Kardinal Koch, Sie sind seit November 2025 Präsident von «Kirche in Not» International. Was hat Sie bewogen, trotz Ihrer vielfältigen Aufgaben dieses Amt anzunehmen?
Der Heilige Vater hat entschieden, dass ich diese Aufgabe übernehmen soll. Ich habe dieses Amt sehr gerne angetreten, weil «Kirche in Not» mir schon immer am Herzen lag. Es ist ein wunderbares Werk, eine päpstliche Stiftung, die so viel Gutes tut und auch immer wieder in Erinnerung ruft, wie viele Teile der Kirche in grosser Not sind. Hier etwas beizutragen, ist mir ein grosses Anliegen.
Christen sind nach wie vor die weltweit am meisten verfolgte Glaubensgemeinschaft. Dies, obwohl das Christentum auf der Liebe basiert. Wie erklären Sie sich ihre Verfolgung?
Wer nicht selbst aus der Liebe lebt, fühlt sich sogar noch von der Liebe des anderen bedroht und infrage gestellt. So kann es sein, dass die Reaktion nicht Gegenliebe, sondern Aggression ist. Das ist aber kein Grund, uns von der Liebe zu dispensieren! Verfolgung gehört seit dem Beginn zum christlichen Glauben: Jesus Christus ist auch nicht mit einem theologischen Ehrendoktorat gestorben, sondern am Kreuz hingerichtet worden. Und jeder, der ihm wirklich nachfolgt, kann in eine ähnliche Situation geraten. Das Martyrium gehört zum Wesen des Christentums. Und heute ist unsere Realität, dass aus allen christlichen Kirchen Märtyrer hervorgehen. Die Diktatoren schauen nicht, ob einer Lutheraner, Katholik oder Orthodox ist – für sie ist er einfach ein Christ. Deshalb hat bereits der heilige Johannes Paul II. von einer Ökumene der Märtyrer gesprochen, in der Überzeugung, dass das Blut, das die Märtyrer heute für Christus hingeben, uns nicht trennt, sondern eint. In der Alten Kirche formulierte Tertullian: «Das Blut der Märtyrer ist Same neuer Christen.» Heute dürfen wir überzeugt sein, dass das Blut von so vielen Märtyrern Same für die Einheit der Christen sein wird. Deshalb ist die Ökumene der Märtyrer auch für mich eine der schönsten Realitäten der Ökumene. Wir sehen es besonders bei den Lübecker Heiligen: Hier wurden drei katholische Priester und ein lutherischer Pastor aus demselben Grund gemeinsam hingerichtet.
Die Christen werden vorwiegend in islamischen Ländern verfolgt. Nun hat kürzlich der Bischof von Ventimiglia-San Remo, Antonio Suetta, in einem Hirtenbrief dazu aufgerufen, die Muslime in der Diözese zu evangelisieren: Wenn die Kirche ihnen materielle Hilfe und Unterstützung anbietet, muss sie ihnen zugleich auch das Wertvollste anbieten, das sie besitzt: den Glauben an Jesus Christus. Ähnlich äusserten auch Sie sich bei Ihrem Antrittsbesuch bei «Kirche in Not» Deutschland: Wie lässt sich dies auf einen Nenner bringen?
Weil man zwischen Islam und Islamismus unterscheiden muss. Islamisten sind jene, die ihren Glauben anderen aufzwingen wollen, wenn nötig mit Gewalt. Diese darf man nicht einfach mit dem Islam identifizieren. Unsere Aufgabe als Kirche besteht darin, den Glauben so zu verkünden, dass er den anderen anspricht. Papst Benedikt XVI. hat es im Eröffnungsgottesdienst für die Vollversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Aparecida (2007) schön formuliert: Die Katholische Kirche wächst nicht durch Proselytismus, sondern durch Attraktion. Proselytismus heisst, dass man anderen Kirchen die Gläubigen abwirbt. Das ist nicht der Weg der Katholischen Kirche. Ihr Weg ist jener der Attraktion: dass die Kirche ihren Glauben so anziehend lebt, dass sich andere angezogen fühlen. In diesem Sinne sind der interreligiöse Dialog und die Evangelisierung kein Gegensatz, sondern gehören unlösbar zusammen.
Es gibt immer wieder Menschen, die sagen, es sei naiv, zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden, da nach Weisung des Korans alle Menschen zu Muslimen gemacht werden müssen.
Wir Christen sind auch davon überzeugt, dass alle Christen werden könnten, da wir einen solch schönen Glauben haben. Die Frage ist, wie wir dies tun. Wir tun es in Liebe und in Freiheit und appellieren an die Freiheit der anderen. Und viele Muslime interpretieren diesen Satz im Koran ebenfalls so: Alle sollen Muslime werden, aber auf friedlichem Weg. Deshalb glaube ich nicht, dass die Unterscheidung naiv ist. Wir müssen jene Muslime, die diesen Weg gehen, unterstützen und bekräftigen und sie nicht in die gleiche Schublade wie die Islamisten werfen. Damit fördern wir ja das Missverständnis im Koran und nicht die richtige Interpretation.
Beim erwähnten Antrittsbesuch bei «Kirche in Not» Deutschland zogen Sie einen Vergleich mit Ihrer Arbeit beim Dikasterium zur Förderung der Einheit der Christen und sagten: «Nur wenn die Kirche trotz aller Unterschiede geeint ist, kann sie ein Zeichen für die Gesellschaft, für die Welt sein.» Das Erscheinungsbild der Kirche lässt diesbezüglich zumindest in Europa zu wünschen übrig. Wo liegen die Gründe?
Es ist das Grundproblem jeder Gesellschaft, denn jede Gesellschaft lebt in einer grossen Vielfalt. Wir haben verschiedene Parteien und Strömungen, aber jede Gesellschaft braucht einen sie einenden Geist, sonst kann sie gar nicht zusammenleben. Und wie diese Vielfalt in der Einheit des Geistes leben kann, das ist auch die Herausforderung der Katholischen Kirche: dass es hier verschiedene Tendenzen gibt, verschiedene Inkulturationen des Glaubens auch in verschiedenen Kulturen, aber dass wir im Entscheidenden eins sind. Das ist auch der Anruf von Papst Leo XIV. mit seinem Motto, das er als Bischof gewählt hat: «in illo uno unum». Dahinter steht die Überzeugung: Wir sind in der Kirche viele und vielfältig, doch es kommt entscheidend darauf an, dass wir in Christus eins sind. Und wenn wir in Christus eins sind, werden wir auch untereinander eins sein. Und deshalb ist die Frage an uns, ob wir wirklich in Christus eins sind oder ob wir so verschiedene Sichten von Jesus Christus haben, dass dies ein Mitgrund für die Trennung ist. Deshalb müssen wir wieder neu zum Zentrum zurückkehren. Die Feier der 1700 Jahre Konzil von Nicäa war eine wunderschöne Gelegenheit, gemeinsam den Glauben an Jesus Christus zu bekennen. Aber hier liegt ein Problem wie die Kirchenmitgliedschaftsstudie in Deutschland gezeigt hat – in der Schweiz ist die Situation nicht anders: Die Katholiken wurden gefragt, ob sie an einen Gott glauben, der sich in Jesus Christus offenbart hat. Nur etwa 30 Prozent haben das bejaht. Das ist eigentlich ein Alarmzeichen und zeigt, wie notwendig eine Neuevangelisierung des Glaubens in den heutigen westlichen Ländern nottut.
Doch genau diese Neuevangelisierung ist bei den Schweizer Bischöfen kein Thema; stattdessen wird Kirchenpolitik betrieben.
Um die Neuevangelisierung und um die Frage, wer Christus für uns ist, wird man nicht herumkommen, denn der Grundwasserspiegel des Glaubens ist in unseren westlichen Gesellschaften sehr tief gesunken. Evangelisation ist der rote Faden des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dieses war ein Missionskonzil: In allen Dekreten und Konstitutionen ist der Auftrag der Mission zentral. Und jeder Papst hat diesen Akzent seitdem gesetzt. Schon Paul VI. mit dem hervorragenden Apostolischen Schreiben «Evangelii nuntiandi», das er zehn Jahre nach Abschluss des Konzils geschrieben hat, in der klaren Überzeugung: Die Kirche ist dazu da, zu evangelisieren. Dann die grossen Impulse von Johannes Paul II. zur Neu-Evangelisierung, vor allem in Europa. Benedikt XVI., der einen eigenen Rat zur Neuevangelisierung gegründet hat. Dann Papst Franziskus mit «Evangelii gaudium», die Freude der Evangelisierung. Und auch Papst Leo geht in genau dieser Linie weiter. Wer dem Konzil treu bleiben will, kann die Evangelisierung nicht leugnen.
Sie sind als «Ökumene-Minister» zuständig für den Dialog mit anderen christlichen Kirchen. Dieser wurde unter Papst Franziskus erschwert (Stichwort: Fiducia supplicans). Papst Leo ist das «Miteinander» sehr wichtig. Wird Ihre Arbeit unter Papst Leo etwas leichter als unter Papst Franziskus?
Sie war schon sehr leicht unter Benedikt XVI., weil er ein weit offenes Herz für die Ökumene hatte – aber eine theologisch verantwortete Offenheit. Die Ökumene ist nicht allein eine Frage der Diplomatie. Wir können die Einheit nur finden im apostolischen Glauben, der jedem neuen Glied am Leibe Christi mit der Taufe übergeben und anvertraut wird. Papst Franziskus war der Pfarrer und hat oft mehr die pastoralen Aspekte betont. Die Glaubensfragen waren nicht unwichtig, aber er hat immer den einzelnen Menschen in seiner Situation gesehen. Papst Leo XIV. ist eher wieder ein sehr reflektierender und reflektierter Pontifex, der sehr genau zuhört und dann entscheidet – klug entscheidet. Sein Grundanliegen ist die Einheit. Das hat er schon bei seiner allerersten Ansprache gesagt, und sein Bischofsmotto gilt natürlich auch für die Ökumene. Da sind wir erst recht vielfältig und viele und erst herausgefordert, die Einheit im Glauben an Jesus Christus wiederzufinden.
Sie haben die ersten Bischofsweihen der Piusbruderschaft erlebt. Jetzt haben die Piusbrüder die Namen ihrer zukünftigen Bischöfe bekanntgegeben, trotz Warnung durch Rom. Wie geht es Ihnen dabei als Schweizer, als ehemaliger Bischof von Basel?
Ich finde das Ganze sehr traurig, zumal man vonseiten der Kirche wirklich Vieles versucht hat. Papst Benedikt XVI. hat sehr viel unternommen, um die Einheit mit den Piusbrüdern wiederzufinden. Er hat aber gleichzeitig klar gefordert: Es geht nicht am Konzil vorbei. Das Zweite Vatikanum muss anerkannt werden, wenn man wirklich Mitglied der römisch-katholischen Kirche sein will. Dies ist leider nicht gelungen und scheint auch jetzt nicht zu gelingen. Ich hoffe aber immer noch, dass es zu einer Einheit kommt. Es ist wirklich eine tragische Situation. Wenn ich in die Kirchengeschichte schaue: Fast nach jedem Konzil hat es eine Spaltung gegeben. Das hat schon im 5. Jahrhundert begonnen, nach dem Konzil von Chalcedon, als sich die orientalischen Kirchen wie die Kopten, Armenier und Syrer von der Grosskirche trennten. Wir erlebten es nach dem Ersten Vatikanischen Konzil und wir erleben es jetzt wieder. Papst Benedikt XVI. war der Überzeugung, die Kirchenverantwortlichen hätten in der Vergangenheit nicht immer alles ihnen Mögliche unternommen, um Spaltungen zu überwinden. Deshalb war es ihm ein besonderes Anliegen, die Spaltung nach dem Zweiten Vaticanum zu überwinden. Dass die Piusbrüder nicht auf diesen Weg eingehen können, finde ich sehr traurig.
Es wirkt auf mich zudem eigenartig, dass sie jetzt vom Heiligen Vater genau das verlangen, was sie an Papst Franziskus immer kritisiert haben: dass er nicht die klare Linie des Glaubens vertrete, sondern pastorale Ausnahmen gemacht habe. Jetzt wollen sie jedoch aus pastoralen Gründen Bischöfe weihen, denen sie bewusst keine Jurisdiktion geben wollen. Ich hoffe, dass sie noch zu einer besseren Einsicht kommen und merken, was hier wirklich auf dem Spiel steht, und dass es wieder zur Einheit in der Kirche kommt.
Ebenfalls erstaunt mich, dass sie alle Entscheidungen der Päpste vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil ernst nehmen. Warum nicht auch die Entscheidungen nach dem Konzil? Zu sagen, dies sei eine ganz andere Kirche – damit sind die Piusbrüder im selben Boot wie die extremen Progressisten. Diese sagen ja auch, mit dem Konzil habe eine völlig neue Kirche begonnen. Eine solche Sicht ist gegen das Konzil. Es gilt, das Konzil als Konzil ernst zu nehmen, nicht dessen späteren Missverständnisse und Missinterpretationen.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Wenn die Evangelisierung tatsächlich das zentrale Anliegen des Konzils gewesen wäre, wie lässt sich dann erklären, dass die Kirche heute keine eigentliche Judenmission mehr betreibt und vielfach gelehrt wird, das jüdische Volk besitze einen eigenen Heilsweg? Die Apostel hätten eine solche Vorstellung nicht verstanden. Der heilige Paulus widmete einen grossen Teil seines Wirkens gerade der Verkündigung Christi an die Juden und litt darunter, dass viele seiner Brüder den Messias nicht annahmen.
Auch die Entwicklung des interreligiösen Dialogs wirft Fragen auf. Man denke an die Gebetstreffen von Assisi oder an die Erklärung von Abu Dhabi, die von vielen Gläubigen so verstanden werden, als seien die verschiedenen Religionen nicht mehr in erster Linie Objekte der Mission, sondern gleichberechtigte Wege zu Gott. Ob dies tatsächlich beabsichtigt war, mag diskutiert werden. Tatsache ist jedoch, dass solche Ereignisse bei vielen Katholiken den Eindruck hinterlassen haben, die Kirche sei von ihrem traditionellen Missionsauftrag abgerückt.