Chapelle Notre-Dame-du Haut in Ronchamp (F). (Bild: Jean-Pierre Dalbéra/Flickr, CC BY 2.0)

Hintergrundbericht

Le Cor­bu­sier: archi­tek­to­ni­scher Tür­öff­ner der tech­ni­sier­ten Welt

Seine Bau­ten soll­ten funk­tio­nal sein. Mit ihnen adap­tierte Le Cor­bu­sier die Archi­tek­tur an eine im Ent­ste­hen begrif­fene tech­ni­sierte Welt. Sehr men­schen­ge­recht war das jedoch nicht.

«Was du machst, mach richtig!» Diesen Rat seiner Mutter befolgte Le Corbusier – mit einem Lebenswerk, das in seiner Kompromisslosigkeit seinesgleichen sucht. So schlug er etwa in den 1920er-Jahren den Abriss des gesamten Pariser Stadtzentrums rechts der Seine vor. Die Bevölkerung sollte in gigantische Wohntürme umziehen und Teil einer verkehrsgerechten, wirtschaftlich effizienten Metropole werden.

Mit solchen Entwürfen wurde Le Corbusier, der am 27. August 1965, vor 60 Jahren, starb, zu einem ebenso bahnbrechenden wie umstrittenen Vordenker der Betonarchitektur des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig zeigt seine Radikalität jedoch auch ein Rasterdenken, das dem Menschen mit seinen emotionalen und sozialen Bedürfnissen nicht gerecht wird. Nicht umsonst gilt seine radikal auf Funktionalität und Zweckmässigkeit ausgerichtete Architektur auch als Vorläufer der tristen Plattenbauten, wie sie die Vororte der grossen französischen Städte prägen: die als soziale Brennpunkte verrufenen Banlieues.

Markenzeichen: Hornbrille und Fliege
Als Charles Édouard Jeanneret-Gris kam Le Corbusier am 6. Oktober 1887 in der Uhrenstadt La Chaux-de-Fonds zur Welt. Sein Vater war Uhrenziseleur, seine Mutter Musikerin. Sie übte bis zu ihrem Tod im Alter von 100 Jahren einen besonderen Einfluss auf den Sohn aus.

Zunächst schien der Junge beruflich in die Fussstapfen des Vaters zu treten, doch schliesslich brachten ihn seine Studien zunächst zur Malerei und am Ende zur Architektur. In den 1920er-Jahren, in denen er auch seinen Künstlernamen und die Hornbrille und Fliege als Markenzeichen annahm, entwickelte er seine immer kompromissloseren Architekturadaptionen an eine technisierte Welt.

Neben diversen Privatvillen konzipierte Le Corbusier Stapelhäuser für den modernen Menschen: Serienbauten mit genormten Einzelteilen, die alle Funktionen einer Stadt unter einem Dach vereinigten. Zu seinen bekanntesten Werken gehören ein mondänes Doppelhaus in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung (1927), der «Pavillon der neuen Zeit» für die Pariser Weltausstellung (1937), die sogenannte Unité d'Habitation in Marseille (1945–1950), die 2016 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen wurde, und vier weiteren Städten, die Modernisierung der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá (1950) sowie Bauten im südindischen Chandigarh, wo er eine ganze Provinzhauptstadt («City Beautiful») in der Art Brasilias schuf.
 


Funktional statt spirituell
Spektakulär sind auch die wenigen Kirchenbauten des Calvinisten Le Corbusier. Am bekanntesten die Kapelle Notre-Dame-du-Haut im ostfranzösischen Ronchamp (1952–1955). Der geschwungene Betonbau mit dem Pilzdach – das tatsächlich einem am Strand gefundenen Krebspanzer nachempfunden ist– wurde schnell zu einer Ikone des Kirchenbaus der Nachkriegszeit. Bei Corbusier-Puristen stiess der vorübergehende Verlust der Linientreue dagegen auf Enttäuschung. Anders das kubische Dominikanerkloster «La Tourette» in Éveux bei Lyon (1956–1960), das den «reinen» Le Corbusier wiedergibt und ebenfalls bis heute Pilgerstätte nicht unbedingt von Gläubigen als vielmehr von Architekturfans geblieben ist. Wegleitendes Motiv Le Corbusiers gerade auch für den Kirchenbau war denn auch nicht die  Spiritualität, sondern die Funktionalität.
 


Wie eine Mönchszelle
Le Corbusier errichtete rund 80 Gebäude und entwarf 200 weitere. Patentieren liess er sich sein «Modulor», ein Baukastenprinzip für architektonische Proportionen auf der Grundlage eines 1,83 Meter grossen Mannes. Nach diesem Prinzip entwarf er unter anderem – in 45 Minuten nach eigenen Angaben – seine Hütte («cabanon») in Roquebrune-Cap Martin an der Côte d'Azur, die ihm in den letzten Lebensjahren als seine Minimalbehausung diente: 3,66 mal 3,66 Meter, karg wie eine Mönchszelle eingerichtet.

Am 27. August 1965 fand man Le Corbusiers Leiche unterhalb seiner Hütte im Wasser. Wahrscheinlich erlitt der 78-Jährige beim Baden einen Herzinfarkt. Er wurde auf dem Friedhof von Roquebrune hoch über Cap Martin beigesetzt. Mit dem schlichten Betongrab, das er sich selbst entwarf, blieb er sich auch im Tod treu.


KNA/Redaktion


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