Kardinal Wyszynski mit Papst Johannes Paul II. (Bild: Gov.pl, CC BY 3.0 PL via Wikimedia Commons)

Weltkirche

Kar­di­nal Ste­fan Wyszyń­ski, ein uner­schro­cke­ner Kämp­fer für die Frei­heit der Kirche

Heute könnte Kar­di­nal Ste­fan Wyszyń­ski sei­nen 125. Geburts­tag fei­ern. In Polen wird er noch immer als «Pri­mas des Jahr­tau­sends» ver­ehrt. Dank ihm konnte die Kir­che auch unter der kom­mu­nis­ti­schen Herr­schaft wir­ken; er gilt als Ver­tei­di­ger der Men­schen­rechte, der Nation und der Kirche.

Stefan Wyszyński kam am 3. August 1901 in Zuzela (Polen) als zweites Kind einer frommen, kinderreichen Bauernfamilie zur Welt und wurde noch am gleichen Tag getauft. Als Kind war er zu Streichen aufgelegt und hatte keine grosse Lust zu lernen. Aufgrund seines Ungehorsams gegenüber den Erziehungsmethoden seines Lehrers erhielt er gar einen Schulverweis. Als seine Mutter 1910 nach der Geburt des sechsten Kindes im Sterben lag, sagte sie ihm: «Stefan, zieh dich an. Zieh dich an, aber zieh dich nicht so an, zieh dich anders an.» Er interpretierte diese Worte so, dass es ihr Wunsch war, dass er Priester werden sollte. So besuchte er das Gymnasium, trat ins Priesterseminar ein und wurde am 3. August 1924 zum Priester geweiht. Seine Primizmesse feierte er zwei Tage später in der Kapelle der Muttergottes von Tschenstochau in Jasna Góra; ihr Bild hatte in seinem Kinderzimmer über seinem Bett gehangen.

Interesse an sozialen Fragen
Er promovierte in Kirchenrecht. Gleichzeitig war er ehrenamtlich in der Jugendarbeit, als Redaktor und im Verein der Laienpriester der Apostolischen Liebe tätig. Nach seinem Abschluss absolvierte er Studienreisen, um die Entwicklung des katholischen sozialen Denkens in einigen westeuropäischen Ländern zu beobachten. Danach unterrichtete er am Priesterseminar in Włocławek Kirchenrecht, Soziologie und katholische Soziallehre und war in der Bischofskurie von Włocławek als Promotor iustitiæ, Verteidiger des Ehebundes und als Richter am Bischofsgericht tätig. Daneben leitete er eine christliche Arbeiteruniversität und engagierte sich in sozialen und bildungspolitischen Bereichen in christlichen Gewerkschaften. Er war der erste Seelsorger und Aktivist der 1937 gegründeten Arbeitspartei.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hielt er sich auf Anweisung seines Bischofs, des seligen Michał Kozal, vor der Gestapo versteckt. Nach einer kurzzeitigen Festnahme arbeitete er als Blindenseelsorger. Während des Warschauer Aufstands war er Kaplan der Heimatarmee und im Aufständischenspital in Laski.

Unter der kommunistischen Herrschaft
Nach Kriegsende baute er das Priesterseminar in Włocławek auf und arbeitete in verschiedenen Pfarreien, bis er am 4. März 1946 von Papst Pius XII. zum Diözesanbischof der Diözese Lublin ernannt wurde. Als Bischofsmotto wählte er «Soli Deo» (Gott allein). Nur zwei Jahre später ernannte ihn der Papst zum Metropoliten von Gniezno und Warschau und damit zum Primas von Polen. Diese Ernennung hatte der verstorbene Primas, August Hlond, in seinem Testament von Papst Pius XII. erbeten.

Auf die deutsche Besetzung während des Zweiten Weltkrieges war eine von der sowjetischen Besatzung aufgezwungene kommunistische Diktatur gefolgt. Im September 1945 hatte die kommunistische Regierung das erste Konkordat mit dem Heiligen Stuhl von 1925 aufgekündigt.

Für Primas Wyszyński war es wichtig, ein konkretes Abkommen mit der Regierung abzuschliessen, das der Kirche ein freieres Handeln ermöglichen würde. Dieses wurde am 14. April 1950 unterzeichnet und sah gewisse Zugeständnisse der Kirche vor. Primas Wyszyński war der erste Kirchenführer der Katholischen Kirche, der sich zu Vereinbarungen mit einem kommunistischen Staat entschloss. Papst Pius XII., der eine antikommunistische Politik verfolgte, war über die Unterzeichnung ungehalten, verzichtete aber auf Konsequenzen gegenüber Primas Wyszyński. Dieser schrieb später zu diesem Abkommen: «Das am 14. April 1950 unterzeichnete Abkommen wurde fortan zu einem Argument in den Händen des Episkopats im Kampf um die Rechte der Kirche. Es war das einzige Argument, da die Regierung die Verfassung nicht mehr beachtete, das Konkordat gekündigt hatte und das Kirchenrecht nicht anerkannte.» Primas Wyszyński misstraute nur allzu berechtigt der späteren Appeasement-Ostpolitik unter Papst Paul VI. und dessen Aussenminister Agostino Casaroli. Legendär sind die von ihm verwendeten Worte geworden: «De nobis nihil sine nobis» (Nichts über uns ohne uns). In unbeirrbarer Nachachtung dieses Leitsatzes gelang es ihm auch, die Machenschaften der Kommunisten abzublocken, die unablässig versuchten, die Weltkirche gegen die Ortskirche auszuspielen. Es war mit das Verdienst von Primas Wyszyńskis unerschrockenem Kampf für die Libertas Ecclesiae, dass es den Kommunisten in Polen als einzigem Land der Welt nicht gelang, die Bauern zu enteignen und durch Kolchosen zu ersetzen. Polen war auch weltweit das einzige kommunistische Land, in welchem der Staat eine unabhängige katholische Universität und Presse dulden musste.

Trotz des Abkommens nahmen die Spannungen zwischen der Kirche und dem Staat zu. Am 8. Mai 1953 sandte die polnische Bischofskonferenz ein formelles Schreiben an die Parteiführung der Volksrepublik Polen, in welchem sie ihren entschiedenen Widerstand gegen die Unterordnung der Römisch-katholischen Kirche unter den kommunistischen Staat erklärte. Der Brief ging unter dem Stichwort «Non possumus» in die Geschichte ein. Als Reaktion auf diesen Brief wurde Primas Stefan Wyszyński am 25. September 1953 in der Erzbischöflichen Residenz verhaftet. Er nahm nur einen Rosenkranz und das Stundenbuch mit. Drei Jahre lang wurde er in verschiedenen Klöstern interniert, bis er endlich am 26. Oktober 1956 (während dem vorübergehenden politischen Tauwetter) entlassen wurde.

Bereits am 12. Januar 1953 hatte Papst Pius XII. Stefan Wyszyński zum Kardinal ernannt, doch erst nach seiner Entlassung konnte dieser am 18. Mai 1957 offiziell ins Kardinalskollegium aufgenommen werden.
 


Bereits am 8. Dezember 1956, nicht einmal zwei Monate nach seiner Entlassung, gelang dem Primas der Abschluss eines neuen, für die Kirche vorteilhaften, Abkommens mit der Regierung. So konnte unter anderem wieder Religionsunterricht an den Schulen stattfinden und die Bischöfe der westlichen und nördlichen Gebiete konnten in ihre Diözesen zurückkehren. Primas Wyszyński rechnete mit der Bewegung der patriotischen Priester ab, indem er während der Jahreswende 1957/1958 35 Prozent der Pfarrer und Pfarreiverwalter in ganz Polen austauschte.

Unterschiedliche Persönlichkeiten, gleiches Ziel
Primas Wyszyński durchschaute die politischen Vorgänge und besass ein sicheres strategisches Gespür. Doch bei einem lag er zunächst falsch: dem jungen Karol Wojtyła. Lange hatten sich die Kommunisten Zeit gelassen, um einen in ihren Augen geeigneten, nicht zu «politischen» Bischofskandidaten für Krakau auszuwählen. In Karol Wojtyła sahen sie einen intellektuellen Schöngeist, der keinen Ärger macht. Ein Urteil, das sie mit Wyszyński teilten; der hielt ihn, etwas ratlos, für «einen Dichter».

Karol Wojtyła war keineswegs der Wunschkandidat des Primas, doch der junge Krakauer zeigte sich ihm gegenüber sehr loyal – zum Ärger der Kommunisten, die gehofft hatten, durch ihre Unterschiedlichkeit einen Keil zwischen die beiden treiben zu können. Der gelernte Schauspieler und Schriftsteller Wojtyła konnte die Jugend begeistern. Und er konnte auch jene städtische Intelligentsia mit der Kirche als oppositioneller Kraft verbünden, welcher der bodenständige Wyszyński eher misstraute.

Der Kampf gegen den Kommunismus einte die beiden Kirchenführer trotz aller Unterschiede. Ihre Strategie war nicht offene Konfrontation mit dem Regime, sondern Wahrhaftigkeit und Beharrlichkeit. Wie sein Krakauer Pendant nahm auch Primas Wyszyński an allen Sessionen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) teil. Doch anders als Karol Wojtyła mied der Primas kirchliche Neuerungen, um nicht das Band zwischen Kirche und Volk zu gefährden.

Als beim Konklave von 1978 die Entscheidung näher rückte, bat der Primas Karol Wojtyła: «Wenn sie dich wählen, lehn bitte nicht ab.» Und nach seiner Wahl sagte er zu Johannes Paul II.: «Die Aufgabe des neuen Papstes wird es sein, die Kirche ins dritte Jahrtausend zu führen.» In seinem Testament schrieb der Papst später: Ich weiss nicht, ob ich diesen Satz wörtlich wiedergebe, aber das war sicherlich der Sinn dessen, was ich damals hörte.»

Kardinal Wyszyński nahm am 22. Oktober 1978 an der Amtseinführung von Johannes Paul II. teil. Als er den Ring des Papstes küsste, erhob sich Johannes Paul II. als Zeichen des Respekts gegenüber Kardinal Wyszyński von seinem Thron, küsste ihm die Hand und umarmte ihn. Am nächsten Tag kam es zu einem ähnlichen Ereignis. Nachdem sich der Papst und der Kardinal lange umarmt hatten, sagte Johannes Paul II.: «Ohne deinen Glauben, der weder vor Gefängnis noch vor Leid zurückschreckte, gäbe es auf dem Stuhl Petri nicht diesen polnischen Papst, der heute voller Gottesfurcht, aber auch voller Zuversicht sein neues Pontifikat antritt.»

An der Hand der Gottesmutter
Von historischer Bedeutung ist das unter Kardinal Wyszyńskis Leitung 1965 verfasste «Wort der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Brüder im Bischofsamt», mit dem ein tiefer Aussöhnungsprozess startete, das zugleich seinen polnischen Landsleuten ein grosses Verzeihen abverlangte (über 2800 Geistliche waren dem Nazi-Terror zum Opfer gefallen). Er gilt als beeindruckendes Zeugnis der Bereitschaft zur Versöhnung zwischen den Völkern angesichts der Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, des deutschen Vernichtungskriegs gegen Polen und der Vertreibungen zunächst von Polen, dann von Deutschen. Zentral waren die Worte: «Wir vergeben und bitten um Vergebung.»

Mitte März 1981 wurde bei Kardinal Wyszyński eine Krebserkrankung diagnostiziert und er starb zwei Monate später, am 28. Mai 1981. Polen ordnete eine viertägige Staatstrauer an. Bei Beisetzung des Primas versammelten sich Tausende von Menschen, sowohl Gläubige als auch Nichtgläubige.

Als einen Grund für seinen starken Glauben gab Kardinal Wyszyński seine Verehrung für die Mutter Gottes, besonders in ihrem Bild von Jasna Góra an: «Ich wurde im Elternhaus unter dem Bild der Muttergottes von Tschenstochau geboren, und zwar an einem Samstag, damit in allen Plänen Gottes Ordnung und Harmonie herrschen. So sah mein ganzes Leben aus. Nach meiner Priesterweihe in der Kapelle der Muttergottes in der Kathedrale von Włocławek hielt ich es für das Richtige, nach Jasna Góra zu kommen, obwohl mir [nach einer Krankheit] die Kräfte fehlten. So begannen meine Wege. Sie führten auf den Spuren, die Maria gelegt hatte, die mir voranging wie das Licht, der Stern, das Leben, die Süsse und die Hoffnung, als Helferin in schwierigen Situationen, fast wie eine Pflegerin und Ernährerin. Ich habe immer darauf vertraut, dass Maria mir beistehen würde. Meine Verehrung für die Heilige Mutter entwickelte sich langsam. Die Geheimnisse dieser Verehrung spürte ich noch besser, als ich meine Heimatpfarrei in Zuzela besuchte und dasselbe Bild der Muttergottes von Tschenstochau sah, vor dem meine Eltern gebetet hatten» (Predigt vom 5. August 1974 in Jasna Góra).

Am 12. September 2021 wurde Kardinal Stefan Wyszyński seliggesprochen. Sein Gedenktag ist der 28. Mai.


KNA/Redaktion


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