Sperber. (Bild: gailhampshire from Cradley, Malvern, U.K, CC BY 2.0 via Wikimedia Commons)

Hintergrundbericht

Kir­chen­me­dien oder wenn infos­per­ber ein Eigen­tor schiesst

Das Medi­en­por­tal infos­per­ber übt gerne und oft auch fach­kun­dig Kri­tik an den eta­blier­ten Medien. Doch jüngst ging mit einem ver­meint­lich kir­chen­kri­ti­schen Arti­kel der Schuss nach hin­ten los.

Das vom ehemaligen Fernsehjournalisten Urs P. Gasche gegründete Online-Portal infosperber versteht sich als Ergänzung zu den etablierten Informationsmedien. «Sieht, was andere übersehen», lautet die Selbstdeklaration. Regelmässig übt es Kritik an andern Medien, insbesondere im Hinblick auf journalistische Standards. «Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach», so eine weitere Selbstzuschreibung.

Diesem Übel abzuhelfen wollen wir gerne auch unsererseits einen Beitrag leisten, indem wir den Spiess für einmal umdrehen und – infosperber auf die Finger schauen. Konkret geht es um den am 3. August 2025 aufgeschalteten Artikel von Wolf Südbeck-Baur mit dem Titel «Nach der fristlosen Kündigung der Pfarrblatt-Chefredaktorin».

Dem Artikel vorgeschaltet ist folgender kursiver Hinweis:
«Red. Wolf Südbeck-Baur ist langjähriger Redaktionsleiter der Schweizer Zeitschrift Aufbruch. Ein Gastbeitrag.»

Einige Zeit später wurde der kursive Hinweis wie folgt abgeändert:
«Red. Wolf Südbeck-Baur war bis Ende 2024 Redaktionsleiter der Schweizer Zeitschrift Aufbruch und ist Mitarbeiter von Publik-Forum. Ein Gastbeitrag.»

Der Wechsel vom «ist» zum «war» ist ein scheinbar kleines Detail, aber eben nur scheinbar. Denn infosperber hat diese Änderung nicht kenntlich gemacht und damit just gegen Art. 5 der «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» des Schweizer Presserates verstossen. Bereits in seiner Stellungnahme 38/2010 hatte der Presserat festgestellt, dass eine Berichtigung in einer für die Leserschaft erkennbaren Weise zu erfolgen hat, was in casu nachweislich nicht geschehen ist.

Dieses Detail ist deshalb von Relevanz, weil das Wort «ist» suggeriert, das Print-Magazin «Aufbruch. Unabhängige Zeitschrift für Religion und Gesellschaft» würde immer noch existieren. Dies ist jedoch gerade nicht der Fall. Vielmehr hat der «Aufbruch» sein Erscheinen Ende November 2024 eingestellt – zeitgleich mit der Pensionierung seines Redaktionsleiters Wolf Südbeck-Baur. Dieser hatte es geschafft, die Zahl der über 11 000 Abonnentinnen und Abonnenten im Verlauf der Jahre auf unter 2000 zu drücken. Bereits 2023 hatte der Ex-Jesuit Lukas Niederberger und Vereinspräsident ad interim infolge der prekären finanziellen Situation das Ende der Zeitschrift angekündigt. Um dem Redaktionsleiter den Gang zum RAV zu ersparen, wurde das definitive Aus der der Zeitschrift bis zu dessen ordentlicher Pensionierung hinausgeschoben.

Der «Aufbruch» entstand 1988 als medialer Protest gegen die Ernennung von Wolfgang Haas zum Bischof der Diözese Chur. Promotoren waren Louis Zimmermann, Mitglied der Missionsgesellschaft Bethlehem, und Benno Bühlmann. Letzerer schwärmt noch heute von der damaligen Aufbruchstimmung: «Es war eine unglaubliche Wucht. Von der ersten Nummer wurden 100 000 Exemplare gedruckt. Und in kurzer Zeit konnten 10 000 Abonnentinnen und Abonnenten gewonnen werden», vertraute er dem Kirchenblatt für die römisch-katholischen Pfarreien des Kantons Solothurn an (16/17 2025).

Die anfängliche Euphorie sollte nicht lange andauern, wich bald einmal der Ernüchterung. Als Ursache für den steten Abo-Schwund machte die Redaktion ein Fremdverschulden verantwortlich: das Ausbleiben dringend notwendiger Reformen. Dass der von der Redaktion geradezu obsessiv bewirtschaftete «antirömische Affekt» (Hans Urs von Balthasar) mit seiner sterilen Litanei der ewig gleichen Protest- und Reizthemen (Zölibat, Frauenpriestertum) der Leserschaft zunehmend auf den Geist ging, wollten die Scheuklappen-Ideologen vom «Aufbruch» partout nicht wahrhaben.
 


Abbruch statt Aufbruch
Der Niedergang war definitiv programmiert, als der deutsche Wolf Südbeck-Baur 1997 das Ruder in der Redaktion übernahm. Anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums gab er dem Pfarrblatt Bern ein Interview: Ein Mix aus Realitätsverweigerung und Anmassung der Extraklasse.

Stichwort «Realitätsverweigerung»: Trotz des absehbaren Endes der Zeitschrift (zum Zeitpunkt des Interviews zählte der Aufbruch gerade noch knapp 4000 Abos) machte Südbeck-Baur auf Zweckoptimismus, adelte seine Postille gleich mit dem Etikett «unverzichtbar»: «Wenn es den ‹Aufbruch› nicht gäbe, müsste man ihn schnell erfinden.» Auch die bereits 2008 initiierte Kooperation mit der deutschen Zeitschrift «Publik-Forum» in Form eines Kombi-Abos konnte den Niedergang nicht stoppen.

Stichwort «Anmassung»: «Wir machen nicht Halt vor überholten Dogmen», dekretierte Südbeck-Baur die publizistische Stossrichtung.

Völlig aus dem Häuschen geriet er, als er zum damaligen Redaktionsmitglied, seiner Landsfrau Jacqueline Straub, befragt wurde: «Die Boxerin für das Frauenpriestertum, Jacqueline Straub, ist eine junge, frische Bereicherung und die Inkarnation der offenen Wunde der katholischen Kirche.» Nota bene: Eben diese Jacqueline Straub schaffte noch rechtzeitig den Absprung vom sinkenden Schiff, firmiert heute als oberfeministische Redaktorin des kirchenoffiziellen Portals kath.ch.

Zu welcher Fehleinschätzung Südbeck-Baur seine Realitätsverweigerung verleitete, illustriert aufs Schönste der Artikel, in welchem er die Ernennung des Opus Dei-Priesters Josef Maria Bonnemain als «bedenkliches Signal für die Weltkirche» bezeichnete. Realsatire pur, wenn man sich den tatsächlichen Verlauf dieses Episkopates vor Augen hält.

Von wegen «professionell»
Und damit wären wir beim «corpus delicti» angelangt. Seinem infosperber-Gastkommentar «Nach der fristlosen Kündigung der Pfarrblatt-Chefredaktorin» fügte Südbeck-Baur den Untertitel hinzu: «Bei Kirchenmedien hagelt es Kündigungen und Abgänge. Statt unabhängigen Journalismus will die Kirche mehr PR in eigener Sache.» Südbeck-Baur macht diese Fehldiagnose fest an der fristlosen Kündigung seiner Landsfrau Annalena Müller. Diese hätte «aufgeklärten Journalismus» betrieben, habe «professionell über kirchenpolitische Hintergründe und Zusammenhänge» aufgeklärt. In der Tat: Erst unlängst lieferte sie einen eindrücklichen Beleg ihrer Professionalität ab. In der NZZ vom 17. Juli behauptete sie: «Die staatsrechtlichen Körperschaften, Kirchgemeinden, Landeskirchen und der Dachverband RKZ, unterliegen dem Schweizer Öffentlichkeitsgesetz.» Dem ist mitnichten so: Für keine einzige dieser Organisationen ist das Schweizer Öffentlichkeitsgesetz massgebend. Sehr professionell.

Item: Ein unabhängig-kritischer Kirchenjournalismus sei nicht nur beim Berner Pfarrblatt, sondern ebenso beim kirchenoffiziellen Medienportal kath.ch gescheitert: «Auch bei kath.ch wechselte der Chefredaktor innerhalb eines Jahres zweimal.»

Südbeck-Baur verschweigt, dass sich kath.ch mit seinem sogenannten unabhängig-kritischen Journalismus unter dem Kommando von Raphael Rauch innerhalb von gut zwei Jahren drei Mal eine Rüge des Schweizer Presserates einhandelte – dies wegen Verletzung elementarer journalistischer Sorgfaltspflichten: Rekordverdächtig in der schweizerischen Medienlandschaft.

Ebenso verschweigt Südbeck-Baur, dass kath.ch infolge der von demselben Raphael Rauch angezettelten Schmutzkampagne zu einer Entschuldigung auf der Frontseite verdonnert wurde. Darin musste sich kath.ch unter anderem zur Aussage bequemen, dass Markus Krall «zutiefst in seiner Persönlichkeit verletzt und als Mensch herabgesetzt wurde, mit einschneidenden Folgen». Als Sühneleistung wurde kath.ch zur Zahlung eines sehr namhaften Beitrages zugunsten des Fördervereins der Dormitio-Abtei Jerusalem verpflichtet.

Nach der 2008 vereinbarten Zusammenarbeit ist nunmehr der «Aufbruch» von der deutschen Zeitschrift «Publik-Forum» vollends geschluckt worden. Er fungiert noch als deren Anhängsel: Einmal pro Monat erfolgt unter diesem Namen ein Blick auf die Kirchenszene Schweiz – aus dem grossen Kanton.
 

Quellen

https://www.infosperber.ch/gesellschaft/ethnien-religionen/nach-der-fristlosen-kuendigung-der-pfarrblatt-chefredaktorin/

https://www.kirchenblatt.ch/themen/news/die-zeitschrift-aufbruch-wird-2024-eingestellt-der-motor-war-der-widerstand

https://www.pfarrblattbern.ch/artikel/wir-machen-nicht-halt-vor-ueberholten-dogmen


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

E-Mail

Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


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Bemerkungen :

  • user
    Martin Meier-Schnüriger 09.08.2025 um 14:25
    Aktualisierend gilt es zu erwähnen, dass "Infosperber" den berüchtigten jahrelangen "Religigionsexperten" beim "Tagesanzeiger", Michael Meier, zu Wort kommen lässt, und zwar zu Papst Leo XIV., dem er zwar Brückenbauerqualitäten attestiert, ihm aber gleichzeitig eine zögerliche Haltung bei den sattsam bekannten Themen wie Zölibat, Frauenpriestertum oder Homosexualität vorwirft.
  • user
    Joseph Laurentin 09.08.2025 um 13:35
    Eigentlich wäre der Einsiedler Alt-Abt Martin Werlen der perfekte «Aufbruch»-Chefredaktor gewesen, weil seine Mischung aus Kardinälinnen-Träumen und Dauerreformrhetorik exakt in die Tradition des Blattes gepasst hätte. Den ersehnten Turnaround aber hätte auch er nicht geschafft.