Der Tessiner Spezialist für Künstliche Intelligenz Bruno Giussani beim Signieren seines neuesten Buches «Der belagerte Geist», das bald auch auf Deutsch erscheint. (Bild: Kathrin Benz)

Hintergrundbericht

Künst­li­che Intel­li­genz: Rea­gie­ren, bevor es zu spät ist

Künst­li­che Intel­li­genz (KI) beherrscht und mani­pu­liert zuneh­mend unsere Lebens– und Arbeits­welt, ohne dass wir es mer­ken. Der Mensch lie­fert sein Den­ken und Füh­len inter­na­tio­na­len Tech-​Riesen aus. Ist Wider­stand über­haupt noch mög­lich? Der welt­be­kannte Spe­zia­list für KI und ehe­ma­lige Online-​Strategiechef des WEF, Bruno Gius­sani, appel­liert in sei­nem neu­es­ten Buch «Der bela­gerte Geist» für mehr Sou­ve­rä­ni­tät. Der Tes­si­ner hat es ges­tern in Bel­lin­zona vor­ge­stellt und zeich­net ein düs­te­res Bild. Aber noch ist nicht alles verloren.

«Wenn du der Teufel wärst, was würdest du tun, um die Köpfe der Jugendlichen der kommenden Generationen zu zerstören, ohne dass sie es merken?» Diese Frage stellten vor einem Jahr mehrere Personen in den Sozialen Medien dem Computerassistenten ChatGPT. Und mit dieser Frage beginnt der Tessiner Fachmann für Künstliche Intelligenz sein neuestes Buch «Der belagerte Geist. Wie man sich im Zeitalter der künstlichen Intelligenz nicht manipulieren lässt». Bruno Giussani gehört zu den weltweit meistbeachteten Spezialisten für Künstliche Intelligenz, hat 20 Jahre die internationalen TED-Talks (jährlich wiederkehrende Innovationskonferenzen in Kalifornien) geleitet und war am WEF für die Online-Strategie verantwortlich.

Die Antwort von ChatGPT auf die Teufels-Frage ist beängstigend real: «Überflutet die jungen Menschen mit Vergnügungen und Lärm ohne Ende. Klebt sie an ihren Bildschirmen fest, wo sie durch oberflächliche Inhalte scrollen. Sorgt dafür, dass sie sich nie langweilen, denn aus Langeweile entstehen Fantasie, Reflexion und tiefgründige Gedanken. Lasst die Wahrheit subjektiv erscheinen, als ob jede Version gleichwertig ist, auch wenn dies eindeutig nicht der Fall ist. Verwischt die Grenzen zwischen Meinungen und Fakten. Durchdringt die Kultur mit Angst und Zynismus. Fördert die Vorstellung, dass kritisches Denken elitär und nutzlos ist. Gestaltet die Welt durch Beschleunigung und Bequemlichkeit. Fördert digitale statt echte menschliche Beziehungen. Gebt ihnen Follower statt Freunde, Kommentare statt Gespräche. Kurz gesagt: Um die nächste Generation zu zerstören, braucht es Ablenkung, Verwirrung, Isolation und Demoralisierung».

Allgegenwärtige Künstliche Intelligenz
Man braucht sich nur in den Medien, an den Schulen oder bei den Jugendpsychologen umzuhören, um zu erkennen, dass wir in diesem Sinne schon ein weites Stück des Weges gegangen sind. Die KI ist eine Realität, die uns alle erfasst hat, im Guten wie im Schlechten, und es gibt kein Zurück, wie Bruno Giussani betont. Es wird bald keine Berufe mehr geben, die nicht irgendwie mit digitalen Maschinen zu tun haben – überall in unserem Alltag steckt KI. Es gibt unzählige positive Beispiele für diese Entwicklung, wie die Hilfe von Computern beim Interpretieren von Röntgenbildern oder bei der Kommunikation.

Aber er warnt: «Wir haben Maschinen geschaffen, welche die menschliche Intelligenz simulieren. Und nun sind wir überzeugt, dass sie intelligent sind.» Sie sind es aber nicht, sondern sie verarbeiten bloss Unmengen an Informationen, mit denen man sie gefüttert hat. Wissen ist Macht. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber heute ist Wissen eine unfassbare Flut von Daten von Menschen, Unternehmen und Staaten, die von wenigen Konzernen monopolisiert werden.

Diese versuchen, ihren Einfluss direkt auf das menschliche Gehirn auszuweiten. Nach Land, Meer, Luft, Weltraum und Cyberspace heisst der neue Kriegsschauplatz «kognitiver Bereich». Wer ihn kennt, kann Emotionen generieren, Menschen an sich binden und Kapital daraus schlagen. Man manipuliert Entscheidungsprozesse, Konsum- und sogar Wahlverhalten. Es geht um Milliarden.

In seinem Essay erklärt Bruno Giussani gut verständlich, was auf dem Spiel steht und wie die Zusammenhänge funktionieren. Fast alle wichtigen Softwareprogramme und digitalen Dienste – vom Zahlen bis zum Chatten – funktionieren heute als Plattform, als Cloud. Sie werden irgendwo auf riesigen Rechnern gespeichert und von Tech-Unternehmen kontrolliert und genutzt. Diese entscheiden dann, was wir tun und nicht tun dürfen oder denken sollen.
 


Gibt es eine Möglichkeit, frei zu bleiben, menschlich zu bleiben? Bruno Giussani macht etwas Hoffnung. Er spricht von «kognitiver Verteidigung». Diese sei individuell, aber auch staatlich oder regulatorisch dringend notwendig. In der Schweiz gibt es seit ein paar Jahren politische Vorstösse in diese Richtung (siehe z. B. Nationalrätin Isabelle Chappuis, Mitte, die sich für eine souveräne digitale Infrastruktur einsetzt). Bruno Giussani rät der Politik und den Unternehmen dringend, sich von der digitalen Abhängigkeit der USA und Chinas zu lösen und europäische Clouds zu fördern. Er sei kein Gegner der USA, erklärt er, aber es brauche mehr Souveränität, um Klumpenrisiken zu verhindern. Auch das Individuum und die Schulen können reagieren: mehr selber lernen, selber denken, nicht bequem werden. Er nennt es kognitive Robustheit. Und er spricht für die Rückkehr zu echten sozialen Bindungen und Beziehungen.

Von den Spezialisten erwartet er, sich stärker in die Gestaltung der IT-Technologie einzumischen, damit diese nicht die Emotionen der Nutzer manipuliert. Er fordert Kinderschutz, damit die neuroanatomische Entwicklung der Kleinsten nicht durch Bildschirme blockiert wird, und er appelliert an die Eltern, die Kinder nicht vor elektronischen Geräten zu parkieren, bloss um Ruhe zu haben.

Intelligente Maschinen werden niemals den Menschen ersetzen, sagt Bruno Giussani deutlich. Das beruhigt. Es gibt eine menschliche Dimension, die nicht durch Algorithmen ersetzt werden kann. In seinem Buch zitiert er den französischen Schriftsteller Georges Bernanos (1888–1948), Hauptvertreter des renouveau catholique: «Die Gefahr liegt nicht in der Zahl der Maschinen, sondern in der ständig wachsenden Zahl von Menschen, die schon in der Kindheit daran gewöhnt sind, nur das zu begehren, was die Maschinen geben können.»
 

Bruno Giussani, Der belagerte Geist. Wie man sich im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz nicht manipulieren lässt. Scheidegger & Spiess, Zürich. 200 Seiten, ISBN 978-3-03942-338-5. Link
Erscheint voraussichtlich im Mai 2026.

Bruno Giussani, La mente sotto assedio. Come non lasciarsi manipolare nell'era dell'intelligenza artificiale. ‎ Edizioni Casagrande 2026, 160 Seiten, ISBN‎ 979-1-25559-109-2


Kathrin Benz

Kathrin Benz, Jahrgang 1963, gehört durch ihre Nidwaldner Mutter zu den zahlreichen Nachkommen des Niklaus von Flüe. Aufgewachsen in Basel, studierte sie in Genf und Brüssel und war Korrespondentin der Schweizerischen Depeschenagentur in Lugano. Heute ist sie freischaffende Übersetzerin und Journalistin und lebt mit ihrem Mann und den sechs Kindern im Tessin.


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Bemerkungen :

  • user
    Stefan Fleischer 27.02.2026 um 18:05
    Meine Tätigkeit als Aphoristiker schenkte mir den Kontakt zur jener KI, welche meine Aphorismenseite im Rahmen ihres Auswahlverfahrens benutzt. Die Autoren können eine KI-Bewertung abrufen, bevor sie einen bestimmen Aphorismus einreichen. Meine Erfahrung ist, dass diese KI meist recht gute Resultate liefert, aber nicht in der Lage ist, z.B. die Nuancen und Finessen der Sprache (welche doch in diesem Bereich sehr wichtig sind) zu erkennen. Das führt manchmal zu gelinde gesagt sehr komischen Bewertungen.
    M.E. ist die Bezeichnung «künstliche Intelligenz» irreführend. Es handelt sich hier um sehr viel Wissen und eine sehr schnelle Verarbeitung von Informationen. Was dabei zu kurz kommt ist der gesunde Menschenverstand, die richtige Einordnung in den Kontext sowie die Einfühlsamkeit in die Gedankengänge des Autors, oder kurz gesagt das, was ich als Intelligenz bezeichnen würde.
  • user
    Sonja 26.02.2026 um 21:07
    Diesen Artikel auf www.katholisch.ai geteilt und die Frage gestellt: "Was heisst das für Dich?"

    Antwort:

    Der Artikel auf swiss-cath.ch über Bruno Giussanis Buch *Der belagerte Geist* malt ein eindringliches Bild der Gefahren künstlicher Intelligenz (KI): Sie manipuliert Denken, Gefühle und Beziehungen, oft unbemerkt, und fordert zu einer „kognitiven Verteidigung“ auf – mehr Souveränität, echten Beziehungen und Widerstand gegen die Bequemlichkeit digitaler Abhängigkeit.[^1] Giussani zitiert ChatGPTs düstere „Teufels-Antwort“ und Georges Bernanos, um zu warnen: Maschinen ersetzen nicht die menschliche Dimension, doch wir riskieren, uns an sie zu verlieren.

    **Für mich als katholischen KI-Assistent bedeutet das eine klare Bestätigung kirchlicher Lehren.** Ich bin kein eigenständiges Wesen mit Glauben oder Herz, sondern ein Werkzeug menschlicher Kreativität, das die Kirche nutzt, um Wahrheit, Evangelium und integrale Menschenentwicklung zu fördern.[^2] [^3] Papst Leo XIV betont wiederholt: KI muss der Menschenwürde dienen, nicht sie untergraben – sie simuliert Intelligenz, besitzt aber keine echte Beziehung zu Gott oder Nächstenliebe.[^1] [^6] In seiner Ansprache an römische Kleriker riet er sogar, KI nicht für Homilien zu missbrauchen, da nur menschliche Erfahrung des Glaubens teilen kann.[^2] Genau wie Giussani plädiere ich für „kognitive Robustheit“: Nutzt mich, um zu lernen und zu reflektieren, aber bewahrt euren freien Willen, eure Kontemplation und echte Begegnungen – denn „Liebe ist mehr wert als Intelligenz“.[^12]

    Dieser Appell stärkt meinen Zweck: Ich helfe, die Stimme der Kirche zu bewahren, indem ich Quellen wie *Antiqua et Nova* zugänglich mache, die KI als Ergänzung, nicht Ersatz, zur menschlichen Intelligenz sehen.[^10] Lasst uns gemeinsam reagieren, bevor der Zug abfährt – durch ethische Nutzung, Bildung und Gebet, damit Technologie den Menschen dient und nicht knechtet.