Kardinal Kurt Koch in Zürich anlässlich 500 Jahre Täuferbewegung. (Bild Niklaus Herzog/swiss-cath.ch)

Weltkirche

Kar­di­nal Kurt Koch zur Nah­ost­reise des Paps­tes und zur blei­ben­den Bedeu­tung des Kon­zils von Nizäa

Kuri­en­kar­di­nal Kurt Koch erwar­tet von der ers­ten Aus­lands­reise von Papst XIV. Impulse für den Glau­ben und die Ein­heit der Chris­ten. Im Inter­view der Katho­li­schen Nachrichten-​Agentur (KNA) wür­digte der für Öku­mene zustän­dige Kar­di­nal die blei­bende Aktua­li­tät der Beschlüsse des Kon­zils von Nizäa. Das 1700-​Jahr-​Jubiläum die­ses Kon­zils ist Anlass der Reise des Paps­tes in die Tür­kei, die am Don­ners­tag beginnt.

Papst Leo XIV. reist bald nach Nizäa, das heute den türkischen Namen Iznik hat. Wie steht der türkische Staat zu dieser Reise und zu den ökumenischen Gedenkfeiern für das Konzil von Nizäa?
Eine wichtige Voraussetzung für die Reise des Heiligen Vaters ist die Einladung der betreffenden Regierung. Nach meinem Eindruck steht Präsident Erdogan den Veranstaltungen in der Türkei positiv gegenüber. Er war vor zwei Jahren sogar bei der Einweihung einer christlichen Kirche in Istanbul persönlich dabei, was durchaus bemerkenswert gewesen ist.

Warum ist das Konzil von Nizäa nach 1700 Jahren noch wichtig?
Im Zentrum steht damals wie heute die Frage, wer Jesus Christus für die Christen ist. Das Judentum, aus dem das Christentum hervorgegangen ist, zeichnet sich durch einen strikten Monotheismus aus. Von daher war es lange schwierig, genau zu verstehen, was es konkret bedeutet, wenn Jesus als der Sohn Gottes bekannt wird. Es gab damals die Lehre des Arius, der am strikten Monotheismus festhielt, weshalb für ihn Jesus nicht der Sohn Gottes im eigentlichen Sinn sein konnte.

Dieser Meinung trat das Konzil von Nizäa entgegen mit dem Bekenntnis, dass der Sohn mit dem Vater gleichwesentlich ist. Dasselbe wurde später auch für den Heiligen Geist bekannt. In Nizäa wurde damit die Grundlage für das richtige Verständnis dafür gelegt, dass die Dreifaltigkeit Gottes keine Abkehr vom Monotheismus bedeutet, sondern die christliche Interpretation des Glaubens an den Einen Gott ist.

Einige moderne Theologen haben behauptet, dass die Trinitätslehre noch nicht in der Bibel enthalten sei und dass der historische Jesus sich selbst keineswegs als «eines Wesens mit dem Vater» gesehen, sondern zum Vater gebetet habe ...
Bereits bei der biblischen Gestalt Jesus zeigen sich beide Seiten. Er betet als der Sohn zu seinem Vater und bringt damit zum Ausdruck, dass er von ihm verschieden ist. Die Evangelien zeigen aber auch deutlich die Einheit von Vater und Sohn. Je intensiver ich die verschiedenen Sichten in der Heiligen Schrift betrachte, desto mehr gewinne ich die Überzeugung, dass genau dieses Geheimnis des betenden Jesus mit dem Wort von der «Gleichwesentlichkeit» zum Ausdruck gebracht wird. In diesem Sinn weist die Trinitätslehre biblische Wurzeln auf, die freilich später in eine neue Zeit und Denkweise übersetzt worden sind.

Und warum ist dann die in Nizäa vor 1700 Jahren geprägte, zeitbedingte Formel der «Wesensgleichheit» das, was bis heute Bestand hat und verbindlich ist?
Die Formel war durchaus zeitgemäss, jedoch nicht zeitbedingt.

Mit ihr ist in der Denk- und Sprechweise der damaligen Zeit etwas ausgesagt worden, was für alle Zeit Bestand hat. Ihre Wahrheit gilt auch heute – auch wenn man den griechischen Ausdruck «homoousios» heute so interpretieren muss, dass er verstanden werden kann.

Und wie würden Sie diesen sperrigen Begriff für heutige Menschen übersetzen?
Am besten in der Weise, wie es dann das Konzil von Chalkedon im Jahre 451 mit der Formulierung zum Ausdruck gebracht hat, dass Jesus Christus «ganz Mensch und ganz Gott» ist. Dies ist zweifellos das grösste Geheimnis, das der christliche Glaube kennt und bekennt.
 


Ein anderes Thema, das Ihnen sehr am Herzen liegt, ist das von Ihrem Dikasterium vorgeschlagene neue Verständnis vom päpstlichen Primat als einem Amt, das künftig allen Kirchen dienen soll. Wie steht es um die Rezeption dieses Vorschlags?
Die von uns im vergangenen Jahr vorgestellte und damals von Papst Franziskus ausdrücklich zur Veröffentlichung freigegebene Studie zu diesem Thema hat ein breites Echo gefunden.

Reaktionen aus verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sind bereits eingegangen. Der Vorschlag ist in den ökumenischen Diskussionen präsent und wird besprochen. Auch bei der Vollversammlung der Bischofssynode hat er eine wichtige Rolle gespielt und wird im Schlussdokument ausdrücklich zitiert.

Wir erwarten noch weitere Reaktionen und werden dann sehen, welche weiteren Schritte eingeleitet werden können. Es mag paradox klingen, ist aber erfreulich: Der Primat des Papstes galt bisher als eines der grössten Hindernisse auf dem Weg zur Einheit der Christen; wenn wir ihn aber als ein Geschenk des Herrn an die Kirche und als Dienst an der Einheit verstehen, kann er zu einer wichtigen Hilfe bei der Wiedergewinnung der Einheit der Christen werden.

Könnte diese neue Art des Primats auch beim ökumenischen Nizäa-Jubiläum zum Tragen kommen?
Gewiss hat die Teilnahme von Papst Leo XIV. am Jubiläum des Konzils von Nizäa eine grosse ökumenische Bedeutung. Dabei ist zu bedenken, dass die Einladung vom ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. ausgesprochen worden ist und dass das Gedenken im Rahmen einer grösseren ökumenischen Gemeinschaft begangen werden wird.

In dieser gemeinsamen Feier kommt dem Papst gewiss eine bedeutende Rolle zu, und dies kann die weiteren Diskussionen über eine ökumenisch gemeinsame Praxis des petrinischen Dienstes weiter anregen.
 

Papst Leo XIV. besucht die Türkei vom 27. bis 30. November, bevor er in den Libanon weiterreisen wird. Auf dem Programm stehen neben dem Treffen mit Präsident Erdogan auch ein gemeinsames ökumenisches Gebet in Iznik mit Patriarch Bartholomaios I. aus Anlass von 1700 Jahren Konzil von Nizäa, verschiedene Begegnungen und Gottesdienste sowie die Unterzeichnung einer Gemeinsamen Erklärung mit Bartholomaios I. am Samstag. Am Nachmittag feiert er für die rund 36 000 Katholikinnen und Katholiken in der Türkei eine Heilige Messe in der «Volkswagen Arena». Am Sonntag reist er weiter in den Libanon.

Im Vorfeld des Besuchs am Freitag im antiken Nizäa (heute Iznik), wo der Pontifex und Patriarch Bartholomaios I. mit einem gemeinsamen Gebet an die Gemeinsamkeiten im Glauben erinnern und den Willen zu einer Überwindung der tausendjährigen Kirchenspaltung bekräftigen wollen, machen türkische Nationalisten mobil. «Wir sind hier nicht in Byzanz», erklärte die Hauptrednerin einer Protestkundgebung am Sonntag in der westtürkischen Stadt Bursa nahe Iznik. Der Papst wolle mit seinem Besuch in Nizäa das gespaltene Christentum einen, um Istanbul – das einstige Konstantinopel – von der Türkischen Republik zurückzuholen, warnte die Bezirksvorsitzende der linksnationalistischen Vaterlandspartei, zu der sich einige Dutzend Anhänger der Partei und ihrer Frauen- und Jugendverbände versammelt hatten. Ihre Partei werde den für Freitag geplanten Besuch des Papstes in Iznik notfalls mit Protesten vor Ort verhindern, kündigte sie an. «Ökumene ist eine Lüge und ein amerikanisches Komplott», skandierten die Teilnehmer.

Der Papst ist sich der Risiken und Gefahren seiner ersten Auslandsreise, die ihn in die Türkei und den Libanon führt, wohl bewusst. Gestern Mittwoch, am Vortag seiner Abreise, bat er deshalb insbesondere vor dem Hintergrund der israelischen Luftangriffe auf die Hisbollah in Beirut um das Gebet der Gläubigen.
 

Apostolische Schreiben «In unitate fidei» von Papst Leo XIV. zum 1700. Jahrestag des Konzils von Nizäa


KNA/Redaktion


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