Die heute wieder als Moschee genutzte Hagia Sophia. (Bild: Marion Schneider & Christoph Aistleitner, Public domain via Wikimedia Commons)

Weltkirche

Kon­flikt– und Frie­den­s­po­ten­tial zugleich: Papst­reise in die Türkei

Papst Leo XIV. reist vom 27. Novem­ber bis 2. Dezem­ber in die Tür­kei und den Liba­non. Auf ihn war­ten sech­zehn Anspra­chen, zwei Staats­prä­si­den­ten, ein Kon­zils­ju­bi­läum und eine in ihrer Exis­tenz bedrohte christ­li­che Minderheit.

Die Reiseziele hatte noch Papst Franziskus gesetzt. Nun wird Papst Leo die beiden mehrheitlich muslimisch geprägten Länder besuchen.

Seine Reise führt ihn zunächst in die Türkei. Die Beziehungen zwischen dem Vatikan und dem Brückenland zwischen Asien und Europa wurden immer wieder durch schwere religionspolitische Verwerfungen belastet. Einige Streiflichter:

Im Jahr 1915 intervenierte Papst Benedikt XV. vergeblich bei Sultan Mehmet V. gegen die Gewalttaten an den Armeniern. Er bat den Sultan um «Mitleid mit dem Schicksal [...] des schwer bedrängten armenischen Volkes, das an den Rand der Vernichtung gebracht wurde». Die türkische Regierung verzögerte die Überbringung des Briefes, bis die Deportationen und Massaker weitgehend abgeschlossen waren.

Nach weiteren Ausschreitungen gegen Armenier im Osten des Osmanischen Reiches intervenierte der Papst 1918 erneut beim Sultan. Er beauftragte den damaligen Nuntius in Deutschland, Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII., bei der Regierung in Berlin zugunsten der Armenier vorzusprechen. Das Deutsche Reich war damals der wichtigste Verbündete der Osmanen – doch Berlin schwieg.

1921 wurde in Istanbul – wenige Wochen vor seinem Tod – ein Denkmal für den Friedenspapst Benedikt XV. aufgestellt. Es erinnert an seine vielfältigen humanitären Hilfsleistungen für die Notleidenden und an seine unermüdlichen, letztlich vergeblichen diplomatischen Bemühungen, die kämpfenden Mächte Europas zu einem Frieden zu bewegen. Die Inschrift lobt den «grossen Papst der Welttragödie Benedikt XV. – Wohltäter der Völker ohne Unterschied der Nationalität und Religion, zum Zeichen der Dankbarkeit des Orients (1914–1919)».

Nur zwei Jahre später entstand die Türkische Republik unter dem streng laizistischen Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk. Dieser wandelte die Hagia Sophia, bis 1453 die Hauptkirche des orthodoxen Christentums und danach Moschee, in ein Museum um.

1960 nahmen unter Johannes XXIII., einst Nuntius in Ankara, die Türkei und der Vatikan erstmals in der Geschichte von Osmanischem Reich und Türkischer Republik volle diplomatische Beziehungen auf.

1967 reiste Paul VI. als erster Papst der Neuzeit in die Türkei. Er kniete in der vormaligen Kirche und Moschee Hagia Sophia zum Gebet nieder und brachte damit den türkischen Aussenminister in Verlegenheit.

Johannes Paul II., der die Türkei 1979 besuchte, sprach zum Abschluss seiner Armenien-Reise (2001) erstmals von Völkermord an den Armeniern. Dies wurde 2013 von Papst Franziskus wiederholt, worauf die Türkei offiziell Protest einlegte; die Äusserung sei «absolut inakzeptabel». 2015 bezeichnete Franziskus bei einem Gottesdienst mit mehreren tausend Armeniern die Verfolgung der Armenier im Ersten Weltkrieg als «ersten Genozid des 20. Jahrhunderts». Die Türkei protestierte scharf. Sie zog ihren Botschafter beim Heiligen Stuhl ab und bestellte den Vatikanbotschafter in Ankara ein. Der Gesprächsfaden zwischen Papst Franziskus und Erdogan zu aktuellen politischen Fragen, etwa dem Nahost-Konflikt, dem Ukraine-Krieg oder dem schweren Erdbeben in der Türkei und in Syrien 2023, riss jedoch in den folgenden Jahren nie ab.

Blaue Moschee, Nizäa und Einheit unter den Christen
Nach seinen direkten Vorgängern Benedikt XVI. (2006) und Franziskus (2014) besucht jetzt auch Papst Leo XIV. die Türkei.

Wie üblich wird er an seinem Ankunftstag, dem 27. November, in Ankara von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan empfangen. Doch der Höflichkeitsbesuch schliesst diplomatisch gesehen kritische Worte gegenüber dem Gastgeber praktisch aus.

Bei der ersten Türkei-Visite eines Papstes 1967 besuchte Paul VI. die berühmten Hagia Sophia, damals ein Museum. 2020 liess Erdogan diese wieder zur Moschee umwidmen, was viele als unfreundlichen Akt empfanden. Papst Leo hat sich entschieden, nicht die Hagia Sophia zu besuchen, sondern die Sultan-Ahmet-Moschee in Istanbul. In dem wegen seiner Fassade «Blaue Moschee» genannten Gotteshaus war 2006 bereits Benedikt XVI. Es wird genau beobachtet werden, ob und allenfalls in welcher Form er in dem islamischen Gotteshaus eine Gebetsgeste zeigt.

Das lange erwartete Gedenken an 1700 Jahre Konzil von Nizäa findet dann am Freitagnachmittag statt: Papst Leo wird zusammen mit dem griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomaios I. ein knapp einstündiges ökumenisches Gebet nahe der archäologischen Ausgrabung der antiken Basilika Sankt Neophyt halten. Im heutigen Iznik befinden sich fast nur Ruinen; Überreste einer lange unter Wasser gelegenen Kirche wurden in den vergangenen Monaten eilig hergerichtet.

Am Samstag folgt nach einer orthodoxen Liturgie in der Patriarchalkirche Sankt Georg in Istanbul die Unterzeichnung einer Gemeinsamen Erklärung mit Bartholomaios. Beobachter erhoffen sich davon konkrete Schritte in Richtung Einheit der Christen. Erst 1965 wurde der gegenseitige Kirchenbann zwischen Rom und Konstantinopel aufgrund des Grossen Schismas 1054 nach mehr als 900 Jahren aufgehoben.

Die Einheit der Christen betont Leo durch Treffen mit Vertretern der verschiedenen Konfessionen in der syrisch-orthodoxen Kirche Mor Ephrem und der armenisch-apostolischen Kathedrale sowie der Teilnahme an mehreren orthodoxen Liturgien. Heute sind maximal 150 000 der rund 85,5 Millionen türkischen Bürger Christen, darunter offiziell bis zu 60 000 Armenier. Für die rund 36 000 Katholiken in der Türkei feiert Leo am Samstagnachmittag eine Messe in der «Volkswagen Arena».

Am Sonntag, 30. November, dem Fest des orthodoxen Patrons Andreas, wird Leo XIV. bei einem Gottesdienst wiederum in der Patriarchalkirche gemeinsam mit Bartholomaios den ökumenischen Segen erteilen. Am frühen Nachmittag fliegt er weiter Richtung Beirut.
 

Christen in der Türkei
Die heutige Türkei zählt zu den wichtigsten Regionen des frühen Christentums. Noch bis ins 20. Jahrhundert stellten die Christen im Kernland des damaligen Osmanischen Reiches eine bedeutende Minderheit von etwa 30 Prozent der Bevölkerung. Bis heute sank ihre Zahl auf geschätzt nur noch etwa 100 000 bis 150 000; mehr als 99 Prozent in der Türkei sind Muslime.
Ursachen für den drastischen Rückgang des Christentums sind unter anderem die Massenmorde an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs, der tiefgreifende griechisch-türkische Bevölkerungsaustausch im Zuge des Vertrags von Lausanne 1923 (osmanische Griechen und christliche Türken nach Griechenland, griechische Muslime in die Türkei), ein antichristliches Pogrom 1955 sowie eine für Christen über Jahrzehnte diskriminierende Religionspolitik.
Die Griechisch-Orthodoxen sind neben den Armeniern und den Juden die einzige offiziell anerkannte nichtmuslimische Religionsgemeinschaft der Türkei. Der Vatikan verzeichnet für die Türkei 36 000 Katholiken, wobei die römisch-katholischen Christen zumeist zugereiste Ausländer sind.


KNA/Redaktion


Kommentare und Antworten

×

Name ist erforderlich!

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gültige E-Mail ist erforderlich!

Gib eine gültige E-Mail Adresse ein

Kommentar ist erforderlich!

Captcha Code Kann das Bild nicht gelesen werden? Klicken Sie hier, um zu aktualisieren

Captcha ist erforderlich!

Code stimmt nicht überein!

You have reached the limit for comments!

* Diese Felder sind erforderlich.

Bemerkungen :

  • user
    Josef Köchle 21.11.2025 um 11:43
    Die Aufhebung der Exkommunikation zwischen Paul VI. und Bartholomäus I. war ein Theater, da die Trennung weiter bestand.