Papst Leo XIV. reist bald nach Nizäa, das heute den türkischen Namen Iznik hat. Wie steht der türkische Staat zu dieser Reise und zu den ökumenischen Gedenkfeiern für das Konzil von Nizäa?
Eine wichtige Voraussetzung für die Reise des Heiligen Vaters ist die Einladung der betreffenden Regierung. Nach meinem Eindruck steht Präsident Erdogan den Veranstaltungen in der Türkei positiv gegenüber. Er war vor zwei Jahren sogar bei der Einweihung einer christlichen Kirche in Istanbul persönlich dabei, was durchaus bemerkenswert gewesen ist.
Warum ist das Konzil von Nizäa nach 1700 Jahren noch wichtig?
Im Zentrum steht damals wie heute die Frage, wer Jesus Christus für die Christen ist. Das Judentum, aus dem das Christentum hervorgegangen ist, zeichnet sich durch einen strikten Monotheismus aus. Von daher war es lange schwierig, genau zu verstehen, was es konkret bedeutet, wenn Jesus als der Sohn Gottes bekannt wird. Es gab damals die Lehre des Arius, der am strikten Monotheismus festhielt, weshalb für ihn Jesus nicht der Sohn Gottes im eigentlichen Sinn sein konnte.
Dieser Meinung trat das Konzil von Nizäa entgegen mit dem Bekenntnis, dass der Sohn mit dem Vater gleichwesentlich ist. Dasselbe wurde später auch für den Heiligen Geist bekannt. In Nizäa wurde damit die Grundlage für das richtige Verständnis dafür gelegt, dass die Dreifaltigkeit Gottes keine Abkehr vom Monotheismus bedeutet, sondern die christliche Interpretation des Glaubens an den Einen Gott ist.
Einige moderne Theologen haben behauptet, dass die Trinitätslehre noch nicht in der Bibel enthalten sei und dass der historische Jesus sich selbst keineswegs als «eines Wesens mit dem Vater» gesehen, sondern zum Vater gebetet habe ...
Bereits bei der biblischen Gestalt Jesus zeigen sich beide Seiten. Er betet als der Sohn zu seinem Vater und bringt damit zum Ausdruck, dass er von ihm verschieden ist. Die Evangelien zeigen aber auch deutlich die Einheit von Vater und Sohn. Je intensiver ich die verschiedenen Sichten in der Heiligen Schrift betrachte, desto mehr gewinne ich die Überzeugung, dass genau dieses Geheimnis des betenden Jesus mit dem Wort von der «Gleichwesentlichkeit» zum Ausdruck gebracht wird. In diesem Sinn weist die Trinitätslehre biblische Wurzeln auf, die freilich später in eine neue Zeit und Denkweise übersetzt worden sind.
Und warum ist dann die in Nizäa vor 1700 Jahren geprägte, zeitbedingte Formel der «Wesensgleichheit» das, was bis heute Bestand hat und verbindlich ist?
Die Formel war durchaus zeitgemäss, jedoch nicht zeitbedingt.
Mit ihr ist in der Denk- und Sprechweise der damaligen Zeit etwas ausgesagt worden, was für alle Zeit Bestand hat. Ihre Wahrheit gilt auch heute – auch wenn man den griechischen Ausdruck «homoousios» heute so interpretieren muss, dass er verstanden werden kann.
Und wie würden Sie diesen sperrigen Begriff für heutige Menschen übersetzen?
Am besten in der Weise, wie es dann das Konzil von Chalkedon im Jahre 451 mit der Formulierung zum Ausdruck gebracht hat, dass Jesus Christus «ganz Mensch und ganz Gott» ist. Dies ist zweifellos das grösste Geheimnis, das der christliche Glaube kennt und bekennt.
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