Unter dem Titel «The Idea of a University – eine gescheiterte Vision?» erläuterte Prof. Wolfgang Klausnitzer, Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Hochschule Heiligenkreuz, John Henry Newmans Vision der Universität.
Das Wort «universitas» meint zunächst die Gesamtheit der Professoren und Studenten, die zusammenleben. Dieses Zusammenleben in einer Gemeinschaftsform war für John Henry Newman das Grundprinzip seiner Vision einer Universität. Oxford war Ende des 18. Jahrhunderts ein Verbund von Colleges ohne Universität gewesen; die Studenten wurden nach drei oder vier Jahren ohne Examen weggeschickt. Das Zusammenleben von Professoren und Studenten habe die jungen Menschen jedoch für ihr Leben in der Welt vorbereitet. Das sei trotz allem besser gewesen als das, was die zeitgenössische Universität tue, erklärt John Henry Newman in seinem Buch «The Idea of a University». Prof. Klausnitzer merkte an, dass der Gegensatz dieser Vision die Online-Universität darstellt «oder die Existenz von Professoren, die nur zu ihren Lehrveranstaltungen an der Universität tätig sind, zwar erreichbar, aber eben nicht anwesend.»
Die zweite Bedeutung des Wortes «universitas» meint die Gesamtheit aller Wissenschaften, die «universitas scientiarum». Das grosse Spektrum vieler wissenschaftlicher Fächer an einer Universität war nach John Henry Newmans Meinung die Grundlage für die «liberale» bzw. «philosophische» Erziehung der Studenten. «Sie wird vermittelt durch das Erleben des Gesprächs der verschiedenen Fachvertreter, die sich gegenseitig respektieren, sich um Rat fragen und unterstützen», resümierte Prof. Klausnitzer. In der Praxis tendiere allerdings jedes dieser Fächer dazu, seine eigene Wahrheit zu verabsolutieren, so Newman. Daraus ergeben sich für ihn zwei Konsequenzen:
Da alle wissenschaftlichen Fächer einer Universität miteinander verbunden sind und alle nach der einen Wahrheit streben, die von dem einen Schöpfer stammt, hat die Universität zunächst die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich die einzelnen Disziplinen gegenseitig ausbalancieren und keine Grenzüberschreitungen passieren. Dabei tritt die Theologie als regulierende Instanz in Erscheinung.
Für den konkreten Studenten einer Universität ergibt sich daraus als Bildungsziel, sich diese Gesamtsicht der Realität und der Wahrheit anzueignen. Diese liberale» oder «philosophische» Bildung ist für Newman die Fähigkeit, die einzelnen Fächer in ihrer Gesamtheit, ihrem je eigenen Wert und ihrer gegenseitigen Abhängigkeit zu sehen. Er unterscheidet zwischen Bildung durch «education» und «training». In einem Priesterseminar geschieht eine praktische Ausbildung für den Dienst der Verkündigung («training»). Das Ziel einer Universität sei dagegen der Erwerb von Wissen um seiner selbst willen, nicht im Sinne einer Berufsausbildung, die Kenntnisse vermittelt, sondern einer Allgemeinbildung.
Bildung, nicht Ausbildung
Die Theologie – «die Wahrheiten, die wir von Gott wissen, in einem System gefasst» – gehört für John Henry Newman in den Fächerkanon einer Universität, «wenn diese tatsächlich sein wolle, was ihr Name ausdrückt». Er schreibt: «Wenn der katholische Glaube wahr ist, kann eine Universität nicht ausserhalb des katholischen Rahmens bestehen, denn sie kann kein universelles Wissen vermitteln, wenn sie nicht die katholische Theologie lehrt.»[1]
Bei einer katholischen Universität sieht John Henry Newman ein Kontrollrecht der Kirche über die jeweils in den theologischen Lehrstühlen der Universität vertretene Theologie vor. Die Universität als solche ist für ihn aber kein Konvent oder Seminar; sie ist der Ort, um Menschen dieser Welt für die Welt vorzubereiten. Die Theologie sei nicht die wesentliche Aufgabe einer Universität, doch die Absolventen einer katholischen Universität müssten darüber geprüft werden. Er fordert Kenntnisse in der Kirchengeschichte, im Biblischen Kanon und im Katechismus; für Studenten, die Theologie nicht als Hauptfach haben, verlangt er keine detaillierten Kenntnisse der katholischen Dogmen. Es genüge ein grundsätzliches Wissen über die eigene Religion. Ein Absolvent einer katholischen Universität, der als Rechtsanwalt, Mediziner, Politiker oder Händler arbeite und sich nun als theologischer Experte darstelle, biete eine ebenso unglückliche Figur wie ein Priester, der sich zu Spezialfragen des Rechtes, der Medizin oder des Handels äussere, gibt John Henry Newman zu bedenken.
Der Glaube entsteht nicht durch ein angeeignetes Wissen einer autonomen Vernunft, sondern wird vermittelt durch Offenbarung und Gnade. John Henry Newman stellt dazu drei Forderungen auf: Erstens: Das Ziel einer katholischen Universität ist der Dienst an der Kirche. Zweitens: In der konkreten Forschung ist jede Disziplin frei, denn ohne Freiheit der Forschung gibt es keinen Fortschritt in der Wissenschaft. Voraussetzung sei allerdings, dass jede Disziplin die Grenzen ihres eigenen Faches beachte und nicht Forschungsergebnisse einer anderen Disziplin zur Bekräftigung ihrer eigenen Thesen missbrauche. Drittens: Die Kirche hat die Aufgabe, die Überlieferung der Offenbarung ohne Hinzufügung oder Verkürzung zu garantieren. Daraus ergibt sich ein Aufsichtsrecht über die Dogmen der Kirche auch in der Universität. Der Aufsichtspflicht der Kirche über die Lehre einer Universität entspreche die Sorgfaltspflicht der universitären Lehrer, ihre Ergebnisse in einer Form vorzutragen, welche die Hörer weder skandalisiere noch in ihrem Alltagsverständnis schockiere noch die ‹Schwachen› aus der Fassung bringe. Im Buch «The Idea of a University» spielt das Thema der ethischen Unterweisung der Studenten oder der Seelsorge für sie keine grosse Rolle, erläuterte Prof. Klausnitzer. Natürlich können universitäre Lehrer Vorbilder in der Lebensführung und der Frömmigkeit sein. Aber die eigentliche Unterweisung und Prägung der Studenten im Lebensstil und im religiösen Leben geschehe durch die Verantwortlichen und «tutors» in den Colleges und Ausbildungshäusern, welche die akademische Bildung der Universitätsprofessoren ergänzen.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :