, die loslassen kann.»
Leihmutterschaft ist zweifellos psychisch belastend
Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen über die Bindung zwischen den Leihmüttern und ihren Auftragskindern. Eine Studie nennt einen Beobachtungszeitrum von 20 Jahren nach der Geburt, beruht aber auf sehr kleinen Fallzahlen (21). Trotzdem wird die Studie als signifikant angeführt und behauptet, Leihmutterschaften seien weitgehend unproblematisch (Hum Reprod). In einer anderen Studie in derselben Fachzeitschrift wurden 45 Leihmütter in Indien, welche für Auftraggeber im Ausland ein Kind austrugen, im Zeitraum von vier bis neun Monaten während ihrer Schwangerschaft und vier bis sechs Monate nach der Geburt befragt und jeweils einem speziellen Test unterzogen. Während der Schwangerschaft erreichten 36 % der Leihmütter Werte oberhalb des Schwellenwertes für schwere Depressionen, verglichen mit 13,8 % der Kontrollgruppe werdender Mütter. Die Kontrollgruppe lag somit in der Nähe des üblichen Wertes, der mit 10 bis 12 % angegeben wird. Nach der Geburt lagen die Anteile der Leihmütter bei 27,3 % und in der Kontrollgruppe der werdenden Mütter bei 13,3 %.
Eine umfangreiche Studie in Kanada, welche im obigen Leitfaden für Leihmutterschaften nicht erwähnt wird, ergab signifikant mehr neu auftretende psychische Erkrankungen bei Leihmüttern – nach Eizellen- oder Embryonenspende − während und nach der Schwangerschaft, im Vergleich nach natürlicher Zeugung und nach In-vitro-Fertilisation. Erstaunlich ist die Feststellung, dass 19,0 % der in der Studie erfassten Leihmütter schon vor der Schwangerschaft eine dokumentierte Diagnose einer psychischen Erkrankung aufwiesen. Davon hatten 10,7 % eine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen, die im Rahmen eines Notfallaufenthalts oder eines Krankenhausaufenthalts diagnostiziert worden waren, was angeblich ein Ausschlusskriterium für eine Leihmutterschaft ist.
Parallele Leihmutterschaften − maximaler Egoismus erfordert grösstmöglichen Altruismus
Leihmutterschaften sind für die Agenturen ein einträgliches Geschäft. In den USA, so ist in einem Fachartikel in «Fertility & Sterility» nachzulesen, erfolgen gemäss den aktuellsten Zahlen von 2022 bereits 1,5 % aller assistierten reproduktiven Behandlungen zum Zweck von Leihmutterschaften (6531 von total 435 426). Von 1999 bis 2022 hat sich demnach die Zahl solcher Fälle vervierfacht. Die Fachgesellschaften für Reproduktionsmedizin sind zweifellos mitverantwortlich, pflegen doch deren Ethikkomitees regelmässig die neuesten Errungenschaften der assistierten Fortpflanzungsmedizin unter «strengen Regeln» und «höchsten ethischen Standards» zu befürworten. Auf diese Weise plädierten die Fachgesellschaften für die Eizellen- und Embryonenspende, ebenso für die Präimplantationsdiagnostik, die inzwischen als weitgehend nutzlose, wenn nicht sogar schädliche Screeningmethode angewandt wird, die den Reproduktionsmedizinern Geld in die Kassen spült. Die Gynäkologinnen und Gynäkologen, welche Leihmutterschaften mit ihren Eingriffen überhaupt ermöglichen, machen alles für das Geld ihrer Auftraggeber. Und so schafft die assistierte Fortpflanzungsmedizin seit dem ersten Retortenbaby von 1978 ein Problem nach dem anderen.
In zwei Artikeln der Aprilausgabe von «Fertility & Sterility» wird nun ein weiteres Phänomen Pro und Kontra diskutiert. Der Fachausdruck lautet «concurrent gestation surrogacy» (parallele Leihmutterschaft). Die Auftraggeber schliessen im selben Zeitraum mit mehreren Leihmüttern Verträge, um zwei oder mehr Kinder zu bekommen. Die Pro-Seite zählt mehrere haarsträubende Fälle auf. Einer davon wurde in der Zeitschrift «Bloomberg Businessweek» bekannt. Demnach soll der Milliardär Greg Lindberg, obwohl er gerade wegen Geldwäsche und Betrug inhaftiert war, in mehreren Kliniken gleichzeitig etliche Eizellspenderinnen und Leihmütter mit seiner Samenspende beauftragt haben. Es heisst, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels habe Lindberg bereits acht Kinder gezeugt, für die er der alleinige rechtliche Elternteil gewesen sei. Während seiner Inhaftierung lebten die Kinder gemeinsam unter der Obhut mehrerer bezahlter Haushaltshilfen. Trotzdem kommt die Pro-Seite zum Schluss, dass man parallele Leihmutterschaften nicht verbieten könne, seien doch sinnvolle Szenarien denkbar. Typisch für viele Reproduktionsmediziner ist der folgende Kommentar zur Problematik: «Eine gründliche Auseinandersetzung mit hypothetischen Szenarien, ethischen Spannungsfeldern und Beziehungsdynamiken ist unerlässlich, bevor eine parallele Leihmutterschaft in Angriff genommen wird. Es liegt in der Verantwortung aller Beteiligten – einschliesslich der Ärzte, Agenturen, Rechtsanwälte, Psychotherapeuten und Kliniken –, höchste ethische Standards einzuhalten, um die konkurrierenden Bedürfnisse aller Beteiligten in Einklang zu bringen» (Fertil Steril). Noch einiges komplizierter wird es übrigens, wenn LGBTQ+ Personen die Dienste der assistierten Fortpflanzungsmedizin beanspruchen. Ein Komitee der grössten US-Fachgesellschaft für Reproduktionsmedizin (ASRM: American Society for Reproductive Medicine) hat dazu eigens ein Papier verfasst.
Statt sich mit all diesen Szenarien auseinanderzusetzen, wäre es besser, einfach dem Rat der Römisch-katholischen Kirche zu folgen. Ein Kind ist als Geschenk zu betrachten und nicht als Ware oder vertragliches Produkt. Demnach hat ein Kind das Recht, aus der personalen Hingabe der ehelichen Vereinigung hervorzugehen. Deshalb ist jede Art von Leihmutterschaft ethisch verwerflich (Dignitas personae Nr. 19, Dignitas infinita Nr. 48–50).
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Gott hatte uns für das Paradies geschaffen... Jedoch durch unsere Rebellion haben wir daraus etwas ganz, ganz anderes gemacht.
Es wäre sicher in vielerlei Hinsichten besser, wie Dr. Pfr. Graf selber gut schreibt, dem Rat der Römisch-katholischen Kirche zu folgen, resp. sich nach dem Katechismus der Katholischen Kirche zu richten, der uns in allen moralischen/ethischen Fragen konkrete Richtlinien gibt. Eine Art "Hausapotheke" könnte man sagen...
Viel zu oft denkt man, dies sei alles überholt und altmodisch usw usf... Leider bekommen wir immer mehr die Folgen unserer modernen, aktuellen "Moral" sehr bitter zu schmecken... die echt nach Rauch und Schwefel stinken, wenn ich es so schreiben darf...... und die Zahl der psychisch kranken Leute, der Verbrechen usw steigt rasant an.
Ein Trostwort aus der Bibel " Ich erhebe meine Augen zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde erschaffen hat." (Ps 121) möge uns uns darauf hinweisen, woher uns wahres Glück kommt und umgekehrt.