Foto: Kardinal George Jacob Koovakad (zVg.)

Weltkirche

Kar­di­nal Koo­vakad zum Kon­zils­do­ku­ment «Nos­tra Aetate»

Im Inter­view mit swiss​-cath​.ch nimmt Kar­di­nal George Jacob Koo­vakad Stel­lung zur Wir­kungs­ge­schichte und aktu­el­len Bedeu­tung des Kon­zils­de­kre­tes «Nos­tra Aetate». Der aus Indien stam­mende Kuri­en­kar­di­nal wurde am 24. Januar 2025 von Papst Fran­zis­kus zum Prä­fek­ten des Dikas­te­ri­ums für den inter­re­li­giö­sen Dia­log ernannt.

Vor 60 Jahren, 28. Oktober 1965, wurde die Erklärung «Nostra Aetate» vom Zweiten Vatikanischen Konzil verabschiedet. Welche Bedeutung hatte und hat das Dokument für die Katholische Kirche?

Die Erklärung markiert den Beginn des offiziellen Dialogs zwischen den Katholiken und den Angehörigen der anderen religiösen Traditionen. Wie ein Fluss, der von einem Damm gestaut und umgeleitet wird, hat der Dialog eine Eigendynamik entwickelt, der eine stets wachsende Zahl von Gläubigen und Nicht-Glaubenden erfasst, die sich der Förderung des Friedens, der Gerechtigkeit und dem Wohl des gemeinsamen Hauses verpflichtet wissen. In einer pluralistischen und vielfältig verflochtenen Gesellschaft, in welcher Personen unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Kulturen täglich zusammenleben. Nostra Aetate lädt dazu ein, Vorurteile und Feindseligkeiten zu überwinden sowie den Dialog und die Zusammenarbeit im Dienst des Allgemeinwohls zu fördern.

Im gegenwärtigen, von Migration, geopolitischen und religiösen Spannungen geprägten Kontext ist der Aufruf zum gegenseitigen Verständnis und zur Respektierung der religiösen Freiheit notwendiger denn je.

 

Wo steht die Katholische Kirche aktuell im Dialog mit anderen Religionen?

Die Erklärung anerkennt, dass in den anderen religiösen Traditionen Gebote und Lehren enthalten sind, die nicht selten einen Strahl jener Wahrheit widerspiegeln, der alle Menschen erleuchtet. Diese offene, nicht relativistische, aber inklusive Herangehensweise hat den Dialog über den Islam und das Judentum hinaus mit den östlichen Religionen des Hinduismus und Buddhismus ermöglicht. Die Beziehungen haben sich sukzessive auf die chinesische Religion erweitert wie den Taoismus, den Konfuzianismus, sowie den Sikhismus, und auf die Naturreligionen, v.a. in Afrika.

Ausgangsbasis ist dabei stets die gemeinsame Verpflichtung für den Frieden, die Gerechtigkeit und die Sorge für die Schöpfung. Dabei ist es kennzeichnend, dass alle Glieder der Kirche, Laien, Geweihte und Ordensangehörige, miteinbezogen sind. Eine besondere Erfahrung stellt diesbezüglich der Interreligiöse Monastische Dialog (DIM-MID, ORG) dar: Ein Dialog zwischen katholischen Ordensleuten und Buddhisten und später mit Muslimen.

 

Das Judentum steht uns aufgrund der gemeinsamen Geschichte nahe, das Verhältnis zu unseren jüdischen Brüdern und Schwestern war aber immer schwierig, da oft zugleich eine politische Komponente mitschwang. Aktuell ist es geprägt durch den Krieg zwischen der Hamas und Israel. Wo sehen Sie konkret Möglichkeiten, zur Vertiefung unserer Beziehungen zum Judentum?

Ehrlich gesagt, die Anprangerung des Antisemitismus, und der Wille, nach dem Holocaust Solidarität mit dem jüdischen Volk zu bekunden, entsprachen den Zielsetzungen des ursprünglichen Projektes dieser Erklärung zu Beginn des Konzils, das in der Folge auch die anderen Religionen mit einbezog. Auf der Ebene persönlicher Freundschaften kann der Dialog stets vertieft werden. Dies war der Fall, als 1974 im Schoss des Dikasteriums für die Förderung der Einheit der Christen die Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum gegründet wurde. Die Kirche, eingedenk ihrer gemeinsamen Wurzeln mit dem Judentum, verabscheut jede Form von Verfolgung gegen wen auch immer und verpflichtet sich zum Dialog nicht aus politischen Motiven, sondern aufgrund «religiöser evangelischer Liebe» (Nostra Aetate Nr. 4). So hat auch Papst Leo XIV. im Rahmen der interreligiösen Audienz vom 29. Oktober 2025 aus Anlass des 60-jährigen Jubiläums von Nostra Aetate wie seine Vorgänger seit dem Konzil mit Nachdruck den Antisemitismus verurteilt.

 

«Nostra Aetate» ruft die Katholiken zu gegenseitigem Verständnis mit dem Islam auf. Man solle manche Zwistigkeiten und Feindschaften beiseitelassen, um «gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen». 2019 unterzeichnete Papst Franziskus zusammen mit hohen Vertretern des Islams in Abu Dhabi das «Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt». Angesichts der zunehmenden Christenverfolgung gerade in islamischen Ländern und gehäuften islamistischen Anschlägen im Westen wirken solche Bekundungen realitätsfremd. Kann ein ehrlicher Dialog mit dem Islam diese Fakten ausblenden?

Die Frage ist falsch gestellt, weil sie ein Vorurteil impliziert, demzufolge sich die Verfolgungen und Übergriffe nur gegen Christen richten würden. In Tat und Wahrheit sind auch die Muslime in mehrheitlich islamischen Ländern Opfer von Terrorismus und Extremismus. Angesichts einer solchen Herausforderung müssen Christen und Muslime lernen, die Versuchung der Gewalt zu überwinden und hierzu gibt es keinen anderen Weg als den Dialog zur Schaffung des Friedens, wie es Papst Franziskus und der Grosse Imam der Al-Azhar Ahmed al-Tayyeb im Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen – Für ein friedliches Zusammenleben in der Welt im Februar 2019 bekräftigt haben. Eine Willensbekundung, die derselbe Papst während seines Indonesien-Besuchs in Djakarta vom September 2024 in der Moschee Istiqlal zusammen mit dem Grossen Imam Nasaruddin Umar erneuert hat.

 

Bereits während des Konzils gab es kritische Stimmen, die in der Anerkennung anderer Religionen einen Verrat am Evangelium sahen, da Christus von sich selbst sagt: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater ausser durch mich». Was genau ist das Ziel des interreligiösen Dialogs?

Es triff zu, dass die Kirche während Jahrhunderten keine Offenheit bzw. Anerkennung gegenüber Bestandteilen der Wahrheit und des Guten in anderen Religionen gezeigt hat, so wie es demgegenüber das II. Vatikanische Konzil, insbesondere in der Dogmatischen Konstitution Lumen Gentium (Nr. 16) zum Ausdruck gebracht hat. Das dem heiligen Cyprian zugeschriebene Prinzip extra ecclesia nulla salus («Ausserhalb der Kirche kein Heil»), das den missionarischen Eifer zur Rettung aller zum Ausdruck bringen wollte, wurde oft in exklusivistischer Weise interpretiert, als ob nur Getaufte gerettet werden könnten. eil»)HeioHeil

Mit dem II. Vatikanischen Konzil und in dessen Licht hat der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) von 1992 diese Doktrin in positiverem und inklusivem Sinn zum Ausdruck gebracht. So wahr es ist, dass die Rettung von Christus kommt, dem Haupt der Kirche (KKK 846), so können doch auch diejenigen, die Christus oder die Kirche nicht kennen, aber aufrichtig Gott suchen und dem eigenen Gewissen folgen, das ewige Heil erlangen (KKK 847). Dessen ungeachtet obliegt der Kirche die heilige Pflicht, das Evangelium allen Menschen zu verkünden, woran das Konzilsdekret Ad Gentes (Nr. 7) erinnert. Zusammenfassend gesagt hat Nostra Aetate im Gefolge der konziliaren Unterweisungen der Kirche zu einer neuen Haltung des Dialogs verholfen. Dies im Geist des Respekts und der Zusammenarbeit mit den anderen Religionen, und in Anerkennung der Tatsache, dass Gott in der Kraft des heiligen Geistes auch ausserhalb der sichtbaren Grenzen der Kirche wirken kann. Die Botschaft von Nostra Aetate bleibt auch heute höchst relevant. In den Augen von Papst Leo hat dieses Dokument einen «Samen der Hoffnung für den interreligiösen Dialog gepflanzt», der im Verlauf der Jahre zu einem mächtigen Baum herangewachsen ist, dessen weit ausladende Äste «üppige Früchte der Verständigung und der Freundschaft, der Zusammenarbeit und des Friedens tragen» (Feier zum 60. Jahrestag der Konzilserklärung Nostra Aetate vom 28. Oktober 2025 in der Aula Paul VI.).

 

Innerkirchlich gibt es aktuell Spannungen, manche befürchten gar eine Kirchenspaltung, sollten bestimmte Forderungen durchgesetzt werden (Stichwort: Fiducia supplicans oder Frauenpriestertum); es gab bereits Dialogabbrüche durch orthodoxe Kirchen. Müsste nicht zunächst «vor der eigenen Haustür gewischt» werden? Ein Dialogpartner, der nicht mit einer Stimme spricht, erschwert den Dialog.

In der grossen, an den Vater gerichteten Abschiedsrede bat Jesus seinen Vater um die Gabe der Einheit für seine Jünger (Joh. 17,21). Die römischen Soldaten warfen zu Füssen des Kreuzes das Los über die aus einem Stück gewobene Tunika von Jesus. Sie entschieden, es nicht zu teilen, um es nicht zu entwerten und warfen das Los (Joh. 19,23). Diese Einheit und diese Tunika wurden durch die Trennungen unter Christen seit dem 1. Jahrtausend der Kirchengeschichte zerrissen. Der Zweck des ökumenischen Dialogs besteht darin, diese zerrissenen Einheit wiederherzustellen und – wenigstens dem Wunsche nach – ist dies schon erreicht, auch wenn viele theologische und pastorale Fragen offenbleiben und sich zugleich wie hier von Ihnen angesprochen neue Fragen stellen.

Was bleibt, sind Spannungen zwischen mehreren christlichen Gemeinschaften hinsichtlich der Art und Weise, wie der Dialog bzw. die Mission zu interpretieren ist, insofern mit je exklusivem Anspruch ein Proselytismus praktiziert wird, Konflikte und Unverständnis auf lokaler Ebene generiert werden, statt gegenseitiges Verständnis zu fördern.

Der 1948 gegründete Weltkirchenrat («Ökumenischer Rat der Kirchen») mit Sitz in Genf umfasst den grössten Teil der nichtkatholischen Christen (Orthodoxe, Anglikaner, Protestanten etc.) und arbeitet für die Einheit der Christen und die Zusammenarbeit mit anderen Religionen. Um über einen autorisierten Ansprechpartner verfügen zu können, wurde beim Weltkirchenrat eine Kommission für den Interreligiösen Dialog geschaffen, dem die Aufgabe zukommt, Begegnung und Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen christlichen Bekenntnissen zu fördern sowie zwischen diesen und anderen Weltreligionen. Dies im Geist des gegenseitigen Verständnisses und des Friedens – auf der Linie von Grundsätzen, wie sie von Nostra Aetate formuliert wurden.

Unser Dikasterium arbeitet seit ca. 40 Jahren mit der Kommission für den Interreligiösen Dialog des Weltkirchenrates zusammen, sodass alle Christen als gemeinsamer Ansprechpartner gegenüber anderen Religionen auftreten können.

Die Zusammenarbeit unseres Dikasteriums und dem Weltkirchenrat führte zur Publikation mehrerer bedeutender Dokumente. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an das Dokument «La testimonianza cristiana in un mondo multireligioso. Raccomandazioni di condotta» vom Jahre 2011, das gemeinsame Orientierungen für ein respektvolles und echt evangelisches Zeugnis im Kontext des religiösen Pluralismus formuliert.

«Wie wir alle wissen, lehren unsere Religionen, dass der Friede im Herzen des Menschen beginnt. In diesem Sinne können die Religionen eine grundlegende Rolle ausüben. Wir müssen die Hoffnung in unserem persönlichen Leben entfachen, in unseren Familien, Quartieren, Schulen, Dörfern und Ländern, in unserer Welt. Diese Hoffnung gründet in unseren religiösen Überzeugungen, dass eine neue Welt möglich ist» (Papst Leo XIV., Interreligiöse Audienz am 29. Oktober 2025 auf dem Petersplatz aus Anlass des 60. Jahrestages der konziliaren Erklärung Nostra Aetate).

«Übersetzung: Niklaus Herzog»


Redaktion


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Bemerkungen :

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    Katharina Willinger 06.11.2025 um 01:20
    Wenn ihr hier mit solchen Moglis kommt dann höre ich auf swiss cath zu lesen.
    • user
      Athanasius Abplanalp 07.11.2025 um 09:02
      Solche Moglis, was soll denn das heissen? Dieser hochwürdige Herr ist Kardinal, hat Chemie und Theologie studiert und hat einen Doktortitel in Kanonischem Recht. Ziemlich arrogant, jemanden einen Mogli zu nennen.
  • user
    Claudio 05.11.2025 um 17:55
    An den Früchten werdet ihr sie erkennen. Seit diesem Dokument ist der Relativismus in der Ökumene oft die Frucht. Den Auftrag alle Menschen zu Jesus und seiner Kirche zu führen wurde fast aufgegeben. Das Dokument von Abu Dabi welches leider fälschlicherweise sagt: alle Religionen sind Gott gewollt ist auch nicht wirklich eine Hilfe. Und wenn man den Islam ehrlich betrachtet, machen die Terroristen genau das gleiche wie der angebliche Prophet des Islam…
    • user
      Daniel Ric 06.11.2025 um 14:47
      Ich finde, man muss unterscheiden zwischen Fanatismus und der Bekämpfung von Relativismus. Kardinal Koovakad betont die Wichtigkeit des interreligiösen Dialogs, ohne dass er dadurch die christliche Lehre relativiert. Er ist aber kein Fundamentalist, der das Predigen von Hass und Ausgrenzung anderer Religionen als Bestandteil des Christentums sieht. Als Katholiken sollten wir durch unsere Taten bezeugen, dass wir der Wahrheit näherstehen als andere Religionen, und nicht durch unsere Worte. Ein wahrer Katholik kann mit Menschen aus allen anderen Religionen diskutieren, ohne Angst haben zu müssen, seinen Glauben zu verraten. Ausserdem finde ich Ihr undifferenziertes Islam-Bashing problematisch angesichts der Zehnttausenden Menschen in Gaza, die durch das von "christlichen" Ländern unterstützte Israel getötet wurden, und auch angesichts der Hunderttausenden von Menschen, die durch den "Krieg gegen den Terror" vom "christlichen" USA und seinen Verbündeten getötet wurden. Wir sollten uns auch selbst hinterfragen, bevor wir mit dem Finger auf andere zeigen.
      • user
        Claudio 06.11.2025 um 21:15
        Lieber Herr Ric
        Islam Bashing? Wo leben sie? 350 Mio verfolgte Christen weltweit, 90% durch Moslems. Was hat Mohamed gemacht? Brachte er das Schwert? Kennen sie die Geschichte? Und warum
        kommen sie mit der linken Hamas Propoganda. Sicherlich kann man nicht alles gutheissen was Israel macht, aber im Nahen Osten kommt erst Frieden, wenn sich Juden und Muslime bekehren, den beide leben nach dem Prinzip Auge um Auge.

        Die Katholische Kirche ist Hütterin der volle Wahrheit. Klar soll und kann man Dialog führen, aber immer mit dem Ziel, dem Irrenden die Wahrheit zu schenken, schlussendlich geht es um das Seelenheil! Die grösste Tat der Nächstenliebe ist es, ein Irrende zur Wahrheit führen. Hl Thomas von Aquin
        • user
          Daniel Ric 08.11.2025 um 07:20
          Die Aussage, die Katholische Kirche sei die Hüterin der vollen Wahrheit, bedeutet nicht, dass der einzelne Katholik die volle Wahrheit besitzt, sondern ist eine Aufforderung, nach Wahrheit zu streben und ein wahrhaftiges Leben zu führen. Dazu gehört auch, von anderen Menschen zu lernen und nicht einen Dialog zu führen, der bereits im Voraus das Endergebnis definiert (ansonsten ist es ja ein Monolog). Auch wenn wir als Katholiken glauben, dass das Christentum die wahre Religion ist, so können wir trotzdem mit anderen Religionen einen Dialog auf Augenhöhe führen, ohne unseren Glauben zu verraten.
          Zu Ihren historischen und politischen Aussagen: Das Schwert gibt es bereits seit es die Menschheit gibt. Und bei einem Massenmord an Zehnttausenden Kindern von linker Propaganda zu reden, widerspricht meines Erachtens derjenigen Wahrheit und Nächstenliebe, die Sie so hoch loben. Betreffend die Verfolgung von Christen gebe ich Ihnen recht, wobei ich auch hier die Frage aufwerfe, weshalb gerade "christliche" Länder fast überall Regierungen bekämpfen, die tolerant waren gegen Christen und anschliessend meist radikale Kräfte unterstützen.