Foto: Pierbattista Kardinal Pizzaballa, Patriarch von Jerusalem zusammen mit Bischof Charles Morerod in Fribourg © Kathrin Benz

Weltkirche

Jeru­sa­lem – der Him­mel ist für alle offen

Der latei­ni­sche Patri­arch von Jeru­sa­lem, Pier­bat­tista Kar­di­nal Piz­za­balla, erhält heute Sams­tag die Ehren­dok­tor­würde der Uni­ver­si­tät Fri­bourg. Ges­tern Frei­tag, dem 14. Novem­ber 2025, hielt der höchste Ver­tre­ter der römisch-​katholischen Chris­ten im Hei­li­gen Land und den umlie­gen­den Staa­ten in der Zäh­rin­ger­stadt einen Vor­trag mit dem Titel «Jeru­sa­lem: Zwi­schen Rea­li­tät und Beru­fung – Ein Licht für den Frie­den» Er wurde dabei sei­nem Ruf als Prag­ma­ti­ker und Ver­fech­ter des Dia­logs ein­mal mehr gerecht.

Er sei als Hirte gekommen, nicht als Akademiker, stellte der bescheidene Franziskaner aus Italien, der seit 2020 als lateinischer Patriarch von Jerusalem amtiert, gleich zu Beginn seiner Ansprache im vollbesetzten Hörsaal klar. Kardinal Pizzaballa schilderte die tiefen Wunden der «von einem Tsunami der Feindseligkeit» betroffenen Völker im Heiligen Land. «Seit dem 7. Oktober 2023 sind wir in ein Meer aus Blut und Feuer eingetaucht. Mit Gottes Hilfe haben wir versucht, eine Brücke zu sein und einen Funken Hoffnung am Leben zu erhalten.» Der Waffenstillstand habe nun zwar etwas mehr Ruhe gebracht, aber der Konflikt sei noch lange nicht vorbei, und in Jerusalem gebe es noch immer Quartiere, in denen Nichtjuden schikaniert würden.

Was die Menschen in diesem vergifteten Klima brauchten, sei konkreter Beistand, im Gebet und in Zeichen der Freundschaft, aber auch und besonders durch Handeln. Gegenüber den Medienschaffenden im Vorfeld der Ansprache wurde er deutlich: «Die Menschen in Jerusalem haben keine Arbeit, weil der Tourismus zum Erliegen kam. Aber die Situation für Reisende ist sicher. Daher mein Vorschlag: Kommt ins Heilige Land!» Dies sei eine der konkreten Hilfen, die man leisten könne.

Wendepunkt im interreligiösen Dialog

Pizzaballa hat in den vergangenen Jahren viel Mut bewiesen, weil er sich nicht politisch vereinnahmen liess, sondern zum Dialog aufrief. Dieser sei noch immer schwierig, erklärte er. Man habe das Gefühl, dass die Religionsgemeinschaften nur zu sich selber sprechen würden. Es sei gefährlich, das Narrativ nur den Extremen zu überlassen, weil dies zu immer neuer Gewalt führe. Der politischen Sprache des Hasses oder der Sprache der moralischen Intoleranz müssten die Christen und alle gläubigen Menschen eine andere Sprache gegenüberstellen: «Menschlichkeit, also das Bedürfnis menschlich zu bleiben und die Würde jedes Menschen und sein Recht auf Leben und Gerechtigkeit zu wahren – beginnt mit Sprache.»

In seiner Rolle als religiöser Führer habe er sich oft gefragt: «Fürchte ich Gott oder die Meinung der anderen?» Leider hätten die religiösen Leitfiguren zu lange geschwiegen, auch heute noch. Das habe dazu geführt, dass auch den Christen Antisemitismus oder Antipathien gegenüber Muslimen vorgeworfen würden. Seine Aufrufe zur Versöhnung und Aufforderungen zum Dialog hätten ihn zwar viele Freundschaften gekostet, aber dafür auch viele neue Freunde beschert.

Doch er sieht positive Zeichen. Der interreligiöse Dialog stehe an einem Wendepunkt. Jerusalem sei emblematisch für die Zukunft, sei «der Traum Gottes»: Hier sei Platz für alle. «Die Bibel beginnt mit einem Garten, Eden, und endet mit einer Stadt; dem neuen Jerusalem. Die Erfüllung der Menschheitsgeschichte ist keine Rückkehr zur Unschuld, sondern der Eintritt in eine reife, komplexe, versöhnte Gemeinschaft; eine Stadt.» Jerusalem habe zwar Mauern, um den Ort zu definieren, aber die Tore seien offen, und der Himmel über Jerusalem gehöre allen (Offb. 21). Die Gegenspielerin Babylon hingegen, jene von Menschen gebaute Utopie, werde in der Bibel genau beschrieben: ausser dem Himmel, den sieht man nie. Die Stadt sei «eingeschlossen in einen rein menschlichen Horizont» und daher dem Untergang geweiht.

«Im neuen Jerusalem gibt es keine Orte, die man besitzen kann, sondern nur Beziehungen, die aufzubauen sind.» Die vertikale Öffnung, der Blick auf Gott, befähigt zur notwendigen horizontalen Dimension der Gemeinschaft. Es gebe kein Exklusivrecht einer Religion auf Erlösung, sagte der Patriarch. Aber, präzisierte er lachend, er sei keineswegs Synkretist, sondern überzeugter Katholik. «Wir dürfen nicht naiv sein. Grenzen sind notwendig, wir müssen unsere lebenswichtigen Räume definieren, aber wir müssen und können einen Weg finden, um zusammen zu leben und die Orte des anderen zu respektieren.» Schönheit sei nicht das Unberührte, Isolierte, sondern das Offene.

Die Aufgabe der Christen sei es, ein neues und politisch nicht ideologisiertes Narrativ zu finden, um den Frieden zu ermöglichen. Dazu könnten auch die westlichen Universitäten beitragen. Es brauche kulturelle und soziale Kriterien, um zu wissen, wie man sich in Konfliktsituationen verhalten soll. «Aber mehr noch als akademische Antworten brauchen wir praktische», betonte er immer wieder. Man könne gewisse politische Auswüchse nicht einfach weg-spiritualisieren.

«Im Angesicht von so viel Leid lese ich die Bibel und suche nach Antworten. Ehrlich gesagt, finde ich sie nicht immer. Oft finde ich Antworten, indem ich andere Menschen treffe. Ich war drei Mal in Gaza. Die Menschen dort hätten jede Berechtigung, um böse zu sein. Europa tut alles für die Ukraine, aber für sie? Doch sie sind es nicht. Sie haben keine Ressentiments. Auch religiöse Juden kommen zu mir und wollen hören, was ich sage. Es gibt klare Zeichen der Menschlichkeit.»

Er habe jüdische Teenager gesehen, die den Kriegsdienst verweigerten, weil sie nicht töten wollen, und dafür ins Gefängnis gingen. «Ich sah palästinensische Mütter, die kaum zu Essen haben, und die sich um Waisen kümmern. Ich kenne Lehrer, Christen und Muslime, die in den Trümmern Kinder unterrichten.»

Und vergessen wir nicht ihn selbst: Pizzaballa hat sich im Oktober 2023 in Jerusalem als Austausch gegen Geiseln der Hamas angeboten. Und noch immer sagt er: «Trotz unserer Begrenztheit werden wir versuchen, die ruhige, feste und freie Stimme der Kleinen zu sein. Wir werden uns bemühen, niemanden im Stich zu lassen, der an unsere Türen klopft, und allen nahe zu sein, die heute leiden, Hilfe brauchen und allein sind.»


Kathrin Benz

Kathrin Benz, Jahrgang 1963, gehört durch ihre Nidwaldner Mutter zu den zahlreichen Nachkommen des Niklaus von Flüe. Aufgewachsen in Basel, studierte sie in Genf und Brüssel und war Korrespondentin der Schweizerischen Depeschenagentur in Lugano. Heute ist sie freischaffende Übersetzerin und Journalistin und lebt mit ihrem Mann und den sechs Kindern im Tessin.


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Bemerkungen :

  • user
    Simon Dach 16.11.2025 um 22:05
    Danke, Frau Kathrin Benz für die anschauliche Wiedergabe des Vortragsinhalts mit vielen konkreten Zitaten! Ihren Bericht gelesen,“ist so, als wär man selbst dabei gewesen“.