(Bild der Kirchentür: chris robert/Unsplash; Collage: swiss-cath.ch)

Kirche Schweiz

Kom­mer­zia­li­sie­rung des Sonn­tags: Bischöfe gegen Vor­lage des Bundes

Bun­des­rat und Par­la­ment pla­nen eine Ver­drei­fa­chung der ver­kaufs­of­fe­nen Sonn­tage. Die Schwei­zer Bischöfe weh­ren sich im Ver­bund mit wei­te­ren Ver­tre­tern der Zivil­ge­sell­schaft gegen diese mas­sive Aus­wei­tung der Sonntagsarbeit.

Da hat für einmal ein Sozi voll ins Schwarze getroffen. Die Rede ist von Cédric Wermuth, Co-Präsident der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz. Zielscheibe seines Volltreffers: Der Bundesrat, der in einer Mitteilung vom 22. April 2026 einen Vorschlag der Ständeratskommission für Wirtschaft und Abgaben ausdrücklich begrüsst. Der Vorschlag bezweckt, den Kantonen zu erlauben, die Obergrenze von bislang vier verkaufsoffenen Sonntagen zu verdreifachen.

Cédric Wermuth nennt diese Kommerzialisierung des Sonntags einen «inakzeptablen Angriff auf den Schutz der Lohnabhängigen» (Weltwoche). Damit würde die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben geschwächt und kleinere Geschäfte zusätzlich unter Druck gesetzt. Die SP wolle dieses Ansinnen im Parlament «mit aller Entschlossenheit bekämpfen».

Zur Chronologie:
Am 12. Dezember 2023 hatte der Kanton Zürich eine Standesinitiative mit folgendem Titel eingereicht: «Zeitlich befristete Flexibilisierung der Ladenöffnungszeiten.» Der Inhalt der Standesinitiative lautet: «Die Ladenöffnungszeiten sind weiter zu flexibilisieren, indem die Anzahl der Sonntagsverkäufe und deren erlaubte Frequenz von heute vier auf zwölf Sonntage pro Jahr erhöht werden. Das Arbeitsgesetz und die dazugehörige Verordnung werden in diesem Sinne angepasst.»

Die mit der Materie erstbefasste Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Ständerates (WAK-S) befürwortete die Standesinitiative und erarbeitete dazu eine eigene Vorlage, die sie am 15. August 2025 der Vernehmlassung unterbreitete. Darauf gestützt wurde die Vorlage bereinigt und mit Beschluss vom 16. Februar 2026 zuhanden von Parlament und Bundesrat verabschiedet.

«Detailhandelsgeschäfte befruchten sich gegenseitig»
Die WAK-S begründet die Ausdehnung der Sonntagsarbeit von bisher vier auf neu zwölf verkaufsoffene Sonntage vor allem mit den veränderten Einkaufsgewohnheiten der Bevölkerung: «Das Einkaufen vor Ort dient nicht mehr nur der Deckung von Grundbedürfnissen, sondern erhält vermehrt den Charakter einer Freizeitbeschäftigung. Das Einkaufs- und Beratungserlebnis rückt in den Vordergrund, oft in Kombination mit gastronomischen und kulturellen Angeboten. Dies führt zu einer Belebung der Innenstädte, wo sich Detailhandel und andere Angebote gegenseitig befruchten können, was den Konsum und damit die Wirtschaftsleistung steigert und in diesen Branchen wertvolle Arbeitsplätze sichert.» Diesem Bedürfnis müsse der Detailhandel entgegenkommen, wolle er nicht weiter an Boden verlieren. Letzteres insbesondere infolge des boomenden Online-Handels sowie des den Einkaufstourismus im Ausland begünstigenden Wechselkursverhältnisses.

In der Vernehmlassung hatten sich die Parteien FDP, GLP und SVP sowie wirtschaftsnahe Organisationen positiv zur Vorlage geäussert. Abgelehnt wurde sie von der EDU, EVP und SP sowie von Gewerkschaftskreisen. Was auffällt: Die aus der Fusion der Christlich-Demokratischen Partei (CVP) und der Bürgerlich-Demokratischen Partei (BDP) BDP hervorgegangene neue Partei «Die Mitte» entzog sich einem Positionsbezug. Dabei müsste eigentlich das Thema Sonntagsruhe ein Kernanliegen jener Kräfte sein, die aus der ehemaligen CVP stammen und den Hauptharst der neuen Partei «Die Mitte» bilden. Aber offenbar wollte man die ehemaligen BDP-ler nicht vor den Kopf stossen, die sich einem Politikverständnis verpflichtet fühlen, das mit dem christlichen Erbe unserer Kultur möglichst wenig zu tun haben will. Ein Armutszeugnis ist das Abtauchen der Partei «Die Mitte» bei dieser wichtigen gesellschaftspolitischen Frage auf jeden Fall.

Nein zur ausufernden Kommerzialisierung des Sonntags
Für die mehr als 30 Mitgliederorganisationen umfassende Sonntagsallianz, in der auch die Schweizer Bischofskonferenz durch ihre Kommission «Justitia et Pax» vertreten ist, soll gemäss ihrer Gründungserklärung aus dem Jahre 2012 der Sonntag auch in Zukunft ein Sonntag sein, sprich ein Tag, der diesen Namen auch verdient. Dies bedeutet:

  • ein Tag der Ruhe und Erholung, was auch dem Gesundheitsschutz dient;
  • ein Tag der Familie, der Begegnung und der Gemeinschaft;
  • ein Tag der religiösen und spirituellen Besinnung;
  • ein Tag der Gottesdienste;
  • ein Tag des Freiraums des Engagements und der vielfältigen Aktivitäten in Freizeit, Sport Kultur oder zugunsten des Gemeinwohls.

Entsprechend ihrer Zielsetzung hat die Sonntagsallianz auf die geplante Ausdehnung der Sonntagsarbeit reagiert. Wörtlich schreibt sie in ihrer Stellungnahme vom 22. August 2025: «Es braucht eine wöchentliche Auszeit von den stetig wachsenden Anforderungen des Arbeitslebens und der Sonntag ist auch ein Mehrwert für die Gesundheit, um sich zu erholen und Kraft für die kommende Woche zu tanken. Der Sonntag ist in unserer Gesellschaft grundsätzlich als gesetzlich geschützter arbeitsfreier Tag verankert. Gerade in unserer pluralen Gesellschaft ist der Sonntag ein einigender, gemeinsamer Tag der Ruhe und des Zusammenkommens: sei es aus religiösen, kulturellen oder ganz praktischen Gründen. Der ‹freie Sonntag› ist ein Eckpfeiler des familiären, sozialen, sportlichen, spirituellen und kulturellen Lebens. Die Erwerbsarbeit soll deshalb an diesem Tag auf berufliche Tätigkeiten beschränkt bleiben, die für die Gesellschaft unerlässlich sind. Die Sonntagsallianz ruft Politik und Gesellschaft dazu auf, den Sonntag nicht kurzfristigen Wirtschaftsinteressen zu opfern. Der arbeitsfreie Sonntag ist ein gemeinschaftliches Gut – und verdient unseren Schutz.»

Die eigens von der Sonntagsallianz in Auftrag gegebene, von der Universität Bern erstellte Studie «Auswirkungen von Sonntagsarbeit» untersucht insbesondere die Arbeitsbedingungen von Beschäftigten im Niedriglohn-Sektor, wie sie für die Sonntagsarbeit typisch sind.

Bischofskonferenz spricht Klartext
Die Kommission Vox Ethica der Römisch-katholischen Kirche hat in einer eigenen Stellungahme vom 13. Oktober 2025 insbesondere im Licht der katholischen Soziallehre zur geplanten Revision des Arbeitsgesetzes Stellung genommen. Darin heisst es unter anderem: «Die Initiative zielt darauf ab, die Lebensbedingungen der ohnehin schon am stärksten benachteiligten Menschen zu verschlechtern, indem ihnen die Möglichkeit genommen wird, einen gemeinsamen freien Tag mit allen anderen zu geniessen, nämlich den Sonntag […] Zur Wahrung der Menschenwürde braucht es Zeit für andere Aktivitäten als die bezahlte Arbeit. Zeit, die nicht der wirtschaftlichen Leistung oder dem Konsum gewidmet ist […] Die Selbstverwirklichung ausschliesslich durch das Prisma der Konsumfreiheit zu sehen, ist eine verkürzte Sichtweise des Menschen. […] Eine Reflexion über den übermässigen Konsum ist notwendig, da er zur Zerstörung der natürlichen Ressourcen, zur Verarmung, zur Umweltverschmutzung, zur Verschwendung beisteuert.»

Vox Ethica verweist zudem auf die einschlägigen Dokumente des kirchlichen Lehramtes: den Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 1997 sowie auf das Apostolische Schreiben «Dies Domini» (1998) von Papst Johannes Paul II.

Gegenüber «swiss-cath.ch» bekräftigt der Sprecher der Bischofskonferenz, Maurice Greder, diesen Positionsbezug: «Der arbeitsfreie Sonntag ist kein beliebig verschiebbares ‹Nice-to-have›, sondern ein wesentliches Schutzgut: für Familie und Gemeinschaft, für Erholung und Gesundheit der Arbeitnehmenden – und für die freie Religionsausübung.» Ausdrücklich erinnert er an die kirchliche Lehre, derzufolge wirtschaftliche Zwänge nicht dazu führen dürfen, Menschen ohne Not so zu binden, dass die Feier des Sonntags verunmöglicht wird.


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

E-Mail

Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


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Bemerkungen :

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    Peter Elisabeth 05.05.2026 um 14:28
    Der Detailhandel beklagt einerseits den akuten Arbeitskräftemangel und warnt konsequent vor den Folgen einer Annahme der Initiative «Keine 10 Mio. Schweiz» – wie etwa Migros-Chef Mario Irminger – vor reduzierten Öffnungszeiten, Filialschliessungen und einem schlechteren Servicelevel, falls die Zuwanderung stärker begrenzt würde. Andererseits setzt sich derselbe Detailhandel nun für eine Ausweitung(Verdreifachung) der Sonntagsarbeit ein, also für zusätzliche Arbeitszeiten, die ebenfalls Personal erfordern. Logischerweise müsste die Branche angesichts ihrer eigenen Warnungen erst recht dagegen votieren. Anstatt den Sonntag als zusätzlichen Arbeitstag zu betrachten, muss er endlich wieder als klarer Ruhe- und Feiertag geschützt werden. Eine solche Forderung ist auch notwendig, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Lebensqualität zu sichern.
  • user
    Josef Köchle 05.05.2026 um 11:35
    FDP, GLP und SVP haben sich positiv zur Sonntagsarbeit geäussert, die SP negativ. Welche Partei ist hier gottlos?