Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des letzten Vertiefungswochenendes vor der Kulisse des Klosters Disents. (Bild: zVg)

Kirche Schweiz

Klos­ter Disen­tis – den eige­nen Reich­tum mit jun­gen Men­schen teilen

Schon seit vie­len Jah­ren enga­gie­ren sich die Mön­che des Bene­dik­ti­ner­klos­ters Disen­tis für die Jugend. Mit ihrer «Jugend­vi­gil» tra­fen sie einen Nerv der Zeit. Heute ant­wor­ten sie mit dem «Ver­tie­fungs­wo­chen­ende» oder dem Ange­bot «Grosse Stille» auf die Bedürf­nisse der jun­gen Menschen.

Fast zuoberst im Vorderrheintal von Graubünden liegt das Kloster Disentis. Für die um das Jahr 700 gegründete Abtei wird bereits 1285 eine Klosterschule erwähnt; heute führt die Mönchsgemeinschaft ein Gymnasium.

Neben der Schule ist den Mönchen auch die Begleitung von Jugendlichen und jungen Menschen ein wichtiges Anliegen. 1991 lancierten Bruder Stefan Keusch und Pater Bruno Rieder das erste Angebot: Junge Männer konnten die «Heiligen drei Tage» – von Gründonnerstag bis Ostermontag – mit der Klostergemeinschaft feiern. Zusätzlich erhielten sie für jeden Tag einen geistlichen Impuls. «Dieses Angebot besteht bis heute», erzählt Pater Bruno im Gespräch. Für manche spätere Mitbrüder war dies der erste Kontakt zum Kloster, so auch für Bruder Benedikt Meier. «Während man in der Pfarrei die einzelnen Gottesdienste mitfeiert, erlebt man das Triduum dank des Stundengebets als eine liturgische Einheit. Eine solch intensive Erfahrung hatte ich noch nie gemacht.» Heute nennt sich das Angebot «Ostern intensiv» und ist nach wie vor nur für junge Männer offen. «Die Teilnehmer werden für diese Zeit in unsere Klostergemeinschaft integriert, dürfen also die Klausur betreten. Dies ist für Frauen nicht möglich.»

«Jugendvigil» – Ort der Begegnung und Vernetzung
1998 boten die Mönche in Disentis erstmals die heute noch vielen bekannte «Jugendvigil» an. Auslöser dafür waren zwei Ereignisse im Jahr 1997: Die Reliquien der heiligen Thérèse von Lisieux kamen in die Schweiz und machten unter anderem im Kloster Disentis Station. Aus der vorgesehenen Andacht entwickelte sich eine Gebetsnacht, die sehr gut besucht war. Im selben Jahr fand in Paris der Weltjugendtag statt. «Einige junge Mitbrüder waren dabei und kamen völlig begeistert zurück, erinnert sich Pater Bruno. «Für mich war klar, dass diese Begeisterung der jungen Menschen weitergehen soll.» So entstand die «Jugendvigil». Es war das erste Angebot dieser Art für die Jugend in der Schweiz, entsprechend gross war das Interesse. Die Vigil begann am Freitagabend mit einer Vesper. Anschliessend pilgerten die jungen Menschen zur Kapelle Sontga Gada, wo sie Zeugnisse gaben und hörten. Zurück im Kloster gab es während der Nacht Workshops und die Möglichkeit der Anbetung. Für Pater Bruno war es wichtig, das Angebot für möglichst alle offen zu halten. Deshalb wurde die Nacht anhand des Stundengebets gestaltet, was mehr Freiraum bot. Doch abgeschlossen wurde die Vigil immer mit einer Heiligen Messe. Regelmässig nahmen 150 bis 200 Jugendliche und junge Menschen teil.

Viele der Jugendlichen, die an der «Jugendvigil» teilnahmen, waren auch in geistlichen Gemeinschaften wie z. B der Fokolarbewegung engagiert oder in Jugendgruppen wie z. B. Jugend 2000. «Diese trafen sich hier in Disentis und so entstand eine grössere Vernetzung unter ihnen», erinnert sich Pater Bruno. «Unter anderem entstand so die Idee für ein gesamtschweizerisches Angebot für die Weltjugendtage, und der erste Deutschschweizer Weltjugendtag fand bei uns in Disentis statt.»
 


Suche nach dem Woher und Wohin
Im Laufe der Jahre gab es ähnliche Angebote an anderen Orten der Schweiz und die Zahl der Teilnehmer an der Vigil nahm ab. 2011 trat Pater Paul Tobler in Disentis ein. Er war bereits vorher stark in der Jugendarbeit engagiert und unter anderem Mitgründer von Adoray. Ihm war schnell klar, dass es die «Jugendvigil» in der bisherigen Form nicht mehr brauchte, und er hatte gleich ein paar Ideen. «Das ist das Schöne hier im Kloster, dass man den Jüngsten viel Freiraum schenkt.» Im Gespräch waren sich die Brüder einig, dass es bereits genügend «Events» gab, und dass die jungen Menschen jetzt Katechese und Glaubensvertiefung wünschten. Zunächst lief der Anlass noch unter dem Namen «Jugendvigil» weiter, war jetzt aber thematischer und mit mehreren Vorträgen.

Als Bruder Laurentius Sauterel für die «Jugendvigil» ein neues Konzept unter dem Namen «Vertiefungswochenende» vorschlug, reagierte Pater Bruno zunächst skeptisch. «Ich dachte, die theologischen Inhalte würden die jungen Menschen überfordern, doch es zeigte sich, dass sie genau das suchten.» Der Anlass beginnt am Freitagabend zunächst gemütlich mit einem Glas Wein oder Bier. Am Samstag gibt es die Möglichkeit, die Vigil mit der Mönchsgemeinschaft mitzufeiern (5.30 Uhr), danach folgt um 7.30 Uhr die Heilige Messe. Von 9 bis 11.45 Uhr findet das erste Referat statt. Am Nachmittag wandern die Teilnehmer nach Sontga Gada für Lobpreis oder Zeugnisse. Es folgt die nächste Einheit bis zur Vesper und die letzte Einheit am Sonntagmorgen. Den Samstagabend wird zusammen mit Adoray gestaltet. Die Vorträge dauern insgesamt sieben Stunden; unter den Referenten sind so bekannte Namen wie Ludger Schwienhorst-Schönberger, Marianne Schlosser oder Sr. Justina Metzdorf. «Wir suchen hochwertige Theologen, die aus einer tiefgründigen Beziehung mit Gott zu uns reden», erzählt Bruder Laurentius. «Das Vertiefungswochenende soll zu einem besseren Verständnis der Heiligen Schrift verhelfen und die Teilnehmer in ihrer persönlichen Beziehung zu Gott stärken.» Die jungen Menschen seien auf der Suche nach Sinn, nach Transzendenz. «Die Generation der 20- bis 30-Jährigen merkt, dass das, was die Welt anbietet, nicht alles ist. Und sie stellen fest, dass die Gesellschaft nie über die Herkunft des Menschen nachdenkt, nie über den Sinn der Existenz.» Während der Zugfahrt nach Fribourg, wo er aktuell Theologie studiert, kommt es immer wieder zu Gesprächen. «Viele Menschen wundern sich, dass heute noch ein junger Mensch in ein Kloster eintritt. Oder auch, dass ein gläubiger Mensch in der Wissenschaft tätig sein kann. Dies wirft viele Fragen auf.»
 


Pater Paul, der bei der Koordination der verschiedenen Jugendanlässe mitwirkt, staunt manchmal über den Eifer, die Ausdauer und die Ernsthaftigkeit der Teilnehmer. Er selbst ist an der Schule tätig und vor allem als Seelsorger an den Jugendangeboten aktiv beteiligt. So zum Beispiel während der Kurzexerzitien «Grosse Stille».


Die Stille und das eigene Ich aushalten
«Es sind andere Menschen, die in die Grosse Stille kommen», weiss Bruder Benedikt zu erzählen. «Manche sind in der Kirche beheimatet, andere kommen von aussen.» Einige suchen im Internet einfach nach einem Angebot der Stille und landen dann bei diesem christlichen Angebot und lassen sich darauf ein.

Am Freitagmorgen werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Ablauf und den «Sinn» der Exerzitien eingeführt. Sie erhalten auch eine Anleitung zur Lectio Divina, denn die nächsten Tage sollen sie sich mit einem Bibeltext auseinandersetzen. Gerade für kirchenferne Menschen ist die Sprache der Bibel zunächst befremdlich. Aber auch die ungewohnte Stille ist nicht immer so leicht auszuhalten. «Alle erhalten deshalb eine Telefonnummer, die sie anrufen können, wenn sie es nicht mehr aushalten.» Neben den täglichen Impulsen stehen die Mönche auch für Begleitgespräch oder für die Beichte zur Verfügung. «Ich bin immer wieder erstaunt, wie tief diese Begleitgespräche gehen», so Bruder Benedikt. «Wenn man einmal Zeit für sich hat, kommen die existenziellen Fragen.» Das Angebot «Grosse Stille» möchte einen Rahmen bieten, in dem diese Auseinandersetzung mit sich selbst möglich wird. Am Sonntagmittag wird das Schweigen gebrochen und die Teilnehmer können miteinander ins Gespräch kommen. Unter ihnen sind oft auch Reformierte oder Studenten, die ein Auslandssemester in der Schweiz machen. «Es ist auch für uns eine schöne Erfahrung», gibt Pater Paul zu bedenken. «Wir merken, dass wir unser Leben teilen können, dass wir eine geistliche Quelle sein dürfen.»

14 Kirchen und Kapellen auf einen Streich
Weitere Angebote des Klosters sind der «Kapellenweg» oder «Praisegod». Rund um das Kloster Disentis befinden sich 14 Kapellen und Kirchen. Da es auch 14 Kreuzwegstationen gibt, entstand 2018 als eine erste Idee, an einem Tag alle Kapellen und Kirchen aufzusuchen und in jeder eine Kreuzwegstation zu betrachten. «Doch dafür muss man recht sportlich sein», meint Bruder Benedikt lachend. Denn die Strecke zieht sich über rund 20 Kilometer mit vielen Höhenunterschieden – die Hängebrücke La Pendenta gab es damals noch nicht. «Wir boten diesen Kreuzweg jeweils in der Fastenzeit an. Einmal gab es viel Schnee und wir waren total durchfroren.» Das Angebot wurde entsprechend angepasst: Der «Kapellenweg» findet jetzt jeweils am Samstag vor dem Eigenfest des Klosters «Mater misericordiae» im Sommer statt. Auf der gekürzten Strecke – in einem Jahr besucht man die Kapellen und Kirchen talabwärts, im nächsten Jahr jene talaufwärts – wird als Vorbereitung auf das Fest das Leben der Gottesmutter betrachtet.

Mit «Praisegod» wollte man ein Angebot für die Umgebung schaffen. Da das Einzugsgebiet überschaubar ist, kommen nicht so viele zum Lobpreisabend. «Aber es geht in erster Linie um das Lob Gottes», erklärt Bruder Nicola, der für das Angebot die Verantwortung trägt und erst vor einem Jahr in Disentis eingetreten ist. Die jungen Männer, die in den letzten Jahren eingetreten sind, sind sehr musikalisch und begleiten die Lieder mit Klavier oder auch einmal mit der Ukulele.
 


Den eigenen Reichtum teilen
Die Gemeinschaft der Benediktiner darf sich über regelmässige Eintritte freuen. «Aktuell haben wir zwei Einfache Professen, zwei Novizen und einen Kandidaten», gibt Pater Bruno Auskunft. Einige Mitbrüder sind über die Jugendangebote mit dem Kloster in Berührung gekommen, doch diese werden nicht deshalb angeboten. «Ich habe bereits ganz zu Beginn meinen Mitbrüdern gegenüber klar zum Ausdruck gebracht, dass unsere Angebote keine Rekrutierungsveranstaltungen sein sollen. Wir machen die Angebote für die jungen Menschen.»

Es wird auch in Zukunft wieder Veränderungen geben. Die Frage sei, was sie als Benediktiner anbieten können, wo ihre Stärken liegen. Hier sieht Pater Bruno vor allem die Schätze der Liturgie, der Kirchenväter und allgemein des Mönchtums.

Die Anlässe sind immer Angebote von mehreren Brüdern. «Der Anstoss mag von einem einzelnen Mitbruder ausgehen, aber getragen wird der Anlass von allen. Jeder bringt seine Fähigkeiten mit», erklärt Pater Bruno. Angesprochen auf den beträchtlichen Aufwand, meint er: «Unser Konzept besteht darin, die Organisation möglichst klein zu halten. Wir delegieren die Aufgaben und vertrauen einander.» Und fügt mit einem Schmunzeln an: «Wir haben alle schon genug zu tun.»

Das Kloster verfügt – auch dank der Schule – über eine gute und grosse Infrastruktur. Bruder Laurentius schätzt die Offenheit und Flexibilität seiner Mitbrüder gegenüber den jungen Menschen, die kommen. «Wenn jemand mit einer Gruppe Jugendlicher ein Wochenende bei uns verbringen möchte, stösst er im Kloster Disentis immer auf offene Ohren.» Selbst kurzfristige Anfragen versucht die Mönchsgemeinschaft unter ihrem Abt Vigeli Monn zu ermöglichen – Bruder Franz Bommer ist in solchen Fällen als Organisator in seinem Element.

Die Benediktiner von Disentis bieten nicht nur eigene Angebote an, sondern arbeiten auch in verschiedenen OKs von Jugendangeboten mit (Adoray, Weltjugendtag, Jugendfestival Medjugorje) oder wirken dabei als Geistliche Begleiter. Aber auch als Teilnehmer sind sie immer wieder anzutreffen.

Dass so viele Jugendliche und junge Frauen und Männer den Weg in das doch recht abgelegene Kloster finden, erklärt Bruder Laurentius so: «Die jungen Menschen spüren, dass sie in Disentis einen Ort haben, wo die Mönche ein Interesse daran haben, dass sie im Glauben wachsen können.»
 

Informationen zu den Jugendangeboten des Klosters Disentis finden sich hier


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

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    Daniel Ric 31.01.2026 um 08:53
    Vielen Dank für diesen schönen Artikel. Oft beklagen wir uns über den Niedergang des Glaubens in der Schweiz, sehen aber solche Aufbrüche, die ermutigend sind, nicht. Die Mönche aus dem Kloster Disentis zeigen uns, wie man auf die Glaubenskrise, die es seit 2000 Jahren gibt (Krise entstammt ja dem griechischen Wort für Entscheidung. Jede Generation musste, muss und wird sich auch in Zukunft bewusst für Christus entscheiden müssen), reagieren soll. Man muss unaufgeregt religiöse Angebote schaffen und das Evangelium mit einer grossen Freude verkünden. Es gibt sehr viele Menschen, vor allem auch junge, die Christus suchen. Grundsätzlich glaube ich, dass jeder Mensch in seinem Herzen Christus sucht. Wir sollten durch unser Leben ein Zeugnis abgeben, wie erfüllend es ist, Christ zu sein.
  • user
    Martin Meier-Schnüriger 30.01.2026 um 14:05
    In grond "Engraziel fetg" per quest commentari! Wieder einmal sehen wir ein Beispiel dafür, dass es die Klöster sind, welche in schwierigen Zeiten die Kirche lebendig erhalten. Die "weisse Arche", wie das Kloster Disentis gelegentlich auch genannt wird, ist eine wahre Gottesburg. Nicht zufällig zieht es junge Menschen nicht nur zur Jugendvigil, sondern auch zum Eintritt ins Ordensleben.