Innenraum der Kathedrale von Toledo mit dem Chorgestühl. (Bild: Fernando, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons)

Weltkirche

Kathe­drale von Toledo: Ein Meis­ter­werk spa­ni­scher Kirchenarchitektur

1226, also genau vor 800 Jah­ren, leg­ten Fer­di­nand III. und Erz­bi­schof Jimé­nez de Rada den Grund­stein für die «Cate­dral de Santa María de la Asun­ción de Toledo», ein Haupt­werk der spa­ni­schen Gotik. Sie ist nicht nur ein aus­ser­or­dent­li­ches Bau­werk, son­dern auch ein leben­di­ges Zeug­nis der Geschichte Spaniens.

Toledo war von etwa 531 bis 711 Hauptstadt des Westgotischen Reiches. Zunächst den Arianern zugehörig, konvertierte König Rekkared I. 587 zum katholischen Glauben. Die grosse Bedeutung der Stadt zeigen die insgesamt 18 Konzilien, die zwischen 400 und 702 stattfanden.[1] König Rekkared I. berief 589 das 3. Konzil von Toledo ein. Dieses war theologisch bedeutsam, da hier zum ersten Mal das «filioque» erwähnt wurde. Es ging um die Abgrenzung zum Arianismus, der die Ansicht vertrat, Jesus Christus sei wesensmässig niedriger als Gottvater, während die Katholische Kirche lehrt, dass Jesus Christus mit Gottvater wesensgleich ist. Die Konzilien wurden in der 587 auf den Resten eines römischen Tempels erbauten Kirche Santa Maria abgehalten.

Im Jahr 711 eroberten die Mauren Toledo und wandelten die Kirche in eine Moschee um. Erst 300 Jahre später, nach der Rückeroberung der Stadt im Jahr 1085 durch Alfons VI., wurde daraus wieder eine katholische Kirche. Es wurden jedoch nur die notwendigsten Bauarbeiten durchgeführt, um wieder Gottesdienste feiern zu können; die Moschee-Kathedrale blieb bis ins 13. Jahrhundert nahezu intakt.

Drei Jahre nach der Rückeroberung Toledos verlieh Papst Urban II. auf Bitte des Erzbischofs Toledo den Titel «primatus in totis Hispaniarum regnis» (Primat in allen Königreichen der iberischen Herrschaftsgebiete). Noch heute ist der Erzbischof von Toledo Primas der Katholischen Kirche Spaniens.
 


Französische Gotik mit spanischer Prägung
Der Bau der heutigen Kathedrale begann 1226 unter dem später heilig gesprochenen König Fernando III. von Kastilien. In Erzbischof Rodrigo Jiménez de Rada fand er einen grossen Förderer des Projekts. Die Kathedrale ist 120 Meter lang und 59 Meter breit. Sie besteht aus fünf Schiffen sowie einem Querschiff und einem doppelten Chorumgang. Der grösste Bau Spaniens im 13. Jahrhundert ist stark von der französischen Gotik geprägt. Die Kathedrale von Toledo übertrifft ihre französischen Vorgängermodelle jedoch darin, dass sie neben ihren fünf Längsschiffen auch ein dreischiffiges Querhaus aufweist. Zusätzlich zum doppelten Chorumgang besass sie einen Kranz von ehemals fünfzehn rechteckigen und halbrunden Kapellen, was für gotische Kathedralen einen Rekord bedeutete.

Archäologische Funde lassen einige Überreste des muslimischen Bauwerks erkennen, wie z. B. eine islamische Säule in der Kapelle Santa Lucía oder Marmorsäulen in der Fassade des Chors.

Jeder Baumeister – von Maestro Martin bis Enrique Egas – und jeder Kardinal hinterliess seine Spuren in der Kathedrale, die 1493 offiziell eingeweiht wurde. Doch auch in den folgenden Jahrhunderten folgten weitere Änderungen, sodass auch Renaissance- und Barockelemente vorhanden sind.
 


Meisterwerke der Jahrhunderte
Der Hauptaltar aus vergoldetem und farbigem Holz gilt als Meisterwerk der hispano-flämischen Gotik. Das Werk wurde 1504 beendet. Das Thema der Bildwand, welche die gesamte Breite und Höhe des Chormittelschiffs einnimmt, stellt das Leben und die Passion Christi dar. Der Altaraufsatz verfügt über eine bedeutende Skulpturenausstattung und eine filigrane Verzierung aus kleinen Säulen, Spitzen, Baldachinen und Zierleisten. Im zentralen Mittelstreifen befinden sich von unten nach oben eine sitzende, versilberte Figur der Jungfrau mit dem Kind (in der Predella), der Tabernakel in Form einer aus Holz geschnitzten gotischen Monstranz, die Geburt Christi, die Himmelfahrt Mariens und die Kreuzigung.

Die Kapelle der Virgen del Sagrario ist das beste Beispiel für Bauten im Herrera-Stil: ein strenger und ornamentloser Stil der Spätrenaissance (16. Jahrhundert). Sie ist der «Virgen del Sagrario» geweiht. Die romanische Schnitzfigur ist unter dem Namen «Santa María» bekannt. Sie wurde im 13. Jahrhundert mit Silber überzogen und später mit einem mit Perlen besetzten Mantel bekleidet. Nach einer traditionellen Überlieferung gehörte sie den Aposteln und wurde von San Eugenio nach Toledo gebracht. Einer anderen Überlieferung gemäss wurde die Statue während der muslimischen Invasion im frühen 8. Jahrhundert versteckt und tauchte nach der Rückeroberung Toledos auf wundersame Weise mit einer brennenden Kerze in der Hand aus dem Brunnen im Kreuzgang der Kathedrale auf. Die Muttergottes, der wundersame Heilungen zugeschrieben werden, thront auf einem versilberten Thron aus dem 18. Jahrhundert. Am 15. August wird die Schutzpatronin von Toledo jeweils von Tausenden Gläubigen gefeiert.
In dieser Kapelle wurden zahlreiche Erzbischöfe von Toledo beigesetzt, darunter Luis Kardinal Manuel Fernández Portocarrero (1677–1709), dessen Grabinschrift Berühmtheit erlangte: «Hic iacet pulvis, cinis et nihil» (Hier ruhen Staub, Asche und Nichts).

Die mozarabische Kapelle (früher «Corpus-Christi-Kapelle») wurde bewusst für Gottesdienste im mozarabischen Ritus (auch altspanische Liturgie genannt) gebaut. Dieser Ritus, der bereits im 4. Jahrhundert erwähnt und bis heute gepflegt wird, war Ende des 15. Jahrhunderts im Niedergang begriffen. Kardinal Cisneros beschaffte die entsprechenden Kodizes, Breviere und Messbücher wieder, liess sie restaurieren und neu veröffentlichen. Die Feier dieser Liturgie wurde geschätzt und hat sich bis heute erhalten.

Das «Transparent», geschaffen vom spanischen Architekten Narciso Tomé (1690–1742 ) und seinen Söhnen, ist eines der spektakulärsten Werke des spanischen Spätbarocks. Es handelt sich um einen skulpturalen Komplex aus Marmor und Alabaster, der sich im Chorumgang der Kathedrale befindet, direkt hinter dem Hauptaltar. Sein Name bezieht sich auf die einzigartige Beleuchtung, die durch ein grosses Okulus entsteht, das hoch oben in die Wand gegenüber dem Chorumgang eingelassen ist, sowie durch eine weitere Öffnung, die in die Rückseite des Altarbildes selbst geschnitten wurde, damit Sonnenstrahlen auf den Tabernakel fallen können. Das Kunstwerk ist wie ein Altarbild konzipiert und besteht aus zwei übereinanderliegenden Teilen, die durch das Okulus verbunden sind, welches aus einem Glasfenster besteht, das wiederum mit einer Bronzesonne verziert ist. Rundherum versammeln sich Engel. Das ganze Kunstwerk ist mit biblischen Szenen und kleinen Figuren aus Marmor und Alabaster verziert.
 


Sehenswert ist auch der Chor: Das untere Chorgestühl, von Rodrigo Alemán zwischen 1489 und 1495 aus Nussbaumholz geschnitzt hat, zählt zu den aussergewöhnlichsten Werken der spanisch-gotischen Bildhauerkunst. Auf den vierundfünfzig Sitzen stellt der Künstler Schlachten, Könige und Bischöfe mit beispielloser Lebendigkeit dar. Das obere Renaissance-Chorgestühl zeigt Propheten, Märtyrer und biblische Figuren.

Die Kathedrale besitzt mehr als 750 Glasfenster aus dem 14., 15. und 16. Jahrhundert – eine der umfassendsten Sammlungen Europas. Der Kapitelsaal verfügt über eine Kassettendecke im Mudéjar-Stil aus dem 16. Jahrhundert, die als eine der schönsten Spaniens gilt und christliche und islamische Kunst miteinander verbindet.

Das bedeutendste Objekt des Kathedralschatzes ist die von Enrique de Arfe gestaltete gotische Monstranz. Ursprünglich wurde sie aus Silber gefertigt, 1594 dann vergoldet. Die Anfertigung der Monstranz dauerte sieben Jahre. Es wurden 183 Kilo Silber und 18 Kilo Gold verarbeitet. Die Monstranz ist mit über 260 Figuren und biblischen Szenen geschmückt. Seit 1595 wird die über drei Meter hohe Monstranz bei der Fronleichnamsprozession mitgeführt.

Jede Zeit trug etwas zur Kathedrale bei, sodass die Kathedrale Santa María de la Asunción in Toledo nicht nur ein architektonisches Meisterwerk, sondern auch ein Zeugnis der reichen und vielfältigen Geschichte der Stadt ist. Sie spielte aber auch eine zentrale Rolle in der spanischen Geschichte und war Schauplatz bedeutender religiöser und politischer Ereignisse, so z. B. als Krönungsort. Am 3. Juni 1931 wurde die Kathedrale Santa María de la Asunción zum nationalen Kunstschatz erklärt.
 

Am 25. Oktober 2026 startet das Jubiläumsjahr, das auch ein Heiliges Jahr sein wird, mit der Öffnung der «Puerta de Reyes». Zwölf Monate lang wird die Kathedrale Feierlichkeiten, Begegnungen und Jubiläen beherbergen, die verschiedenen Bereichen des christlichen Lebens gewidmet sind. Die Verantwortlichen möchten den Gläubigen eine Erfahrung der inneren Erneuerung und der Verbundenheit mit der lebendigen Geschichte der Kathedrale ermöglichen. Webseite der Kathedrale von Toledo (Spanisch/Englisch)

 


[1] In Toledo fand 580 das einzige bekannte Konzil der arianischen Bischöfe in der westgotischen Geschichte statt.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

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Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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