Mittlerweile gut dokumentiert ist Barths Jahrzehnte währende «Ménage à trois». Im September 1929 zog die zur Geliebten und wissenschaftlichen Hilfskraft avancierte Charlotte von Kirschbaum in den Haushalt von Karl Barth und seiner Ehefrau Nelly, geborene Hoffmann, in Münster ein. Diese Dreiecksbeziehung sollte über Jahrzehnte andauern – bis eine Demenzerkrankung Charlotte von Kirschbaum zum Umzug in eine psychiatrische Klinik zwang. Die Liaison von Barth, auch «Kirchenvater des Protestantismus» genannt, mit seiner Geliebten blieb nicht ohne Einfluss auf sein theologisches Schaffen. Stefan Reis-Schweizer, Autor des genannten NZZ-Beitrages, zitiert aus Barths Selbsteinschätzung: «Es wurde mir auf eine sehr konkrete Art verboten, der Legalist zu werden, der ich unter anderen Umständen hätte werden können.»
Zu Nelly Barth, der ihr Mann diese Dreierbeziehung und damit einen fortwährenden Ehebruch im eigenen Haus zumutete, findet sich im Beitrag des NZZ-Redaktors kein einziges Wort. Seine Perspektive ist ausschliesslich jene des Dogmatik-Professors Karl Barth.
Ein senkrechter Einschlag von oben
Einblicke in die Zumutungen, welche die insbesondere um der fünf gemeinsamen Kinder willen bei ihm ausharrende Ehefrau zu erdulden hatte, bietet ein bereits am 12. Oktober 2018 erschienener, ausführlicher Beitrag in der «NZZ am Sonntag», der seinerseits auf eine Monographie von Christiane Trietz Bezug nimmt («Karl Barth. Ein Leben im Widerspruch»). Zwar nimmt auch darin die Theologie Barths und deren der Liaison mit Charlotte von Kirschbaum geschuldeten Interaktionen breiten Raum ein. Aber das spannungsgeladene, vor allem Ehefrau Nelly belastende Dreiecksverhältnis wird nicht unter den Teppich gekehrt.
Am Beginn des kometenhaften Aufstiegs Barths in den Olymp der Theologen war dessen aufsehenerregende Neuinterpretation des Römerbriefes bzw. die darauf fussende sogenannte dialektische Theologie mit ihrer Losung «Totaliter aliter»: Gott der ganz andere – erfahrbar nur als senkrechter Einschlag von oben. Scharf trennt Barth Gott von den weltlichen Dingen, wozu er nicht nur Staat und Politik, sondern auch die Religion rechnete. Nicht umsonst hat Barth einmal gesagt, der einzige Grund, nicht katholisch zu werden, sei der Grundsatz der analogia entis, demzufolge alles Seiende in abgestufter Form gottgemäss ist.
Barth wurde mit seiner Römerbrief-Interpretation auf einen Schlag international berühmt, erhielt nota bene ohne Promotion umgehend einen Ruf als Professor in Göttingen.
Der «senkrechte Einschlag von oben» widerfuhr dem Theologieprofessor Barth nicht nur bei der Lektüre des Römerbriefes, sondern auch ganz konkret und persönlich durch die wie ein Meteorit einschlagende Bekanntschaft mit seiner späteren Geliebten und Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum. «Wie selbstverständlich wir uns ineinanderfügen», schwärmt er in einem seiner Briefe an Charlotte von Kirschbaum. Er nennt sie «Löllchen» und «Locherl».
Gleichwohl ist sich Karl Barth auch bewusst, dass er mit dem Bruch seines Ehegelöbnisses Schuld auf sich geladen hat. Er spricht von einer «Notgemeinschaft» zu Dritt – auf Kosten seiner Frau Nelly. Sie wurde zum dritten Rad am Wagen: «Von ihrem Mann betrogen, hoffte sie zuerst noch vergeblich, seine Zuneigung zurückzugewinnen, um sich schliesslich auf die Rolle der Hauswirtschafterin und Kindererzieherin reduziert zu sehen.» Barth selbst gesteht, «dass ich ja ein Karnickel bin, das wirklich an allem schuld ist» («NZZ am Sonntag vom 12. Oktober 2018).
Gleichwohl will er nun in seinem ganz persönlichen Bereich von der theologisch-theoretisch behaupteten, scharfen Trennung von Gott und Welt, von Gott und Mensch, plötzlich nichts mehr wissen. Seine Liebschaft mit Charlotte von Kirschbaum könne nicht einfach Teufelswerk sein, sondern da handle irgendwie doch auch Gott. Vergeblich warnte die Mutter von Karl Barth ihren Sohn: «Was hilft die scharfsinnigste Theologie, wenn sie im eigenen Haus Schiffbruch erleidet?»
Barth sah sich zu einer Neubesinnung umso weniger imstande, als die «Dritte im Bunde», Charlotte von Kirschbaum, ihn zusehends mehr monopolisierte und einen quasi Exklusivitätsanspruch auf den so berühmt gewordenen Theologie-Professor für sich reklamierte. Blind vor Eifersucht höhnte sie über des Professors Ehefrau: «Sie kommt mir vor wie ein Kind, das, wenn ihm ein Spielzeug weggenommen ist, nun auch alles andere beiseiteschiebt» (ibid.).
Fazit: Ein «Ménage à trois»: Eine bzw. eine der Beteiligten zahlt die Zeche. Und wie so oft auch hier: die betrogene Ehefrau. Ihr Schicksal übergeht der eingangs erwähnte Rezensent mit Schweigen. Eigentlich eine Steilvorlage für Feministinnen, dazu gerade nicht zu schweigen. Doch wo bleiben sie?
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Zum Artikel selbst: Karl Barth war sich offenbar sehr wohl bewusst, dass das, was er da tat, vor Gottes Angesicht nicht richtig war. Auch bei ihm scheint der Geist willig, aber das Fleisch schwach gewesen zu sein. Gerade im 6. Gebot ist diese Gefahr besonders gross, denn nirgendwo sonst ist die Sünde so verlockend wie da. Lebt man dann noch in einer Gesellschaft, die diese Sünde nicht nur nicht erkennt, sondern sie sogar als "Liebe" verkauft, fällt der Kampf um so schwerer. Doch letztlich gilt auch hier: Nicht wer nie fällt, ist ein guter Christ, sondern wer nach dem Fall wieder aufsteht. Dass es bis zum Lebensende nicht zu spät ist, wieder aufzustehen, zeigt die wunderschöne Geschichte des Schächers am Kreuz, dem Jesus den sofortigen Eintritt ins Paradies verhiess. Hoffen wir, dass es Karl Barth ähnlich ergangen ist. Immerhin gibt es von ihm auch Gutes zu vermelden: Als protestantischer Theologe riet er seinen Studenten: "Lest Ratzinger!"
Barth war Protestant - seine Ehe also nicht sakramental. Jesus sagt: "Wer seine Frau entlässt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch." Barth hat seine erste Frau nicht entlassen. Auch Abraham hatte z.B. mehrere Frauen und Nachkommen mit ihnen, was in der Bibel als ganz normal angesehen wird.
Es trifft auch nicht zu, dass in der Bibel die Polygamie als «ganz normal angesehen wird». Dass die Ehe ein Bund zwischen einem Mann und einer Frau ist, wird im Alten wie im Neuen Testament mehrfach bekräftigt (vgl. u.a. Genesis 1, 27 und Matthäus 19,4-6). Dass in der Praxis damals wie heute immer wieder gegen die Lehre Christi bzw. der Kirche verstossen wird, ist eine Tatsache, ändert aber nichts an ihrer Wahrheit und Verbindlichkeit.
Niklaus Herzog, Redaktionsleiter
Niklaus Herzog, Redaktionsleiter