(Symbolbild: Tim Kraaijvanger/Unsplash)

Hintergrundbericht

Kaum jemand will wis­sen, warum Abtrei­bun­gen in der Schweiz zunehmen

Die Quote an Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen in der Schweiz ist in den letz­ten Jah­ren deut­lich gestie­gen. Wenn man nach den Ursa­chen die­ser Zunahme fragt, stösst man fast nur auf Achselzucken.

Der Beitrag von Alex Reichmuth erschien zuerst im «Nebelspalter»
 

Die Fakten: Die Quote an Schwangerschaftsabbrüchen in der Schweiz ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Wenn man nach den Ursachen dieser Zunahme fragt, stösst man fast nur auf Achselzucken.

Warum das wichtig ist: Zwischen 2017 und 2024 ist die Häufigkeit, mit der Frauen in der Schweiz abtreiben, um beachtliche 18 Prozent gestiegen. Eigentlich müsste die Suche nach den Gründen von grossem öffentlichen Interesse sein. Anscheinend interessiert das aber kaum jemanden.

Die Zahlen
Zwischen 2017 und 2024 ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche um fast ein Viertel gestiegen. Waren es 2017 noch 10 037 Abbrüche, betrug die Zahl sieben Jahre später 12 434. Das waren 24 Prozent mehr. Allerdings hat während dieser Zeit auch die Bevölkerungszahl zugenommen. (Für 2025 liegen noch keine Zahlen vor.)

Diese Zunahme ist aber nur zu einem kleineren Teil auf den Bevölkerungszuwachs zurückzuführen. Denn auch die Quote an Abtreibungen ist während dieser sieben Jahre deutlich gestiegen: Wurden 2017 noch 6,2 Abbrüche pro 1000 Frauen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren registriert, waren es 2024 schon 7,3 Abbrüche – eine Zunahme um 18 Prozent.

Der abgelehnte Vorstoss im Berner Kantonsparlament
Im Kanton Bern haben Abtreibungen in den letzten Jahren in ähnlichem Mass zugenommen. Ein Vorstoss, der je von einem Parlamentsmitglied von EDU, EVP, SVP und Mitte eingereicht worden war, wollte die Regierung beauftragen, die Gründe für diese Entwicklung zu analysieren und mögliche präventive Handlungsoptionen aufzuzeigen. Namentlich wurde «Unterstützung für Frauen in Entscheidungskonflikten» verlangt.

Das Parlament lehnte den Vorstoss im März mit 79 Nein gegen 74 Ja knapp ab. Eine grüne Kantonsrätin hatte in der Debatte ihre Ablehnung damit begründet, dass der Vorstoss «die Entscheidungsfreiheit der Frau über ihren eigenen Körper in Frage» stelle.

Somit darf die Berner Bevölkerung nichts zu den Ursachen der steigenden Abtreibungszahlen erfahren.

Die Ablehnung dieses Vorstosses war für den «Nebelspalter» der Anlass, selber nach den Gründen zu suchen (schweizweit).

Die Rückmeldungen
Der «Nebelspalter» stellte einer Reihe von Organisationen und Instanzen dieselbe Frage: «Was sind die Gründe, dass die Quote der Schwangerschaftsabbrüche in der Schweiz so deutlich zugenommen hat?» Das ist das Ergebnis der Umfrage:

1. Bundesamt für Gesundheit (BAG)
Das BAG verweist auf zwei beantwortete parlamentarische Vorstösse zum Thema Schwangerschaftsabbrüche. Daraus lassen sich aber keine Ursachen für die höheren Abbruch-Quoten herauszulesen.

Das BAG betont zudem, dass die Rate der Abbrüche bei sehr jungen Frauen gesunken sei. Das mag stimmen, war aber nicht die Frage. Denn insgesamt hat die Rate wie erwähnt deutlich zugenommen.

Nach erneuter Nachfrage zählt das BAG Details auf, wie Schwangerschaftsabbrüche und die Gründe dafür in der Schweiz statistisch erfasst werden. Wieder gibt es keine Antwort auf die gestellte Frage.

Fazit: Aus unerfindlichen Gründen scheint man beim Bund die Frage nach den Ursachen für mehr Abtreibungen nicht zu verstehen.

2. Die Fachleute
«Gynécologie Suisse», die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, reagiert zwölf Tage überhaupt nicht auf die Anfrage.

Auf telefonische Nachfrage heisst es, der «Nebelspalter» werde umgehend eine Antwort erhalten.

Einige Tage später trifft eine Rückmeldung von Helene Huldi ein, an die «Gynécologie Suisse» die Frage weitergereicht hat. Huldi ist Präsidentin von APAC Suisse, der Organisation der professionellen Anbieter von Dienstleistungen und Informationen zum Schwangerschaftsabbruch. Zuoberst auf der Webseite der Organisation steht: «Jede schwangere Frau hat das Recht, selber zu entscheiden.» APAC Suisse ist bezüglich Abtreibungen also klar positioniert.

Helene Huldi schreibt: «Ich kann Ihnen die Frage [nach den Gründen für die Zunahme der Schwangerschaftsabbrüche] nicht wirklich beantworten, das heisst, ich habe auch keine Erklärung dafür.»

Als «Vermutung» führt sie eine «vermehrte Pillenmüdigkeit» der Frauen an, die dazu führe, dass öfter weniger zuverlässige Verhütungsmittel benutzt würden.

Helene Huldi übermittelt zudem einige weitere Informationen, die aber nichts mit der gestellten Frage zu tun haben. Sie fügt an, dass die «leichte Zunahme» der Abbrüche ihrer Meinung nach «nicht besorgniserregend» sei.

Fazit: Die Fachleute (Ärzte) haben offenbar wenig Ahnung, warum Abtreibungen deutlich zugenommen haben. Vermutlich interessiert es sie auch nicht gross.

3. Die Abtreibungsbefürworter
Die «Stiftung Sexuelle Gesundheit Schweiz», die sich für den Zugang zu legalen Schwangerschaftsabbrüchen einsetzt und staatliche Mittel bezieht, übermittelt auf Anfrage einige «Kernbotschaften»:

Die Abtreibungsrate sei in der Schweiz im internationalen Vergleich nach wie vor tief. (Das stimmt zwar, war aber nicht die Frage.)

Die Gründe für die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch seien «vielfältig» und «Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts schwangerer Personen». (Das mag sein, hilft aber ebenfalls nicht weiter.)

Die Stiftung setze sich für einen verbesserten Zugang zum Schwangerschaftsabbruch ohne Hürden und Stigmatisierung ein. (Wieder keine Antwort)

Fazit: Man bekommt hier nur Floskeln serviert.

4. Die Abtreibungsgegner
Die «Stiftung Zukunft Schweiz», welche jeweils den «Marsch fürs Läbe» mitorganisiert, liefert Zahlen zu den offiziell erfassten Gründen für Abtreibungen. Das erklärt aber die Gründe für die Zunahme nicht.

Regula Lehmann von der «Stiftung Zukunft Schweiz» schreibt zudem: «Einer der Gründe ist sicher, dass die Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben stetig ab- und der Egoismus stetig zunimmt. Während überall von Klimaerwärmung gesprochen wird, nimmt die Kälte der Herzen zu. Sex ohne Beziehung, Liebe oder Verantwortung ist ein bedenklicher Trend, der zur Verrohung der Innenwelt führt. Unter anderem, weil er dem Wesen des Menschen komplett widerspricht, weil wir durch die Natur auf Bindung und Familie hin angelegt sind.»

Fazit: Auch diese Auskünfte helfen bei der nüchternen Suche nach den Gründen für mehr Abtreibungen nicht wirklich weiter.

Mögliche Gründe
Ohne weitere Auskünfte kann man nur spekulieren. Die folgenden Faktoren könnten die Zunahme der Schwangerschaftsabbrüche zum Teil erklären:

Einfachere Abtreibungen: Ein immer grösserer Teil der Abbrüche wird medikamentös vorgenommen. Der entsprechende Anteil stieg von 72 Prozent im Jahr 2016 auf 80 Prozent im Jahr 2021. Eine medikamentöse Abtreibung ist weit weniger einschneidend als eine operationelle – und damit für Frauen viel problemloser durchführbar.

Mehr Ausländerinnen in der Schweiz: Ausländerinnen in der Schweiz treiben etwa um die Hälfte häufiger ab als Schweizerinnen. Mit dem zunehmenden Anteil der ausländischen Bevölkerung könnte somit auch die Abtreibungsquote steigen.

Mehr städtische Bevölkerung: In den Städten wird deutlich häufiger abgetrieben als in ländlichen Gegenden. So wurden in den Jahren 2015 bis 2019 im städtisch geprägten Kanton Genf 11,5 Abbrüche pro 1000 Frauen registriert, während es in den ländlichen Kantonen Obwalden, Nidwalden, Schwyz, Appenzell Innerrhoden und Uri nur zwischen 2,8 und 3,8 waren. Da in der Schweiz anteilsmässig immer mehr Menschen in Städten wohnen, könnte das die Quote der Schwangerschaftsabbrüche erhöht haben.

Enttabuisierung: Während früher noch meist ein Geheimnis um Abtreibungen gemacht wurde, ist das heute immer weniger der Fall. Somit könnte die Hemmschwelle für Frauen, Abtreibungen vornehmen zu lassen, gesunken sein.

Meine Einschätzung
Man sollte meinen, dass die deutliche Zunahme der Abtreibungsraten einigen gesellschaftlichen Sprengstoff birgt. Doch stattdessen ist der «Nebelspalter» mit der Frage nach den Ursachen fast überall auf Desinteresse und Unwissenheit gestossen. Man wird nicht selten mit Floskeln abgespeist. Die beschriebene Entwicklung scheint ausser den Abtreibungsgegnern niemanden zu kümmern. Das ist mit Blick auf die Tausenden von ungeborenen Kindern, die zusätzlich getötet werden, nicht nachvollziehbar.
 

Originalbeitrag auf «nebelspalter.ch» (Abo-geschützt)


Alex Reichmuth


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Bemerkungen :

  • user
    Marlene Stamm 17.04.2026 um 20:20
    Die Geburtenraten sind systemrelevant.