Stefan Wyszyński kam am 3. August 1901 in Zuzela (Polen) als zweites Kind einer frommen, kinderreichen Bauernfamilie zur Welt und wurde noch am gleichen Tag getauft. Als Kind war er zu Streichen aufgelegt und hatte keine grosse Lust zu lernen. Aufgrund seines Ungehorsams gegenüber den Erziehungsmethoden seines Lehrers erhielt er gar einen Schulverweis. Als seine Mutter 1910 nach der Geburt des sechsten Kindes im Sterben lag, sagte sie ihm: «Stefan, zieh dich an. Zieh dich an, aber zieh dich nicht so an, zieh dich anders an.» Er interpretierte diese Worte so, dass es ihr Wunsch war, dass er Priester werden sollte. So besuchte er das Gymnasium, trat ins Priesterseminar ein und wurde am 3. August 1924 zum Priester geweiht. Seine Primizmesse feierte er zwei Tage später in der Kapelle der Muttergottes von Tschenstochau in Jasna Góra; ihr Bild hatte in seinem Kinderzimmer über seinem Bett gehangen.
Interesse an sozialen Fragen
Er promovierte in Kirchenrecht. Gleichzeitig war er ehrenamtlich in der Jugendarbeit, als Redaktor und im Verein der Laienpriester der Apostolischen Liebe tätig. Nach seinem Abschluss absolvierte er Studienreisen, um die Entwicklung des katholischen sozialen Denkens in einigen westeuropäischen Ländern zu beobachten. Danach unterrichtete er am Priesterseminar in Włocławek Kirchenrecht, Soziologie und katholische Soziallehre und war in der Bischofskurie von Włocławek als Promotor iustitiæ, Verteidiger des Ehebundes und als Richter am Bischofsgericht tätig. Daneben leitete er eine christliche Arbeiteruniversität und engagierte sich in sozialen und bildungspolitischen Bereichen in christlichen Gewerkschaften. Er war der erste Seelsorger und Aktivist der 1937 gegründeten Arbeitspartei.
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hielt er sich auf Anweisung seines Bischofs, des seligen Michał Kozal, vor der Gestapo versteckt. Nach einer kurzzeitigen Festnahme arbeitete er als Blindenseelsorger. Während des Warschauer Aufstands war er Kaplan der Heimatarmee und im Aufständischenspital in Laski.
Unter der kommunistischen Herrschaft
Nach Kriegsende baute er das Priesterseminar in Włocławek auf und arbeitete in verschiedenen Pfarreien, bis er am 4. März 1946 von Papst Pius XII. zum Diözesanbischof der Diözese Lublin ernannt wurde. Als Bischofsmotto wählte er «Soli Deo» (Gott allein). Nur zwei Jahre später ernannte ihn der Papst zum Metropoliten von Gniezno und Warschau und damit zum Primas von Polen. Diese Ernennung hatte der verstorbene Primas, August Hlond, in seinem Testament von Papst Pius XII. erbeten.
Auf die deutsche Besetzung während des Zweiten Weltkrieges war eine von der sowjetischen Besatzung aufgezwungene kommunistische Diktatur gefolgt. Im September 1945 hatte die kommunistische Regierung das erste Konkordat mit dem Heiligen Stuhl von 1925 aufgekündigt.
Für Primas Wyszyński war es wichtig, ein konkretes Abkommen mit der Regierung abzuschliessen, das der Kirche ein freieres Handeln ermöglichen würde. Dieses wurde am 14. April 1950 unterzeichnet und sah gewisse Zugeständnisse der Kirche vor. Primas Wyszyński war der erste Kirchenführer der Katholischen Kirche, der sich zu Vereinbarungen mit einem kommunistischen Staat entschloss. Papst Pius XII., der eine antikommunistische Politik verfolgte, war über die Unterzeichnung ungehalten, verzichtete aber auf Konsequenzen gegenüber Primas Wyszyński. Dieser schrieb später zu diesem Abkommen: «Das am 14. April 1950 unterzeichnete Abkommen wurde fortan zu einem Argument in den Händen des Episkopats im Kampf um die Rechte der Kirche. Es war das einzige Argument, da die Regierung die Verfassung nicht mehr beachtete, das Konkordat gekündigt hatte und das Kirchenrecht nicht anerkannte.» Primas Wyszyński misstraute nur allzu berechtigt der späteren Appeasement-Ostpolitik unter Papst Paul VI. und dessen Aussenminister Agostino Casaroli. Legendär sind die von ihm verwendeten Worte geworden: «De nobis nihil sine nobis» (Nichts über uns ohne uns). In unbeirrbarer Nachachtung dieses Leitsatzes gelang es ihm auch, die Machenschaften der Kommunisten abzublocken, die unablässig versuchten, die Weltkirche gegen die Ortskirche auszuspielen. Es war mit das Verdienst von Primas Wyszyńskis unerschrockenem Kampf für die Libertas Ecclesiae, dass es den Kommunisten in Polen als einzigem Land der Welt nicht gelang, die Bauern zu enteignen und durch Kolchosen zu ersetzen. Polen war auch weltweit das einzige kommunistische Land, in welchem der Staat eine unabhängige katholische Universität und Presse dulden musste.
Trotz des Abkommens nahmen die Spannungen zwischen der Kirche und dem Staat zu. Am 8. Mai 1953 sandte die polnische Bischofskonferenz ein formelles Schreiben an die Parteiführung der Volksrepublik Polen, in welchem sie ihren entschiedenen Widerstand gegen die Unterordnung der Römisch-katholischen Kirche unter den kommunistischen Staat erklärte. Der Brief ging unter dem Stichwort «Non possumus» in die Geschichte ein. Als Reaktion auf diesen Brief wurde Primas Stefan Wyszyński am 25. September 1953 in der Erzbischöflichen Residenz verhaftet. Er nahm nur einen Rosenkranz und das Stundenbuch mit. Drei Jahre lang wurde er in verschiedenen Klöstern interniert, bis er endlich am 26. Oktober 1956 (während dem vorübergehenden politischen Tauwetter) entlassen wurde.
Bereits am 12. Januar 1953 hatte Papst Pius XII. Stefan Wyszyński zum Kardinal ernannt, doch erst nach seiner Entlassung konnte dieser am 18. Mai 1957 offiziell ins Kardinalskollegium aufgenommen werden.
Kommentare und Antworten
Sei der Erste, der kommentiert